Assyrer (Gegenwart)

ethnische Minderheit im Nahen Osten From Wikipedia, the free encyclopedia

Assyrer sind eine überwiegend Syrisch-Aramäisch[1][2][3][4] sprechende ethnisch-religiöse Minderheit im Nahen Osten, die ihren Namen vom altorientalischen Volk der Assyrer ableitet.[5][6] Sie zählen somit zu den semitischsprachigen Bevölkerungsgruppen der Region[7][8] und gehören hauptsächlich dem syrischen Christentum an.[9] Daher werden sie in der Selbst- und Fremdbezeichnung oft als Syrer oder, nach ihrer Sprache, als Aramäer bezeichnet. Ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete liegen in Nordmesopotamien, was heute dem nördlichen Irak, dem nordöstlichen Syrien, der südöstlichen Türkei sowie dem nordwestlichen Iran entspricht.[10] Durch Auswanderung und Flucht lebt ein beachtlicher Teil des assyrischen Volkes in der westlichen Diaspora.[11] Entsprechend der traditionellen Selbstbezeichnung als „syrische Christen“ (aramäisch: Suryoye, Suryaye) werden sie auf Arabisch Suriani und auf Türkisch Süryaniler genannt; daneben bestehen unmittelbar von „Assyrien“ und „Assur“ abgeleitete Fremdbezeichnungen: Aschuri'in als alternativer Begriff im Arabischen und Aschuri auf Persisch.[12]

Eine Chabur-Assyrerin in Tell Tamer am Fluss Chabur spinnt Wolle (1939)
Eine assyrische Familie in Mavana beim Buttern

Ethnie und Religion der Assyrer – Entwicklungen und terminologische Abgrenzung

Das Syrisch-Orthodoxe Mutter-Gottes-Kloster in Hah im Tur-Abdin. Errichtet wurde das Gotteshaus in der Spätantike

Die Assyrer waren ein Volk Mesopotamiens,[13][14] das als eines der ersten Völker im Orient das Christentum annahm, kulturell und sprachlich jedoch zuvor mit den im 1. Jahrtausend v. Chr. von Westen eingewanderten aramäischen Bevölkerungsgruppen verschmolzen und zur Verwendung der aramäischen Sprache übergegangen war. Diese wurde im Zuge der Christianisierung der Region auch Kirchensprache in den entstehenden Ostkirchen (Ecclesiae Orientales).[15] Nach 636 n. Chr. geriet Mesopotamien unter muslimisch-arabische Herrschaft und wurde binnen eines Jahrhunderts fast vollständig arabisiert. Auch ein großer Teil der am Christentum oder Judentum festhaltenden Gemeinden nahm das Arabische als Umgangs- und Kultursprache an; einige Minderheiten, insbesondere abseits der Zentren der arabischen Wirtschaft und Kultur, gelang es indes, bis ins 20./21. Jahrhundert am Aramäischen als Umgangssprache festzuhalten.

In Antike und Mittelalter spaltete sich die orientalische Christenheit in mehrere Kirchen, die in der lateinischen Tradition „Ecclesiae Orientales“ (Ostkirchen) genannt werden. Die nestorianische Assyrische Kirche des Ostens, die, zurzeit unter Katholikos-Patriarch Mar Dinkha IV., als weltweit einzige Kirche katholischen Typs (neben protestantischen Gruppen) die Bezeichnung „assyrisch“ in ihren Namen aufgenommen hat (in der Metropolie von Indien jedoch gewöhnlich nicht benutzt), wird zum sogenannten ostsyrischen Ritus gezählt. In einem weiteren Sinn werden als Assyrer alle Christen „syrischer“ Tradition bezeichnet, d. h. einschließlich der assyrischen Altkalendarier (= Alte Kirche des Ostens, zurzeit geführt von Katholikos-Patriarch Mar Gewargis III. Younan[16]), der mit Rom unierten Chaldäisch-Katholischen, der Syrisch-Orthodoxen und der Syrisch-Katholischen sowie der protestantisch oder russisch-orthodox missionierten assyrischer Christen, nicht aber die ursprünglich ebenfalls nestorianischen, seit dem 16./17. Jahrhundert aber zum größeren Teil syrisch-orthodoxen, nach westsyrischem Ritus lebenden indischen Thomaschristen. „Syrisch“ dient hier als Hinweis auf eine bestimmte Glaubenstradition sowie als Bezeichnung einer bestimmten Form des Aramäischen, das sich in mehreren dieser Kirchen als Kirchensprache erhalten hat, nicht jedoch als ethnische oder geografische Bezeichnung.

