Alexander Tschugguel
österreichischer katholischer Akivist
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Alexander Tschugguel (* 24. Juni 1993 in Wien) ist ein österreichischer Aktivist des katholischen Traditionalismus. Er beteiligt sich an der Lebensrechtsbewegung, trat auf rechtsextremen Veranstaltungen auf[1], kritisiert den Klimaschutz und lehnt die gleichgeschlechtliche Ehe ab.
Im November 2019 erlangte Tschugguel internationale Aufmerksamkeit durch einen Kirchendiebstahl während der Amazonas-Synode: Tschugguel entwendete fünf Holzstatuetten einer schwangeren Indigenen, die seiner Ansicht nach die südamerikanische Erdgottheit Pachamama darstellen sollen, aus der römischen Kirche Santa Maria in Traspontina und warf sie als angebliche Götzen von der Engelsbrücke in den Tiber.
Familie und Jugend
Alexander Tschugguel konvertierte 2008 im Alter von fünfzehn Jahren vom Luthertum zum Katholizismus. Er wurde Anhänger des katholischen Traditionalismus und kämpfte für die Wiedereinführung der tridentinischen Messe.[2] Später sollen auch Mitglieder seiner lutherische Herkunftsfamilie konvertiert sein. Nach Darstellung Tschugguels soll sein Urgroßvater ursprünglich vom römisch-katholischen Glauben zum Luthertum übergetreten sein.[3] Seit 2019 ist Tschugguel verheiratet; seiner kirchlichen Eheschließung stand als Zelebrant der Weihbischof Athanasius Schneider ORC vor, der in Astana in Kasachstan wirkt und der in Österreich verbotenen katholischen Gruppierung Engelwerk angehört.[4] Tschugguel ist Mitglied der Studentenverbindungen KDStV Ripuaria Bonn im CV und der K. Ö. L. Josephina Wien im Akademischen Bund Katholisch-Österreichischer Landsmannschaften.
Aktivismus
Organisationen und politische Positionen
Seit 2008 engagiert sich Tschugguel für die reaktionäre amerikanische Aktivistenorganisation Tradition Familie Privateigentum (TFP), deren Gedankengut auf Plinio Corrêa de Oliveira zurückgeht. Er arbeitete mit FPÖ- und AfD-Politikern wie Ewald Stadler oder Beatrix von Storch und mit der Familienaktivistin Hedwig von Beverfoerde zusammen, um gegen Abtreibung, gleichgeschlechtliche Ehe und die Umsetzung von Gender Studies und säkularer Sexualkunde in österreichischen und deutschen Schulen zu protestieren.[5][6]
2013 half er Ewald Stadler bei der Gründung der Reformkonservativen (Rekos), einer inzwischen inaktiven konservativen Kleinpartei, die erfolglos bei der Europawahl 2014 antrat. Die Gruppe, deren Gründungsmitglied Tschugguel war, kritisierte die Europäische Union für mangelnde Demokratie und strebte eine Rückgängigmachung des Maastricht-Vertrags und die Abschaffung des Europäischen Parlaments sowie des Europäischen Gerichtshofes an.[7][8][9][10][11][12] Zuvor war Tschugguel im Parlamentsklub des Teams Stronach angestellt gewesen, dort wurde er nach Bekanntgabe der Rekos-Kandidatur entlassen.[13]
2014 traf Tschugguel in Berlin mit von Beverfoerde auf und organisierte später eine gemeinsame Bustour mit ihr durch Deutschland, die zum Ziel hatte, die Ehe im traditionellen Sinn als Verbindung zwischen Mann und Frau zu propagieren. Seit Beginn tritt er bei dem ab 2016 veranstalteten Wiener Marsch für das Leben in Erscheinung,[14] so auch als dessen Mitorganisator in den Jahren 2018 und 2019.[15][2][16] Tschugguel ist gegen Einwanderung und bezeichnet sich selbst als Patrioten und Monarchisten.[7] Er ist Sprecher der Young European Student Initiative, einer Gruppierung nach eigener Darstellung christlich-konservativer Universitätsstudenten.[8]
