Zwei maskierte Putten erschrecken zwei Kinder

Zeichnung von Andrea Mantegna (ca. 1495) From Wikipedia, the free encyclopedia

Zwei maskierte Putten erschrecken zwei Kinder (fr. Deux putti masqués effrayant deux enfants) oder Kinder, die mit Masken spielen (fr. Enfants jouant avec des masques) ist eine unvollendete Zeichnung in Feder und brauner Tinte, die mit Karmin und Grün auf beigem Papier laviert wurde. Das um 1495 entstandene Werk wird dem italienischen Renaissancekünstler Andrea Mantegna (* 1431; † 1506) oder seiner Werkstatt zugeschrieben und befindet sich im Département des arts graphiques du musée du Louvre in Paris (Inv.-Nr. 5072, Recto).

Schnelle Fakten Zwei maskierte Putten erschrecken ...
Zwei maskierte Putten erschreckenzwei Kinder (Andrea Mantegna oder Werkstatt)
Zwei maskierte Putten erschrecken
zwei Kinder
Andrea Mantegna oder Werkstatt, um 1495
Feder und Tinte in Braun, laviert
(Karmin, Grün) auf Papier
20,8 cm× 17,8cm
Louvre, Paris
(INV 5072, Recto)
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Beschreibung

Etwas nach rechts aus der Zeichnungsmitte versetzt steht ein kleines nacktes Kind, das durch große Insektenflügel auf seinem Rücken als Putto gekennzeichnet ist. Der Körper ist im Halbprofil zur linken Zeichnungsseite gerichtet. Auf dem Kopf trägt es eine große Maske mit Bart und einigen Haarbüscheln. Der Putto hat seinen rechten Arm von innen durch den Mund der Maske gesteckt, so dass es aussieht, als würde der Maskenkopf die Zunge herausstrecken.

Damit erschreckt er zwei Kinder, die auf der linken Seite der Zeichnung dargestellt sind. Das Kind im Bildvordergrund ist auf die Knie gestürzt. Während es sich mit der rechten Hand auf dem Boden abstützt, ist der linke Arm in einer Haltung der Abwehr gegen die Maske ausgestreckt. Das zweite Kind wird im Profil hinter dem Gestürzten gezeigt, wie es in Richtung des linken Zeichnungsrandes davonläuft. Sein Kopf ist über die linke Schulter nach hinten gewendet, sein Blick fällt auf die furchteinflößende Maske.

Zwischen dem Putto mit der Maske und dem rechten Zeichnungsrand steht ein weiteres Kind in Frontalansicht. Auch dieses Kind trägt eine Maske mit hässlichen verzerrten Gesichtszügen, die aber weniger furchteinflößend wirken. Ob auch dieses Kind Insektenflügel hat, ist nicht eindeutig erkennbar.

Am rechten Bildrand erhebt sich ein abgestorbener Baum fast bis zum oberen Zeichnungsrand. Über einem Ast hängt eine Löwenhaut,[1.1] weiter oben sitzt ein Vogel. An einem kleinen Zweig des Astes hängt ein Eimer. Vor dem Stamm des Baumes ist das zugebundene Ende eines großen Sackes zu erkennen, auf dem eine behaarte Pfote aufliegt.[2.1]

Die am rechten Rand beschnittene[2.1] Zeichnung ist nicht fertiggestellt worden: Nur die Figuren der beiden verängstigten Kinder und des Putto mit der Maske sind mit einer zarten Lavierung vollendet, die zum Rand hin kräftiger und pastoser wird, um den Eindruck eines Reliefs zu erzeugen.[3] Der Baum und das Kind darunter hingegen scheinen in der Ausführung abgebrochen worden zu sein; der aquarellierte Schatten ist dort nur angedeutet, und die Federstriche wirken etwas skizzenhafter.[2.1]

Der Rand der Zeichnung besteht aus Feingold. Sie ist vollflächig auf einer elfenbeinfarbenen Montageunterlage der Sammlung Jabach aufgeklebt, siehe die Provenienz. Auf deren Rückseite befinden sich die Jabach-Inventarnummer in Rötel sowie eine Jabach-Paraphe in brauner Tinte. Nach dem Tod von Charles Le Brun 1690 – dem Ersten Maler von König Ludwig XIV. sowie Direktor und Generalkustos des Cabinet des tableaux et dessins, in das die Zeichnung nach ihrem Erwerb durch den König 1671 gelangt war – wurde durch den Untersuchungskommissar Jean Prioult eine Bestandsprüfung durchgeführt. Diese Revision ist auf der Rückseite der Montierung durch die Ausschreibung der Jabach-Inventarnummer sowie Prioults Paraphe dokumentiert.[3]

Motiv

Das Thema spielender Kinder, die einander mit Masken erschrecken, ist der späthellenistischen Kunst entlehnt.[2.2] Ein Beispiel dafür ist die Szene am rechten Rand eines Dionysoszuges, der als Basrelief auf einem römischen Sarkophag aus den Jahren 195–200 n. Chr. dargestellt ist (aufbewahrt im Los Angeles County Museum of Art). In der Antike lag der Reiz des Motivs in der Unstimmigkeit zwischen dem winzigen Kind und dem aufgeblähten Schein durch die viel zu große Maske. So wurde es beispielsweise von dem griechischen Satiriker Lukian im zweiten nachchristlichen Jahrhundert in seiner Schrift Quomodo historia sit scribendo („Wie man Geschichte schreiben soll“) als „Mittel zur Demontage des eigenen Egos“ (ego-puncturing device) eingesetzt.[4]

