Zitadelle von Kirkuk

Denkmal im Irak From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Zitadelle von Kirkuk (arabisch قلعة كركوك, DMG Qalʿat Kirkūk;[1] kurdisch قەڵای کەرکووک;[2] türkisch Kerkük Kalesi[3]) ist eine Zitadelle mit zugehörigen Bauwerken im Zentrum von Kirkuk im Irak und gilt als ältester Teil der Stadt. Die Zitadelle liegt auf einem etwa 40 Meter hohen Tell auf einem Plateau gegenüber dem Khasa-Fluss. Obwohl der größte Teil der Zitadelle zerstört wurde, sind Teile der Anlage, darunter Moscheen, Gräber und Wohnhäuser, erhalten geblieben.

Blick auf die Zitadelle von Kirkut

Historisch war Kirkuk mehrheitlich turkomanisch, zugleich aber religiös, wirtschaftlich und ethnisch vielfältig. Innerhalb der Zitadelle befanden sich zahlreiche Märkte, Moscheen, von denen einige bis in das Goldene Zeitalter des Islam zurückreichen, sowie mehrere Sufi-Konvente beziehungsweise Takiyya, die mit der Ausbreitung des Qadiriyya-Ordens in der Region verbunden waren. Daneben gab es Stätten christlicher und jüdischer Religionsausübung. Die Zitadelle umfasst außerdem eine von mehreren Stätten im Nahen Osten, an denen nach lokaler Überlieferung der abrahamitische Prophet Daniel bestattet sein soll.[4]

Im April 2021 wurde das 42,5 Hektar große Areal der Zitadelle mit seinen erhaltenen Bauwerken wegen seiner historischen Bedeutung, seiner authentischen alten Stadtstruktur und seines sozialen Werts in die Tentativliste des UNESCO-Welterbes im Irak aufgenommen.[5]

Geschichte

Palme über den Ruinen der Zitadelle

Bei archäologischen Untersuchungen wurden 1923 in der Nähe der Zitadelle 51 Tontafeln gefunden, die auf eine Nutzung des Areals mindestens seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. hinweisen. Weitere Untersuchungen der Kirkuker Antikenverwaltung im Jahr 2000 zeigten, dass Teile der Mauern aus dicken Lehmziegeln mit halbrunden Stützpfeilern errichtet wurden. Topographie, Baumaterialien, das Fehlen orthogonaler Straßennetze und die städtische Struktur lassen Parallelen zu alten mesopotamischen Stadtanlagen erkennen, darunter zur Zitadelle von Erbil.[6]

Die Frühgeschichte der Zitadelle ist nicht eindeutig geklärt. Einige Autoren bringen ältere Teile mit den Gutäern des 2. Jahrtausends v. Chr. in Verbindung, andere sehen ihren Ursprung in einer assyrischen Befestigung unter Aššur-nâṣir-apli II. im 9. Jahrhundert v. Chr.[7][8] In hellenistischer Zeit soll Seleukos I. eine starke Befestigung mit 72 Türmen um die Zitadelle angelegt haben.[9] Zu den älteren christlichen Spuren gehört die sogenannte „Rote Kirche“, deren Mosaikreste in die Zeit vor der islamischen Eroberung des 7. Jahrhunderts datiert werden. Die aktuellen Stadtmauern stammen aus der Osmanischen Periode.

In der Neuzeit blieb die Zitadelle das historische Zentrum Kirkuks. Ein namentlich nicht genannter französischer Reisender, der Kirkuk im Jahr 1735 besuchte, beschrieb die Stadt als in zwei Hauptbereiche geteilt: die Zitadelle, die zu jener Zeit nur spärlich besiedelt war, und die umliegenden Ebenen, wo der Marktbetrieb und der Handel stattfanden.[10]

Während der Herrschaft der irakischen Baath-Partei wurde Kirkuk stark von der Arabisierungspolitik des Staates erfasst. Ab den 1970er Jahren richtete sich diese Politik auch gegen den turkmenischen Charakter der Zitadelle.[11] 1998 wurden Mittel für den Abriss großer Teile der Wohnviertel innerhalb der Zitadelle bereitgestellt. Die Bewohner, darunter Turkmenen und Chaldäer, wurden vertrieben. Von etwa 800 Häusern blieben nur wenige Bauten und einige bedeutende Monumente erhalten, was mit der Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamiyan durch die Taliban verglichen wurde.[6][11]

Zwischen 1998 und 2003 wurden die verbliebenen Bauwerke teilweise mit ungeeigneten Methoden restauriert. Die erhaltenen Moscheen, Grabstätten und Häuser gelten dennoch weiterhin als wichtige Zeugnisse der städtischen und religiösen Geschichte Kirkuks.[12] 2025 wurde erneut auf den schlechten baulichen Zustand der Anlage aufmerksam gemacht und Forderungen nach dringenden Sicherungsmaßnahmen erhoben.[13]

