Aerosolbombe
historische Art der thermobaren Bombe, die ihre Destruktionskraft aus Aerosol bezieht
From Wikipedia, the free encyclopedia
Eine Aerosolbombe (englisch Fuel-Air Explosive (FAE) oder Fuel-Air Bomb, thermobaric bomb) ist eine Waffe, deren Wirkung auf der Zündung einer als Aerosol verteilten Substanz ohne enthaltenes Oxidationsmittel beruht. Solche Bomben werden umgangssprachlich auch Vakuumbombe oder Druckluftbombe bezeichnet.

Geschichte
Das Grundprinzip ist in Form von Staubexplosionen schon seit Jahrhunderten bekannt. Erste Versuche eine thermobare Waffe zu entwickeln, wurden 1916 in Spanien von dem Erfinder Antonio Meulener Verdeguer unternommen.[1] Während des Zweiten Weltkrieges versuchte die Luftwaffe der Wehrmacht Aerosolbomben zu entwickeln, hauptsächlich um dem Mangel an konventionellen Sprengstoffen entgegenzuwirken. Vermutlich ab 1942 startete das Oberkommando der Luftwaffe (OKL) das Projekt „Humus“ welches später in das Projekt „Hexenkessel“ überging. Im Rahmen dieser Projekte zündete man Mischungen aus Sauerstoff und Braunkohlestaub. Federführend bei diesen Projekten war Mario Zippermayr, der als Erfinder der Aerosolbombe gilt. Es gelang ihm aber nicht, bis zum Kriegsende eine einsatzreife Waffe zu entwickeln.
Der erstmalige Kriegseinsatz von Aerosolbomben erfolgte von den Streitkräften der Vereinigten Staaten während des Vietnamkrieges. Während dieses Konfliktes entwickelten die Sandia National Laboratories im Auftrag der United States Air Force (USAF) verschiedene Aerosolbomben, die damit anfänglich Lichtungen in den Urwald sprengen wollten. Dabei wurden im Rahmen der Programme „Pave Pat“ und „Garlic“ u. a. die Bomben BLU-72, CBU-55 und CBU-72 entwickelt und von 1967 bis 1968 sowie zwischen 1971 und 1975 gegen verschiedene Ziele in Vietnam und Laos eingesetzt.[2][3][4][5][6]
In der Sowjetunion entstanden Ende der 1960er-Jahre mit der FAB-500TA und FAB-1500SchA die ersten Fliegerbomben mit thermobarer Wirkweise. In den späten 1970er-Jahren entstand dort die Aerosolbombe ODAB-500. Ab den 1980er-Jahren wurden in der Sowjetunion Aerosol-Gefechtsköpfe für verschiedene Waffen entwickelt. Erstmals setzte die Sowjetarmee Aerosolbomben und thermobare Waffen bei der sowjetischen Intervention in Afghanistan ein.[7][8][9][10][11]
Weiter wurden Aerosolbomben und thermobare Waffen in Spanien, Brasilien, Israel, Ukraine, Iran, Indien, der Volksrepublik China sowie weiteren Staaten entwickelt.[12][13][14]
Technik
Eine Aerosolbombe besteht aus einem Behälter mit einer Sprengladung (Zerlegeladung) sowie einer Wirkladung (Aerosolstoff). Als Aerosolstoff wird z. B. Ethylenoxid, Propylenoxid, Decan, Isopropylnitrat (IPN) oder 1,3-Pentadien (Piperylen) verwendet. Durch die Zündung der Zerlegeladung wird die Wirkladung fein in der Luft verteilt, so dass ein Aerosol entsteht. Danach, typischerweise etwa 100 bis 150 Millisekunden später, wird die Aerosolwolke entzündet. Moderne Ausführungen der Aerosolbomben kommen inzwischen auch mit einer Sprengladung aus, die gleichzeitig sowohl die Verteilung als auch die Zündung übernimmt. Eine weitere Variante der Zündung ist das Phänomen der Hypergolität, bei der Substanzen sich nach der Vermischung selbst entzünden. Genutzt werden Mischungsverhältnisse von 1,5 % bis 6 % Benzin oder 5 % bis 15 % Methan in der Luft.[15]
Hauptprobleme bei der Konstruktion dieser Waffen sind das Herstellen des richtigen Verhältnisses von Luft und Aerosolstoff für eine Deflagration und damit verbunden u. a. eine präzise Ausführung des Aerosolstoffbehälters, der dann für eine gleichmäßige Verteilung des Aerosolstoffes in der Luft sowie die genaue zeitliche Folge der Zündungen sorgt. Problematisch können auch Umweltfaktoren wie Wind und Sonneneinstrahlung sein, die die Waffenwirkung negativ beeinflussen.
Ein Vorteil ist die größere Energiefreisetzung im Verhältnis zur Nutzlast der Munition gegenüber anderen militärischen Sprengstoffanwendungen.[16]
Wirkung

Aerosolbomben werden gegen gepanzerte und ungepanzerte Fahrzeuge, Material, Feldbefestigungen, Bunker sowie Gebäudestrukturen eingesetzt. Die nach der Zündung durch die folgende Verpuffung entstehende Druckwelle ist zwar wesentlich schwächer als die eines vergleichbaren Sprengstoffes wie TNT, allerdings erfolgt die Verpuffung fast gleichzeitig in einer Kugel mit 10 bis 40 m Durchmesser. Der Aerosolstoff kann in Höhlensysteme, Bunker o. ä. eindringen, was diese Waffen auch gegen befestigte Ziele wirkungsvoll macht, gegen die konventionelle Sprengkörper wegen der mangelnden Druckwirkung nur eingeschränkt effektiv sind. Außerdem hält die Druckwirkung wesentlich länger an als bei einem konventionellen Sprengstoff. Darüber hinaus haben Aerosolbomben eine wesentlich stärkere Hitzewirkung als konventionelle Sprengladungen. Das macht diese Bombe effektiver für die Bekämpfung von lebenden Zielen und ungepanzerten Fahrzeugen. Zudem wird durch die der Verpuffung folgende starke Sogwirkung die Schadwirkung der Bombe an Gebäuden und Fahrzeugen wesentlich erhöht.
