Ameriko-Liberianer
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Ameriko-Liberianer (englisch Americo-Liberians) sind eine Bevölkerungsgruppe in Liberia, die vor allem von im 19. Jahrhundert aus den Vereinigten Staaten nach Westafrika ausgewanderten freien Schwarzen und ehemals versklavten Afroamerikanern abstammt. Im weiteren Sinn wurden auch Nachkommen afrokaribischer Einwanderer und sogenannter Congos, also von befreiten Afrikanern aus abgefangenen Sklavenschiffen, in die ameriko-liberianische Gesellschaft einbezogen.[1][2] Die Ameriko-Liberianer waren zahlenmäßig stets eine kleine Minderheit, prägten jedoch die Staatsgründung Liberias, seine politische Ordnung, seine Elitenkultur und große Teile der Verwaltung bis zum Militärputsch von 1980. Unter der Führung der Ameriko-Liberianer war das Land relativ stabil, obwohl die Ameriko-Liberianer und die einheimischen Westafrikaner weitgehend getrennt voneinander lebten und nur selten untereinander heirateten.[3]
Geschichte

Die Entstehung der Ameriko-Liberianer ist mit der American Colonization Society verbunden, die 1816 in den Vereinigten Staaten gegründet wurde und die Ansiedlung freier Afroamerikaner an der westafrikanischen Küste organisierte. 1822 entstand an der sogenannten Pfefferküste eine erste dauerhafte Siedlung, aus der später Monrovia hervorging. Die Siedler gründeten eine von amerikanischen politischen, religiösen und sozialen Vorstellungen geprägte Kolonie, die 1847 als Republik Liberia unabhängig wurde.[2] Die meisten ameriko-liberianischen Einwanderer kamen zwischen 1820 und 1865 nach Liberia; spätere Einwanderung blieb im Vergleich dazu begrenzt.[1] Insgesamt kamen im 19. Jahrhundert 12.000 Siedler nach Liberia[4], hauptsächlich aus US-Südstaaten wie South Carolina, wo die Auswanderung von freigelassenen Sklaven finanziell gefördert wurde.[5]
Die frühen Siedlungen lagen vor allem an der Küste und entlang schiffbarer Flüsse. Sie standen in wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu den einheimischen Bevölkerungsgruppen, waren aber zugleich durch Landkonflikte, Handelsinteressen und kulturelle Abgrenzung von ihnen getrennt. Die Siedler betrachteten sich häufig als Träger von Christentum, westlicher Bildung und republikanischer Ordnung. Historiker wie M. B. Akpan haben dieses Verhältnis als eine Form „schwarzen Imperialismus“ beschrieben, da die ameriko-liberianische Minderheit politische und soziale Kontrolle über die indigene Mehrheit ausübte.[6] Die Expansion der Siedler ins Hinterland war von Gewalt geprägt und führte zu mehreren Aufständen der ansässigen Stämme.[7]
Innerhalb der ameriko-liberianischen Gesellschaft bestanden deutliche soziale Abstufungen. Es bildete sich eine hierarchische Ordnung heraus, an deren Spitze ameriko-liberianische Amtsträger und einflussreiche Familien standen. Darunter folgten weniger privilegierte Siedler, befreite Afrikaner aus abgefangenen Sklavenschiffen und schließlich die indigene Bevölkerung.[2] Hautfarbe, Abstammung, Bildung und äußere Lebensweise spielten innerhalb der Siedlergesellschaft eine wichtige Rolle für Status und Zugehörigkeit. Mehrere liberianische Präsidenten waren z. B. Mulatten und hellhäutigere Schwarze hatten eine höhere Stellung als dunklere Schwarze und Einheimische.[8]
Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich aus den unterschiedlichen Siedlergruppen eine eigenständige ameriko-liberianische Identität. Diese beruhte nicht allein auf Herkunft aus den Vereinigten Staaten, sondern auch auf protestantischem Christentum, englischer Sprache, westlicher Bildung, Besitz an Land und Zugang zu staatlichen Ämtern. Zugleich blieb das Verhältnis zur indigenen Mehrheit spannungsreich. Die politische und soziale Trennung zwischen der Küstenelite und dem Hinterland wurde erst im 20. Jahrhundert durch Reformen und Integrationspolitik teilweise abgeschwächt, ohne die strukturellen Gegensätze vollständig zu beseitigen.[8][9][7]
