Yusuf Hamadani

Sufi in Zentralasien From Wikipedia, the free encyclopedia

Bekannt als Yūsuf Hamadānī (يوسف الهمداني, DMG: Yūsuf al-Hamadānī, persisch يوسف همدانى, DMG Yūsuf-i Hamadānī; gest. 1140) lautet sein vollständiger Name Abū Yaʿqūb Yūsuf ibn Ayyūb ibn Ḥusayn ibn Wahra Būzanǧirdī Hamadānī. Er wurde 440 (oder 441), (August 1048 n. Chr.), im Dorf Būzanǧirdī bei Hamadan geboren.[1] Er bestritt seinen Lebensunterhalt durch die Herstellung von Stiefeln sowie durch Landwirtschaft. Einige Biographen führen seine Abstammung zurück auf Abū Ḥanīfa, den Begründer der hanafitischen Rechtsschule, dessen Rechtsschule er gleichzeitig angehörte.

Er verstarb im Jahr 535 h. (1140 n. Chr.). Sein Grab befindet sich heute in der Nähe von Merw, der innerhalb der heutigen Grenzen Turkmenistans liegt, und gilt unter dem Namen "Mausoleum of Yusuf Hamadani" als eine bedeutende Pilgerstätte.[2][3]

Ausbildung und Werdegang

Er erhielt seine Grundausbildung in Hamadān, kam im Alter von etwa 19–20 Jahren (460/1068) nach Bagdad, eines der bedeutendsten wissenschaftlichen Zentren jener Zeit, und nahm dort Hadithunterricht bei Gelehrten wie al‑Ḫaṭīb al‑Baġdādī (gest. 463/1071) und Abū Ṭāhir ʿAbd al‑Karīm ibn Ḥasan al‑Ḥabbāz (gest. 469/1076). Sein eigentliches Ziel bei der Reise nach Bagdad soll jedoch gewesen sein, bei dem berühmten schafiitischen Rechtsgelehrten und Rektor der Niẓāmiyya‑Madrasa in Bagdad, Abū Isḥāq aš‑Šīrāzī (gest. 476/1083), Fiqh (islamische Rechtswissenschaft) zu studieren.[4][2]

Die Kaʿba von Chorasan

Die Entwicklung der Sufi-Orden in Zentralasien und in Chorasan wurde maßgeblich durch ihn geprägt. Sein Leben, sein Wirken und seine Werke sind bis heute jedoch nicht ausführlich und umfassend erforscht. Die wenigen vorhandenen Studien beschränken sich lediglich darauf, bestimmte Aspekte seiner Persönlichkeit zu beleuchten. Als maßgeblicher geistlicher Lehrer (Muršid) im Sufismus gilt für ihn Abū ʿAlī al-Fārmaḏī, worüber in den Quellen Einigkeit besteht. Abū ʿAlī Fārmedī war eine Persönlichkeit der zahlreiche Schüler ausbildete. Zu seinen Schülern zählten neben Yūsuf Hemedānī auch Gelehrte wie al‑Ġazālī, die in seinen Lehrkreisen und in seiner spirituellen Gemeinschaft heranwuchsen.[5]

Nach den Angaben al‑Hānīs soll Yūsuf al‑Hamadānī außerdem in jungen Jahren während einer seiner Reisen dem berühmten Gelehrten und Sufi ʿAbd al‑Qādir al‑Ǧīlānī begegnet sein. In diesem Zusammenhang wird berichtet, dass ihm von diesem der Weg des Sufismus nahegelegt worden sei.[3]

Eine der herausragendsten Ergebnisse seiner Bemühungen ist zweifelsfrei die Tatsache, dass er – neben anderen bedeutenden und einflussreichen Sufi-Gelehrten – maßgeblich zur Ausbildung jener Persönlichkeiten beitrug, die später als zentrale Gestalten zweier großer Orden hervortraten:

Beide Strömungen, deren Ursprünge in Zentralasien verortet sind, entfalteten in der Folge eine weitreichende Wirkung und verbreiteten sich über verschiedene Regionen der islamischen Welt.

Aḥmad Yasawī, gilt als „Pīr von Turkistan“ und als Begründer des Yasawī‑Ordens. Yasawī setzte seine Tätigkeit eine Zeit lang in Buchara als Nachfolger fort und kehrte nach der Übergabe seiner Aufgabe an ʿAbd al-Ḫāliq Ġiǧduwānī nach Yesi zurück, wo er bis zu seinem Tod weiterhin als geistlicher Führer wirkte. Aḥmad Yasawī verstarb im Jahr 562 h. (1166) in der heutigen kasachischen Stadt Sayram; dort befindet sich auch sein Grab.

ʿAbd al-Ḫāliq Ġiǧduwānī ist vielleicht der bedeutendsten Schüler Yūsuf Hemedānīs. Er setzte die von Hemedānī begründete Ḫwāǧagān‑Lehre um. Der Begriff Ḫwāǧagān (persisch خواجگان, Plural von Ḫwāǧa) bedeutet übersetzt „Meister“, „Lehrer“ oder „Herren“. In der literarischen Fachdiskussion wird der Ursprung dieses Ehrentitels häufig auf Yūsuf al-Hamadānī zurückgeführt, den einige Autoren als die erste historische Persönlichkeit identifizieren, dem dieses Attribut explizit zugeschrieben wurde. Diese entwickelte sich später weiter und wurde in verschiedenen Regionen der Welt in unterschiedlichen Formen fortgeführt, wobei die große Ordenslinie schließlich durch Bahāʾ ad-Dīn Naqšband weitergetragen wurde.