Zur Zeit Mantegnas fand das Motiv des Kindes mit Maske in zahlreichen kleinen Szenen Verwendung, so etwa in illuminierten Manuskripten von Gaspare di Padova (darunter die Vitæ duodecim Cæsarum des römischen Schriftstellers Sueton, um 1474, Bibliothèque nationale de France), aber auch auf Bronzeplaketten.[2.3] Auch in italienischen Zeichnungen des 16. Jahrhunderts ist es wiedergegeben, zum Beispiel in einem Werk von Michelangelo Anselmi (* 1491/1492; † 1556) aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts (aufbewahrt im British Museum in London) oder im Umkreis von Amico Aspertini (* 1474; † 1552).[3] Mantegna selber integrierte es ein weiteres Mal in eine seiner Kompositionen, die nur noch durch eine gezeichnete Kopie im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam bekannt ist.[4]

Dass das Motiv des Kindes, das seine Hand durch den Mund der Maske steckt, um seine Spielkameraden zu ängstigen, von Mantegna stammt, ist durch ein Hirtengedicht des Humanisten und Dichters Jacopo Sannazaro (* 1457; † 1530) belegt. In dessen Schäferroman Arcadia wird eine (fiktive?)[4.1] Vase beschrieben, die als Preis eines Wettkampfes zwischen Hirten ausgelobt ist. Ihre Dekoration stamme von der Hand des Paduaners Mantegna, eines Künstlers, der klüger und scharfsinniger als alle anderen sei (artefice sovra tutti gli altri accorto et ingegnosissimo). Beschrieben wird die Dekoration auf der Vase wie folgt: Unweit einer nackten Nymphe „mit wunderschönen Gliedern“, aber Ziegenfüßen, die auf einem aufgeblähten Schlauch oder Sack sitzt und liebevoll „ein kleines Satyrchen(un picciollo Satirello) stillt, befinden sich zwei nackte Kinder, die sich schreckliche Maskengesichter aufgesetzt haben und ihre Hände durch deren Münder stecken, um zwei andere Kinder zu erschrecken. Das eine wendet sich zur Flucht und schreit vor Angst, während das andere weinend zu Boden gefallen ist und seine Hand ausstreckt, um seine Widersacher zu kratzen.[1.2][5]

Nur ein Teil dieser Beschreibung ist auf der entlang des rechten Randes beschnittenen Zeichnung sichtbar; man kann dort jedoch die behaarte Pfote des kleinen Satyrs auf dem Sack erkennen. Die Insektenflügel in der Zeichnung stimmen hingegen nicht mit dem literarischen Text überein.[2.1]

Die Beschreibung stammt aus der Arcadia von Sannazaro. Die erste Fassung dieses Werkes wurde zu Beginn der 1490er Jahre vollendet. Es wurde zunächst 1501 in Venedig und dann 1502 in Vercelli fehlerhaft gedruckt, bevor es in seiner endgültigen Fassung 1504 unter der Obhut des Humanisten Pietro Summonte in Neapel erschien.[2.1] Im elften Kapitel setzt Ergasto, das literarische Alter Ego des Autors, eine schöne Vase aus Ahornholz als Preis bei einem Wettkampf unter Hirten aus.[1.3] Man kann sich diese Vase vom Typus der Gonzaga-Vase von Il Antico (Pier Jacopo Alari Bonacolsi, * 1460; † 1528) vorstellen, die in den 1480er Jahren ausgeführt wurde und sich in der Galleria Estense in Modena befindet.[2.1]

Auf den Zusammenhang zwischen der Dichtung und der Zeichnung machte als Erster der Kunsthistoriker Paul Kristeller 1901 aufmerksam.[1.1] In der Kunstwissenschaft ist man sich einig, dass die Zeichnung Inspirationsquelle für den Dichter war.[3] Das Louvre-Blatt selbst wird als Kopie nach einer Erfindung Mantegnas vom Ende der 1470er Jahre angesehen.[1.1]

Provenienz und Zuschreibung

Erstmals nachgewiesen ist die Zeichnung vor 1671 in der Sammlung von Everhard Jabach IV. in Paris, von wo sie in jenem Jahr in die Privatsammlung Ludwigs XIV. gelangte, das sogenannte Cabinet du Roi. Seit 1793 befindet sie sich im Pariser Musée central des Arts, dem heutigen Louvre.[2.1]

Zu Zeiten Jabachs war das Werk dem Florentiner Maler Taddeo Gaddi (* um 1300?; † 1366) zugeschrieben worden. Seitdem Paul Kristeller die Verbindung zwischen der Arcadia-Passage (und somit Mantegna) und dem Zeichnungsmotiv hergestellt hatte, schwankt die Zuschreibung der Zeichnung zwischen dem Meister selbst und seiner Werkstatt. Der Kunsthistoriker Fritz Heinemann schlug 1962 vor, dass das Werk eine Kopie von der Hand des muranesischen Malers Girolamo Mocetto (* um 1458; † um 1531) sein könnte; diese Ansicht wird allerdings in der Kunstwissenschaft wenig rezipiert.[2.1]

Ausstellungen

Einzelnachweise

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