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Willy Tiedjen

Deutscher Maler und Zeichner, Vertreter der Münchner Schule und des deutschen Impressionismus (1881–1950) From Wikipedia, the free encyclopedia

Wilhelm Emil Martin Tiedjen (* 22. Januar 1881 in Hamburg; † 16. Januar 1950 in München) war ein deutscher Maler und Zeichner der späten Münchener Schule und des deutschen Impressionismus. Als Schüler Heinrich von Zügels an der Akademie der Bildenden Künste München arbeitete er zu Tiermotiven, ländlichen Genreszenen sowie maritimen und Hafendarstellungen, daneben auch Porträts und Stillleben.[1] Frühe Notizen schreiben Alfred Lichtwark eine fördernde Rolle zu, der ein Stipendium vermittelte und so das Münchner Studium ermöglichte.[2] Tiedjen war im Münchner Ausstellungsleben präsent, stellte im Glaspalast und in Vereinskontexten in München, Berlin, Aachen und andernorts aus; Kritiken hoben Beobachtungsgabe und atmosphärische Wirkung hervor.[3][4] Gemeinsam mit seiner Frau, der Malerin Fanny Tiedjen (geb. Bieber), führte er ein privates Lehratelier und betrieb ab 1906 eine Schule für Landschafts- und Tiermalerei, die Frauen und Männer aufnahm.[5] In den späten 1930er Jahren nahm er an der staatlichen Große Deutsche Kunstausstellung in München teil, wo zwei Gemälde für die Sammlung Adolf Hitlers angekauft wurden.[6][7] Bereits in den 1920er Jahren gelangte sein Werk international in Sammlungen.[8]

Leben und Ausbildung

Tiedjen wurde 1881 in Hamburg als Sohn von Heinrich und Berta, geb. Wilkens, geboren. Sein vollständiger Name lautete Wilhelm Emil Martin Tiedjen; Varianten Tiedgen und Tietjen finden sich in Auktionskatalogen und Nachschlagewerken.[9] Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf; ein Porträt im Hamburger Nachrichten von 1936 schildert ihn seit Jugendtagen zeichnend, besonders Tiere, Hafen und ländliches Leben.[10]

Zunächst arbeitete Tiedjen als Anstreicherlehrling. In der Freizeit skizzierte er Tiere im Zoo, wo Alfred Lichtwark auf ihn aufmerksam wurde, ihn ermutigte und ein Stipendium vermittelte, das das Studium bei Heinrich von Zügel ermöglichte.[2]

Im Matrikelbuch der Akademie ist zum 8. April 1902 der Eintrag „Emil M. Wilhelm Tiedjen“, 21 Jahre, gebürtig aus Hamburg, evangelisch-lutherisch, vermerkt. Der Vater wird als Maler, die Mutter als Wirtin genannt. Er trat in die Tiermalschule (Malschule Zügel) ein.[1][11]

Karriere

Ausstellungen und Mäzenatentum

Seit dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts stellte Tiedjen regelmäßig in München und Berlin aus, darunter im Glaspalast sowie in Vereins und Verbandsschauen in München, Aachen, Leipzig und Berlin.

In den späten 1930er Jahren nahm er an der staatlich organisierten Große Deutsche Kunstausstellung teil, wo seine Gemälde Eisgang im Hamburger Hafen (1938) und Abend auf der Heide (1938/1940) von Adolf Hitler angekauft wurden.[6][7]

Während des Ersten Weltkriegs hingen Tiedjens Marine und Hafenbilder in Offiziersräumen des Großen Hauptquartiers und wurden mit Arbeiten führender Marinemaler gezeigt.[12][13]

Stil und Themen

Zeitgenössische Kritiken ordneten Tiedjen dem Zügel Kreis der Tiermaler zu und betonten zugleich die Öffnung zu Landschaft und Marinemalerei. Der Cicerone nannte ihn 1910 einen „tüchtigen Maler Anatomen“ mit „scharfem Auge“ und vermerkte nach einer Hollandreise erfolgreiche Schritte über die reine Tiermalerei hinaus.[3] Es ist von „satten, üppigen Farben“, charakteristischen Motiven aus „Enten und Häfen“ und einer „seefrischen Atmosphäre“ die Rede.[14] Löwen und Tigerstudien wurden wegen ihrer Vitalität, Hafenszenen wegen ihrer Licht und Wetterstimmungen hervorgehoben.[15]