Durch den Bürgerkrieg in Liberia zwischen 1989 und 2003 wurden viele Ameriko-Liberianer als ehemalige dominante Klasse politisch verfolgt, Tausende ermordet. Einige Ameriko-Liberianer verließen daraufhin das Land. Die meisten der einflussreichen amerikanisch-liberianischen Familien flohen in den 1980er Jahren in die Vereinigten Staaten, nachdem der letzte Präsident der True Whig Party ermordet worden war.[10] Mitglieder dieser ethnischen Gruppe leben aber auch heute noch in Liberia. Ihre Bevölkerungszahl wurde 2009 auf 150.000 geschätzt, bei einer Gesamtbevölkerung von 3,5 Millionen Menschen in Liberia.[4] In jüngerer Zeit kam es zunehmend zur Vermischung zwischen den einst getrennt lebenden Volksgruppen, wodurch sich die eigenständige Identät abgeschwächt hat.[10]
Politische Rolle

Von der Staatsgründung 1847 bis zum Militärputsch von 1980 dominierten Ameriko-Liberianer die Politik Liberias. Die Verfassung, das Präsidentenamt, das Zweikammersystem und viele Formen der Verwaltung orientierten sich am Vorbild der Vereinigten Staaten. In der Praxis blieb die politische Teilhabe jedoch lange auf eine kleine, englischsprachige und gebildete Elite konzentriert. Die indigene Bevölkerungsmehrheit war politisch marginalisiert.[2][9]
Zentral für die politische Vorherrschaft der Ameriko-Liberianer war die True Whig Party. Nach dem Wahlsieg von Anthony W. Gardiner 1877 entwickelte sie sich zur dominierenden Partei Liberias. Die Partei kontrollierte über Jahrzehnte Regierung, Verwaltung und politische Patronagenetze; innerparteiliche Konkurrenz ersetzte weitgehend einen offenen Parteienwettbewerb.[11] Ein Bericht des US-Außenministeriums von 1951 beschrieb die Macht der True Whig Party als Ergebnis einer eng verbundenen Gruppe literater Ameriko-Liberianer, restriktiver Wahlpraxis und der wirtschaftlichen Abhängigkeit vieler gebildeter Liberianer von Staatsämtern.[12] Außenpolitisch bemühte sich die liberianische Republik darum die Vereinigten Staaten als politische Schutzmacht zu gewinnen und Investoren anzulocken, wodurch Liberia bis Mitte des 20. Jahrhunderts verhältnismäßig wohlhabend wurde, jedoch unter sozialer Ungleichheit litt.[7]
Die ameriko-liberianische Herrschaft beruhte nicht nur auf formalen Institutionen, sondern auch auf sozialer Exklusivität. Bildung, Mitgliedschaft in protestantischen Kirchen, Freimaurerlogen, Familiennetzwerke und Zugang zum Staatsdienst bildeten wichtige Elemente politischer Macht. Präsident William S. Tubman, der von 1944 bis 1971 regierte, versuchte mit seiner Politik der nationalen Einigung, die Distanz zwischen Küstenelite und Hinterland zu verringern.[11] Unter ihm erhielten Afrikaner erstmals das Wahlrecht.[8][7]
Unter Tubman und seinem Nachfolger William R. Tolbert wurde die Beteiligung indigener Liberianer an Staat und Verwaltung erweitert. Diese Öffnung blieb jedoch begrenzt und wurde von vielen Kritikern als zu langsam empfunden. Nach Tolberts Amtsantritt 1971 nahmen soziale Spannungen zu. Am 12. April 1980 stürzte schließliche eine Gruppe von Soldaten unter Samuel K. Doe, dem ersten nicht amerikanischstämmigen Präsidenten, die Regierung Tolbert. Der Putsch beendete die politische Vorherrschaft der ameriko-liberianischen Elite dauerhaft.[2]
Kultur
Die Kultur der Ameriko-Liberianer verband afroamerikanische, protestantische und westafrikanische Elemente. Besonders prägend waren die englische Sprache, protestantische Kirchen, westliche Schulbildung, republikanische Symbolik und soziale Formen, die an die Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts erinnerten. So wurden in Liberia viele Bräuche der amerikanischen Südstaaten übernommen, darunter Formen von Religion, Kleidung, Architektur und sozialem Umgang.[9] Auch Sprache und Bildung trugen zur kulturellen Abgrenzung bei. Englisch wurde zur Sprache von Verwaltung, Schule, Kirche und öffentlichem Leben. Zugleich entwickelte sich in Liberia ein eigenes Spektrum englischer Varietäten, darunter Standard Liberian English und Pidgin-Formen des Englischen.[13] Die Nachkommen amerikanischer Einwanderer sprachen das Liberian Settler English (auch bekannt als Merico), welches Einflüsse vom afroamerikanischen Englisch der Südstaaten aufweist.[14] Bis in die Gegenwart gilt Liberia als das am meisten amerikanisierte Land in Afrika.[10]
