Wilmington Ten
Personengruppe
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Die Wilmington Ten (etwa: Die zehn aus Wilmington; auch Wilmington 10) waren neun junge Männer und eine Frau, die 1971 in Wilmington, North Carolina, Vereinigte Staaten, fälschlicherweise wegen Brandstiftung und Verschwörung verurteilt wurden. Die meisten erhielten Gefängnisstrafen von 29 Jahren und alle zehn verbrachten nahezu eine Dekade im Gefängnis, ehe eine Berufung erfolgreich war. Der Fall wurde international bekannt, da viele Kritiker die verurteilten Bürgerrechtsaktivisten als politische Häftlinge bezeichneten.[1]
1976 griff Amnesty International den Fall auf und bot Rechtsanwälte für ein Berufungsverfahren gegen die Verurteilungen an.[2] 1978 setzte Gouverneur Jim Hunt die Strafen der zehn Angeklagten herab. Im Verfahren Chavis gegen den Staat North Carolina von 1980 wurden die Verurteilungen durch das Bundesberufungsgericht mit der Begründung verworfen, dass sowohl der Staatsanwalt als auch der vorsitzende Richter die Verfassungsrechte der Angeklagten verletzt hatten. Es gab aber kein neues Verfahren, da die Staatsanwaltschaft auf eine neue Anklage verzichtete. Erst 2012 wurden die Wilmington Ten, einschließlich der vier bereits verstorbenen, durch Gouverneurin Beverly Perdue begnadigt.
Hintergrund
In den 1960er und 1970er Jahren waren viele der schwarzen Bürger von Wilmington unzufrieden mit den geringen Fortschritten bei der Umsetzung von Bürgerrechtsreformen. Diese waren unter dem Einfluss der Amerikanischen Bürgerrechtsbewegung durch die Annahme der Bürgerrechtsgesetzgebung im Kongress 1964 und 1965 auf den Weg gebracht worden. Viele Bürger kämpften mit Armut und fehlenden Chancen. Verzweifelt über die Ermordung Martin Luther King Jr.s wurden Rassenauseinandersetzungen zunehmend gewalttätiger. Es kam zur Brandstiftung in mehreren Geschäften weißer Eigentümer.
Die Spannungen verschärften sich nach der Rassenintegration der Wilmington High School im Jahre 1969. Die Stadt entschied, die schwarze Williston Industrial High School, bisher Stolz der Kommune, zu schließen.
Schwarze Lehrer, der Direktor und Trainer wurden entlassen und die Schüler auf die bisherigen Schulen der weißen Bevölkerung verteilt.[3] Mehrere Zusammenstöße zwischen weißen und schwarzen Schülern führten zu einer Reihe von Verhaftungen und Schulverweisen.
An Martin Luther King jr.s Geburtstag, dem 15. Januar 1971, forderte eine Delegation schwarzer Schüler an der John T. Hoggard High School ein Gedenken. Der Direktor lehnte ab. Als Reaktion darauf begannen die Schüler einen Boykott der Hoggard sowie der New Hanover High School. Am 27. Januar baten die Schüler Reverend Eugene Templeton von der Gregory Congretional Church um einen Platz für ihre Treffen.
Als die Spannungen eskalierten, wurde die Kirche zum sicheren Treffpunkt. Im Februar entsandte die United Church of Christ den 23-jährigen Benjamin Chavis aus ihrer Kommission für Rassengerechtigkeit nach Wilmington, um die Situation zu beruhigen und mit den Schülern zu arbeiten.
Chavis, der einmal als Assistent von King gearbeitet hatte, predigte Gewaltlosigkeit und traf sich regelmäßig mit den Schülern in der Gregory Congretional Church, um über Geschichte der Schwarzen zu diskutieren und den Boykott zu organisieren.
Als Antwort darauf begannen Mitglieder des örtlichen Ku-Klux-Klans und anderer rechtsextremer weißer Organisationen, durch die Straße zu patrouillieren. Sie hängten eine Puppe des weißen Superintendenten des Schulbezirks auf und durchtrennten seine Telefonleitung. Straßengewalt brach zwischen ihnen und schwarzen Männern aus.
Die Gewalt eskalierte weiter als eine Menge von weißen Selbstjustizlern am 3. Februar 1971 vor der Gregory Congretional Church mit Schrot auf Reverend David Vaughn schoss.[4] Als die Selbstjustizler ihre Angriffe verstärkten, gesellten sich Bewaffnete zu den Schülern.[4]
Es kam zu Auseinandersetzungen mit Brandbomben in der Stadt, bei denen vom 5. Februar bis zum Ende des Monats zwanzig Gebäude in Flammen aufgingen.
Brandstiftung im Geschäft Mike’s Grocery und der Prozess
Am 6. Februar 1971 wurde Mike‘s Grocery, ein Lebensmittelladen in weißem Besitz, in Brand gesetzt.