In der Summe werden syrische Christen oft „Aramäer“, „Assyro-Chaldäer“ und „Chaldo-Assyrer“ genannt. Im weitesten Sinn werden als Assyrer jene Christen bezeichnet, deren traditionelle Gottesdienstsprache das Aramäische ist, ohne Rücksicht auf ihre konfessionelle, staatliche oder sonstige Zugehörigkeit – und zum Teil gegen den erklärten Willen einzelner Gruppen und Kirchenleitungen. So bezeichnet gemäß dem früheren Patriarchen der Chaldäisch-katholischen Kirche, Raphael I. Bidawid, „chaldäisch“ spezifisch die mit Rom unierte Konfession, während „assyrisch“ eine von der Konfession unabhängige ethnische Kategorie sei.[17] Demgegenüber wird teilweise vorgeschlagen, mit „assyrisch“ nur die Kirche nestorianischer Konfession zu bezeichnen und „ostsyrisch“ oder „assyro-chaldäisch“ als übergeordnete Kategorie zu verwenden.

Die Bezeichnung „Assyrer“ wurde nach der Arabisierung des Orients und der Durchsetzung des Islams allein noch mit den Angehörigen christlicher Konfessionen verbunden; die Muslime Mesopotamiens übernahmen sie als Selbstbezeichnung nie, ebenso wenig die Juden der Region. „Syrien“ in der muslimisch-arabischen Tradition bezeichnet – in Anlehnung an eine ältere griechisch-lateinische Tradition – Gebiete westlich Mesopotamiens bis hin zum Mittelmeer (d. h. das heutige Syrien, Jordanien, Libanon und Palästina/Israel).

Die Bezeichnung von Ostchristen als Assyrer ist spätestens seit dem Jahr 1612 schriftlich belegt. In der Chronik der karmelitischen Mission in Persien nennt Papst Paul V. in einem Brief vom 3. November 1612 an den persischen Schah Abbas I. (1571–1629) die syrisch-orthodoxen Jakobiten Assyrer:[18] „Besonders jene, welche Assyrer oder Jakobiten genannt werden und in Isfahan leben, werden gezwungen sein, ihre eigenen Kinder zu verkaufen, um die von Ihnen auferlegte Steuerlast bewältigen zu können, wenn Sie sich ihrer nicht erbarmen.“

Am 16. Dezember 2022 kam es erstmals zu einem Treffen von fünf Kirchenoberhäuptern des syrischen Christentums. Auf Einladung des syrisch-orthodoxen Patriarchen Mor Ignatius Ephräm II. Karim trafen sich in Atchaneh im Libanon diese Patriarchen: Mar Awa III von der Assyrischen Kirche des Ostens, Mor Ignatius Joseph III. Younan von der Syrisch-katholischen Kirche, Mor Bechara Boutros al-Rahi von der Syrisch-Maronitischen Kirche sowie, via Videokonferenz, Mar Louis Raphaël I Sako von der Chaldäisch-katholischen Kirche. In einer gemeinsamen Erklärung, die sie danach veröffentlichten, betonen sie, „dass wir ein Volk mit einem gemeinsamen [syrischen] Erbe sind […] trotz der Vielzahl unserer Kirchen und der Vielfalt unserer apostolischen Traditionen“.[19][20]

