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Œuvre de secours aux enfants

Hilfsorganisation From Wikipedia, the free encyclopedia

Die gemeinnützige Organisation Œuvre de secours aux enfants (OSE) wurde am 7. August 1912 in Sankt Petersburg von Ärzten zum Schutz kranker jüdischer Kinder gegründet[1] und hatte bald in vielen europäischen Ländern Niederlassungen. Im Jahr 1921 wurde sie in Russland verboten, da sie sich einer staatlichen jüdischen Dachorganisation nicht unterordnen wollte und deshalb aus ihr ausgetreten war.[2] Im Jahr 1923 hatte die Organisation ihren Sitz in Berlin unter dem Ehrenvorsitz von Albert Einstein. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde ihr Sitz nach Paris verlegt.

Junge befreite jüdische Kinder, die aus den Fenstern eines Zuges lehnen, der vom Konzentrationslager Buchenwald kommt. Der Zug mit der Aufschrift „Hitler kapout“ transportierte die Kinder zu einem OSE-Heim in Écouis, Frankreich.

Nach der deutschen Besetzung Nordfrankreichs wurde der Sitz im Jahr 1940 nach Vichy-Frankreich verlegt, 1943 dann nach Genf in die Schweiz. Seit 1950 befindet sich der Hauptsitz wieder in Paris.

Schwesterorganisationen der OSE sind die im Jahr 1880 in St. Petersburg gegründete jüdische Gesellschaft für handwerkliche und landwirtschaftliche Arbeit Organisation, Reconstruction, Travail (ORT)[3] sowie die bedeutende US-amerikanische Hilfsorganisation American Jewish Joint Distribution Committee, kurz Joint.[4]

Name

Die Organisation wurde ursprünglich mit dem Namen (russ.:) "Obshchestvo okhraneniia zdorov’ia evreiskogo naseleniia"[5] gegründet und bald umbenannt in "Obščestvo Zdravoochranenija Evreev" („OZE“ – Organisation für den Schutz der Gesundheit der Juden).

Die heutige Abkürzung des Namens leitet sich aus der Beschreibung der Tätigkeit der Organisation Œuvre de secours aux enfants (etwa: „Kinderhilfswerk“ oder „Kinderhilfe-Gesellschaft“) ab. Gleichzeitig bildet „OSE“ ein Akronym, da die Organisation die Aussprache der Abkürzung „OSE“ wie bei „osé“ (franz.: „oser“ – wagen, sich zutrauen) vornimmt.[6]

Aufgaben vor dem und während des Zweiten Weltkriegs

UGIF (L’Union générale des israélites de France), 1942.

Der französische Zweig der OSE gliederte sich nach der deutschen Besetzung Frankreichs in die "Union générale des israélites de France" ein. Er wurde zur dritten Gesundheitsorganisation der UGIF. Sie wurde damit die wichtigste Organisation zur Rettung jüdischer Kinder in Frankreich.[7][8]

Bis zum Jahr 1933 führte der deutsche Zweig der OZE ein relativ normales Vereinsleben, z. B. gab es am 12. Februar 1927 im Logenhaus Berlin einen Wohltätigkeitsball zugunsten seiner Aktivitäten; angeboten wurden Vorträge in russischer Sprache (z. B. Der Kampf gegen die Tuberkulose oder Das OZE und die Aufgaben der jüdischen Gesundheitsvorsorge, beide 1927).[9]

Am 11. November 1922 feierte die OZE im Logenhaus Berlin den 10. Jahrestag ihres Bestehens. Es gab Vorträge von dem OZE-Mitgründer in Russland, Moisei M. Gran: „10 Jahre OZE“ und von Philipp Maksovič Bljumental': »Evrejstvo pered licom boleznej i smerti« (=Das Judentum im Angesicht von Krankheit und Tod),[10] und ein Konzert. Am 27. August 1923 führte OZE in Berlin eine „Erste Weltkonferenz zum jüdischen Gesundheitswesen“ durch.

In der Zeit der politischen Repressionen gegen Juden in Deutschland und Österreich betreute OSE in Frankreich viele jüdische Kinder, die aus Deutschland und Österreich fliehen mussten. Im Frühjahr 1942 befanden sich 1349 Kinder in OSE-Häusern. Unter maßgeblicher Verantwortung des russisch-französischen Psychiaters und Philosophen Eugène Minkowski wurden von diesen 311 Kinder über Lissabon in die USA geschickt.

Vom April 1943 bis 1944 wurde ein „Schmuggel“ von Kindern in der Schweiz organisiert, um besonders gefährdete Kinder zu schützen. Kinder wurden in Heimen befreundeter Hilfsorganisationen oder bei Privatpersonen untergebracht. OSE war auch im August 1942 maßgeblich an der „Nacht von Vénissieux“ beteiligt, bei der 108 Kinder aus dem Anhaltelager gerettet wurden.

Es wird geschätzt, dass OSE insgesamt etwa 5000 Kinder vor den Nazis gerettet hat.

Dem Reichssicherheitshauptamt galt OSE im Zusammenhang der Maßnahmen gegen Juden im „Altreich“ als feindliche Organisation, zumal sie eine Ortsgruppe in Berlin und bis zum Einmarsch der Deutschen eine solche in Danzig hatte.[11]

Aufgaben nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Krieg wurden auch Kinder und Jugendliche als Überlebende aus den Konzentrationslagern, als minderjährige Displaced Persons oder als Waisen jüdischer Eltern, weiter betreut. Zum Beispiel hat OSE ihre Emigration nach Israel organisiert, oft zusammen mit anderen karitativen Trägern.[12] In den 1960er Jahren wurden Kinder aus Ägypten und Nordafrika versorgt. Heute kümmert sich OSE um kranke und behinderte Kinder.