Lehre und Atelier

Neben der Ausstellungstätigkeit war Tiedjen als Lehrer aktiv. 1906 gründete er in Wildenroth bei Grafrath eine eigene Schule für Landschafts- und Tiermalerei, die ausdrücklich Frauen wie Männer aufnahm und als privates Atelier außerhalb der Staatsakademien galt.[5]

Gemeinsam mit seiner Frau, der Malerin Fanny Tiedjen Bieber, ist er 1926 im Handbuch des Kunstmarkts unter Kurfürstenstraße 8 verzeichnet, sie als Mitglied des Vereins der Münchner Künstlerinnen.[16]

Militärdienst und Kriegspräsenz

1914 spendete Tiedjen zugunsten des Deutschen Roten Kreuzes ein Ölbild Deutsches Kriegsschiff, ausgestellt im Kunstsalon Littauer in München.[17]

Im Mai 1916 wurden Marinebilder Tiedjens mit Werken von Carl Becker, Hans Bohrdt und Hugo Schnars-Alquist im Offizierspeisesaal des Großen Hauptquartiers gezeigt.[12]

Im Februar 1918 folgte eine neue Präsentation von Marinemalerei im Offizierskasino des Großen Hauptquartiers, wiederum mit Bohrdt, Becker, Schnars Alquist und Tiedjen.[13]

Während des Ersten Weltkriegs wurde Tiedjen zum deutschen Heer eingezogen. Überlieferte Personalroster der Staatlichen Archive Bayerns verzeichnen ihn beim „2. Bayerischen Infanterie Regiment, München, 1. Ersatz Bataillon“.[18][19]

Privates und Zusammenarbeit

Künstlerin: Fanny Bieber Tiedjen. Stillleben mit Phlox, Öl auf Leinwand, 65,5 × 60,5 cm. Privatsammlung.

Am 19. Juni 1909 heiratete Tiedjen die Unternehmerin und Malerin Franziska „Fanny“ Emilie Bieber. Der Registereintrag führt sie als katholisch.[20] Sie wurde am 18. Oktober 1874 in Heidelberg geboren. Fanny spezialisierte sich auf florale Stillleben.[20]

Vor der Ehe führte Fanny unter dem Namen L. Junghans ein Hut und Accessoiresgeschäft am Rindermarkt 21 in München. Am 10. Juli 1906 eröffnete das Amtsgericht München I ein Konkursverfahren und setzte Termine fest.[21] Der Ausgang ist bislang nicht bekannt.

Künstlerin: Fanny Bieber Tiedjen. Stillleben mit Blüten. Privatsammlung.

Die Straßenfront Rindermarkt 21/22 ist in einer Straßenaufnahme von 1895 im Stadtarchiv München dokumentiert.[22]

Im April 1909 stellte Fanny im Pfälzischen Kunstverein Speyer aus.[23] Im September 1909 zeigte sie eine „Heidelandschaft“ im Württembergischen Kunstverein Stuttgart, neben einem Werk ihres Mannes.[24] 1914–1915 erwähnte Deutsche Kunst und Dekoration ihre Perlenstickerei unter den sehenswerten Beispielen zeitgenössischer Kunsthandarbeit.[25] 1915 nahm sie an der Mannheimer Ausstellung zu zeitgenössischer deutscher Mode und angewandter Kunst teil, gelistet unter den Hutmacherinnen.[26]

Spätere Karriere

Im späteren Kriegsverlauf wurden mehrere Tier und Genrestücke als Feldpostkarten verbreitet, darunter das humoristische Gefangenentransport mit einem Soldaten, der zwei Gänse trägt.[27]

In den 1920er Jahren erlangte Tiedjen internationale Anerkennung. 1927 erwarb der kalifornische Hotelier William A. Matern mehrere Gemälde direkt beim Künstler; nach Materns Tod gingen viele an das Orthopedic Hospital in Los Angeles.[8]

