Al-Quds-Universität
Universität in Palästina
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Die al-Quds-Universität (AQU, arabisch جامعة القدس, DMG Ǧāmiʿat al-Quds) ist eine öffentliche palästinensische Universität[6] mit Hauptsitz in Abu Dis östlich von Ostjerusalem. Sie wurde ab 1978 aus mehreren Colleges in und um Ostjerusalem aufgebaut und 1995 offiziell als Universität anerkannt. Mit rund 12.000 Studierenden (Stand 2026) ist sie die größte palästinensische Institution in Jerusalem. Ihre Einrichtungen verteilen sich auf mehrere Standorte, von denen die meisten östlich der israelischen Sperranlagen liegen.
Geschichte
Gründung
Die Al Quds-Universität wurde ab 1978[7] im vierten Anlauf gegründet.[8.1] Während der Mandatszeit in den 1920ern bis 1940ern ließ die britische Mandatsmacht aus Sorge, eine arabische Universität könne zu einem Hort des antikolonialen Nationalismus werden, die Gründung einer palästinensischen Universität nicht zu. Grob die Funktion einer Universität übernahm zeitweise das mit der Amerikanischen Universität in Beirut kooperierende Arab College in Jerusalem, das jedoch nach der Nakba geschlossen blieb.[9] Zwei weitere Gründungsversuche durch den palästinensisch-jordanischen Politiker Anwar Nusseibeh wurden im Keim erstickt – der erste während der jordanischen Zeit durch König Hussein I. zugunsten der Universität von Jordanien, der zweite in der frühen Zeit der israelischen Besatzung durch das palästinensische National Guidance Committee, das argumentierte, eine neugegründete Universität würde ja doch nur an die israelischen Besatzer fallen.[8.2]
Standorte der Al-Quds-Universität |
Zwischen 1978 und 1982 entstanden dennoch an vier Orten in und um Ostjerusalem Colleges:[10]
- das College für religiöse Studien in Beit Hanina (1978)
- die Campusse für Medizin, Wissenschaft und Technologie in al-Bireh und Abu Dis (1979)
- das Hind al-Husayni-College für Frauen in Scheich Dscharrah (1982)
- das islamische Zentrum für Archäologie ebendort (1982)
Diese Colleges wurden ab 1984 zunehmend zusammengeschlossen. Offiziell zur Universität erklärt wurde der College-Verband um 1995,[11] nachdem Anfang des Jahres Anwar Nusseibehs Sohn Sari zu seinem neuen Leiter ernannt worden war.[8.3]
Die Al-Quds-Universität während der Zweiten Intifada
Unter der Leitung von Sari Nusseibeh, der als eine der führenden moderaten palästinensischen Stimmen galt,[12] wuchs die Studierendenzahl rasch an von knapp 2000 um 1995 auf über 10.000 in den späten 2000er-Jahren.[13]
In den späten 90ern und besonders während der Zweiten Intifada wurde die AQU mehrfach Ziel israelischer Initiativen. Nusseibeh führte diese darauf zurück, dass es sich bei der Universität um die am schnellsten wachsende palästinensische Institution in Jerusalem gehandelt habe.[8.4] So führte 1998 die israelische Initiative Betzedek erfolglos einen Rechtsstreit gegen die Universität mit dem Ziel, sie schließen zu lassen.[8.4] 2002 wurden die Einrichtungen der Universität von der israelischen Armee besetzt und schwer beschädigt: Die Schule für Gesundheitswesen wurde verwüstet und als temporäres Gefängnis verwendet.[14] Die Einrichtung des von der Universität in Ramallah betriebenen al-Quds TV wurde aus dem Fenster geworfen und zerstört.[8.5] Nachdem der Sender wieder in Betrieb genommen worden war, wurde er 2012 nach einer Razzia durch israelische Soldaten, bei dem Sendeanlagen und Computer konfisziert wurden, von Beamten des israelischen Kommunikationsministeriums geschlossen. Als Grund dafür wurden fehlende Lizenz und Verwendung unerlaubter Frequenzen angegeben.[15]
Ebenfalls um 2002 wurde das Direktionsgebäude in Ostjerusalem mit dem Büro von Sari Nusseibeh auf Anordnung der Sicherheitsministers Uzi Landau geschlossen und Computer und Ordner konfisziert. Begründet wurde das mit „verbotenen Aktivitäten für die PLO“, weil Nusseibeh zu diesem Zeitpunkt deren Vertreter für Jerusalem war. Genau an diesem Tag befand er sich in Athen, um eine Friedensinitiative mit Ami Ajalon zu unterzeichnen. Nach internationalen Protesten musste Landau zehn Tage später die Sperre des Büros wieder aufheben.[16] Die Daten wurden vom Inlandsgeheimdienst ausgewertet und erst später wieder retourniert.[17]

