Über den Dächern von Jerusalem

Jugendroman von Anja Reumschüssel (2023) From Wikipedia, the free encyclopedia

Über den Dächern von Jerusalem ist der erste Jugendroman von Anja Reumschüssel, er ist 2023 beim Carlsen Verlag erschienen. Die Erzählung thematisiert auf zwei Zeitebenen zwei Geschichten im Rahmen des Nahostkonflikts, in denen jeweils eine Begegnung zwischen zwei jungen Menschen im heutigen Staatsgebiet von Israel, jeweils eine Jüdin und ein Palästinenser, die Haupthandlung bilden. Der Roman wurde überwiegend positiv besprochen und gewann Literaturpreise.

Inhalt

Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen, zum einen im Zeitraum von 1946 bis 1948 und zum anderen zur Entstehungszeit des Werks, also im Jahr 2023.

Handlung

1946 bis 1948

Tessa hat den Holocaust in verschiedenen Konzentrationslagern überlebt, während ihre Mutter und ihr kleiner Bruder dort starben. Nach ihrer Befreiung und mehreren Stationen in Auffanglagern wird Tessa von der Hagana ins britisch verwaltete Palästina geschleust. In Jerusalem lebt ihr Vater, der vor der Deportation flüchten, aber nicht mehr seine Familie nachholen konnte. Sie kommt bei ihm am Abend an, als die Abstimmung über den UN-Teilungsplan für Palästina in den Radios übertragen wird. Ihr Vater ist in der terroristischen Irgun organisiert, die unter anderem 1946 für den Anschlag auf das King David Hotel verantwortlich war, und lebt mit Tessa und anderen Mitgliedern in einer Wohnung, die als Quartier der Vereinigung dient.

Mohammeds Vater wurde bei der Explosion im King David Hotel, wo er arbeitete, getötet. Seitdem ist Mohammed, kurz Mo, als ältester Sohn für die Familie verantwortlich und arbeitet unfern des Damaskustors bei einem Schlachter. Am Tag nach der Verkündung des UN-Teilungsplans geht er mit anderen Arabern auf die Straße, um gegen den jüdischen Staat zu demonstrieren. Hierbei vandalieren sie auch. Als Mo mit einer Eisenstange das Schaufenster eines Geschäfts einschlagen möchte, blickt ihn erschrocken ein Mädchen an, Tessa. Er lässt von seinem Plan ab und geht zurück nach Hause.

Einige Tage später treffen die beiden sich zufällig auf dem Dach des Hauses, in dem Mo lebt. Tessa wohnt im Nachbarhaus und ist über eine Feuerleiter auf das Dach gelangt, um den Blick über die Stadt hin zum Felsendom zu genießen. Die Jugendlichen diskutieren zunächst über die rechtmäßigen Bewohner Palästinas, nähern sich mit der Zeit aber freundschaftlich an, unter anderem da sie ihr Status als Halbwaisen verbindet. Eines Tages erfährt Tessa von einem bevorstehenden Bombenanschlag am Damaskustor. Um Mo bei der Arbeit zu warnen, läuft sie dorthin. Sie hört die Explosion der Fassbombe, kurz danach ist der unverletzte Mo bei ihr. Sie laufen zum Anschlagsgelände, um zu helfen, und Tessa sieht mit Grauen die Opfer.

Kurze Zeit später ist Tessa mehrere Tage krank und kann nicht zum Treffpunkt auf dem Dach gehen. Nach ihrer Genesung trifft sie nicht mehr auf Mo, da dieser weg ist. Tessas Vater überrascht sie damit, dass er ein Haus für die beiden gekauft hat, es stellt sich jedoch heraus, dass es das Haus von Mos Familie ist. Mo war mit seiner Mutter vorübergehend zur Tante nach Bethlehem gezogen. Als er wieder beim gemeinsamen Treffpunkt auftaucht, erfährt er von Tessa, dass sein Onkel das Haus, in dem mehrere Generationen der Familie aufgewachsen waren, heimlich an Tessas Vater verkauft hat. Er und seine Mutter waren davon ausgegangen, wieder zurückzukehren.

