Middle East Media Research Institute
amerikanische Organisation, die arabische und persische Medien übersetzt
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Das Middle East Media Research Institute (MEMRI) ist eine 1998 in Washington, D.C. gegründete Organisation, die Medien aus dem Nahen Osten und anderen Regionen übersetzt und auswertet. Die Organisation wurde vom ehemaligen israelischen Geheimdienstoffizier Yigal Carmon gegründet und beschreibt sich selbst als unabhängige, unparteiische und gemeinnützige Einrichtung, die politische, ideologische und kulturelle Trends in der Region dokumentiert.

MEMRI stellt Übersetzungen arabischer, persischer und anderer Medien zur Verfügung und betreibt mehrere thematische Projekte, darunter solche zur Dokumentation von Antisemitismus, Terrorismus und Extremismus. Die Organisation hat Zweigstellen in mehreren Ländern und beliefert nach eigenen Angaben US-Regierungsstellen, akademische Institutionen und Medien mit Informationen.
Die Arbeit von MEMRI ist umstritten. Während die Organisation von zahlreichen Medien als Quelle herangezogen wird und für ihre Übersetzungsarbeit Anerkennung findet, werfen Kritiker ihr vor, durch eine selektive Auswahl von Texten sowie teilweise fehlerhafte oder tendenziöse Übersetzungen ein verzerrtes, orientalistisches Bild der arabischen Welt zu vermitteln. Zudem wird MEMRI beschuldigt, eine pro-israelische politische Agenda zu verfolgen, und teils als Propagandainstrument bezeichnet. Die Organisation weist diese Vorwürfe zurück und betont die Repräsentativität sowie die Korrektheit ihrer Arbeit.
Gründung
MEMRI wurde im Februar 1998 vom israelischen Oberst Yigal Carmon gegründet.[1] Zuvor arbeitete der gelernte Arabist[2] für das israelische Militär, unter anderem von 1977 bis 1982 in einflussreichen Funktionen im Zusammenhang mit der israelischen Verwaltungspolitik im Westjordanland, dann als leitender Offizier beim israelischen Militärgeheimdienst für die Einheit 504, die für die Anwerbung und Führung von arabischen Informanten und von Kollaborateuren wie der Südlibanesischen Armee verantwortlich war; ab 1988 schließlich als Anti-Terrorberater für zwei israelische Premierminister.[3] Nach seinem Ausscheiden aus politischen Funktionen widmete er sich der Auswertung von arabischen Medien, betrieb als „Ein-Mann-Geheimdienst“[4] ein eigenes Informanten-Netzwerk in den besetzten palästinensischen Gebieten, betätigte sich selbst als Autor und kooperierte Mitte der 90er mit dem Politiker Benny Begin (Cherut), indem er ihn mit Informationen für dessen Knesset-Kampagnen gegen den Oslo-Friedensprozess versorgte.[5] Nach Darstellung der Politikwissenschaftlerin Ofira Seliktar entstand MEMRI 1998 aus diesem Monitoring-Projekt und – ähnlich wie andere Medien- und Monitoringprojekte wie Aaron Lerners Independent Media Review & Analysis („IMRA“, ab 1992) oder Itamar Marcus Palestinian Media Watch („PMW“, ab 1996) – aus dem Bestreben Oslo-kritischer Akteure, eigene Kanäle aufzubauen, nachdem sie den öffentlichen Diskurs über den Oslo-Prozess kaum hatten beeinflussen können.[6]
Mitbegründer waren neben Carmon zwei weitere ehemalige israelische Geheimdienstler, außerdem der US-Amerikaner Aaron Mannes, der zuvor für The Hotline (den ersten webbasierten Nachrichtenaggregator)[7] geschrieben hatte.[8] Exekutivdirektorin war anfangs die israelische neokonservative Politikwissenschaftlerin Meyrav Wurmser.[9] Nach deren Wechsel zum Hudson Institute um 2001 übernahm ihren Posten der gleichfalls neokonservative Steven Stalinsky,[10] der zuvor an diversen US-amerikanischen Denkfabriken tätig gewesen war.[11]
