Α-Angelicalacton

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α-Angelicalacton ist ein bei der trockenen Destillation (Thermolyse) der Plattformchemikalie Lävulinsäure entstehendes ungesättigtes alkyliertes γ-Lacton, das als Aromastoff und Duftstoff, als chemisches Zwischenprodukt und in Versuchen zur Enzyminduktion von Glutathion-S-Transferasen Verwendung findet.

Schnelle Fakten Strukturformel, Allgemeines ...
Strukturformel
Strukturformel von alpha-Angelicalacton
Allgemeines
Name α-Angelicalacton
Andere Namen
  • 5-Methylfuran-2(3H)-on (IUPAC)
  • 4-Hydroxy-3-pentensäure-γ-lacton
  • γ-Methyl-γ-butenolid
  • 5-METHYLFURANONE (INCI)[1]
Summenformel C5H6O2
Kurzbeschreibung

weiße, nadelige Kristalle[2] bzw. klare farblose[3] bis hellgelbe[4] Flüssigkeit

Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer 591-12-8
EG-Nummer 209-701-8
ECHA-InfoCard 100.008.821
PubChem 11559
ChemSpider 11071
Wikidata Q15726097
Eigenschaften
Molare Masse 98,10 g·mol−1
Aggregatzustand

flüssig

Dichte
Schmelzpunkt
Siedepunkt
Dampfdruck

52,3 Pa (25 °C)[7]

Löslichkeit
Brechungsindex

1,446–1,449 (20 °C, 589 nm)[4]

Sicherheitshinweise
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung[3]
keine GHS-Piktogramme

H- und P-Sätze H: keine H-Sätze
P: keine P-Sätze[3]
Toxikologische Daten
Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen (0°C, 1000 hPa). Brechungsindex: Na-D-Linie, 20 °C
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Vorkommen und Darstellung

α-Angelicalacton wird in der Natur in Mandeln, Kaffee, Rosinen, Cranberries, Kokosnüssen, Sojabohnen, sowie in Weißbrot und Lakritz gefunden.[8]

Die bereits 1883 von Ludwig Wolff beobachtete[9] und 1885 ausführlich berichtete chemische Synthese erfolgt durch langsame Destillation von Lävulinsäure unter Normaldruck[6] oder durch Vakuumdestillation von Lävulinsäure bei Temperaturen von 150 bis 175 °C unter Wasserabspaltung zu α-Angelicalacton in 90%iger Ausbeute, wobei weniger als 5 % des β-Isomeres (Sdp. 205–208 °C[6]) gebildet werden.[10] Die endotherme und säurekatalysierte Reaktion verläuft über die intermediär entstehende so genannte Pseudolävulinsäure[11] und liefert neben geringen Mengen des β-Isomeres fast ausschließlich α-Angelicalacton.[12]

Destillation von Lävulinsäure in Gegenwart von konzentrierter Phosphorsäure im Vakuum liefert mit 95 % die höchste Ausbeute an α-Angelicalacton.[13]

Die Konstitution der α- und β-Isomere des Angelicalactons wurden von J. Thiele bereits 1901 nachgewiesen.[14] Größere Anteile des β-Isomers können bei der Thermolyse von Lävulinsäure bei höheren Temperaturen erzeugt werden.[6]

Ein auch als α'-Angelicalacton (γ-Methylen-γ-valerolacton) mit exocyclischer Doppelbindung bezeichnetes Isomer des α-Angelicalactons ist aus 4-Pentinsäure mit Quecksilber(II)-acetat in Methylenchlorid in 74%iger Ausbeute zugänglich.[15]

Synthese von Methylen-γ-Valerolacton
Synthese von Methylen-γ-Valerolacton

Eigenschaften

Das frisch destillierte α-Angelicalacton liegt als wasserklare Flüssigkeit vor, die sich nach einigen Tagen bei Raumtemperatur gelb färbt.[6] Der bei Abkühlung als lange Nadeln auskristallisierende Feststoff sublimiert bei Raumtemperatur.[6] Geruch und Geschmack des α-Angelicalactons werden als süß, ölig, (kokos)nussig, coumarin- und tabakartig beschrieben.[8]

Das Lacton löst sich wenig in Wasser, ist aber gut löslich in vielen organischen Lösungsmitteln. α-Angelicalacton isomerisiert leicht in das β-Isomere, das wegen seiner konjugierten Doppelbindungen eine wenig höhere Stabilität besitzt.[16][12]

Als ungesättigtes Dihydrofuranon addiert α-Angelicalacton Brom zum entsprechenden Dibrom-γ-valerolacton oder Chlorwasserstoff zum Monochlor-γ-valerolacton.[6]

Verwendung

Hydrierung zu γ-Valerolacton und 2-Methyltetrahydrofuran

Hydrierung von α-Angelicalacton an einem Kupferchromit-Kontakt bei 150 °C[13] oder in ionischen Flüssigkeiten, wie z. B. 1-Butyl-3-methylimidazolium-hexafluorophosphat ([Bmim]PF6) mit einem Palladium auf Kohlenstoff-(Pd/C)-Katalysator bei Raumtemperatur[17] liefert bei vollständiger Umsetzung mit fast 100%iger Selektivität γ-Valerolacton, ebenso wie die lösemittelfreie Hydrierung in einem Ruthenium auf Kohlenstoff- (Ru/C)-Katalysator bei Normaldruck, die in einer Eintopfreaktion unter Wasserabspaltung zu 2-Methyltetrahydrofuran (2-MTHF) weitergeführt werden kann.[18]

Hydrierung von α-Angelicalacton zu γ-Valerolacton und 2-Methyl-THF
Hydrierung von α-Angelicalacton zu γ-Valerolacton und 2-Methyl-THF

Sowohl γ-Valerolacton[19] als auch 2-MTHF[19][20] werden neuerdings als alternative biogene Kraftstoffe oder Kraftstoffadditive bzw. als Lösungsmittel[21] diskutiert.

