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Zwiesel Fortessa

Kristallglashersteller mit Sitz in Zwiesel im Bayerischen Wald From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Zwiesel Fortessa AG ist ein Kristallglashersteller mit Sitz in Zwiesel im Bayerischen Wald. Das Unternehmen, das 2022 aus der Übernahme des US-amerikanischen Unternehmens Fortessa Tableware Solutions durch die Zwiesel Kristallglas AG hervorgegangen ist, bietet seine Produkte unter den Marken Zwiesel Glas, Schott Zwiesel und Jenaer Glas an. Derzeit sind insgesamt ca. 620 Mitarbeiter beschäftigt.[1]

Schnelle Fakten
Zwiesel Fortessa AG
Logo
Rechtsform Aktiengesellschaft
Gründung 1872
Sitz Zwiesel, Deutschland
Leitung Andreas Buske, Vorstand
Kathrin Strous, Vorstand
Mitarbeiterzahl ca. 620
Umsatz 104,9 Mio. Euro (2021/2022)
Branche Tabletop-Anbieter, Kristallglashersteller
Website www.zwieselfortessa.com/
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Geschichte

Anfänge

Im Jahr 1872 gründete der Winterberger Händler und Unternehmer Anton Müller die Tafelglashütte Annathal.[2][3][4] 1884 verkaufte Müller die Glashütte zusammen mit den Gebäuden und einer Grundfläche von insgesamt 3,045 Hektar für 36.000 Goldmark an die beiden Kölner Brüder Theodor und Gustav Tasche, die fortan unter Zwieseler Farbenglashütte Gebrüder Tasche firmierten. Im Volksmund wurde die Glashütte „Tascherl-Hütte“ genannt.[5] In den Folgejahren entwickelte Gustav Tasche seine Kühlöfen weiter und meldete die neue Technik 1897 beim kaiserlichen Patentamt an (Patentschrift Nr. 95276, Klasse 32a Glas 29 vom 18. März 1897).[6] Nach der Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft im Jahr 1898 erweiterte die Tasche-Hütte ihre Kapazitäten und errichtete zu diesem Zweck ein neues Werk.[7] Mit dem Erwerb eines Glaswerks in Pirna im Jahr 1899 erfolgte die Umbenennung in Vereinigte Zwieseler und Pirnaer Farbenglaswerke AG.[8]

20. Jahrhundert

Im Zuge der Vergrößerung beteiligten sich die Vereinigte Zwieseler und Pirnaer Farbenglaswerke AG ab 1912 an der Tafel- und Farbenglaswerke GmbH in Zuckmantel (heute Pozorka, Ortsteil von Dubí). Der Beginn des Ersten Weltkriegs führte zunächst zu starken Umsatzeinbußen und schließlich zum Produktionsverbot bis 1921.[9] Ab dem Jahr 1924 produzierten die Vereinigten Farbenglaswerke im Standort Zwiesel Hohlgläser als Basis für Trinkgläser.[10] In den folgenden Jahren fiel infolge der Inflation das Hauptgeschäft Bau- und Industrieglas weg. 1927 übernahmen die Jenaer Glaswerke Schott & Gen und damit die Carl-Zeiss-Stiftung die Aktienmehrheit.[11][12]

1931 wurde die Flachglasherstellung in Zwiesel eingestellt und nur noch Hohlglas hergestellt. Die Flachglasproduktion wurde in Pirna gebündelt.[13] In den folgenden Jahren hatte das Zwieseler Werk unter den allgemeinen wirtschaftlichen Schwierigkeiten sehr zu leiden, der Hauptaktionär musste mehrfach finanzielle Hilfe leisten und die Fremdkapitalgeber auf erhebliche Forderungen verzichten.[14] Zum Bilanzstichtag 1933 verfügte das Unternehmen in Pirna über 6875 ha Grundbesitz und betrieb dort in zwei Hüttengebäuden sechs Schmelzöfen, eine Dampfmaschine und eine eigene Stromerzeugung. Ornamentglas, Rohglas, Drahtglas, farbiges Tafelglas, Antikglas und Mosaikglas wurden dort hergestellt. In Zwiesel war ein Hüttengebäude mit drei Schmelzöfen und einer größeren Schleifanlage im Betrieb. Kelch- und Kristallhohlgläser entstanden dort.[15] Am 29. Juli 1933 zerstörte eine Unwetter das Werk in Pirna.[16] 1938 wurde ein neues Fabrikgebäude in Zwiesel erbaut.[17] 1940 wurde nach Übernahme der Tafel- und Farbenglaswerke GmbH Zuckmantel der Firmenname in Vereinigte Farbenglaswerke AG geändert.[18] Im Geschäftsjahr 1940 waren in Zwiesel drei Glasöfen und eine Gasgeneratorenanlage im Betrieb, in Pirna fünf Glasöfen, eine Gasgeneratorenanlage. In Zuckmantel wurde Gussglas hergestellt.[19] Ebenfalls 1940 wurden ein Pressglaswerk in Tischau gekauft und Grubenfelder veräußert, die zum Werk Zuckmantel gehört hatten. Im Geschäftsjahr 1942 waren in Zwiesel drei Glasöfen im Betrieb, die Kristallhohlglas und Butzen herstellten. In Pirna entstanden in neun Öfen Gussglas und geblasenes Farbglas. In Zuckmantel wurde an zwei Wannen Gussglas hergestellt und Tischau fertigte Linsen, Glasbausteine und Scheinwerfergläser.[20] Im Farbenglaswerk Pirna wurden von circa 330 Mitarbeitenden optische Gläser und Glaslinsen für U-Boote der Kriegsmarine hergestellt. Dabei wurden knapp hundert Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus Polen eingesetzt.[21]

In den letzten Jahren des Dritten Reichs wurde kriegsbedingt mit den Vorarbeiten begonnen, den Betrieb auf die Produktion von optischen Glas für Schott umzustellen. Nach dem Bombenangriff auf die Bahnlinie bei Zwiesel am 20. April 1945 musste der Betrieb eingestellt werden, weil weder Kohle noch Rohmaterialien beigeschafft werden konnten.

Ende 1945 kamen die ersten Jenaer Spezialkräfte über Heidenheim an der Brenz nach Zwiesel und begannen mit dem Ofenbau für die Herstellung von optischen Glas. Das Werk in Zwiesel war das einzige von ehemals fünf Betrieben, das dem Schott-Konzern unter seinem Leiter Erich Schott verblieben war. Die erste Schmelze der Glashütte erfolgte Pfingsten 1946.

Während des Zweiten Weltkrieges gingen die Werke in Pirna und Zuckmantel sowie das Stammwerk der Schott & Gen in Jena verloren.[11] Im Jahr 1953 zogen die Jenaer Glaswerke mit ihrem Stammwerk nach Mainz und firmierten als Schott AG.[22] 1961 erfolgte die vollautomatische Produktion von Kelchglas[23] und stieß in der Gastronomie auf Nachfrage.[24] 1970 produzierte das Unternehmen mit der Serie Neckar das erste maschinell geblasene Bleikristallglas.[25][26][27]

Im Jahr 1973 entstand das Werk Regenwiese mit direkter Eisenbahnanbindung. Dort konnten ab 1984 auch erstmals größere Gegenstände wie Vasen oder Schalen maschinell gefertigt werden.[28] Seit 1978 traf das Unternehmen verstärkt Vorkehrungen für den Umweltschutz. Diese führten 1991 schließlich zum Verzicht auf die Verarbeitung von Bleikristallen. Stattdessen entwickelte das Unternehmen, das inzwischen unter Schott-Zwiesel-Glaswerke AG firmierte, ein neues Kristallglas, das frei von Bleioxid ist.[29]

1997 wurde ein Zweigwerk in Husinec (Tschechien) errichtet.[30] Im Jahr 2002 wurde dieses durch ein schweres Hochwasser zerstört.

21. Jahrhundert

Im Jahr 2001 übernahm die Table Top Alliance AG mittels eines Management-Buy-outs unter Führung der beiden Manager Robert Hartel und Andreas Buske die Mehrheitsbeteiligung an der Schott Zwiesel AG.[31]

Ein Jahr darauf wurde das Tritan-Kristallglas entwickelt.[32][29] In dem neuen Herstellungsverfahren entstand ein spülmaschinen- und bruchfestes Kristallglas mit besonderer Oberflächenhärte.[25] Das Unternehmen gründete neue Vertriebsgesellschaften in Spanien. 2003 kam eine Vertriebsgesellschaft in Japan und 2004 zwei weitere in China und den USA hinzu.

Aus der Schott Zwiesel AG wurde im Jahr 2005 die Zwiesel Kristallglas AG. Das Unternehmen führte im gleichen Jahr die Marke Zwiesel 1872 ein, unter der alle Manufaktur-Artikel vermarktet wurden.[25][33] Ein Jahr später erwarb die Zwiesel Kristallglas AG die Rechte an der Marke Jenaer Glas.[34] Ab 2007 fertigte das Unternehmen neben Produkten der Marken Schott Zwiesel und Zwiesel 1872 auch hitzebeständige Borosilikatglas-Produkte unter der Marke Jenaer Glas.[27]

Glaspyramide vor dem Werksverkauf von Zwiesel

Am 25. Mai 2007 wurde vor dem Werksverkauf des Unternehmens die Kristallglaspyramide errichtet. Dafür wurden auf 65 Ebenen 93.665 Weingläser der Serie Neckar ohne Verwendung von Klebstoff aufeinandergestapelt. Mit einer Höhe von mehr als acht Metern und einem Gesamtgewicht von über elf Tonnen hält der Bau seit seiner Errichtung den Weltrekord als „höchste Kristallglas-Pyramide der Welt“. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Pyramide als Wahrzeichen der Stadt Zwiesel etabliert.[35]

Im Jahr 2008 entstand eine Vertriebsgesellschaft in Shanghai.[27] 2010 wurde eine dritte Glasschmelzwanne in Betrieb genommen und die Oxyfuel-Technologie eingesetzt. 2011 eröffnete das Unternehmen eine Niederlassung in Mumbai (Indien).[27]

Im Jahr 2012 wurde die Produktion auf die Oxyfuel-Schmelzwannentechnologie umgestellt.[36] Der reine Sauerstoff, der hierfür benötigt wird, wird durch eine neue, vor Ort installierte Luftzerlegungsanlage gewonnen. Dadurch reduziert sich der Energieverbrauch um ca. 30 Prozent gegenüber einer konventionell betriebenen Feuerung mit Luft. Gleichzeitig werden Kohlendioxidausstoß und Stickoxidemissionen deutlich reduziert. Als eine Weiterentwicklung der Tritan-Technologie präsentierte die Zwiesel Kristallglas AG im gleichen Jahr Tritan Glass Protect, eine vergütete Stieloberfläche, die Kratzer auf den Gläsern verhindern und die Bruchfestigkeit und Widerstandsfähigkeit von Stielgläsern steigern soll.[29]

Am 1. Oktober 2015 wurde Andreas Buske Alleineigentümer und Vorstand des Unternehmens.[37]

Logo der Dachmarke Zwiesel Glas und Logo der Marke Schott Zwiesel

2020 enthüllte das Unternehmen seine neue Dachmarke Zwiesel Glas, welche die Marken Zwiesel 1872 und Schott Zwiesel repräsentieren soll. Für die neue Markenstrategie wurde das Unternehmen zweifach mit dem German Brand Award ausgezeichnet.[38]

Im Oktober 2022 schlossen sich die Zwiesel Kristallglas AG und die Fortessa Tableware Solutions, LCC nach knapp 20-jähriger Kooperation zusammen. Unter der gemeinsamen Marke bieten die beiden Unternehmen Glas, Porzellan und Besteck an.[39]

Niederlassungen

  • Zwiesel, Deutschland (Zentrale, Produktion und Vertrieb)
  • Hungarian Table Top Kft., Halimba (Produktion)
  • Ashburn, USA (Vertrieb)
  • Toronto, Kanada (Vertrieb)
  • Nantes, Frankreich (Vertrieb)
  • Barcelona, Spanien (Vertrieb)
  • Tokio, Japan (Vertrieb)
  • Mumbai, Indien (Vertrieb)

Auszeichnungen (Auswahl)

Literatur

  • Schott Zwiesel. Die Geschichte einer Glashütte im Bayerischen Wald. Schott-Zwiesel Glaswerke, Zwiesel 1979, OCLC 11262410.

Einzelnachweise

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