ʿAbd al-Ḫāliq Ġiǧduwānī verfasste mit seinem Werk Maqāmāt‑i Yūsuf Hemedānī eine der wichtigsten Quellen zum Leben Yūsuf Hemedānīs. Dort berichtet er über ihn:

„Wenn er von jemandem auch nur eine geringe Wohltat erfuhr, erwiderte er diese in doppeltem Maße. Er trug stets etwas bei sich, um andere zu bewirten, und gab davon jedem, der zu ihm kam. In Gegenwart Älterer sprach er nicht. Er ging nicht über das Feld eines anderen. Seine Gebete verlängerte er nicht unnötig. Seine eigenen Angelegenheiten erledigte er selbst; er ging eigenständig zur Mühle. Er unternahm viele Reisen. Freiwillige Gebete wie Išrāq, Duḥā, Awwābīn und Tahadschud ließ er niemals aus. Stets wünschte er sich den Märtyrertod. Almosen (Ṣadaqa) und Zakāt maß er große Bedeutung bei; er zog sich zu spiritueller Einkehr (Iʿtikāf) zurück, legte großen Wert auf das Opferritual und befreite Sklaven. Er fürchtete Gott zutiefst und zitterte aus Ehrfurcht, verlor jedoch niemals die Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit. Er war ein Mensch, der von Herzen liebte und geliebt wurde.“[3]

Muhyī d-Dīn Ibn ʿArabī (ابن عربي) erzählt in seinem berühmten Werk al‑Futūḥāt al‑Makkiyya (الفتوحات المكية) eine Geschichte über Hamadānī und gelangt schließlich zu folgender Schlussfolgerung zum Thema der Meister‑Schüler‑Beziehung:

Aus diesem Ereignis habe ich erkannt, dass ein Schüler, wenn er in äußerer und innerer Hinsicht wahrhaftig und aufrichtig ist, durch diese Aufrichtigkeit und Hingabe seinen Lehrer zu sich ziehen kann.[6]

Ansichten und Lehre

Yūsuf al‑Hemedānī, der den religiösen Geboten in höchstem Maße verpflichtet war, vertrat ein Verständnis, das auf Ṣaḥw (Nüchternheit) und Tamkīn (geistige Festigkeit) gründete. Außergewöhnlichen Wundertaten (karāmāt) und deren Zurschaustellung maß er keine besondere Bedeutung bei; ebenso lehnte er maßlose Äußerungen und Verhaltensweisen ab, die unter dem Einfluss von Ekstase (sukr) und Verzückung (waǧd) entstehen.[6]

Es ist überliefert, dass er einige Aussagen und Handlungen von Aḥmad al‑Ġazzālī (der Bruder al-Ġazzālīs), missbilligte. Außerdem bemerkte er zur Situation von al-Hallādsch:

„Hätte Hallādsch die wahre Erkenntnis (maʿrifa) vollständig erfasst, so hätte er statt „anā l‑ḥaqq“ – „anā t‑turāb“ gesagt.“[4]

Auf die Frage: „Wenn diese Zeit vergeht und die wahren Auliyāʾ (Walī) ins Jenseits hinübergehen, was sollen wir tun, um das Heil zu erlangen?“, antwortete er: „Lest täglich acht Blätter (Seiten) aus ihren Werken.“ Diese Aussage soll Farīd ad-Dīn-e ʿAṭṭār dazu bewogen haben, sein berühmtes Werk Tadhkirat al-Auliyaʾ zu verfassen.[4]

Literatur

  • Fatkhiddin Mansurov: „Khawaja Yusuf Hamadānī: His Life, Thoughts and Contribution to the Contemporary Sufism.“ Literacy Information and Computer Education Journal (LICEJ), Volume 6, Issue 2, June 2016 – online abrufbar unter infonomics-society.org
  • Hamid Algar: "Abu Yaʿqub Hamadānī", in: Encyclopedia Iranica, USA, 1983/2011
  • Ahmet T. Karamustafa: Sufism. The Formative Period. The New Edinburgh Islamic Surveys. Edinburgh University Press 2007 (Online) (Literaturangabe auf S. 138 f., Anm. 49)
  • John G. Bennett: The Masters of Wisdom, London 1995, ISBN 1-881408-01-9
    • Siehe auch Bennets Zusammenfassung „The Masters of Wisdom of Central Asia“ des İslâm tasavvufunda Hâcegân hânedânı („Die Khwajagan-Dynastie in der islamischen Mystik“) von H. L. Shushud, Istanbul 1958, online abrufbar unter systematics.org. - Das Werk des Istanbuler Sufis Hasan Lutfi Shushud erschien auf Englisch unter dem Titel Masters of Wisdom of Central Asia: Teachings from the Sufi Path of Liberation (2014).

Siehe auch

Einzelnachweise

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