Dort eingesetzte Feuerwehrleute sagten aus, sie seien durch Scharfschützen von einem Dach nahe der Gregory Congretional Church beschossen worden. Daraufhin erwiderten Polizeibeamte das Feuer und töteten den halbwüchsigen Steven Corbett, der ein Gewehr dabei hatte.[5] Es kam in der Nachbarschaft zu Unruhen, die den gesamten nächsten Tag andauerten. Die Gewalt führte zu zwei Toten, sechs Verletzten und zu mehr als 500.000 Dollar Sachschaden (entspricht etwa 3.872.000 Dollar im Jahr 2026).
Chavis, mehrere Schüler und weitere Personen waren währenddessen bei einem Treffen in der Kirche. Der Gouverneur von North Carolina setzte die Nationalgarde ein, deren Soldaten am 8. Februar in die Kirche eindrangen und die Verdächtigten festnahmen. Laut den Gardisten wurde in der Kirche Munition gefunden.
Chavis, acht weitere junge Männer und eine weiße Sozialarbeiterin wurden verhaftet und unter anderem der Brandstiftung in Mike’s Grocery beschuldigt. Auf Grundlage der Aussagen von zwei schwarzen Männern wurde ihnen der Prozess gemacht. Sie wurden durch ein bundesstaatliches Gericht unter anderem wegen Brandstiftung und Verschwörung verurteilt. Die Strafen für die Brandstiftung reichten von 28 bis 34 Jahren, was als hohe Strafe für eine Brandstiftung ohne Todesfolge angesehen wurde. Die Sozialarbeiterin Anne Sheppard Turner aus Auburn in New York, erhielt 15 Jahre als Mitwisserin, Verschwörung und Angriff auf die Feuerwehr.
Im Einzelnen wurden folgende Strafen ausgesprochen:
- Benjamin Chavis (Alter 24) – 34 Jahre
- Connie Tindall (Alter 21) – 31 Jahre
- Marvin "Chilly" Patrick (Alter 19) – 29 Jahre
- Wayne Moore (Alter 19) – 29 Jahre
- Reginald Epps (Alter 18) – 28 Jahre
- Jerry Jacobs (Alter 19) – 29 Jahre
- James "Bun" McKoy (Alter 19) – 29 Jahre
- Willie Earl Vereen (Alter 18) – 29 Jahre
- William "Joe" Wright Jr. (Alter 19) – 29 Jahre
- Anne Sheppard Turner (Alter 35) – 15 Jahre
Schon zur Zeiten des Prozesses wurde der Fall sowohl in North Carolina als auch in den Vereinigten Staaten als problematisch beurteilt. Ein Zeuge gab an, dass er ein Pocket-Bike für seine Zeugenaussage gegen die Gruppe erhalten hatte. Der anderer Zeuge Allen Hall hatte eine psychischen Erkrankung durchgemacht und musste aus dem Gericht entfernt werden, da er im Zeugenstand im Kreuzverhör widerrief.
Internationale Reaktion
In den späten 1970er Jahren publizierten eine Reihe amerikanischer Zeitungen und Zeitschriften, darunter Time, Newsweek, Sepia und die New York Times, Artikel über den Prozess und seine Nachwirkungen. Als Präsident Jimmy Carter 1978 die Sowjetunion wegen politischer Gefangener kritisierte, wies die Sowjetunion auf den Fall der Wilmington Ten als Beispiel für die politische Inhaftierung in Amerika hin.
Berufungsverfahren
Amnesty International griff 1976 den Fall der Wilmington Ten auf. Die Organisation zählte die acht Männer, die noch im Gefängnis saßen, zu den insgesamt elf schwarzen Personen, die in den USA als politische Gefangene im Sinne der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 zu betrachten seien. 1976 und 1977 widerriefen drei Schlüsselzeugen der Staatsanwaltschaft ihre Aussagen. 1977 lief auf CBS ein Special über den Fall, das nahelegte, dass die Beweise gegen die Wilmington Ten konstruiert waren. 1978 veröffentlichte der Wayne King von der New York Times einen investigativen Artikel, der auf Aussage eines anonymen Zeugen beruhte. Darin wurde die Vermutung geäußert, dass die Staatsanwaltschaft einen Mann unter Druck gesetzt hatte, auszusagen, dass er die Verbrechen auf Geheiß von Chavis begangen habe.[6] 1977 wurde Turner auf Bewährung freigelassen.[7]
1978 reduzierte Gouverneur Jim Hunt die Strafen von neun Angeklagten, die noch im Gefängnis saßen. Die Umwandlung erlaubte auch die Freilassung der anderen auf Bewährung.[8] Chavis wurde im Dezember als letzter freigelassen.[9]
Im Verfahren „Chavis gegen den Staat North Carolina“ verwarf das Bundesberufungsgericht des 4. Distrikts die Verurteilungen. Es stellte fest, dass der Staatsanwalt es in Verletzung der Prozessrechte der Angeklagten versäumte, entlastende Beweise offenzulegen (Brady-Offenlegung); und der vorsitzende Richter sich durch Einschränkung der Kreuzverhöre der Schlüsselzeugen der Staatsanwaltschaft über die spezielle Behandlung der Zeugen in Verbindung mit ihren Aussagen, in Verletzung des Sixth-Amendment-Rechtes der Angeklagte auf die Konfrontation der Zeugen mit ihnen, täuschte
Das Berufungsgericht ordnete einen neuen Prozess an, aber der Staat entschied, nicht erneut zu klagen. Chavis und die anderen sieben Gefangenen wurden freigelassen.