Die Hydrierung von α-Angelicalacton bei hohen Temperaturen (240 °C) an Kupferchromit erzeugt 1,4-Pentandiol.[13]

Lävulinsäureester durch Ringöffnung

Aus α-Angelicalacton lassen sich mit Alkoholen unter Ringöffnung und Katalyse mit sauren Ionenaustauschern, wie z. B. sulfoniertem Polystyrol (Amberlyst 15) oder sulfonierten Polytetrafluorethylen (Nafion) Ester der Lävulinsäure darstellen.[22]

Darstellung von Butyllävulinat aus α-Angelicalacton
Darstellung von Butyllävulinat aus α-Angelicalacton

Statt der Ionenaustauscherharze lassen sich auch unlösliche und daher leicht abtrennbare, cholinmodifizierte Polyoxometallate (Heteropolysäuren) einsetzen.[23] Auch die Ester der Lävulinsäure finden neuerdings als alternative biogene Kraftstoffe oder Kraftstoffadditive Interesse.

Amidierung und Decarbonylierung

Durch Umsetzung von α-Angelicalacton mit primären Aminen in wässrigem Medium und anschließender Hydrierung sind 5-Methyl-N-alkyl-2-pyrrolidone zugänglich.

Synthese von 5-Methyl-N-alkyl-pyrrolidonen aus α-Angelicalacton
Synthese von 5-Methyl-N-alkyl-pyrrolidonen aus α-Angelicalacton

Bei der Reaktion mit Methylamin entsteht auf der ersten Stufe 5-Hydroxy-1,5-dimethyl-2-pyrrolidon, aus dem unter Wasserabspaltung 5-Methylen-N-alkyl-2-pyrrolidon[24] entsteht, das zum gesättigten Pyrrolidon hydriert wird. Wie das überwiegend aus fossilen Rohstoffen industriell hergestellte N-Methylpyrrolidon eignet sich 5-Methyl-N-methylpyrrolidon als aprotisch dipolares Lösungsmittel für eine Vielzahl technischer Anwendungen.

Decarbonylierung von α-Angelicalacton bei 130–250 °C in Gegenwart saurer Silikat-Katalysatoren liefert den vielseitigen Molekülbaustein (engl. building block) – z. B. für Vitamin AMethylvinylketon, der zu dem wichtigen Keton Butanon hydriert werden kann.[12]

Dimere des α-Angelicalactons

Bei Erhitzen von α-Angelicalacton im Alkalischen, z. B. mit Triethylamin, Kaliumhydroxid[25] oder mit wasserfreiem Kaliumcarbonat entstehen fast quantitativ (94 %) Dimere des Angelicalactons,[26] die in hoher Ausbeute (88 %) zu verzweigten, als Benzinersatz diskutierten C7- bis C10-Alkanen hydriert werden können.[27]

Synthese von Isodecan aus Lävulinsäure
Synthese von Isodecan aus Lävulinsäure

Polymere mit α-Angelicalacton

Das ungesättigte Lacton α-Angelicalacton kann als disubstituiertes Vinylacetat betrachtet werden, das mit starken Lewis-Säuren, wie z. B. Bortrifluoriddiethyletherat, oder durch lange UV-Bestrahlung an der (wenig reaktiven) Doppelbindung zu klebrigen, dunkelrot gefärbten Oligomeren (n = 8–9) polymerisiert werden kann.[28][29]

Kationische Polymerisation von α-Angelicalacton
Kationische Polymerisation von α-Angelicalacton

Mit Polymerisationsinitiatoren für die radikalische Polymerisation, wie z. B. Benzoylperoxid oder Acetonperoxid lässt sich α-Angelicalacton nicht polymerisieren.[29]

Wie andere Lactone, z. B. Caprolacton, kann α-Angelicalacton unter Ringöffnung mit basischen Katalysatoren, wie z. B. Natriumhydroxid oder Kalium-tert-butanolat, zu niedrigmolekularen (MW bis 20k) homopolymeren Polylactonen polymerisiert werden.[29][30] Die Polymeren sind innerhalb 180 Tagen im Boden bioabbaubar.

Ringöffnende Polymerisation von α-Angelicalacton
Ringöffnende Polymerisation von α-Angelicalacton

Relativ gut bioabbaubare Copolymere von α-Angelicalacton mit Styrol, Caprolactam oder Methylmethacrylat mit brauchbaren Molmassen und mechanischen Eigenschaften sind ebenfalls beschrieben.[31]

Physiologische Effekte des α-Angelicalactons

Wegen seiner geschmacklichen und olfaktorischen Eigenschaften wird α-Angelicalacton als Aroma- und Duftstoff in der Lebensmittelindustrie eingesetzt. In den USA ist α-Angelicalacton als Lebensmittelzusatzstoff GRAS (englisch generally recognized as safe) zertifiziert.[8]

In mehreren Tierstudien wurde ein tumorhemmender Effekt von α-Angelicalacton durch Steigerung der Aktivität des entgiftenden Enzyms Glutathion-S-Transferase[32][33] und UDP-Glucuronosyltransferase[34] gefunden.

Einzelnachweise

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