Ziele und Arbeit
MEMRI beschreibt sich selbst Stand 2025 als „unabhängige, unparteiische und gemeinnützige Organisation“, die anhand von Medien „den Nahen Osten erforscht“ und Lesern Übersetzungen und „Analysen politischer, ideologischer, intellektueller, sozialer, kultureller und religiöser Trends des Nahen Ostens kostenlos zur Verfügung“ stellt.[12]
Zu Beginn konzentrierten sich die Mitarbeiter auf Übersetzungen im Zusammenhang mit dem Israel/Palästina-Konflikt und werteten dabei mit einer explizit zionistischen Perspektive[13] auch wenige israelische Medien aus.[14] Diese Auswertung israelischer Medien wurde nach drei Jahren aufgegeben;[15] dafür wurde der thematische, sprachliche und regionale Fokus nach und nach auch über den Nahen Osten hinaus ausgeweitet – zunächst auf weitere Länder und Sprachen in der arabischen Welt, zuletzt um 2016 und 2020 auch auf Russland und China.[16]
In diesem Zuge wurden auch weitere Zweigstellen eröffnet. MEMRIs Hauptsitz ist in Washington, D.C., wo es auch um 2000 als Nonprofit-Organisation registriert wurde.[17] Weitere Zweigstellen sitzen in Bagdad, Jerusalem, Rom, Schanghai und Tokio;[12] zeitweise existierten weitere Zweigstellen in Berlin,[18] London und Moskau.[19] 2024 hatte MEMRI etwa 70 Angestellte.[20]
Die Übersetzungen und Analysen von MEMRI sind in mehreren „Projekten“ organisiert. Welche Projekte gerade bearbeitet werden, änderte sich wiederholt. Stand 2025 laufen folgende Projekte:[21]
- Projekt zur Dokumentation von Antisemitismus
- Reform in der muslimischen Welt[Anm. 1]
- Projekt zu Dschihad und Terrorismusforschung
- Monitoring der Bedrohung durch gewalttätigen Extremismus
- Projekt zur Dokumentation von 9/11
- Qatar Monitoring Project
- Projekt zur Erforschung russischer Medien
- Projekt zur Erforschung chinesischer Medien
- Projekt zur Erforschung Südasiens
- Projekt zur Erforschung der Kurden
- Predigten von westlichen Imamen
- „Memri TV“ [=Auswertung von Fernsehsendungen]
- Karikaturen
MEMRI selbst gibt an, seine Dienstleistungen für diverse US-amerikanische Regierungsstellen, für akademische Institutionen und für die „Öffentlichkeit“ zu produzieren.[24]
Rezeption
Das Wirken von MEMRI polarisiert. 2011 beobachtete die Nahost-Expertin Schirin Fathi,[25] mittlerweile habe sich MEMRI zum Marker entwickelt, bei dem daraus, ob jemand es wertschätze oder kritisch sehe, abgeleitet werden könne, wo Autoren politisch im Nahostkonflikt verortet seien.[26]
Positive Aufnahmen
MEMRI selbst gibt an, von einer Vielzahl an Medien zitiert zu werden,[27] und wirklich berichtete die Journalisten Barbara Ferguson um 2001, MEMRIs Übersetzungen würden beispielsweise von der New York Times und der Washington Post häufig verwendet.[28] 2006 urteilte die Schriftstellerin Laila Lalami gar, MEMRI habe sich mittlerweile zur wichtigsten Quelle für Medienberichte über die islamische Welt entwickelt.[29] Die Sozialwissenschaftlerin Miriyam Aouragh urteilte 2008, MEMRI habe „trotz seiner politischen Ausrichtung erfolgreich darauf abgezielt, seine Glaubwürdigkeit als Quelle für Journalisten und Kommentatoren zu bewahren.“[30] Ähnlich beschrieb die Übersetzungswissenschaftlerin Mona Baker (University of Manchester) MEMRI 2010 als die „mit Abstand größte, mit den meisten Spendengeldern ausgestattete und einflussreichste“ Institution, die mittels Übersetzungen dieselbe Agenda verfolgte wie zum Beispiel auch das bereits erwähnte Projekt Palestinian Media Watch, das Projekt Middle East Strategic Information („MESI“) und The Medialine.[31]