Religion spielte eine zentrale Rolle bei der Herausbildung ameriko-liberianischer Identität. Viele Siedler waren Baptisten, Methodisten oder Angehörige anderer protestantischer Kirchen. Kirchen dienten nicht nur religiösen Zwecken, sondern auch als Orte von Bildung, sozialer Organisation und politischer Legitimation und wurden zu einem wichtigen Bestandteil der ameriko-liberianischen Identitätsbildung. Schwarze und weiße Missionare sahen es als Zivilisierungsmission, den Einheimischen im Hinterland das Christentum zu bringen. Gleichzeitig blieb bis weit ins 20. Jahrhundert eine erhebliche Entfremdung zwischen den Hochburgern der Ameriko-Liberianer in Monrovia und den Küstengebieten und dem „afrikanischen“ Hinterland bestehen. Dieser Konflikt zwischen amerikanisch beeinflusster Kultur und afrikanischer Kultur verschärfte sich mit dem Aufkommen panafrikanischer und antiimperialistischer Bewegungen im 20. Jahrhundert und destabilisierte Liberia.[8]
Viele Ameriko-Liberianer aus der Oberschicht und mit einflussreicher Stellung gehörten dem Masonic Order of Liberia an, der 1867 gegründet wurde und seinen Sitz im Großen Freimaurertempel in Monrovia hat. In Liberia spielte der Freimaurerorden insbesondere in den Anfangsjahren der Republik eine bedeutende Rolle in der politischen und sozialen Struktur, da er eng mit der politischen Macht und den Netzwerken der Elite in Liberia verflochten war. Die Mitgliedschaft in der Freimaurerei war eine unabdingbare Voraussetzung für politische Führungspositionen in der True Whig Party.[15] Politische Versammlungen der TWP fanden sogar im Großen Freimaurertempel statt, zu dem nur Mitglieder Zutritt hatten. Nach dem Staatsstreich in Liberia im Jahr 1980 verbot Samuel Doe die Freimaurerei, hob das Verbot jedoch 1987 wieder auf.[16]
Bekannte Ameriko-Liberianer


Politiker
- William V. S. Tubman, liberianischer Präsident und „Vater des modernen Liberia“
- William Tolbert, letzter Präsident der True Whig Party
- Elijah Johnson, liberianischer Pionier und Gründervater Liberias
- James A. A. Pierre, liberianischer Politiker
- Charles Taylor, verurteilter Kriegsverbrecher und letzter ameriko-liberianischer Präsident
- Winston Tubman, liberianischer Jurist und Politiker
- Clarence Lorenzo Simpson Sr., liberianischer Politiker und ehemaliger Vizepräsident
Bildung und Schriftsteller
- Edward Wilmot Blyden, liberianischer Intellektueller, Gelehrter und Vordenker des Panafrikanismus
- Mary Antoinette Brown-Sherman, liberianische Pädagogin und erste afrikanische Frau an der Spitze einer Universität
- Helene Cooper, Journalistin der New York Times
Wirtschaft
- Romeo A. Horton, einer der Gründer der Afrikanischen Entwicklungsbank
- Clarence Lorenzo Simpson Jr., liberianischer Richter und Unternehmer
- Benoni Urey, liberianischer Unternehmer und einer der wohlhabendsten Liberianer[17]
- Rhoda Weeks-Brown, General Counsel des IWF
In den Vereinigten Staaten geborene Präsidenten Liberias
Ameriko-Liberianer bildeten eine kulturelle Elite in Liberia. Die folgenden Präsidenten Liberias wurden in den Vereinigten Staaten geboren:
- Joseph Jenkins Roberts, erster und siebter Präsident; geboren in Norfolk, Virginia
- Stephen Allen Benson, zweiter Präsident; geboren in Cambridge, Dorchester County, Maryland
- Daniel Bashiel Warner, dritter Präsident; geboren im Baltimore County, Maryland
- James Spriggs-Payne, vierter und achter Präsident; geboren in Richmond, Virginia
- Edward James Roye, fünfter Präsident; geboren in Newark, Licking County, Ohio
- James Skivring Smith, sechster Präsident; geboren in Charleston, Charleston County, South Carolina
- Anthony W. Gardiner, neunter Präsident; geboren im Southampton County, Virginia
- Alfred F. Russell, zehnter Präsident; geboren in Lexington, Fayette County, Kentucky
- William D. Coleman, dreizehnter Präsident; geboren im Fayette County, Kentucky
- Garretson W. Gibson, vierzehnter Präsident; geboren in Baltimore, Maryland
Ein weiterer ameriko-liberianischer Präsident Liberias wurde in Britisch-Westindien geboren:
- Arthur Barclay, fünfzehnter Präsident Liberias; geboren in Bridgetown, Barbados