Im Nachgang zu seiner „Pachamama“-Aktion in Rom 2019 gründete Tschugguel das nach dem heiligen Bonifatius benannte St. Boniface Institute mit dem Ziel, Heidentum und Globalismus innerhalb der katholischen Kirche zu bekämpfen, „diejenigen zu sammeln, die sich nicht vor Mutter Erde verbeugen wollen“, sowie verschiedene traditionalistische katholische Gemeinschaften in ganz Europa miteinander zu vernetzen.[17] In einer öffentlichen Ansprache kritisierte Tschugguel 2019 die Vereinten Nationen und die EU für einen seiner Ansicht nach übertriebenen Fokus auf den Klimawandel. Nach seiner Meinung förderten sie eine Agenda, die von „linken Politikern, kommunistischen NGOs und geschickt radikalisierten jungen Teenagern aus Skandinavien“ vorangetrieben werde. Er lobte auch den damaligen US-Präsidenten Donald Trump für seinen Austritt aus dem Pariser Klimaschutzvertrag.[18] Zudem erklärte er, in den Medien höre man vor allem von linken international tätigen Organisationen, „die sich für eine linksliberale Auslegung der Menschenrechte, für den Abbau von Hürden gegen Massenmigration oder für die Bekämpfung des angeblich menschengemachten Klimawandels einsetzen“.[19]
Von Mai 2020 bis Februar 2023 mobilisierte Tschugguels St.-Bonfatius-Institut seine Anhänger unter dem Schlagwort „Rosenkranz für Österreich“ zu Gebets-Prozessionen, die der Rekatholisierung des öffentlichen Raums dienen sollten.[14] Tschugguel steht in Verbindung mit dem 2020 während der Pandemie gegründeten und der „erzkonservativ-katholischen Ecke“ zugeordneten Telegram-Kanal Katholischer Widerstand, der Christen dazu aufruft, am Protest gegen Schutzmaßnahmen gegen die COVID-19-Pandemie und Impfpflicht teilzunehmen. In diesem Kontext sprach er unter anderem davon, dass so „Impfzwang und andere Terrormaßnahmen“ verhindert werden könnten.[20]
Tschugguel, der im Frühjahr 2020 zu Beginn der COVID-19-Pandemie in Italien selbst schwer an COVID-19 erkrankte und mehrfach im Krankenhaus behandelt werden musste,[21][22] nahm an den Großdemonstrationen vom 4. und 11. Dezember 2021 gegen die Pandemiepolitik in Wien teil und trat auf der letzteren Kundgebung neben Herbert Kickl, Martin Rutter und Monika Donner als Redner auf.[23] Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes attestiert ihm, „keine Berührungsängste“ zum rechtsextremen Lager zu haben.[24] Seine Positionen äußerte er unter anderem in einem Podcast der Zeitschrift Info Direkt.[25]
Entwendung der „Pachamama-Statuen“
In der Nacht auf den 21. Oktober 2019 stahlen Tschugguel und ein Komplize fünf hölzerne Statuen, die eine schwangere Indigene darstellten und im Rahmen der im Vatikan stattfindenden Amazonas-Synode in der Kirche Santa Maria in Traspontina als Symbolbild für amazonische Realitäten und Erfahrungen ausgestellt wurden.[26] Sie warfen die Figuren von der Engelsbrücke in den Tiber und filmten sich dabei.[27] Die von Kunsthandwerkern aus Brasilien gestalteten Figuren wurden vom Kirchlichen Amazonas-Netzwerk REPAM als eines der Leitsymbole ihres Synodenprogramms verwendet. Sie waren in Publikationen zur Synode als „Mutter Erde“ und teilweise auch „Pachamama“ bezeichnet worden und verkörperten nach Auffassung der Aktivisten eine südamerikanische Erd- oder Fruchtbarkeitsgöttin. Tatsächlich wird Pachamama allerdings in Amazonien nicht verehrt und ist traditionell im Andenraum beheimatet. Auch die figürliche Darstellung einer sitzenden, schwangeren Frau besaß keine Gemeinsamkeiten mit tatsächlichen Bildern der Pachamama.