2012 berichtete außerdem der Journalist Barak Ravid, dass Israel nach einem Versäumnis der IDF das Monitoring palästinensischer Medien an MEMRI und ähnliche externe Organisationen ausgelagert habe. Diese würden nun israelische Behörden mit Informationen versorgen.[32] In einer ähnlichen Kooperation mit MEMRI steht Facebook, das nach eigenen Angaben MEMRI Seiten, Profile und Gruppen markieren lässt und diese dann einem Review unterzieht.[33]
Kritik an der Qualität der Arbeit
Gleichzeitig wurde die Qualität der Arbeit von MEMRI wiederholt kritisiert (und Kritiker von MEMRI daraufhin häufig eingeschüchtert oder laut diesen Kritikern mit sogenannten SLAPP-Klagen verklagt).[34] Über MEMRIs Analysen urteilte Christopher Hayes, der Herausgeber von Inamo, es handle sich bei ihnen um nicht zitierfähige „pseudowissenschaftliche Desinformation“, die nur vorgebe, sich an ein akademisches Publikum zu richten.[35]
Häufiger kommentiert wurden MEMRIs Übersetzungen. In den 2000ern wurde wiederholt auf Falschübersetzungen hingewiesen,[36] bei denen durch selektives Übersetzen,[37] durch den Austausch einzelner Wörter[38][39] oder durch Hinzufügungen oder Umformulierungen ganzer Passagen[40][41][42][43] der Sinn des übersetzten Texts entstellt wurde. 2007 existierte für kurze Zeit auch eine Gruppe namens „MEMRI Watch“, die gezielt Übersetzungsfehler sammeln wollte (sich aber bald wieder auflöste).[44] Im selben Jahr urteilte der Medienwissenschaftler Riadh Ferjani, anders als vor wenigen Jahren sei es „mittlerweile klar erwiesen, dass es den Übersetzungen dieses Zentrums immer wieder an Genauigkeit mangelt, wenn sie nicht sogar offen tendenziös sind.“[45]
Mona Baker wies außerdem hin auf Strategien wie die Vergabe neuer Überschriften, die Voranstellung von Zusammenfassungen, die Ergänzung von Bildern mit Unterschrift und die Anfügung von kommentierten Links zu „passenden“ MEMRI-Videos, durch die auch korrekt übersetzte Texte anders geframed würden.[46]
Sowohl Norman Finkelstein, der MEMRI für grundsätzlich unzuverlässig hält, als auch Brian Whitaker, ehemals Nahost-Redakteur bei der Zeitung The Guardian, der umgekehrt betonte, für gewöhnlich seien MEMRIs Übersetzungen schon korrekt (und die einzelnen Falschübersetzungen demzufolge wohl bewusste Verzerrungen der Quelltexte), urteilten von hier aus, MEMRI-Übersetzungen seien grundsätzlich nicht verwendbar.[47] Der Iffy Index of Unreliable Sources[48] listet MEMRI als Seite „mit geringer Glaubwürdigkeit“.[49]
Kritik an der Selektivität der Auswahl übersetzter Medien
Der häufigste Vorwurf von Kritikern ist jedoch nicht die Qualität der Analysen und Übersetzungen, sondern die Selektivität, mit der zu übersetzende Beiträge ausgewählt werden. Aufgrund dieser Selektivität würde entgegen MEMRIs Selbstdarstellung weniger eine Sprachenkluft überbrückt als vielmehr ein orientalistisches Bild der arabischen Welt produziert, in der einander der terroristische, antisemitische Araber und der pro-westliche, säkulare Araber gegenüberstünden, aber unsichtbar bleibe, dass es sich bei beiden um Randerscheinungen handle.[50]
Carmon wies diese Kritik mit einer Antwort auf einen kritischen Artikel Whitakers zurück: Die Auswahl der Texte sei repräsentativ; eine Vielzahl an Medien beurteile MEMRI offensichtlich anders als Whitaker und greife regelmäßig auf ihre Übersetzungen zurück, und selbst die Palästinensische Autonomiebehörde habe bereits Übersetzungen von MEMRI auf ihrer Homepage veröffentlicht.[51] Auch der britische Journalist John Lloyd argumentierte gegen den Vorwurf der Selektivität, diese würde ausgeglichen durch MEMRIs Übersetzungen von „arabischen Liberalen“;[52] ähnlich meinte Jochen Müller, der ehemalige Leiter der Berliner Zweigstelle, tatsächlich bilde man ein breites Spektrum der arabischen Medienlandschaft ab und gebe auch liberalen Stimmen viel Raum.[53]