In dem hier beschriebenen Sinn ist die Bezeichnung einer Person oder Personengruppe als „assyrisch“ also gleichbedeutend mit deren Zugehörigkeit zu einer der Ostkirchen – assyrisch, syrisch und aramäisch meinen dasselbe. Die in Konkurrenz stehenden Selbstbezeichnungen werden oft konfessionell und mitunter auch politisch gefärbt verwendet; sie sind das Ergebnis der jahrhundertealten Konkurrenz der Kirchen untereinander. Neben in jüngerer Zeit häufiger werdenden kirchlich-religiösen Initiativen zur Herstellung einer gemeinsamen Identität stehen zahlreiche politisch-säkulare Bemühungen mit ähnlichem Ziel, insbesondere in der Diaspora, d. h. in den Ländern, in die ein großer Teil der christlichen Bevölkerung des Orients vor allem im 20. Jahrhundert vor Kriegen und Verfolgung geflohen ist. Die Benennung von Christen als Assyrer kann mit allgemein- oder kulturpolitischen Zielen einhergehen und mit unterschiedlichen Hypothesen über die ethnische Herkunft dieser Personengruppe – wie etwa der direkten Herleitung dieser Christen von den vorislamischen Assyrern zur Abgrenzung von der im Nahen Osten dominierenden muslimisch-arabischen Kultur.

Sprache

Das Vaterunser in aramäischer Sprache

Die Sprache der Assyrer ist in linguistischer Hinsicht als Neu-Ostaramäisch[21] einzuordnen und gehört somit zur Familie der semitischen Sprachen. Die Assyrer sprechen je nach ihrer geografischen Herkunft eine der beiden neu-ostaramäische Sprachformen: das west-syrische Surayt (auch bekannt als Turoyo) oder das ost-syrische Suret (auch bekannt als Swadaya).[22] Gemäß Geoffrey Khan[23] sowie anderen Linguisten finden sich in beiden Formen viele Spuren des Akkadischen. Eigensprachlich bezeichnen sich die Assyrer im Westsyrischen als Suroye oder Suryoye und im Ostsyrischen als Suraye.[24] Nach dem Orientalisten und Semitisten Shabo Talay sprechen heute noch ca. 250.000 Assyrer das westsyrische Surayt.[25] Die Plattform Ethnologue beziffert die Sprecher des ostsyrischen Suret weltweit auf ca. 830.000.[26][27] Bei beiden Angaben handelt es sich um Schätzungen.

Weitere Informationen Ost-Aramäisch, Neu-Ostaramäisch ...
Ost-Aramäisch
Neu-Ostaramäisch
West-Syrisch Ost-Syrisch
Surayt (Turoyo) Suret (Swadaya)
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Geschichte

Völkermord und Verfolgung im 20. Jahrhundert

Schlagzeile in der Washington Times vom 26. März 1915 über den Völkermord an den Assyrern

Im Schatten des Ersten Weltkriegs vollzog sich 1915 der Völkermord an den Armeniern, doch betrafen Verfolgung und Ermordungen nicht allein diese Bevölkerungsgruppe, sondern auch andere christliche Gruppen, nämlich die syrischen Christen bzw. Assyrer.[28][29] Organisiert, verübt und ausgeführt wurde der Genozid im Osmanischen Reich unter der Herrschaft der Jungtürken und wäre ohne die breite Unterstützung einiger kurdischer Lokalfürsten und deren Familien und Gefolgsleuten nicht umsetzbar gewesen.[30][31] Die Angaben über die Anzahl der getöteten Assyrer unterschiedlichster Konfession, die der systematischen Verfolgung und Tötung in Mesopotamien zum Opfer fielen, schwanken zwischen 100.000 und 250.000.[32][33] Dieses Verbrechen[34] wurden inzwischen in verschiedenen Ländern durch parlamentarische Beschlüsse als Völkermord eingestuft. Die Parlamente folgender Staaten haben die Assyrer explizit als Opfer des Genozids von 1915 erwähnt: Schweden[35], Niederlande[36], Armenien[37], Österreich[38], Deutschland[39], Frankreich[40] sowie die Vereinigten Staaten von Amerika.[41][42][43]

