(720) Bohlinia
Asteroid des Hauptgürtels
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(720) Bohlinia ist ein Asteroid des äußeren Hauptgürtels, der am 18. Oktober 1911 vom deutschen Astronomen Franz Kaiser an der Großherzoglichen Bergsternwarte in Heidelberg bei einer Helligkeit von 12,8 mag entdeckt wurde. Nachträglich konnte festgestellt werden, dass das Objekt bereits am 1. März 1894 an der Privatsternwarte von Max Wolf in Heidelberg sowie jeweils mehrfach im März 1899, im September/Oktober 1901 und im August und Oktober 1906 an der Großherzoglichen Bergsternwarte fotografiert worden war.
| Asteroid (720) Bohlinia | |
|---|---|
| Berechnetes 3D-Modell von (720) Bohlinia | |
| Eigenschaften des Orbits Animation | |
| Orbittyp | Äußerer Hauptgürtel |
| Große Halbachse | 2,890 AE |
| Exzentrizität | 0,018 |
| Perihel – Aphel | 2,837 AE – 2,943 AE |
| Neigung der Bahnebene | 2,350° |
| Länge des aufsteigenden Knotens | 35,6° |
| Argument der Periapsis | 102,9° |
| Zeitpunkt des Periheldurchgangs | 23. April 2026 |
| Siderische Umlaufperiode | 4 a 334 d |
| Mittlere Orbitalgeschwindigkeit | 17,52 km/s |
| Physikalische Eigenschaften | |
| Mittlerer Durchmesser | 33,7 km ± 1,4 km |
| Albedo | 0,20 |
| Rotationsperiode | 8 h 55 min |
| Absolute Helligkeit | 9,7 mag |
| Spektralklasse (nach Tholen) |
S |
| Spektralklasse (nach SMASSII) |
Sq |
| Geschichte | |
| Entdecker | Franz Kaiser |
| Datum der Entdeckung | 18. Oktober 1911 |
| Andere Bezeichnung | 1901 TE, 1911 UL, 1948 DD, 1951 XH1 |
| Quelle: Wenn nicht einzeln anders angegeben, stammen die Daten vom JPL Small-Body Database. Die Zugehörigkeit zu einer Asteroidenfamilie wird automatisch aus der AstDyS-2 Datenbank ermittelt. Bitte auch den Hinweis zu Asteroidenartikeln beachten. | |
Der Asteroid ist benannt zu Ehren des schwedischen Astronomen Karl Petrus Theodor Bohlin (1860–1939), der an Berechnungen der Bahnstörungen des Jupiter auf die Kleinplaneten arbeitete. Bror Ansgar Asplind, der 1925 mit der Bohlinschen Methode eine Bahnbestimmung dieses Asteroiden ausführte, erklärte: „Dieser zur »Koronis-Gruppe« gehörende Planet… hat unter Zustimmung des Entdeckers Dr. Fr. Kaiser, als Ehrung für Prof. Karl Bohlin in Stockholm zu seinem 65. Geburtstage (30. Okt. 1925) für seine großen Verdienste auf dem Gebiet der Kleinen Planeten, insbesondere für seine Arbeiten zur gruppenweisen Berechnung der allgemeinen Störungen, den Namen »Bohlinia« erhalten.“[1]
(720) Bohlinia ist eines der größeren Mitglieder der Koronis-Familie, einer sehr zahlreichen Gruppe von Asteroiden, die durch eine kollisionsbedingte Zerstörung des Vorgängerkörpers von (158) Koronis entstanden.
Wissenschaftliche Auswertung
Aus Ergebnissen der IRAS Minor Planet Survey (IMPS) wurden 1992 erstmals Angaben zu Durchmesser und Albedo für zahlreiche Asteroiden abgeleitet, darunter auch (720) Bohlinia, für die damals Werte von 33,7 km bzw. 0,20 erhalten wurden.[2] Eine Auswertung von Beobachtungen durch das Projekt NEOWISE im nahen Infrarot führte 2012 zu vorläufigen Werten für den Durchmesser und die Albedo im sichtbaren Bereich von 38,8 km bzw. 0,13, diese Angaben beinhalten aber hohe Unsicherheiten.[3]
Photometrische Messungen des Asteroiden fanden erstmals statt vom 13. bis 16. Mai 1986 am McDonald-Observatorium in Texas. Aus der aufgezeichneten Lichtkurve wurde zunächst eine Rotationsperiode von 14,49 h abgeleitet.[4] Auf der Grundlage neuer Beobachtungen im März/April 1987, September 1989 und Mai 1993 am gleichen Ort sowie im März 1992 am Wallace Astrophysical Observatory (WAO) in Massachusetts konnte jedoch ein korrigierter Wert für die Rotationsperiode von 8,90 h ermittelt werden.[5] Nach weiteren Messungen im April 1993 und von Juli bis Oktober 1999 am WAO sowie von Oktober bis Dezember 1999 am Foggy Bottom Observatory der Colgate University in New York wurde die Rotationsperiode noch genauer zu 8,919 h bestimmt.
Dabei konnte in einer Untersuchung von 2003 auch erstmals unter Verwendung der archivierten Daten der früheren Beobachtungen ein dreidimensionales Gestaltmodell des Asteroiden für zwei alternative Rotationsachsen mit prograder Rotation und einer Periode von 8,9186 h berechnet werden.[6] Eine weitere Untersuchung von 2003 in der Ukraine leitete aus Daten von 1983 bis 1993 für (720) Bohlinia eine Rotationsperiode von 8,9203 h sowie eine Position für die Rotationsachse mit prograder Rotation und die Achsenverhältnisse eines dreiachsig-ellipsoidischen Gestaltmodells ab.[7]
Im Jahr 2021 wurde aus archivierten Daten und photometrischen Messungen von Gaia DR2 erneut ein dreidimensionales Gestaltmodell des Asteroiden für eine Rotationsachse mit prograder Rotation und einer Periode von 8,91861 h berechnet.[8] Zwischen 2012 und 2018 wurden mit der All-Sky Automated Survey for Supernovae (ASAS-SN) auch photometrische Daten von 20.000 Asteroiden aufgezeichnet. Auf mehr als 5000 davon konnte erfolgreich die Methode der konvexen Inversion angewendet werden, darunter auch (720) Bohlinia, für die in einer Untersuchung von 2021 ein verbessertes dreidimensionales Gestaltmodell für zwei alternative Rotationsachsen mit prograder Rotation und einer Periode von 8,9186 h berechnet wurde.[9]
Abschätzungen von Masse und Dichte für den Asteroiden (720) Bohlinia aufgrund von gravitativen Beeinflussungen auf Testkörper führten in einer Untersuchung von 2012 zu einer Masse von etwa 59,7·1015 kg und mit einem angenommenen Durchmesser von etwa 35 km zu einer Dichte von 2,74 g/cm³ bei einer Porosität von 17 %. Die Werte besitzen eine Unsicherheit im Bereich von ±20 %.[10]
Siehe auch
Weblinks
- (720) Bohlinia beim IAU Minor Planet Center (englisch)
- (720) Bohlinia in der Small-Body Database des Jet Propulsion Laboratory (englisch).
- (720) Bohlinia in der Datenbank der „Asteroids – Dynamic Site“ (AstDyS-2, englisch).
- (720) Bohlinia in der Database of Asteroid Models from Inversion Techniques (DAMIT, englisch).