İoanna Kuçuradi
türkische Philosophin
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İoanna Kuçuradi (* 4. Oktober 1936 in Istanbul; † 2. Oktober 2026 ebenda)[1] war eine türkische Philosophin und Menschenrechtstheoretikerin.[2] Sie war Präsidentin der Philosophischen Gesellschaft der Türkei und Professorin an der Maltepe-Universität, an der sie außerdem das Menschenrechtszentrum und den Fachbereich Menschenrechte leitete.[3][4] Im Zentrum ihrer Arbeit standen der Mensch als werteschaffendes Wesen sowie Ethik und Menschenrechte.[5]
Leben und akademische Laufbahn
Kuçuradi stammte aus der griechischen Minderheit der Türkei; ihre Mutter wurde in Çorum und ihr Vater in Istanbul geboren, während die väterliche Familie von der Insel Chios kam.[6] Die griechisch-orthodoxen Einwohner Istanbuls gehörten zu jenen Bevölkerungsgruppen, die von dem 1923 zwischen Griechenland und der Türkei vereinbarten Bevölkerungsaustausch ausgenommen waren.[7]
Am griechischen Mädchengymnasium Zappeion, türkisch Zapyon, las Kuçuradi Platons Kriton und Apologie; nach dem Abitur im Jahr 1954 studierte sie an der Universität Istanbul Philosophie und schloss das Studium 1959 ab.[5][2] Anschließend arbeitete sie dort zunächst als Assistentin Takiyettin Mengüşoğlus und wurde 1965 promoviert; von 1965 bis 1968 lehrte sie an der Atatürk-Universität in Erzurum.[6][2] Im Jahr 1968 wechselte sie an die Hacettepe-Universität, gründete dort 1969 den Fachbereich Philosophie und leitete ihn bis 2003; 1970 wurde sie außerordentliche Professorin und 1978 Professorin.[2] Von 1997 bis 2005 leitete sie das von ihr gegründete Zentrum für Erforschung und Anwendung der Philosophie der Menschenrechte der Universität.[2]
Im Jahr 2006 nahm Kuçuradi ihre Lehrtätigkeit an der Maltepe-Universität auf; seit 2007 leitete sie dort das Zentrum für die Erforschung und Anwendung der Menschenrechte und den Fachbereich Menschenrechte.[3][2] Ab 1998 war sie Inhaberin eines UNESCO-Lehrstuhls für Philosophie und Menschenrechte.[2]
Institutionelles Wirken
1974 gründete Kuçuradi gemeinsam mit weiteren türkischen Philosophen die Philosophische Gesellschaft der Türkei, um Philosophie auch außerhalb der Universitäten zu vermitteln; ab 1980 war sie deren Präsidentin.[8][3] In der Internationalen Föderation Philosophischer Gesellschaften war sie von 1988 bis 1998 Generalsekretärin und von 1998 bis 2003 Präsidentin; ab 2008 war sie Ehrenpräsidentin.[4] Als Präsidentin des 21. Weltkongresses der Philosophie organisierte sie 2003 dessen Austragung in Istanbul.[3]
Von 1975 bis 1997 gehörte Kuçuradi dem Ausschuss für Humanwissenschaften der Türkischen UNESCO-Kommission an, von 2010 bis 2014 deren Fachausschüssen für Philosophie und Menschenrechte.[3] Von 1998 bis 2005 leitete sie überdies das türkische Nationalkomitee der UN-Dekade für Menschenrechtsbildung; ab 2022 gehörte sie dem Vorstand der Türkischen UNESCO-Kommission an und stand deren Fachausschuss für Philosophie vor.[3]
Philosophisches Wirken
Kuçuradi zufolge besitzt der Mensch als Schöpfer von Wissenschaft, Philosophie, Kunst, Technik und Recht einen besonderen Wert, ohne dessen Anerkennung weder Ethik noch Menschenrechte begründbar sind.[5] Ihre Werttheorie fragt, wie derselbe Gegenstand widersprüchlich bewertet werden kann, obgleich alle Urteilenden Richtigkeit beanspruchen.[6] Sie unterscheidet subjektive Wertzuschreibung, übernommene kulturelle Werturteile und sachgerechte Bewertung auf der Grundlage von Wertwissen.[6] Letztere verlangt Verstehen, das Bestimmen der Stellung eines Gegenstands unter vergleichbaren Gegenständen und erst danach ein Urteil über seinen Wert oder seine Richtigkeit; guter Wille allein gewährleistet kein wertvolles Handeln.[6]
Menschenwürde bestimmte Kuçuradi als Bewusstsein vom Wert des Menschseins, welches durch das eigene Handeln gegenüber anderen gewahrt oder verletzt werde.[9] Menschenrechte waren für sie daher keine bloßen Rechtsnormen, sondern ethische Handlungsprinzipien, aus denen Recht und rechtliche Begründungen abzuleiten seien.[10][11]
Philosophie soll zudem politisch folgenreich vermischte Begriffe klären, besonders das zum Sammelbegriff gewordene Wort „Wert“.[12] Bildung soll neben Erkenntnisfähigkeiten auch ethische Fähigkeiten, eigenständiges Denken und das Erkennen von Zusammenhängen entwickeln.[13][9] Dies setzte sie durch Philosophieangebote für Kinder, Philosophieolympiaden und Lehrprogramme zur menschenrechtlichen Fundierung des Rechts um.[8]
Veröffentlichungen als Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin (Auswahl)
- Schopenhauer ve İnsan. Yankı Yayınları, Istanbul 1968
- İnsan ve Değerleri. Yankı Yayınları, Istanbul 1971
- Sanata Felsefeyle Bakmak. Şiir-Tiyatro Yayınları, Ankara 1979
- als Herausgeberin: The Idea and the Documents of Human Rights. (= Ideas Underlying World Problems, Band 3). Philosophical Society of Turkey für die International Federation of Philosophical Societies, Ankara 1995[14]
- Immanuel Kant: Ahlâk Metafiziğinin Temellendirilmesi. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Übersetzung von İoanna Kuçuradi. Türkiye Felsefe Kurumu, Ankara 1995, 2. Auflage[15]
- Çağın Olayları Arasında. Ayraç Yayınevi, Ankara 1997
- als Herausgeberin: Yüzyılımızda İnsan Felsefesi: Takiyettin Mengüşoğlu'nun Anısına. Türkiye Felsefe Kurumu, Ankara 1997
- mit Nermin Yavlal-Gedik als Herausgeberinnen: Ethics of the Professions: Medicine, Business, Media, Law. Springer, Berlin/Heidelberg 1999[16]
- als Herausgeberin: Human Rights in Turkey and the World in the Light of Fifty-year Experience. Hacettepe Üniversitesi Yayınları, Ankara 2002[17]
- Human Rights: Concepts and Problems. LIT, Zürich 2013[10]
Auszeichnungen
- 1996: Goethe-Medaille[2]
- 1996: Ehrendoktorin der Universität Kreta[2]
- 1996: Preis der Türkischen Akademie der Wissenschaften[2]
- 2000: Ehrendoktorin der Universität Ricardo Palma in Lima[2]
- 2000: Preis für Pressefreiheit des Journalistenverbandes der Türkei[2]
- 2001: Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland[2]
- 2003: Mustafa-N.-Parlar-Preis für wissenschaftliche Leistungen[2]
- 2003: Aristoteles-Medaille der UNESCO[2]
- 2024: Aydın-Doğan-Preis[11]