Mitarbeiter

Von 1980 bis 1985 war Vivette Samuel Generalsekretärin der OSE.[13] Ab 2003 ist Jean-François Guthmann Präsident, Geschäftsführerin ist Patricia Sitruk. Das OSE hat etwa 650 Mitarbeiter und 100 ehrenamtliche Unterstützer.[14]

Historisch spielte der Immunologe Alexandre Besredka, ein Arzt russischer Herkunft in Paris, eine wichtige Rolle in der OSE der Zwischenkriegszeit.[15]

Liste von OSE-Kinderheimen während des Zweiten Weltkriegs (Auswahl)

Das Château de Chabannes war ein Kinderheim von OSE in Chabannes (Saint-Pierre-de-Fursac) in Vichy-Frankreich, in dem etwa 400 jüdische Flüchtlingskinder durch den damaligen Direktor, Félix Chevrier, und durch das Lehrerkollegium vor dem Holocaust gerettet wurden. 1999 im DokumentarfilmThe Children of Chabannes“ von Lisa Gossels und Dean Wetherell dokumentiert (Filmmusik von Patrice Mestral).

Nach den Novemberpogrome 1938 erlaubte die französische Regierung die Aufnahme von 200 jüdischen Kindern aus dem Deutschen Reich. Die Federführung für die darauf basierenden Rettungsaktionen lag beim Comité Israélite pour les Enfants venant d’Allemagne et de l’Europe Centrale (CIE), das eng mit der OSE zusammenarbeitete. Ein Teil der Kinder, etwa 130, wurde von März 1939 bis Mai 1940 in dem der Familie von Édouard und Germaine de Rothschild gehörenden Château de la Guette in Villeneuve-Saint-Denis untergebracht, die übrigen Kinder in den ersten Heimen der OSE, der Villa Helvetia und dem Schloss La Chesnaie. Die Kinder aus dem Château de la Guette wurden 1940 in OSE-Heime verlegt.

Die ab dem zeitigenFrühjahr 1939 eingerichteten OSE-Kinderheime befanden sich meist in aufgelassenen Schlössern und Villen (Beispiele):[16]

Versteckte jüdische Kinder in Frankreich 1939–1945

Auf Ancestry steht eine Datenbank zur Verfügung, die auf einer Sammlung von OSE-Dokumenten aufbaut und es ermöglicht, nach jüdischen Kindern zu suchen, die während des Zweiten Weltkriegs von der OSE betreut, versteckt oder in sichere Länder gebracht werden konnten.[25]

Literatur

  • Michèle Becquemin: Une institution juive dans la République, l’Oeuvre de Secours aux Enfants : pour une histoire du service social et de la protection de l’enfance. Éd. Pétra, Paris 2013, ISBN 978-2-84743-058-5.
  • Laura Hobson Faure: L’œuvre de secours aux enfants et les populations juives au XXe siècle : prévenir et guérir dans un siècle de violences. Colin, Paris 2014, ISBN 978-2-200-28546-3.
  • Katy Hazan: Le sauvetage des enfants juifs pendant l'Occupation, dans les maisons de l'OSE, 1938–1945 – Rescuing Jewish children during the Nazi occupation: OSE children’s homes, 1938–1945. Somogy Ed. d’Art, Paris 2008, ISBN 978-2-7572-0219-7.
  • Fanny Ben-Ami: Le journal de Fanny. Aus dem Ivrit von Benjamin Ben-Ami. Livre de Poche Jeunesse. Hachette, Paris 2015, ISBN 2-01-249013-1.[26]
  • Marion Feldman, Katy Hazan: Histoires secrètes. Les enfants juifs et l’Assistance publique. In Press, 2017
  • Charles Waserscztajn: Sauvé d’Auschwitz par l’assistance publique. (Zeitzeuge, selbst ein enfant caché) éd. du Cercil, 2016
  • Bjuleten fun ṣenṭral-bjuro fun der Gezelšafṭ ṣu farhiṭn di gezundhajt fun der idišer bafelqerung, Oze (in Yiddisch) (= Bulletin des Zentralbüros der Gesellschaft zur Bewahrung der Gesundheit für die jüdische Bevölkerung, OZE). Verlagsort Berlin
  • Society for the Protection of the Health of the Jews: Les enfants de Buchenwald. Union OSE, Genf 1947
  • Periodikum: Ose-Rundschau: Zeitschrift der Gesellschaft für Gesundheitsschutz der Juden "Ose" e. V. (The Ose Review). Hg. Gesellschaft für Gesundheitsschutz der Juden. Verlag Ose-Rundschau, Berlin. Belegte Ausgaben 1926–1933
  • Kerstin Muth: Versteckte Kinder. Trauma und Überleben der "Hidden children" im Nationalsozialismus. Psychosozial, Göttingen 2004, ISBN 3-89806-937-0, S. 12.
  • Brigitte und Gerhard Brändle: Jüdische Kinder im Lager Gurs: Gerettete und ihre Rretter*innen, herausgegeben von der IRG Baden, Karlsruhe 1920. (Online)

Einzelnachweise

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