Das vorsätzliche öffentliche Wegwerfen oder Verschmutzen von Kultgegenständen ist in Italien als Religionsbeschimpfung strafbar und mit bis zu zwei Jahren Haft bedroht.[28] Am 4. November 2019 bekannte sich Tschugguel in einem YouTube-Video zur Aktion.[29][30] Er sah in den Statuen einen Verstoß gegen das erste Gebot („Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“) und erklärte, er wollte sicherstellen „dass diese Götzen nicht mehr in der Kirche und zu kirchlichen Zwecken benutzt werden“.[31]
Die Tat erregte ein breites internationales Medienecho.[31][32][33][34][35][36][37][38] Papst Franziskus äußerte sein persönliches Bedauern über die Angelegenheit und bat öffentlich um Verzeihung von allen, die durch diese Tat beleidigt wurden.[39][40][41]
Für Paolo Ruffini, den Präfekten des vatikanischen Dikasteriums für die Kommunikation, stand diese Aktion im Widerspruch zum Geist des Dialogs, da die „Figuren für das Leben, Fruchtbarkeit und die Mutter Erde stünden“[42]. Der mexikanische Bischof Felipe Arizmendi Esquivel verteidigte die Zeremonien mit Fruchtbarkeitsfiguren zu Beginn der Amazonas-Synode, da sie keine Götzen, sondern „Symbole amazonischer Lebenswirklichkeit“[43] repräsentierten. Für Jan-Heiner Tück hängt dieser Vorfall mit einem verengten Blick auf das Katholische und einer intoleranten und verachtenden Einstellung gegenüber der Wahrheit zusammen.[44] Francis Xavier Clooney, Professor an der Harvard Divinity School, erinnerte an die prinzipielle Mehrdeutigkeit der Zeichen (ambiguous signs).[45]
Nach dem Vorfall erhielt Tschugguel Unterstützung von einzelnen ultrakonservativen Kirchenvertretern und Gegnern von Papst Franziskus, darunter Bischof Athanasius Schneider sowie die Kardinäle Raymond Burke und Walter Brandmüller.[46][47][48] Kardinal Christoph Schönborn, der Erzbischof von Tschugguels Heimatdiözese Wien, verurteilte die Tat dagegen als „skandalös und empörend“.[27] Nach der Aktion ging Tschugguel auf eine Vortragsreise in die Vereinigten Staaten, die von dem kanadischen Portal LifeSiteNews, der American Society for the Defense of Tradition, Family and Property (TFP) und dem rechtskatholischen texanischen Publizisten und YouTuber Taylor Marshall organisiert wurde,[18] der die Aktion Tschugguels medial intensiv unterstützt hatte und in Amerika populär machte.[49]
Literatur
- Viera Pirker: Medien zu (Rechts-)Populismus und Religion. Lineaturen in Film, Social Media und aktuellen Studien. In: Christian Ströbele, Erdoğan Karakaya, Armina Omerika, Eckhard Zemmrich (Hrsg.): Rechtspopulismus und Religion. Herausforderungen für Christentum und Islam. Pustet, Regensburg 2024, ISBN 978-3-7917-3402-6, S. 113–130 (zu Tschugguel: S. 121 f.).
- Katharina Limacher: Fundamentalism Old and New? Intra-religious Developments and Inter-denominational Alliances in the New Christian Right in Austria. In: Joseph Marko, Franz Winter, Wolfgang Weirer, Maximilian Lakitsch, Kerstin Wonisch (Hrsg.): Religious Diversity, State, and Law. National, Transnational and International Challenges. Brill, Leiden 2022, ISBN 978-90-04-51585-7, S. 358–378 (zu Tschugguel: S. 369–374).