Kritische politische Einordnungen
Kritiker warfen MEMRI wiederholt vor, kein neutrales „Institut“ zu sein, sondern eine politische Agenda zu verfolgen. Die Übersetzungswissenschaftlerin Mona Baker beispielsweise charakterisierte MEMRI 2010 als „sehr pro-israelisch eingestellte Interessenvertretungsgruppe“, die sich mittels Übersetzungen primär darum bemühe, arabische und muslimische Länder als stark terroristisch geprägt darzustellen.[54] Noch stärker ordnete 2020 die palästinensische Menschenrechtsorganisation 7amleh MEMRI als von Israel gesteuerte GONGO („Government-Organized Non-Governmental Organization“) ein, die als nur scheinbar unabhängige Monitoring-Organisation Desinformation verbreite und palästinensische Menschenrechtsverteidiger delegitimiere.[55]
Besonders häufig erhoben wird der „Propaganda“-Vorwurf.[56] Vince Cannistraro, ehemaliger Leiter der CIA-Abteilung für Terrorismusbekämpfung, erklärte 2001, MEMRI sei selektiv und agiere als Propagandist für einen politischen Standpunkt, nämlich den der extremen Rechten der Likud-Partei.[57] Der Nahost-Historiker Juan Cole bezeichnete MEMRI als „Propagandamaschine“, die im Auftrag der extrem rechten Likud-Partei versuche, amerikanische Wahrnehmungen von Muslimen und dem Nahen Osten in eine negative Richtung zu lenken.[58] Auch Brian Whitaker und der frühere Londoner Bürgermeister Ken Livingstone kritisierten MEMRI scharf und warfen der Organisation Propaganda bzw. bewusste Verzerrung vor.[59] Die Anthropologin Leila Hudson (University of Arizona) und Norman Finkelstein gingen noch weiter und verglichen die Organisation mit der israelischen Desinformations-Website Debkafile[60] und dem Nazi-Hetzblatt Der Stürmer.[61]
Wurmser wies auch diese Vorwürfe zurück und erklärte 2001: „Ich glaube wirklich nicht, dass unsere Meinungen – auf die wir übrigens ein Recht haben – sich in unserer Arbeit widerspiegeln.“[62]
Weblinks
- US-Website
- Memri TV - Arab TV Monitoring Project
- Mirjam Gläser, Götz Nordbruch: Eine Selbstvorstellung des Middle East Media Research Institute (D-A-S-H)
- Middle East Media Research Institute (Militarist Monitor)
- MEMRI TV (Know Your Meme)
Literatur
- Christopher Hayes: „Selective MEMRI“. Eine Präzisierung. In: Inamo. Band 32, 2002, S. 50 f. (archive.org [PDF]).
- Brian Whitaker: Arabsats Get the MEMRI Treatment. In: Transnational Broadcasting Studies Journal. Band 14, 2005 (archive.org).
- Mona Baker: Narratives of terrorism and security: „accurate“ translations, suspicious frames. In: Critical Studies on Terrorism. Band 3, Nr. 3, 2010, S. 347–364, doi:10.1080/17539153.2010.521639.
- Schirin Fathi: Memri.org – a Tool of Enlightenment or Incitement? In: Idem, Arndt Graf, Ludwig Paul (Hrsg.): Orientalism & Conspiracy. I.B. Tauris, New York 2011, ISBN 978-1-84885-414-7.
Anmerkungen
- Laut Schirin Fathi ein irreführender Projekttitel; Gegenstand seien vielmehr überwiegend Araber, die sich für Säkularismus in der arabischen Welt einsetzten.[22] Mona Baker dagegen akzeptiert das „Reformer“-Framing und fasst zusammen, unter dieser Kategorie würden als Feigenblatt für die sonst dominante Selektivität (s. u.) tatsächlich „Stimmen aus arabischen und muslimischen Ländern präsentiert, die sich für Meinungsfreiheit, Frauenrechte und ähnliche Anliegen einsetzen“.[23]