Tessa beginnt in einem Kloster im Lazarett zu arbeiten, wo auch viele verwundete Kämpfer beider Lager behandelt werden. In dieser Zeit wird Jerusalem durch die Palästinenser belagert und von der Außenwelt abgeschnitten, so dass die Bevölkerung einen Mangel an Lebensmitteln und medizinischer Ausstattung ertragen muss. Mo bringt Tessa heimlich Essen zu ihrem Treffpunkt auf dem Dach, doch eines Tages taucht er nicht zur verabredeten Zeit dort auf. Kurz darauf trifft sie ihn wieder, er wurde auf dem Weg zu ihr schwer verletzt und ist ohnmächtig mit einer Kopfverletzung in die Krankenstation gekommen, auf der Tessa arbeitet. In der Zeit seiner Genesung wird der Staat Israel ausgerufen. Kurze Zeit später streiten Tessa und Mo sich über die Notwendigkeit eines jüdischen Staats und die Vertreibung der seit Jahrhunderten im Landstrich ansässigen Araber, auch die Rolle beider Seiten bei Anschlägen und Massakern wird hierbei thematisiert. Am Ende des Streits gehen beide ihrer Wege und sehen sich nicht mehr wieder.

2023

Der palästinensische Junge Karim kämpft mit einer Steinschleuder gegen die israelischen Wachtürme an der Mauer des Aida-Flüchtlingscamps, einem Camp für Palästinenser. Anat ist als Soldatin in ebenjenem Wachturm stationiert, wo sie ihn beobachtet.

Kurze Zeit später wird Anat in die Gegend von Ramallah versetzt. Bei einem Einsatz erfüllt sie nicht die Erwartungen ihres Vorgesetzten und sie wird allein im palästinensischen Gebiet ohne ein Kommunikationsmittel zurückgelassen. Sie befürchtet, dass sie in ihrer Uniform ein Ziel für einen palästinensischen Anschlag abgeben könnte und läuft voller Panik hinaus in die Wüste, bis sie im Schatten eines Olivenbaums ausruhen muss. Nach einigen Momenten fällt zu ihren Füßen ein toter Gelbkehlsperling zu Boden. Kurz darauf wird der Vogel eingesammelt und Anat schauen zwei erschrockene Augen an. Es ist Karim, der seinen älteren Bruder Adnan, einen Studenten, besucht und allein in der Wüste herumstreift, um Vögel mit seiner Schleuder zu jagen. Beide vergewissern sich, dass sie voneinander nicht zu befürchten haben. Karim ruft seinen Bruder an, damit dieser für Anat Hilfe für einen sicheren Heimweg organisieren kann. Im Gespräch während der Wartezeit wird klar, dass sie unterschiedliche Sichten auf die Politik ihrer Heimat haben und ein sehr unterschiedliches Leben führen. Nach ein paar Stunden kommt Karims Bruder mit seinem Freund, dem Israeli Yaov, der Anat zurück in das israelische Gebiet fährt.

Nachdem Karim bei einem Protest gegen Israel festgenommen wurde, ist er im Gefängnis Ofer inhaftiert. Nach vier Tagen kommt er unerwartet frei und wird in ein Auto geführt. Darin sitzt Anat, die mittlerweile in ebenjenem Gefängnis aus Tonbandaufnahmen Verhörprotokolle anfertigt, wodurch sie von Karims Aufenthalt erfuhr. Durch gute Beziehungen über ihre konservative Mutter sorgt sie für Karims Freilassung, wodurch Karim und Anat quitt sind. Da es spät ist, fährt Karim mit Anat und ihrer Mutter zu deren Haus, um dort zu übernachten und am nächsten Tag in sein Elternhaus zurückzukehren. Neben Anat und ihrer Mutter trifft er im Haus auch auf Anats Großmutter, die eine recht liberale Einstellung gegenüber den Palästinensern hat und auch Freundschaften zwischen beiden Gruppen akzeptiert. Im Haus fällt Karim zudem ein Ölgemälde des Felsendoms auf, das ihm bekannt vorkommt. Am nächsten Tag nach seiner Rückkehr entdeckt er genau dieses Bild, das gemäß seinem Großvater ein Unikat ist, auf einem alten Foto seiner Urgroßeltern als junges Brautpaar im Hintergrund.