Ende der 1930er Jahre wurde Tiedjen in Rosenheimer Kunstzusammenhängen genannt, neben Walter Geffcken, Hans von Hayek, Erich Kubierschky und Edmund Steppes.[28]

Am 22. Januar 1936 meldete das Salzburger Volksblatt seinen 50. Geburtstag in München; eine Sonderschau war geplant.[29][30] Ein Artikel im Hamburger Tageblatt von 1941 zum 60. Geburtstag würdigte Tiedjen im Sinne der Regimepresse und behauptete Nähe zur NS-Bewegung.[31]

Im Zweiten Weltkrieg verlor Tiedjen sein Schwabinger Atelier in München und verlegte Teile seiner Arbeit nach Garmisch-Partenkirchen.[32]

Tod und Begräbnis

Tiedjen starb 1950 in München mit 68 Jahren. Er wurde im Waldfriedhof in München beigesetzt, im Bereich der Künstlergräber.[33]

Weitere bei der „Munich Central Collecting Point“ verzeichnete Werke

Nach 1945 erfasste die MFA&A im Munich Central Collecting Point mehrere Werke Tiedjens. Die Karten dokumentieren Vorbesitz und spätere Verfügungen.

Weitere Informationen Titel (de), Englische Übersetzung ...
Titel (de) Englische Übersetzung Erstaufnahme (MCCP) Technik / Maße Vorgänge
Landschaft mit Schafen Landscape with Sheep 26 Oct 1945 (Mü.-Nr. 12390) Öl auf Leinwand, 95 × 145 cm 1939 – Zusammenhang Haus der Deutschen Kunst; Ankauf Reichskanzlei. Eintritt 26 Oct 1945; Zustand „gut“. Apr 1949 – Übergabe an Bayer. Ministerpräsident durch MFA&A Offizier Edgar Breitenbach.[34]
Sommertag im Schwäbischen Jura (Schafherde auf der Weide) Summer day in the Swabian Jura 26 Oct 1945 (Mü.-Nr. 12390a) Leinwand, 95 × 145 cm 1939 – Haus der Deutschen Kunst; später Aussee Listen. Eintritt 26 Oct 1945. 16 Apr 1969 – Combé, Stuttgart (Kat.-Nr. 293, T. 17).[34]
Schafe in Landschaft (Heide) Sheep in landscape (heath) 27 Oct 1945 (Mü.-Nr. 12661) Leinwand, 14,5 × 95 cm 1940 – Haus der Deutschen Kunst (Kat.-Nr. 1254); Ankauf Reichskanzlei. Eintritt 27 Oct 1945. Apr 1949 – Übergabeentscheidung an Bayer. Ministerpräsident.[34]
Ehrwald mit Zugspitze Ehrwald with Zugspitze 5 Jan 1946 (Mü.-Nr. 18409) Öl auf Karton, 57 × 39,5 cm Bez. „Willy Tiedjen, 1930?“. Eintritt 5 Jan 1946. Besitzer: Dr. Zimmermann, München.[34]
Landschaft mit Schafen Landscape with Sheep 4 May 1946 (Mü.-Nr. 27896) Öl auf Leinwand, 100 × 75 cm Provenienz: Heinrich Hoffmann Jr., Jachenau („vom Künstler gekauft“). Eintritt 4 May 1946; Ausgang 23 Jun 1949.[34]
Landschaft, Pferde auf Rügen Landscape, horses on Rügen 4 May 1946 (Mü.-Nr. 27903) Öl auf Leinwand, 100 × 75 cm Provenienz: Sammlung Hoffmann („vom Künstler gekauft“). Eintritt 4 May 1946; Ausgang 10 Feb 1953. Übergabe an Bayer. Ministerpräsident beschlossen.[34]
Enten auf dem Wasser Ducks on the Water 1945–1946 (CCP Marburg; später Wiesbaden) Öl auf Leinwand, 47 × 71 cm Eintritt CCP Marburg ca. 1945–1946; Transfer CCP Wiesbaden bis 1948.[35]
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Deutsches Zentrum Kulturgutverluste

Im Januar 2024 wurde in der Lost Art Datenbank eine Zeichnung Tiedjens Oktoberfest (Tinte, 37 × 35 cm, bez. „W. Tiedjen 08“) in einem Suchfall zum Münchner Kunsthändler Ludwig Heymann erfasst. Die Zeichnung wurde am 28.–29. Mai 1937 bei Adolf Weinmüller (Los 648) angeboten und blieb unverkauft.[36]

Ausstellungsverzeichnis

Die folgende Liste zeigt Beteiligungen ohne gesicherte Werklisten.