Nachdem Shimun XXI., der Katholikos-Patriarch der Assyrischen Kirche des Ostens, im Ersten Weltkrieg ein Kriegsbündnis mit Russland geschlossen hatte, um die politische Unabhängigkeit der Assyrer vom zerfallenden Osmanischen Reich zu erreichen, musste er mit Teilen der christlichen Bevölkerung aus dem Gebiet von Hakkari in Südostanatolien zunächst in das Gebiet um Urmia (im Nordwesten des heutigen Iran) fliehen und, nach dem Rückzug der russischen Truppen von dort und dem Fall von Urmia, mit den Überlebenden 1918 in den Irak. In den Kämpfen und Flüchtlingstrecks verloren Tausende ihr Leben (siehe Kapitel: Gegenwart). Die eine gemäßigtere Politik verfolgende Chaldäisch-katholische Kirche unter Abraham Shimonaya wurde von den Ereignissen zwar in Mitleidenschaft gezogen, konnte sich in ihren traditionellen Siedlungsgebieten jedoch halten.

Die Schlagzeile vom 18. August 1933 in der Tageszeitung The Lethbridge Herald handelt vom Simele-Massaker an den Assyrern

Nach dem Ersten Weltkrieg siedelte Großbritannien assyrische Flüchtlinge in den irakischen Städten Mosul und Kirkuk sowie bei Bagdad an, und aus assyrischen Flüchtlingen gebildete Hilfstruppen, die sogenannten Levi Rifles, unterstützten britische Bodentruppen und der Royal Air Force in der Hoffnung auf Gründung eines autonomen assyrischen Staates. Als Unterstützer der britischen Mandatsmacht waren Assyrer nach der formalen Unabhängigkeit Iraks 1932 und dem Abbau der britischen Truppenpräsenz im Zweistromland verstärkt der Verfolgung durch muslimische Gruppen ausgesetzt. Viele assyrische Familien flohen aus dem Irak nach Syrien, wurden aber von der dortigen Mandatsmacht Frankreich zur Rückkehr gezwungen. In der Folge wurde der Flüchtlingszug 1933 in Kirkuk von der irakischen Armee überfallen und hunderte Assyrer, darunter Frauen und Kinder, getötet. Daraufhin kam es zu aufstandsähnlichen Unruhen in Mosul und Kirkuk, die Assyrer griffen zu den Waffen und griffen die irakischen Truppen an. Die irakische Armee unter ihrem kurdischstämmigen[44] Oberbefehlshaber Bakr Sidqī schlug den Aufstand im Sommer 1933 nieder, Großbritannien griff nicht ein. Kurden sowie Teile der städtischen arabischen Bevölkerung begrüßten diese Abrechnung mit den Christen.[45] Der Historiker Peter Sluglett gab in seiner Darstellung der irakischen Geschichte seit 1958 zu bedenken, dass „die meisten [Assyrer], die 1933 in den gegen sie gerichteten Operationen der Armee getötet wurden, Untergebene der Levies und nicht die Levies selbst“ gewesen seien.[46] Heute befindet sich in Semile (Sumail) eine Märtyrerkirche, die an das Massaker von Semile erinnert.