2003 wollte Israel die israelischen Sperranlagen mitten durch das Universitätsgelände von Abu Dis bauen. Begründet wurde dies mit der dort festgelegten Grenze zwischen Jerusalem und Abu Dis und einer ebendort geplanten Umfahrungsstraße. Dadurch hätte der Campus ein Drittel seiner Fläche verloren. 34 Tage mit friedlichen Protestaktionen, vor allem wegen der geplanten Teilung des Sportplatzes, führten zur Intervention der US-Außenministerin Condoleezza Rice und veranlassten Israel, die Mauer weiter westlich, aber direkt neben der Universität zu bauen. Nun ist der Sportplatz ein Teil des Campus, wenn auch hinter der 8 Meter hohen Mauer aus Beton.[18] Laut der israelischen Botschaft in Berlin war auch nach Verlegung des Mauerverlaufs vorgesehen, nach dem Bau der Umfahrungsstraße die Mauer wieder so zu versetzen, wie ihr Verlauf ursprünglich geplant war.[19]
Kooperation mit israelischen Universitäten
Untypischerweise unterhielt die Al-Quds-Universität mehrere Kooperationen mit israelischen Universitäten.[13] 2004 hatte die AQU gemeinsam mit drei weiteren palästinensischen Universitäten einen Kooperationsvertrag mit fünf israelischen Universitäten (und der italienischen Universität La Sapienza) geschlossen. Als kurz darauf die Palestinian Campaign for the Academic and Cultural Boycott of Israel die Kampagne akademischer Boykotte startete, hielt unter den palästinensischen Universitäten einzig die AQU an diesem Vertrag fest.[20] Ein Jahr später unterzeichnete Nusseibeh explizit gegen die Boykott-Kampagne gewendet einen weiteren Kooperationsvertrag mit der Hebräischen Universität in Jerusalem.[21] Als im Zuge des Gazakriegs von 2008–2009 die Boykott-Kampagne forciert wurde, stimmte der Beirat der Universität dafür, alle Kooperationen einzustellen; Hasan Dweik jedoch, der damalige Vizepräsident der Universität, erklärte gegenüber dem aktivistischen Medium Electronic Intifada, zwar keine neuen Kooperationsverträge schließen, die bestehenden etwa zehn Projekte aber weiterlaufen lassen zu wollen.[20] 2012 wurde ein weiteres Kooperationsprojekt mit der Hebräischen Universität (und der Freien Universität Berlin) gestartet; in Palästina forderten daraufhin Demonstranten die Absetzung Nusseibehs.[22]
Skandal um 2013/2014
2013/14 geriet die Al-Quds-Universität in einen Medienskandal. Nachdem israelische Truppen im Oktober 2013 bei Ramallah ein führendes Mitglied des Islamischen Dschihad in Palästina (IJ) getötet hatten und es am selben Tag auf dem Campus von Abu Dis beim Abriss eines Gebäudes an den israelischen Sperranlagen zu Zusammenstößen zwischen Studierenden und dem israelischen Militär gekommen war,[23] organisierte die universitäre IJ-Gruppe zwei Wochen später eine Gedenkveranstaltung unter dem Titel „Jerusalem vereint uns“, in deren Rahmen auch ein Theaterstück über einen ebenfalls getöteten Kommandanten der Al-Quds-Brigaden aufgeführt[24] und nach eigener Darstellung der beim IJ übliche Gruß mit zum Himmel gereckten Arm gezeigt worden war.[25] Die israelische Organisation Memri berichtete noch am selben Tag von „Kundgebungen“ mit „nazi-ähnlichen Grüßen“ und der „Verherrlichung von Märtyrern“.[26] Universitätspräsident Nusseibeh sprach zunächst von „Verleumdungskampagnen jüdischer Extremisten“.[27] Am selben Tag stürmten israelische Soldaten die Universität; 40 Studierende wurden verletzt.[28] Einen Tag später brach die die Brandeis University (kurz darauf gefolgt von der Syracuse University)[29] die Partnerschaft mit der AQU ab und referierte dabei die Memri-Version der Vorfälle,[30] was medial stark rezipiert wurde.[31] Daraufhin verurteilte Nusseibeh in der israelischen Presse die Veranstaltung und sprach nun selbst von „nazi-ähnlichen Grüßen“,[32] ruderte jedoch kurz darauf teilweise zurück: Ein universitäres Untersuchungskomitee habe ihn mittlerweile darüber in Kenntnis gesetzt, welcher Art die Veranstaltung war und dass keine Sympathien mit Nazismus oder Faschismus zum Ausdruck gekommen seien.[33]