Weitere Informationen Jahr, Ort ...
Jahr Ort Veranstalter/Verein Hinweise Beleg
1906 München Galerie Heinemann Gruppenschau ab 20. Dezember [37]
1907 München Galerie Heinemann (Kollektiv) Frühling in Korsika, 28 Arbeiten [38]
1908 Berlin Kunstsalon Wertheim Gelistet, Werke nicht spezifiziert [39]
1909 Aachen Museumsverein Aachen Monatsausstellung; zahlreiche Tierbilder und Studien [40]
1909 Berlin Große Berliner Kunstausstellung Entenbild [41]
1909 München Kunstverein München Landschaften neben Hans Klatt, Schramm Zittau, Josef Wenglein [42]
1910 Aachen Museumsverein Aachen April; Tier und Landschaftsbilder eines Zügel Schülers [43]
1910 München Kunstverein München Drei Arbeiten: Truthenne mit jungen Enten und zwei Rathof Motive [44]
1910 München Ausstellung Meisterwerke muhammedanischer Kunst (Glaspalast) Gelistet, Werke nicht spezifiziert [45]
1911 Leipzig Galerie Del Vecchio Aug.–Sep., Gruppenschau [46]
1913 Berlin Galerie Eduard Schulte September; Nachlass Karl Haeber und neun lebende Künstler [47]
1914 München Münchener Graphische Gesellschaft Reproduktionen nach Tiedjen im Grafik Portfolio [48]
1914 Aachen Museumsverein Aachen Juli; Tierbilder [49]
1914 Karlsruhe Kunstverein Kriegslandschaften [50]
1914 München Weihnachtsbücherschau 1914 Radierung in Mappe zeitgenössischer Künstler [51]
1915 München Kunstverein München Drei Ölbilder: 2 Motive vom Hamburger Hafen und Entenbild [52]
1916 Berlin Galerie Eduard Schulte Sonderausstellung ab 6. Mai [53]
1920 Berlin Galerie Eduard Schulte November Ausstellung [54]
1921 Berlin Galerie Eduard Schulte Gruppenschau mit „Ähre“ [55]
1925 Köln Kunstsalon Hermann Abels 1.–30. Oktober; mit G. J. Buchner und Hermann Struck [56]
1936 München Münchener Künstlergenossenschaft Sondersaal zum 50. Geburtstag [57]
1938 Aachen Museumsverein Aachen Gruppenausstellung [58]
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Rezeption

Zeitgenössische Kritiker hoben Beobachtungsgabe und Erweiterung des Motivspektrums hervor. Der Cicerone 1910 lobte den „tüchtigen Maler Anatomen“ mit „scharfem Auge“ und die Schritte in die Landschaftsmalerei.[3] Das Leipziger Tageblatt sah in Niederlande Motiven sicheres Atmosphären und Tonempfinden.[59] Weitere Besprechungen betonten kräftige Kolorite und charakteristische Enten und Hafenmotive.[14] 1931 wurde er anlässlich des 50. Geburtstags mit einer Ausstellung bei Galerie Caspari geehrt.[4]

Bekannte Adressen

  • 1906 – Fettstraße 3, Hamburg[60]
  • 1908 – Schellingstraße 70, München[61]
  • 1911 – Kurfürstenstraße 40, München[62]
  • 1913 – Kurfürstenstraße 40, München[63]

Galerie

Maritime und Hafenmotive

Tiermalerei

Siehe auch

Literatur

  • Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers, Jahrgänge 1910–1911.
  • Handbuch des Kunstmarkts (1926).
  • Ausstellungskataloge des Münchner Glaspalasts 1906–1913.
  • Publikationen der Münchener Künstlergenossenschaft der 1930er Jahre.

Einzelnachweise

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