Abodiacum
Ort in Vindelicien
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Abodiacum ist der Name eines frühkaiserzeitlichen römischen Kastells, eines früh- und mittelkaiserzeitlichen Vicus und einer spätantiken Befestigungsanlage auf dem Gebiet von Epfach, einem Gemeindeteil von Denklingen im oberbayerischen Landkreis Landsberg am Lech.
| Abodiacum | |
|---|---|
| Alternativname | Kastell Epfach |
| Limes | rückwärtiges Kastell des raetischen Limes |
| Datierung (Belegung) | A) augusteisch bis 50 u. Z. B) Tetrarchie bis 1. Hälfte 5. Jahrhundert |
| Typ | A) Numeruskastell B) spätantike Festung |
| Größe | A) 0,25 ha B) 0,7 ha |
| Bauweise | A) Holz-Erde-Lager B) Steinkastell |
| Erhaltungszustand | Bodendenkmal |
| Ort | Epfach |
| Geographische Lage | 47° 54′ 51,8″ N, 10° 54′ 56,5″ O |
| Höhe | 646 m ü. NHN |

Quellen, Lage und Forschungsgeschichte
Der Name Abodiacum ist aus der Antike mehrfach überliefert. Sowohl als Auodiaco und Abodiaco auf der Tabula Peutingeriana,[1] als Abuzaco im Itinerarium Antonini,[2] als auch in der griechischen Schreibung Ἀβουδίακον in der Geographike Hyphegesis des Claudius Ptolemäus[3] findet er Erwähnung.[4]
Der im wahrsten Sinne des Wortes hervorspringende Punkt in diesem Abschnitt des Lechtals, der auch die Römer anzog, ist die rund 170 m lange, 50 m breite und 15 m steil zur Talsohle hin abfallende Kuppe des „Lorenzbergs“, der von der Schleife des Flusses umschlungen wird. Seine Namen trägt der Berg nach den dort wohl schon seit dem 5./6. Jahrhundert stehenden Vorgängerbauten der rezenten Lorenzkapelle. Das Innere des Berges besteht aus Flinz, auf dem sich eine bis zu fünf Metern mächtige Schicht von Sedimenten, Anschwemmungen durch den Lech mit sandigen Kiesbändern und feinen lehmigen Sandschichten abgelagert hat. Diese Ablagerungen förderten auch die natürliche Erhaltungsbedingungen der römischen Siedlungsspuren.[5]
In antiker Zeit befand sich dort ein verkehrsgeographisch neuralgischer Punkt an dem sich die von Cambodunum (Kempten) über Bratananium (Gauting) nach Iuvavum (Salzburg) führende römische Fernstraße – eine alte Salzstraße – mit der von der Poebene bis zur Donau verlaufenden Via Claudia Augusta kreuzte.[6] Zwischen Foetes (Füssen) und Augusta Vindelicorum (Augsburg) war Abodiacum die bedeutendste Garnison an der Via Claudia Augusta.[4]
Die Fundstelle war schon seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekannt und bereits 1830 hatte der Schongauer Landrichter Lorenz Boxler dort römische Kleinfunde gemacht und 1831 darüber publiziert.[7] Im 3. Band des Corpus Inscriptionum Latinarum (CIL) wurden 1873 ein paar Töpferstempel auf Terra sigillata aus Epfach publiziert, davon drei italischer Provenienz.[8] Italische und frühsüdgallische Sigillatastempel, sowie eine frühkaiserzeitliche Fibel vom „Lorenzberg“ wurden auch in einem 1892 erschienene Katalog des Bayerischen Nationalmuseums abgebildet. In den Jahren zwischen 1953 und 1954 sowie 1956 und 1957 wurde unter der Leitung von Joachim Werner der „Lorenzberg“ archäologisch erforscht.[9][10]
Archäologische Befunde
Frühkaiserzeitliches Kastell
Ursprung der Besiedlung am „Lorenzberg“ war ein wohl im Kontext des Alpenfeldzugs unter Drusus und Tiberius im Jahr 15 v. u. Z. im Osten des Hügels errichtetes, 0,25 ha kleines Kastell, in dem ein Numerus in maximal der Stärke zweier Centurien, also mit rund 140 bis 160 Soldaten stationiert war. Das Fundmaterial weist auf eine gemischte Vexillation aus Infanteristen einer namentlich unbekannten Legion und Kavalleristen einer namentlich ebenfalls nicht bekannten Auxiliareinheit.[11]
Für die Datierung auf das 15 v. u. Z. sprechen Keramikfunde aus dem letzten Jahrzehnt des ersten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung. Bei den Ausgrabungen der 1950er Jahre konnten zahlreiche Spuren von Bauten in Pfosten- und Schwellbalkenbauweise, Gruben und Reste von Kulturschichten freigelegt werden, ohne dass sich jedoch ein klarer Befundzusammenhang ergebe hätte. Spuren einer Umwehrung konnten nicht ausfindig gemacht werden. Die Befundlage war ohnehin kompliziert, da jüngere Bauten und Bodeneingriffe Vieles von der älteren Bebauung zerstört hatten.[4][9][10][11]
Ab 50 u. Z. war das Kastell vermutlich strategisch überflüssig geworden und wurde aufgelassen. Da das Umland inzwischen sicher genug war, entstand auf der Lechterrasse ein Vicus, in dem sich Handwerker, Händler und Dienstleister niederließen. Er erhielt den Namen Abodiacum.