Im Sommer 1933 wurden in pogromartigen Angriffswellen über 60 christlich assyrische Dörfer im Nordirak von regulären irakischen Truppen sowie kurdischen Freischärlern angegriffen und zerstört. Daraufhin wurden zwischen dem 11. und dem 16. August in Mossul und Dohuk Tausende assyrische Frauen, Männer und Kinder ermordet, dabei fanden unzählige Vergewaltigungen an Frauen und Mädchen statt. Noch bis zum Ende des Monats August kam es immer wieder zu Übergriffen, die Opferzahl unter den christlichen Assyrern betrug 9.000.[47][48]

Katholikos-Patriarch Shimun XXIII. der Assyrischen Kirche des Ostens und ein Teil der assyrischen Anführer forderten, unter anderem vor dem Völkerbund in Genf, ein geschlossenes Siedlungsgebiet für ihr Volk mit weitreichender Autonomie, kamen mit ihrer Forderung jedoch nicht durch. Der Patriarch musste mit seiner Familie den Irak verlassen, ließ sich in den USA nieder und konzentrierte sich schließlich auf seine kirchlichen Aufgaben.

Die Mehrheit der assyrischen Christen lebt heute – aufgrund von Unterdrückung und Vertreibung in ihrer angestammten Heimat Mesopotamien – in der westlichen Diaspora, insbesondere in Europa, den USA und Australien. Die damalige Sowjetunion zählte noch 1990 rund 26.000 ethnische Assyrer (russisch Ассирийцы / Assirijzy), die vorwiegend in den kaukasischen Republiken, sowie in Moskau und Leningrad (Sankt Petersburg) lebten. Diese nestorianischen und jakobitischen Assyrer stammen aus der Gegend um den Urmia-See im Iran, von wo aus sie wegen Verfolgung im 19. Jahrhundert ins Russische Reich, und nach dem Zweiten Weltkrieg in die Sowjetrepubliken emigrierten.[49][50]

Der Tur Abdin gilt als historisches Siedlungsgebiet der Assyrer

In den alten Siedlungsgebieten in Hakkari und im Tur Abdin in der heutigen Südosttürkei gibt es wegen starker Ab- und Auswanderung nur noch um die 4.000 Assyrer[51], welche fast ausschließlich der Syrisch-Orthodoxen Kirche angehören.[52][53] Tur Abdin ist aramäisch für „Berg der Knechte [Gottes]“[54], das Kalksteingebirge in Nordmesopotamien ist eines der wichtigsten Zentren des Urchristentums. Seit dem vierten Jahrhundert bekennen sich die Assyrer in dieser Region zum Christentum.[55] Klöster wie das 397 erbaute Mor Gabriel sind lebendige Kulturerben dieser eindrücklichen Region.

Im Nordirak, in der Ebene von Mosul und im Großraum Bagdad, in der Umgebung der nordwestiranischen Stadt Urmia sowie in Nordost- und Zentralsyrien gibt es jedoch noch assyrische Gemeinden.[56]

In jüngster Zeit sind die Assyrer in ihrer Heimat im Nordirak wieder verstärkt in Konflikt mit den Kurden geraten. Kurdenführer Barzani hatte ihnen 1971 vorgeworfen, in Kirkuk die vom irakischen Regime forcierten Ansiedlungen von Arabern zu unterstützen, um die dort lebenden Kurden zu unterminieren.[57] Seit den Siegen der US-Alliierten und kurdischer Hilfswilliger über das irakische Regime 1991 und 2003 klagen Assyrer in Kirkuk über eine Vertreibungspolitik der Kurden, die Kirkuk zur Hauptstadt ihrer autonomen Region machen wollen. Nach Angaben assyrischer politischer und gesellschaftlicher Organisationen sowie christlicher Kirchen leiden chaldo-assyrische Christen auch in der Ninive-Ebene (in der sie die Bevölkerungsmehrheit darstellen) und der Stadt Mosul in der Provinz Ninawa unter ähnlichen Repressalien.[58]

