Unité d’habitation
Wohngebäudetyp, entwickelt von dem Architekten Le Corbusier
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Die Unité d’habitation (französisch für Wohneinheit), umgangssprachlich auch Wohnmaschine, ist ein moderner Wohnhaustyp, den der Architekt Le Corbusier in Zusammenarbeit mit mehreren Kollegen – darunter der Maler-Architekt Nadir Afonso – entwickelte. Dieser Typus wurde zur Grundlage mehrerer Wohnanlagen in Europa, die denselben Namen tragen. Die bekannteste dieser Anlagen befindet sich in Marseille und wurde 2016 zusammen mit 16 weiteren Werken Le Corbusiers in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen.[1]

Le Corbusiers Idee
Den Kern der Idee stellte Le Corbusier bereits 1925 in Paris vor, mit dem Pavillon de l’Esprit Nouveau. Le Corbusier sah seinen Gebäudeentwurf als ideale Lösung für eine massenhafte Wiederholung an vielen Orten. Durch standardisierte Serienproduktion wollte er ein hohes Maß an Wirtschaftlichkeit erreichen. Diese Effizienz und die weite Verbreitung sollten einer breiten Masse einen erhöhten Wohnkomfort ermöglichen.
Die Ausarbeitung des Entwurfs (1945[2]–1947[3]) kombinierte zwei Entwicklungen, die zwar einzeln jeweils schon seit den 1920er Jahren bestanden, aber vorher noch nicht zusammengebracht worden waren. Bereits vorher waren sehr große Wohngebäude für tausende Mieter gebaut worden, wie etwa der Karl-Marx-Hof in Wien. Auch standardisierte Betonfertigteile hatte man schon seit Jahrzehnten verwendet – allerdings für deutlich kleinere Gebäude. Die industrielle Bauweise für großmaßstäbliche Wohnkomplexe wurde dann erst ab der zweiten Hälfte der 1950er Jahre zur Norm. Damit ist die erste, 1952 fertiggestellte Unité d’habitation ein Vorläufer der Plattenbauten der späteren großen Wohnungsbauprogramme.
Le Corbusier bemühte sich, den menschlichen Anforderungen zu entsprechen, und integrierte verschiedene Einrichtungen des täglichen Bedarfs. Dabei stapelte er Wohnen und andere Funktionen der herkömmlichen Stadt. Dies entsprach Le Corbusiers Leitbild der „vertikalen Stadt“.
Geschichte
Die Unités d’habitation wurden zwischen 1947 und 1965 in vier französischen Orten sowie in Berlin realisiert. Die Projekte sollten den Wohnungsmangel nach dem Zweiten Weltkrieg lindern. Die erste dieser Anlagen in Marseille war ein Meilenstein moderner Architektur und beeinflusste die Entwicklung des Brutalistischen Baustils.[4] Das Team, das an der Entwicklung und Umsetzung der Unités d’habitation arbeitete, bestand neben Le Corbusier und Afonso aus weiteren Personen. Darunter waren André Wogenscky, Jean Prouvé, Charlotte Perriand sowie Ingenieure von ATBAT (l’Atelier des bâtisseurs) unter der Leitung von Vladimir Bodiansky.[5]
Unité d’habitation in Marseille

Die erste Unité d’habitation wurde ab 1947 in Marseille gebaut (Adresse: 280, Boulevard Michelet, F-13008 Marseille). Dieses Gebäude, die am 14. Oktober 1952 eröffnete Cité radieuse,[6] ist 138 Meter lang, 25 Meter breit und 56 Meter hoch. Der Skelettbau aus Stahlbeton besitzt 18 Geschosse, wobei sich anstelle des Erdgeschosses ein Freigeschoss mit Stützen befindet, die das Gebäude tragen. Hier finden sich auch die Aufgänge. Die 337 Appartements sind als Maisonettewohnungen jeweils zweigeschossig ausgebildet: in einem Geschoss die ganze Stockwerksbreite einnehmend, im anderen knapp die Hälfte, mit Anschluss an den Erschließungsgang. Ein solcher war nur in jedem dritten Stockwerk nötig.
Die meisten Appartements verfügen über Morgen- und Abendsonne. Das gelingt, weil der Großteil als Maisonettewohnungen konzipiert ist und durch geschickten Schnitt sowohl auf der West- als auch auf der Ostseite Räume hat. Dabei sind jeweils zwei Wohnungen gegengleich auf zwei Stockwerken ineinander verschränkt. Die „descendants“ betritt man im oberen Stockwerk und erreicht die übrigen Räume über eine nach unten führende Treppe. Beim gegenläufigen Maisonette („ascendant“) führt die Wohnungstür zu den unteren Räumen, also der Küche und dem Wohnzimmer. Man geht über die Treppe zu den Schlafräumen hoch. Die letztere Variante mit den Schlafräumen im Obergeschoss entspricht eher der Art, wie man auch ein Einfamilienhaus nutzen würde, und ist daher beliebter. Um einen Ausgleich zu schaffen, haben diese Wohnungen die Wohnzimmerfenster auf die Hügelseite ausgerichtet. Die „descendants“ werden mit Wohnzimmern mit Blick aufs Meer entschädigt.[7]
In der siebten und achten Etage befinden sich verschiedene Geschäfte, ein kleines Hotel und eine Wäscherei. Auf der begehbaren Dachlandschaft wurden ein Kindergarten, ein Freilufttheater und eine Sporthalle angesiedelt. Seit 2013 beherbergt die Dachterrasse das Ausstellungszentrum MaMo, das vom Designer Ora-Ïto geleitet wird.[8]
Die Geschäfte, das Café im Hotel und die Dachterrasse sind frei zugänglich; man trägt sich lediglich beim Pförtner in ein Besucherbuch ein. Die Dachterrasse bietet einen Blick über Marseille, das Meer und auf die umliegenden Berge.
Alle Maße der Unité d’habitation von Marseille waren nach dem von Le Corbusier entwickelten Maßsystem Modulor bestimmt worden, das auf dem Goldenen Schnitt basiert und natürliche, beim Menschen auftretende Maßrelationen berücksichtigt.
Die Liste der Personen, die an der Planung der Unité d'habitation in Marseille mitgearbeitet haben, umfasst rund einhundert Personen. Viele davon wurden später mit eigenen Projekten bekannt. Neben den bereits genannten (Afonso, Bodiansky, Prouvé, André Wogenscky) haben auch Georges Candilis, Shadrach Woods, Araldo Cossutta, Simone Wogenscky[9] und Iannis Xenakis mitgewirkt.[10]
Realisierte Wohneinheiten