Vicus
Ohne erkennbaren kausalen Zusammenhang mit dem Kastell entstand in flavischer Zeit rund 300 m entfernt von diesem auf der Mittelterrasse des Lechs ein Vicus, eine zivile Siedlung.[12] Bei Ausgrabungen 1906 und 1933 sowie vor allem in den 1950er Jahren wurden die zentralen Bereiche des Vicus untersucht. Es konnten die Grundrisse einer Therme sowie die Wohn-/Geschäftsgebäude von Kaufleuten, Wirten und Handwerkern identifiziert werden. Bei den Ausgrabungen 1957 wurden die Spuren von Holzbauten der frühen Kaiserzeit angeschnitten. Beim Bau eines Feuerwehrhauses im Jahr 1987 kamen Fundamente von zwei teilunterkellerten römischen Gebäuden zutage. Nördlich der Schule wurden Teilbereiche von vier Räumen mit Resten einer Hypokaustanlage dokumentiert und südlich der Badeanlage wurde auch das sogenannte „Nymphäum“,[13] eine steinerne Brunnenanlage entdeckt und um wenige Meter versetzt wieder aufgebaut.[14][9][10]
Aus dem Vicus von Abodiacum stammte Claudius Paternus Clementianus, der auf dem Höhepunkt und am Ende seiner Laufbahn von 122 bis 125 Statthalter der Provinzen Raetia und Noricum war. Nach dem Ende seiner Karriere kehrte er nach Abodiacum zurück, war dort Mäzen öffentlicher Bauten und starb vermutlich um das Jahr 130.[15] Ein Gräberfeld auf dem rechten Lechufer, im Gebiet der „Mühlau“ der heutigen Gemeinde Reichling,[16][17] gehört wohl zu dem Vicus. Die dort freigelegten 56 Brand- und Körpergräber datieren von der Mitte des 1. bis ins 3. Jahrhundert.[4]
Eine münzdatierte Brandschicht lässt auf eine Zerstörung und ein Ende der Zivilsiedlung nach der Zeit des Elagabal, konkret ab dem Jahr 221 schließen.[4]
Spätantike Befestigungsanlage
An der Stelle des zerstörten Vicus wurde wieder, etwa ab der Regierungszeit des Gallienus (253–268) und des Claudius Gothicus (268–270) der „Lorenzberg“ besiedelt. Diese Zeit ist durch Münzfunde belegt. Später entstand dort eine ummauerte Befestigungsanlage, die wieder anhand von Münzfunden an der Wehrmauer auf die Zeit des Probus (276–282) oder Diokletian (284–305) datiert werden kann und die aufgrund ihrer Größe wohl von Anfang an für Soldaten und Zivilisten konzipiert wurde, wie es in der Spätantike oft der Fall war.[18] Der Siedlungskomplex umfasste rund 0,7 ha und wurde längs der Kante des Plateaus durch eine 2,65 m mächtige Wehrmauer geschützt, die zum Teil aus sekundär verwendeten Spolien älterer Bauten errichtet wurde. Die Mauer war mit Wehrtürmen besetzt, wovon zwei mit einem quadratischen Grundriss von 6,3 m und einer Höhe des Aufgehenden von bis zu 3,8 m noch bis ins 19. Jahrhundert erhalten waren, bevor sie abgerissen wurden. Am Südfuß des Berges befand sich als zusätzliches Annäherungshindernis noch ein sieben Meter breiter und bis zu einer Tiefe von 1,5 m erhaltener Spitzgraben.