Der damalige Krieg im Irak machte nach Mitteilung chaldäisch-katholischer Bischöfe die dortige Lage der Christen immer bedrohlicher. Nach Schätzung des damaligen Weihbischofs Andreos Abouna († 27. Juli 2010) waren von vormals 1,4 Millionen Christen nur noch 600.000 in ihrer irakischen Heimat verblieben. Der damalige Erzbischof Louis Sako von Kirkuk teilte mit, lediglich im Kurdengebiet sei die Situation noch erträglich: „Es gibt dort Städte. in denen sich die Zahl der Christen innerhalb von drei Jahren verdoppelt hat“.[59] Der Anteil der Christen im Irak belief sich nach Schätzungen des CIA World Fact Book Mitte 2015 nur noch auf 0,8 %. Der ethnische Anteil der Turkmenen, Assyrer und weiterer Minderheiten an der Gesamtbevölkerung wurde mit 5 % angegeben.[60]

Diaspora, Länder des Exils

Syrisch-Orthodoxe Kathedrale St. Jakob von Nisibis in der Schwedischen Provinz Stockholms län

Aufgrund von Verfolgung, Repression und Unterdrückung in ihrer alten Heimat Mesopotamien, leben die meisten Assyrer heute in der westlichen Diaspora.[61][62]

Naher Osten

Ab 1915 gab es auch eine assyrische Gemeinde in Aserbaidschan. Die meisten Assyrer in Aserbaidschan wurden 1949 in die Oblast Tomsk nach Russland zwangsumgesiedelt.[63] In Armenien leben heute ca. 6.000 Assyrer, die Mehrheit davon in den folgenden Dörfern: Arzni, Verin Dvin, Dimitrov sowie Nor Artagers.[64] Sie sind die Nachkommen von Flüchtlingen der verschiedenen Verfolgswellen wie während des Russisch-Persischen Krieges von 1826 bis 1828 oder während des Völkermordes an den Assyrern von 1915.[65][66]

Europa

Nach Angaben der Assyrischen Konföderation von Europa leben 500.000 Assyrer in Westeuropa,[67][68] davon 135.000 in Deutschland[69][70] und 100.000 in Schweden.[71][72] Weitere Staaten mit einer assyrischen Gemeinde sind: Belgien[73], Frankreich[74], Schweiz[75], Niederlande[76], Vereinigtes Königreich[77], Dänemark[78], Spanien[79] und Österreich[80]. Die Mehrheit der Europäer mit assyrischen Wurzeln gehört der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien an.[81]

Nordamerika

Die ersten Gruppen assyrischer Emigranten erreichten den US-Bundesstaat New Jersey in den 1910er Jahren. Sie kamen hauptsächlich aus Diyarbakır.[82][83] So entstand die erste Syrisch-Orthodoxe Kirche in den USA in West Hoboken (heutiges Union City) in New Jersey.[84] In den Vereinigten Staaten von Amerika leben heute über 120.000 Assyrer, viele von ihnen haben sich in der Metropolregion Detroit niedergelassen.[85] Die ersten Assyrer emigrierten 1902 nach North Battleford in Kanada.[86] Heute beheimatet Kanada etwa 25.000 Assyrer,[87] die meisten wohnen in Toronto, Hamilton und Ottawa.

Australien/Ozeanien

Seit den 1960er Jahren hat Australien eine assyrische Gemeinde.[88] Ein beachtlicher Anteil der rund 40.000 Australier mit assyrischen Wurzeln lebt in einem westlichen Vorort von Sydney namens Fairfield.[89] Neuseeland beheimatet heute ca. 6.000 Assyrer, wovon knapp zwei Drittel in der Wellington Region zu Hause sind.[90]

Kultur und Brauchtum

Kalender und Neujahrsfest

Das assyrische Neujahrsfest im australischen Fairfield (westlicher Vorort von Sydney)

Gemäß dem assyrischen Kalender[91] feiern Assyrer jährlich am 1. April das Neujahrsfest.[92][93] Es wird als Akitu oder „Ha b’Nison“ bezeichnet und im Kreise der Familien begangen.[94] Akitu steht symbolisch für einen Neuanfang, die Aussaat sowie für den Geist und das Leben, neue Kraft und Hoffnung.[95]