Eine Gruppe namens Wilmington Ten Foundation for Social Justice (Wilmington 10 Stiftung für soziale Gerechtigkeit) wurde gegründet, um die Bedingungen in der Stadt zu verbessern.
Begnadigung
Im Mai 2012 richteten Benjamin Chavis und sechs überlebende Mitglieder der Gruppe eine Petition für eine Begnadigung an die Gouverneurin Beverly Perdue. Die NAACP unterstützte die Begnadigung und verlangte auch eine finanzielle Kompensation für die Wilmington Ten und ihre Nachfahren für ihre Jahre im Gefängnis.[3] Am 22. Dezember 2012 veröffentlichte die New York Times ein Editorial unter dem Titel „Begnadigungen für die Wilmington Ten“, das die Gouverneurin zur „endgültigen Begnadigung“ der Gruppe der Bürgerrechtsaktivisten aufrief. Am 31. Dezember 2012 wurden alle zehn wegen Unschuld begnadigt.[10][11] Die Begnadigung berechtigte jeweils zu einer Entschädigung von 50.000 Dollar pro Jahr der Inhaftierung (entspricht etwa 68.000 Dollar im Jahr 2026).[12]
Die Ansprüche wurden durch die Industriekommission von North Carolina genehmigt und im Mai 2013 durch das Büro des Generalstaatsanwalts von North Carolina Roy Cooper bestätigt. Insgesamt wurden 1.113.605 Dollar (entspricht etwa 1.499.000 Dollar im Jahr 2026) ausgezahlt.
Ben Chavis erhielt 244.470 Dollar (entspricht etwa 329.000 Dollar im Jahr 2026), Marvin Patrick erhielt 187.984 Dollar (entspricht etwa 253.000 Dollar im Jahr 2026) und die übrigen anderen Zahlungen betrugen je 175.000 Dollar (entspricht etwa 236.000 Dollar im Jahr 2026). Da vier der Wilmington Ten bereits vor der Begnadigung im Dezember 2012 verstorben waren, wurden die Entschädigungen an ihre Nachkommen ausgezahlt. Im Februar 2014 waren vor der Industriekommission noch die Fälle der verstorbenen Jerry Jacobs (verst. 1989), Joe Wright (verst. 1991), Anne Sheppard Turner (verst. 2011), and Connie Tindall (verst. 2012) offen.[13][14] 2015 entschied jedoch ein Berufungsgericht gegen die Forderungen der Familien der Verstorbenen. Die Richterinnen Lucy Inma, Donna Stroud und der Richter J. Douglas McCullough begründeten das Urteil damit, dass Zahlungen posthum den Statuten der Industriekommission widersprechen würden.[15][16]
Filme
- Wilmington 10 – U.S.A. 10,000, Dokumentarfilm von Haile Gerima aus dem Jahre 1979
- 2003 drehte der Student der University of North Carolina Wilmington Lauryn Colatuno den Dokumentarfilm The Wilmington Ten: A Story Retold.[17]
- 2009 entwickelte Francine DeCoursey den Dokumentarfilm The Wilmington Ten: Justice Denied… Justice Interrupted.[17]
- 2014 drehten die National Newspaper Publishers Association and CashWorks HD Productions den Dokumentarfilm Pardons of Innocence: The Wilmington Ten.[18][19]
Literatur
- Kenneth Janken: The Wilmington Ten: Violence, Injustice, and the Rise of Black Politics in the 1970s. Chapel Hill, North Carolina: University of North Carolina Press, 2015. ISBN 978-1-4696-2484-6.
- Larry Reni Thomas: Rabbit! Rabbit! Rabbit!: A Fictional Account of The Wilmington Ten Incident of 1971. KHA Books, Charlotte, N.C. 2006. ISBN 978-1-5641-1405-1. OCLC 64672101.
- John L. Godwin: Black Wilmington and the North Carolina Way: Portrait of a Community in the Era of Civil Rights Protest. University Press of America, 2000
- Wayne Grimsley, James B. Hunt: A North Carolina Progressive. Jefferson, N.C.: McFarland & Company, 2003.
- Larry Reni Thomas: The True Story Behind The Wilmington Ten. U.B. & U.S. Communications Systems, Hampton, Va. 1993. ISBN 978-1-564110527
- Timothy Tyson: Blood Done Sign My Name. New York: Crown, 2004.
- Wayne Moore: Triumphant Warrior: Memoir of a Soul Survivor of the Wilmington Ten. Warrior Press, März 2014. ISBN 978-0-615978154
Weblinks
- Transcripts in the case State of North Carolina v. Benjamin Franklin Chavis, Marvin Patrick, Connie Tyndall et al (also known as "The Wilmington Ten Case") US Department of Justice.
- Triumphant Warriors. The Story Of The Wilmington 10. In: ning.com. Archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 18. Oktober 2010 (englisch).