Um die Mitte der 350er Jahre wurde die Anlage von den Alamannen und Juthungen durch Feuer zerstört, jedoch bald wieder aufgebaut. Dabei entstand der nach dem frühen Ausgräber Lorenz Boxler benannte sogenannte „Boxlerbau“, ein wuchtiges, 39 m mal 26 m (= 1014 m²) messendes Steingebäude, das unmittelbar an die nördliche Wehrmauer gesetzt wurde. Bis mindestens 388, vermutlich aber eher bis in die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts waren römische Truppen auf dem „Lorenzberg“ stationiert. Gegen Ende des 4. Jahrhunderts scheint es noch einmal zu einer baulichen Umstrukturierung gekommen zu sein. Das Südtor wurde zugemauert und die Umwehrung durch eine Mauer auf den östlichen Teil reduziert. An der Stelle, an der später die Vorgängerbauten der Lorenzkapelle gebaut wurden, entstand ein mehrgliedriges Steingebäude, das als frühchristliche Kirche interpretiert wurde, die später in der Merowingerzeit den alamannischen Neusiedlern als Friedhof diente. Die Prägestätten der theodosianischen Münzen, die möglicherweise Soldzahlungen waren, deuten darauf hin, dass die Anlage immer noch oder wieder eine militärische Besatzung hatte, wobei Einzelfunde dafür sprechen, dass es sich dabei um germanische Foederaten gehandelt hat. Im Laufe der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts verlieren sich allmählich die römischen Funde und Befunde, womit der „Lorenzberg“ zu den längstbesiedelten römischen Orten der Spätantike gehört.[4]
- Präsentation der Römerzeit in Epfach
- Museum Abodiacum in Epfach
- Hirte mit Schafen; römisches Relief am Museum Abodiacum
- Venus von Epfach in der Archäologischen Staatssammlung in München (Kopie im Museum Abodiacum)
- Bauinschrift des Claudius Paternus Clementianus im Museum Abodiacum
- Gedenkstein zur Geschichte von Abodiacum in Epfach
Fundverbleib, Präsentation und Denkmalschutz
Von den Befunden ist vor Ort nur das rekonstruierte „Nymphaeum“ sichtbar. Das Fundmaterial aus Abodiacum wird in der Archäologischen Staatssammlung in München verwahrt beziehungsweise in dem kleinen Museum Abodiacum präsentiert.[19][20]
Die Befunde von Epfach sind ein unter den Aktenzeichen D-1-8031-0004 (Kastelle),[21] D-1-8031-0005 (Vicus)[22], D-1-8031-0066 (Vicus und Straßenabschnitt)[23] und D-1-8031-0043 (Gräberfeld),[24] sowie unter den Aktennummern D-1-8031-0107,[25] D-1-8031-0134,[26] D-1-8031-0010,[27] D-1-8031-0075,[28] D-1-8031-0107[29] und D-1-8031-0017[30] (alles Straßenabschnitte) eingetragene Bodendenkmale im Sinne des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes (BayDSchG). Nachforschungen und gezieltes Sammeln von Funden sind dort erlaubnispflichtig, Zufallsfunde sind den Denkmalbehörden anzuzeigen.
Siehe auch
Literatur
- Wolfgang Czysz: Epfach. Gde. Denklingen, Lkr. Landsberg a. Lech, Obb. In: Ders. et al. (hrsg.): Die Römer in Bayern. Lizenzausgabe. Nikol, Hamburg 2005, ISBN 3-937872-11-6, S. 439–441.
- Karlheinz Dietz, Thomas Fischer, Veronika Fischer: Bayern zur Römerzeit. Archäologie und Geschichte. Pustet, Regensburg 2025, ISBN 978-3-7917-3520-7, S. 71 f., 86–88, 282 f.
- Hanna Gänesch, Carolin Völk: Abodiacum, das römische Epfach. In: Carolin Völk (Hrsg.): Auf den Spuren der Römer vom Ammersee nach Verona. Ein kulturgeschichtlicher Reisebegleiter. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg im Allgäu 2015, ISBN 978-3-89870-929-3, S. 44–49.
- Karl Gattinger, Grietje Suhr: Landsberg am Lech, Stadt und Landkreis (= Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege [Hrsg.]: Denkmäler in Bayern. Band I.14). Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2014, ISBN 978-3-7917-2449-2, S. 30–31 und 44–47, Literaturnachweise S. 949.
- Maximilian Ihm: Abudiacum. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band I,1, Stuttgart 1893, Sp. 125.
- Günter Ulbert: Der Lorenzberg bei Epfach. Die frührömische Militärstation. (= Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte, Band 9). Beck, München 1965, (Digitalisat).
- Joachim Werner (Hrsg.): Studien zu Abodiacum-Epfach. (= Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte, Band 7; = Veröffentlichungen der Kommission zur archäologischen Erforschung des spätrömischen Raetien, Band 1). Beck, München 1964.
- Joachim Werner (Hrsg.): Der Lorenzberg bei Epfach, Band II. Die spätrömischen und frühmittelalterlichen Anlagen. (Münchener Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte, Band 8). Beck, München 1969, ISSN 0041-2953.
Weblinks
- Museum Abodiacum auf der offiziellen Webpräsenz der Gemeinde Denklingen
- Die Via Claudia bei Epfach auf roemerstrasse-via-claudia.de