Erhaltene Bauwerke

Innenansicht eines erhaltenen Hauses in der Zitadelle

Die Zitadelle bestand aus drei Hauptvierteln: al-Maidan im Norden, al-Qal'a in der Mitte und al-Hammam im Süden. Neben den Befestigungen umfasste sie Moscheen, traditionelle Wohnhäuser, Märkte, Grabstätten und religiöse Komplexe. Viele dieser Stätten wurden im UNESCO-Tentativlisteneintrag dokumentiert.[5][14]

Al-Ariyyan-Moschee

Die al-Ariyyan-Moschee (arabisch جامع العريان) liegt im früheren al-Hammam-Viertel und wird durch eine Inschrift am Eingang auf das Jahr 1142 islamischer Zeitrechnung (1729) datiert. Bemerkenswert sind der aus Gips und Stein gefertigte Minbar sowie florale und geometrische Dekorationen am Mihrab.[5]

Wohnhäuser und Basare

Zu den erhaltenen Wohnbauten gehört das Dar al-Tayfur, ein mehrgeschossiges Haus mit Innenhof, Balkon, Marmorsäulen und dekorierten Fenstern. Weitere Häuser wie das sogenannte Bayt al-'Aris zeigen die städtische Wohnarchitektur der Zitadelle. Einige erhaltene Balkone blicken auf frühere Basarbauten.[15]

Blaue Kuppel

Die sogenannte Blaue Kuppel oder Gok Kunbet ist ein Mausoleum aus dem Jahr 1361 aus der Zeit der Dschalairiden. Der achteckige Bau besteht aus Lehmziegeln und war mit farbigen Fliesen geschmückt. Zeitweise wurde das Bauwerk auch als „Grüne Kuppel“ bezeichnet; Untersuchungen der erhaltenen Fliesenreste zeigten jedoch, dass die ursprüngliche Farbe blau war. Das Grabmal des Mausoleums ist einer Frau gewidmet, die 1361 in der Frühzeit des Sultanats verstarb. Der Blaue Dom befindet sich in der Nähe des Nordtors der Zitadelle.[14]

Grabstätte des Propheten Daniel

Innerhalb der Daniel-Moschee befinden sich Grabstätten, die nach lokaler Überlieferung dem Propheten Daniel sowie seinen Gefährten Azarja und Hananja zugeschrieben werden. Die Anlage besitzt zwei blaue Kuppeln und ein Minarett aus der Spätzeit des Mongolischen Reiches. Der Ort soll nacheinander als Synagoge, Kirche und Moschee genutzt worden sein.[8]

Ulu-Camii-Moschee

Die Ulu-Camii-Moschee, auch Große Moschee oder Moschee der Jungfrau Maria genannt, ist die wichtigste Moschee der Zitadelle und eine der letzten dort regelmäßig genutzten Gebetsstätten. Sie besitzt einen rechteckigen Grundriss und eine blaue Kuppel; vom früheren Minarett ist nur der Sockel erhalten.[6]

Umm-al-Ahzan-Kathedrale

Die Umm-al-Ahzan-Kathedrale (arabisch كاتدرائية أم الأحزان) ist eine chaldäisch-katholische Kathedrale des 19. Jahrhunderts. Sie wurde unter dem chaldäischen Patriarchen Joseph VI. Audo erbaut und 1862 der „Mutter der Schmerzen“ geweiht. Die Kirche diente der chaldäischen Gemeinde innerhalb der Zitadelle, liegt heute jedoch in Ruinen. Bisher wurden keine umfassenden Maßnahmen zu ihrer Erhaltung oder Wiederherstellung unternommen.[16]

Literatur

  • Arbella Bet-Shlimon: City of Black Gold: Oil, Ethnicity, and the Making of Modern Kirkuk. Stanford University Press, 2019, ISBN 978-1-5036-0914-3 (google.iq [abgerufen am 28. Mai 2026]).
  • F. Duygu Saban; Mustafa Mokhtar; Tuba Akar: Resilience in intentionally destroyed historic settlements: An examination on Kirkuk Citadel and the old town of Van. In: Journal of Design to Resilience in Architecture and Planning. Band 2, Nr. 3, 2021, S. 311–326 (researchgate.net [abgerufen am 28. Mai 2026]).
  • Geoff Hann: Iraq: The ancient sites and Iraqi Kurdistan. Globe Pequot Press, Guilford 2015, ISBN 978-1-84162-488-4.

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI