Äußerstes Süditalienisch
Sprachvarietät im Süden Italiens
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Das äußerste Süditalienisch (italienisch Dialetti italiani meridionali estremi) ist eine Gruppe romanischer Sprachvarietäten, die im äußersten Süden des italienischen Festlandes und auf den angrenzenden Inseln gesprochen werden. Es unterscheidet sich deutlich vom oberen Süditalienisch und ist stark von griechischen, arabischen und normannischen Einflüssen geprägt. Alle diese Sprachen stammen ausnahmslos vom Vulgärlatein und nicht vom Toskanischen ab. Der Name „Italienisch“ ist nur eine rein geografische Bezeichnung, der unter anderem von Gelehrten wie beispielsweise dem Sprachwissenschaftler Giovan Battista Pellegrini verwendet wird.

Zugehörige Sprachen sind Salentino im südlichen Apulien, Sizilianisch auf Sizilien und Zentral-/Süd-Kalabresisch im Süden Kalabriens. Diese Sprachen weisen so viele phonetische und syntaktische Gemeinsamkeiten auf, dass sie eine einzige Gruppe bilden können, jedoch nicht so viele, dass ein vollständiges gegenseitiges Verständnis möglich ist.
Die verschiedenen Dialekte Süditaliens werden noch immer Tag für Tag gesprochen, auch wenn ihr Gebrauch auf informelle Kontexte beschränkt ist und meist mündlich erfolgt. In der Schule werden sie nicht zwischen Schülern und Lehrpersonen gesprochen, sondern nur unter Schülern und seltener unter Lehrpersonen, vor allem in kleineren Orten. Es gibt Beispiele für literarische Verwendungen im Rahmen von Wettbewerben (hauptsächlich Poesie), Theateraufführungen und in einigen Fällen sogar von Filmen.
Charakteristika
Unabhängig von den unterschiedlichen Regionaldialekten im äußersten Süditalien bestehen folgende gemeinsame charakteristische Merkmale:
- Phonetische Merkmale
- Vokalsystem: Es wird oft ein 5-Vokal-System (a, e, i, o, u) verwendet, wobei unbetonte Vokale am Wortende oft zu einem geschlossenen 'u' oder 'i' werden.
- Keine geschlossenen Vokale: In Kalabrien, Salento und Sizilien fehlen geschlossene Vokale ([e, o]) oft ganz; es werden fast nur offene Vokale verwendet.
- Konsonanten: Es gibt eine starke Verwendung von Doppelkonsonanten.
Territorium und Geschichte

Das Gebiet, in dem Dialekte des äußersten Süditaliens gesprochen werden, deckt sich mehr oder weniger mit dem Byzantinischen Reich im Italien des 9. Jahrhunderts. Dort wurde damals griechisch gesprochen, das bis heute in einigen Gebieten des Salento und Kalabriens überlebt hat, wo es als Griko bzw. in einigen kalabrischen Dörfern auch als „Grecanico“ bezeichnet wird.
Einige Jahre nach dem Beginn der arabischen Eroberung Siziliens wurde 831 das Emirat von Sizilien gegründet, wodurch sich auf der Insel der Einfluss des Lateins weiter verminderte, während sich das Griechische länger halten konnte. Noch vier Jahrhunderte später musste der römisch-deutsche Kaiser Friedrich II. die Konstitutionen von Melfi auf Griechisch übersetzen lassen, um sie einem größeren Teil der sizilianischen und kalabresischen Bevölkerung verständlich zu machen. In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts eroberten die normannischen Abenteurer Roger und sein Bruder Robert Guiscard im Rahmen der normannischen Eroberung Süditaliens neben Sizilien auch Apulien mit Salento und Kalabrien und führten dort eine Latinisierung ein, wobei allerdings nicht klassisches Latein als Grundlage diente, sondern Mittellatein. Dies geschah zunächst, um den Übergang der orthodoxen Kirche zur römischen Kirche bzw. vom byzantinischen Ritus zum römischen Ritus zu gewährleisten. Vor allem aber ging es darum, den inzwischen eingeführten Islam durch das Christentum zu ersetzen bzw. den Einfluss der arabischen Sprache zurückzudrängen.