Im Januar 2014 kam es zu den bis dahin schwersten Zusammenstößen zwischen Soldaten und Studierenden. Anlässlich eines Abschnitts der Sperranlagen, den laut Militär die Studierenden, laut Studierenden dagegen Aktivisten niedergerissen hatten, stürmten Militärs die Universität, feuerten erneut mit Gummigeschossen und Tränengas auf Studierende und verwüsteten besonders die Fakultät für Informationstechnologie. Palästinensische Medien berichteten von bis zu mehr als 100 verletzten Studierenden.[34]
2014 organisierte der Islamische Block (eine mit Hamas verbundene Studierendenliste)[35] an der AQU und der An-Najah-Universität in Nablus Gedenkveranstaltungen anlässlich des zehnten Todestages des Hamasgründers Ahmad Yasin.[36] Drei Tage später trat Nusseibeh als Universitätspräsident zurück. Als Grund gab er selbst das Erreichen des Pensionsalters an;[37] mehrere (pro-)israelische Medien dagegen lasen die Veranstaltung als Fortsetzung des Vorfalls von 2013 und führten seinen Rücktritt stattdessen auf „Hamas-Demonstrationen“ zurück.[38]
Neuer Präsident wurde Imad Abu Kishek.[39]
Die Al-Quds-Universität heute
Stand 2026 studieren an der AQU laut eigenen Angaben etwa 12.000 Studierende bei 700 Lehrenden,[40] sie ist damit die größte palästinensische Institution in Jerusalem.[41] Der Hauptcampus der Universität ist der in Abu Dis.[7] Auch die meisten anderen Einrichtungen der Universität liegen östlich der israelischen Sperranlagen – nicht aber das Institut für Islamische Archäologie, das Zentrum für Jerusalemstudien, das Frauen-College und die Fakultät für Geisteswissenschaften.[42]
Wie in den anderen palästinensischen Universitäten führen auch in der AQU regelmäßig israelische Soldaten militärische Aktionen durch.[43] 2014 zum Beispiel zählte die Menschenrechtsanwältin Kamilah Moore 31 Angriffe auf den Hauptcampus in den vergangenen drei Jahren,[44] 2023 fanden laut Times Higher Education täglich Angriffe mit Tränengas statt,[45] 2025 wurde Hauptcampus fünfmal attackiert,[46] zeitweise wurde das Universitätsgelände zur militärischen Sperrzone erklärt.[47] Wegen der Sperranlagen, die bei der Konzeption der Universität nicht eingeplant worden waren, hat die AQU außerdem die speziellen Herausforderungen zu bewältigen, dass Studierende und Angestellte häufig nicht oder mit langen Verzögerungen zu ihrem Campus gelangen können.[48] 2015 berichtete der Lehrende Brendan Ciarán Browne (Trinity College Dublin), teilweise federe die Universität diese Herausforderungen mittels einer Anpassung der Lehrformate ab.[49]
Besonders betroffen ist auch die medizinische Fakultät in Abu Dis, die durch die Sperranlagen getrennt ist von den Krankenhäusern westlich derselben. Zum einen können Studierende dadurch regelmäßig nicht zu ihren Trainingskrankenhäusern gelangen,[50] zum anderen wird studierten Medizinern die israelische Zertifizierung verwehrt und damit auch die Möglichkeit, in diesen Krankenhäusern zu praktizieren.[51]
Fakultäten

Die Universität besitzt folgende Fakultäten mit den angegebenen Instituten:
- Geisteswissenschaften (Arabisch, Englisch, Geschichte, Politik, Entwicklung, Sport, Kunst, Musik, Medien, Philosophie, Sozialarbeit, Angewandte Soziologie) mit dem Center for Jerusalem Studies[52] in der Jerusalemer Altstadt
- Wirtschaft (Marketing, Finanzwesen, BWL, Buchhaltung, Ökonomie)
- Wissenschaft und Technik (Informatik, Lebensmitteltechnologie, Umwelttechnik, Physik, Biologie, Mathematik, Chemie)
- Ingenieurwesen (Elektronik, Material, Kommunikation, Computer)
- Medizin
- Zahnheilkunde
- Pharmazie
- Volksgesundheit
- Gesundheitsberufe (Radiologie, Labor, Physiotherapie, Krankenpflege)
- Erziehungswesen (Methodik, Kindergartenpädagogik, Psychologie)
- Rechtswissenschaften
- Islamisches Recht und Da'wa
- Koran und Islamische Studien
Literatur
- Sari Nusseibeh, Anthony David: Es war einmal ein Land. Ein Leben in Palästina. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-518-46086-3.