Als Folge der Verpuffung tritt nachfolgend auf die Druckwelle die „Vakuumwirkung“ ein, wie es auch bei herkömmlichen chemischen und nuklearen Sprengsätzen geschieht. Dieser Effekt gab der Waffe ihren umgangssprachlichen Namen. Durch den verhältnismäßig großen Feuerball ist allerdings die Sogwirkung im Vergleich zu einer gleich starken konventionellen Sprengladung wesentlich stärker. Dabei handelt es sich nicht um ein Vakuum im eigentlichen Sinne, sondern um eine Phase des Unterdrucks. Die Explosion entzieht der Luft Sauerstoff, weil der Sprengsatz kein eigenes Oxidationsmittel enthält, sondern dafür den vorhandenen Luftsauerstoff verwendet. Pro verbrauchtem Mol Sauerstoff entstehen mehr als ein Mol Reaktionsgase.
Der Erstickungstod ist eine häufige Folge einer Aerosolbombe. Der Grund liegt nicht in einem Sauerstoffmangel, sondern an Verletzungen der Lunge, einem sogenannten Barotrauma. Die Phase des Unterdrucks bewirkt eine Expansion der Luft in der Lunge, was zu entsprechenden Schäden führen kann. Die Eigenheiten einer Aerosolbombe – lange, relativ flache Druckwelle mit entsprechend ausgeprägter Druckabfallflanke, sowie der Verbrauch von atmosphärischem Sauerstoff – begünstigen dabei diese Wirkung. Sekundäreffekte können Vergiftungen durch Substanzen sein, die in der Ladung enthalten sind, beispielsweise Ethylenoxid oder Propylenoxid.[17]
Thermobare Waffen
Auch wenn beide Begriffe oft als Synonym verwendet werden, unterscheiden sich thermobare Waffen von Aerosolbomben. Bei einer thermobaren Waffe (aus englisch thermobaric und dieses aus thermo- für Hitze sowie baric für Druck) genügt im Gegensatz zur Aerosolbombe eine einzelne Sprengladung bzw. Explosion, um beide Schritte, die Verteilung des Aerosols und dessen Entzündung, gleichzeitig auszuführen. Dazu wird zusätzlich zu einer „normalen“ Explosion eine brennbare Substanz (z. B. Aluminiumpulver oder Magnesiumpulver) ohne oder mit wenig Oxidationsmittel (z. B. Sauerstoff) in der Luft verteilt, die sich durch die Explosion sofort entzündet. Dadurch wird der Effekt der ursprünglichen Explosion verstärkt, um eine größere Hitze- und eine längere Druckwirkung zu erreichen.
Der anfänglichen Druckwelle und dem damit verbundenen Überdruck folgt eine Phase, in der der durch die Explosion entstandene Unterdruck ein Zurückströmen der umgebenden Luft ins Zentrum der Explosion bewirkt. Der verdrängte und nicht explodierte Teil der brennbaren Substanz wird dabei durch den Unterdruck wieder zurückgesaugt, wobei er ähnlich wie Wasser in einen vorher zusammengedrückten Schwamm in alle nicht luftdicht verschlossenen Objekte eindringt und diese verbrennt. Erstickung und innere Schäden bei lebenden Zielen sind die Folgen, selbst wenn sie sich während der eigentlichen Explosion außerhalb des Radius der sofortigen Einäscherung befanden, z. B. in tieferen Tunneln. Dies geschieht zum einen durch die Druckwellen und den Sauerstoffentzug, zum anderen auch durch den von den Objekten selbst aufgenommenen Feuerball.
Waffen mit Aerosol-Gefechtsköpfen & thermobarer Wirkweise
Aerosol-Gefechtsköpfe werden für Fliegerbomben, Mehrfachraketenwerfer, Ballistische Raketen sowie Infanteriewaffen verwendet. Weiter können Aerosolbomben aufgrund ihrer großen Druckwirkung auch zum Räumen von Minensperren verwendete werden.[18][19]
Literatur
- Jefim Gordon: Soviet/Russian Aircraft Weapons since World War Two. Midland Publishing, 2004, ISBN 978-1-8578-0188-0.
- Nikolay Svertilov: Russia’s Arms and Technologies. The XXI Century Encyclopedia. Vol. 12 - Ordnance and Munitions. A & T Publishing House / Oruzhie i tekhnologii, Russland, 2006, ISBN 978-5-93799-023-5.
- Robert Hewson: Jane’s Air launched Weapon 2003. Jane’s Information Group, Vereinigtes Königreich, 2003, ISBN 0-7106-0866-7.
- Thomas Enke: Grundlagen der Waffen- und Munitionstechnik. Walhalla Fachverlag, 4., aktualisierte Auflage, Regensburg, 2023, ISBN 978-3-8029-6198-4, S. 112 ff.