Die folgenden fünf Unités d’habitation wurden realisiert:
- 1947–1952 Cité Radieuse in Marseille (Länge 137,18 m, Breite 24,41 m, Höhe 56 m),[11.1] → Lage
- 1950–1955 Cité Radieuse de Rezé bei Nantes (Länge 105,71 m, Breite 19,03 m, Höhe 51,80 m),[11.2] → Lage
- 1956–1958 Corbusierhaus in Berlin (Länge 141,20 m, Breite 22,96 m, Höhe 52,94 m),[11.3] → Lage
- 1959–1961 Unité d’habitation de Briey in Briey (Länge 110 m, Breite 19 m, Höhe 56 m),[11.4] → Lage
- 1965–1967 Unité d’habitation de Firminy-Vert in Firminy (bei Saint-Étienne; Länge 131 m, Breite 21 m, Höhe 50 m),[11.5] → Lage
Nicht realisierte Wohneinheiten
Le Corbusier machte über 30 Vorschläge für weitere Unités d’habitation, darunter:
- 1946 Urbanisation de Saint-Dié-des-Vosges, Neubau der zerstörten Stadt mit fünf Unité d’habitation, der Vorschlag wurde abgelehnt.[12]
- 1957 Projet de ville radieuse à Meaux,[13] für neue Stadt mit 10.500 Einwohnern in fünf Unité d’habitation, das Projekt scheiterte an diversen bürokratischen Problemen.
- 1960 Projet de Unité d’habitation a Tours, fünf Unité d’habitation im Süden von Stadt Tours[14]
- 1960 Roussillon, Vorschlag für eine Unité d’habitation[15]
- 1960 Villacoublay, Vorschlag für zwei Unité d’habitation[16]
- 1962 Projet de ville radieuse à Firminy, ursprünglich geplant waren drei Unité d’habitation mit einem Einkaufszentrum, das Projekt wurde reduziert auf eine Unité d’habitation, der Bau der zweiten Unité wurde 1970 abgebrochen[17]
Schäden und Renovierungen
Am 9. Februar 2012 wurde die Cité radieuse durch einen Brand beschädigt.[18] In den Jahren 2010 und 2022 wurden Renovierungsarbeiten durchgeführt, um die Anlage zu modernisieren und die Dachterrasse instand zu setzen.[19]
Museum
Im Pariser Musée des Monuments français befindet sich ein originalgroßer, zweigeschossiger Nachbau einer Wohnung der Cité radieuse in Marseille. Weitere Nachbauten und Modelle der Unité-Appartements wurden in Museen wie dem Centre Pompidou und dem Museum of Modern Art in New York ausgestellt.[20][21]
Literatur
- Christina Haberlik: 50 Klassiker. Architektur des 20. Jahrhunderts. Hildesheim: Gerstenberg Verlag, 2001. ISBN 3-8067-2514-4.
- Le Corbusiers Wohneinheit „Typ Berlin“ – Faksimile der Originalausgabe von 1958 mit einem aktualisierten Anhang, WEG Corbusier-Haus, Förderverein Corbusierhaus Berlin e. V. (Hrsg.), JOVIS Verlag Berlin 2008, ISBN 978-3-86859-005-0.
- Laura Stillers: Zwischen Raum und Funktion. Die Verhältnismäßigkeiten der Unité d’Habitation von Le Corbusier. In: INSITU. Zeitschrift für Architekturgeschichte 6 (1/2014), S. 117–132.
Weblinks
- Offizielle Website der Cité radieuse
- Le Corbusiers „Cité radieuse“ in Marseille – „Das Ding des Bekloppten“ wird 60. ( vom 12. Mai 2013 im Internet Archive) In: tagesschau.de, 18. Oktober 2012