Karim nimmt über Adnan und Yaov Kontakt zu Anat auf. Er erklärt ihr, dass er vermutet, dass sein Großvater Mo in ihrem Elternhaus aufgewachsen ist. Die Geschichte Mos und Erzählungen von Anats Großmutter Tessa decken sich. Aus diesem Grund beschließen Anat und Karim, ihre Großeltern in dem Haus zusammenzubringen. Aufgrund der einflussreichen Beziehungen von Anats Mutter und wegen des Fests des Fastenbrechens, das wenige Tage später begangen wird, kann für Karim und Mo eine Genehmigung beschafft werden, dass diese die eigentlich für Palästinenser gesperrte Altstadt Jerusalems betreten können. Im Haus treffen Tessa und Mo erstmals seit 1948 aufeinander und gehen gemeinsam mit ihren Enkelkindern auf das Dach mit Blick auf den Felsendom und feiern ihre völkerverbindende Freundschaft.

Figuren

Im Nachwort stellt Reumschüssel klar, dass alle Figuren fiktiv sind, während der Roman sich räumlich und zeitlich oftmals an wahren Ereignissen orientiert. Viele Begegnungen der Figuren sind von Zufällen bestimmt, wie es sie wohl nur in einem Buch geben kann.

Die wichtigsten Figuren im Roman sind:

  • Anat, Israeli, Protagonistin der gegenwärtigen Handlung
  • Tessa, Israeli und Holocaustüberlebende, Protagonistin der Handlung in der Vergangenheit und Großmutter von Anat
  • Karim, Palästinenser, Protagonist der gegenwärtigen Handlung
  • Mo(hammed), Palästinenser, Protagonist der Handlung in der Vergangenheit und Großvater von Karim
  • Yael, Israeli, Tochter von Tessa und Mutter von Anat
  • Adnan, Palästinenser, Bruder von Karim, Enkel von Mo

Hintergrund

Anja Reumschüssel lebte als Journalistin ein Jahr im Westjordanland und in Israel. Außerdem besuchte sie die Region mehrfach. Erlebnisse und Geschichten, die sie hier hörte, inspirierten sie zu diesem Roman, mit dem sie sich fürs Brückenbauen und die Versöhnung einsetzt.[1][2]

Der Roman erschien im Februar 2023. Im Herbst desselben Jahres, am 7. Oktober 2023, wurde der Terrorangriff der Hamas auf Israel verübt, in dessen Folge der Krieg in Israel und Gaza begann. Auch aufgrund dieses Ereignisses ist der Inhalt und Botschaft des Romans weiterhin sehr aktuell.[3]

Ausgaben

Deutschsprachig

Gebunden:

  • Anja Reumschüssel: Über den Dächern von Jerusalem. Carlsen, Hamburg 2023, ISBN 978-3-551-58514-1 (336 S.).

Taschenbuch:

  • Anja Reumschüssel: Über den Dächern von Jerusalem. Carlsen, Hamburg 2025, ISBN 978-3-551-32259-3 (352 S.).

Des Weiteren wurde 2024 an der Schweizerischen Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte ein Hörbuch produziert, das von Oriana Schrage gelesen wurde.[4]

Schullektüre

Für den Einsatz des Romans im Unterricht sind unterschiedliche Materialien erhältlich, beispielsweise vom Ernst Klett Verlag für den Religions-, Ethik- und Philosophieunterricht und vom Arbeitskreis für Jugendliteratur für den Deutschunterricht.[5][6]

Rezeption

Auszeichnungen

Kritiken

Monika Rox-Helmer attestiert dem Roman ein kurzweiliges Leseerlebnis, das zwar durch die vielen Zufälle auf den Leser sehr konstruiert wirkt, aber Perspektiven für die israelische und die palästinensische Seite bietet. Trotz des schwierigen Themas des Nahostkonflikts geben die Figuren der Geschichte eine gewisse Leichtigkeit.[11]

Sylvia Schwab kritisiert die schematische Konstruktion, beurteilt den Roman aber in der Gesamtschau als lebendig, einfühlsam und bewegend erzählte Geschichte der vier Protagonistenschicksale.[12]

Einzelnachweise

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