Bei einem Vergleich der drei Regionen Kalabrien, Salento und Sizilien, in denen Dialekte des äußersten Süditalienisch gesprochen werden, zeigt sich die größte sprachliche Einheit in Sizilien, wie Gerhard Rohlfs bemerkt.[1] Diese relative Einheitlichkeit beruht auf verschiedenen Faktoren, einerseits geografischer Art: Sizilien ist im Vergleich zu Kalabrien weniger von Bergen durchzogen, die die Kommunikation erschweren. Die kulturellen Faktoren erklären sich daraus, dass der Übergang vom Arabischen zum Romanischen viel abrupter erfolgte als der Wechsel vom Griechischen zum Lateinischen, wobei die griechischen Sprachinseln nicht vollständig ausgelöscht wurden, sondern bis heute in einigen Ortschaften erhalten und gepflegt werden.
Nachdem in Sizilien die Staufer die Herrschaft von den Normannen übernommen hatten, erreichte die sprachliche Entwicklung in Sizilien ihren literarischen Höhepunkt. Am Hof von Friedrich II. wurde sie als Literatursprache verwendet, während in anderen Städten Italiens zu diesem Zweck noch ein Latein verwendet wurde, das nur Gelehrten verständlich war. Die sizilianische Dichterschule war etwa von 1220 bis 1250 aktiv. Sie diente in zahlreichen Regionen des italienischen Festlands als literarisches Vorbild. Insbesondere das Toskanische wurde hiervon beeinflusst, aus dem sich zunächst der Dolce stil novo und später mit Dante Alighieri und Francesco Petrarca die italienische Schriftsprache entwickelte.
Literatur
- Francesco Avolio, Lingue e dialetti d'Italia, 2012, Carocci editore, Roma, ISBN 978-88-430-5203-5
- Adam Ledgeway: The Dialects of Southern Italy, in: The Oxford Guide to the Romance Language. Oxford Academic, Oxford 2016. S. 246–269. doi:10.1093/acprof:oso/9780199677108.003.0016
- Giuseppe Antonio Martino – Ettore Alvaro, Dizionario dei dialetti della Calabria meridionale, Qualecultura, Vibo Valentia 2010. ISBN 978-88-95270-21-0.
- Gerhard Rohlfs, Nuovo Dizionario Dialettale della Calabria. Longo, Ravenna, 1977, ISBN 88-8063-076-8 (6. Auflage, 2001)
- Gerhard Rohlfs, Dizionario dialettale delle tre Calabrie. Mailand-Halle, 1932–1939.
- Gerhard Rohlfs, Vocabolario supplementare dei dialetti delle Tre Calabrie (che comprende il dialetto greco-calabro di Bova) con repertorio toponomastico. Verl. d. Bayer. Akad. d. Wiss., München, 2 Bände, 1966–1967
- Gerhard Rohlfs, Vocabolario dei dialetti salentini (Terra d'Otranto). Verl. d. Bayer. Akad. d. Wiss., München, 2 Bände (1956–1957) und 1 Supplement (1961)
- Gerhard Rohlfs, Supplemento ai vocabolari siciliani. Verlag der Bayer. Akad. d. Wiss., München, 1977
- Gerhard Rohlfs, Historische Sprachschichten im modernen Sizilien. Verlag der Bayer. Akad. d. Wiss., München 1975
- Gerhard Rohlfs, Studi linguistici sulla Lucania e sul Cilento. Congedo Editore, Galatina, 1988 (traduzione a cura di Elda Morlicchio, Atti e memorie N. 3, Università degli Studi della Basilicata).
- Gerhard Rohlfs: Mundarten und Griechentum des Cilento, in: Zeitschrift für romanische Philologie, 57, 1937, S. 421–461.