Die assyrische Flagge

Die assyrische Flagge (entworfen 1968; angenommen 1971)[96]

Die 1968 entworfene und heute in dieser oder abgewandelter Form von assyrischen Vereinen und Organisationen verwendete Flagge hat einen ihrer Ursprünge in der Darstellung des altorientalischen Sonnengottes Schamasch. Der goldene Kreis in der Mitte stellt die Sonne dar, die mit ihren Flammen Wärme und Licht erzeugt, um die Lebewesen der Erde zu nähren. Der Stern, der die Sonne umgibt, symbolisiert das Land, seine hellblaue Farbe steht für Gelassenheit und Frieden. Die wogenden roten, weißen und blauen Streifen sollen jeweils die drei Hauptflüsse des assyrischen Heimatlandes, Tigris, Euphrat und Großen Zab, darstellen und werden mit Mut, Herrlichkeit und Stolz in Verbindung gebracht. Manche interpretieren die Streifen als die Wege, die die zerstreuten Assyrer ins Heimatland ihrer Vorfahren zurückführen werden. Oben ist Aschur, der Gott der Assyrer aus vorchristlicher Zeit, zu sehen. Andere Versionen der Flagge zeigen stattdessen den altassyrischen Adler, der ein Sinnbild des Gottes war. Der Stern im Hintergrund wird als Stern von Bethlehem, als „geistiges Kreuz“ und Sinnbild Christi gedeutet.

Medien

Zu den Fernsehsendern, die sich an Assyrer richten und über Internet oder Satellit empfangbar sind, gehören: Assyria TV (Södertälje, Schweden), Suroyo TV (Södertälje, Schweden), Suryoyo Sat (Södertälje, Schweden), ANB Sat (San Jose, USA), KBSV-TV 23, AssyriaVision (Ceres, USA) und Ishtar TV (Ankawa, Irak). Es gibt auch mehrere Hörfunkstationen, die aramäischsprachige Programme im Internet verbreiten, darunter den Musiksender Radio Suryoyo (Enschede, Niederlande) und Talk- und Nachrichtenprogramme von Neshro d Suryoye.

Sport

Die beliebteste und verbreitetste Sportart in assyrischen Vereinen ist Fußball. Dies gilt sowohl für die mesopotamische Heimat als auch für die Länder der Diaspora. In Schweden zum Beispiel sind zwei assyrische Mannschaften, Assyriska FF und Syrianska FC, zeitweilig in die höchste Schwedischen Liga aufgestiegen.[97][98][99]

Literatur

  • David Tekin: Die rechtliche Stellung der Assyrer im Grenzraum Türkei/Syrien/Irak. Lit Verlag, Berlin/Münster 2022, ISBN 978-3-643-25035-3.
  • Svante Lundgren: Die Assyrer: Von Ninive bis Gütersloh. Lit Verlag, Berlin/Münster 2016, ISBN 978-3-643-13256-7.
  • Abdo Mirza, Franz-Rudolf Müller: „Barfuß sind wir an den Chabour gekommen, barfuß sind wir gezwungen wieder zu gehen.“ Flucht, Vertreibung und Geiselhaft der assyrischen Christen aus Tal Goran (Al-Hassake, Nordsyrien). Persönlicher Bericht des Abdo Mirza und seiner Familie. Lit Verlag, Berlin/Münster 2019, ISBN 978-3-643-14320-4.
  • Hans Hollerweger: Erlebtes im Tur Abdin. Mit einem Vorwort von Erzbischof Timotheos Samuel Aktas. Initiative Christlicher Orient (ICO), Linz 2023, ISBN 978-3-200-09181-8.
  • Gabriele Yonan: Assyrer heute. Gesellschaft für bedrohte Völker, Hamburg 1978, ISBN 3-922197-00-0.
  • Gabriele Yonan: Ein vergessener Holocaust. Die Vernichtung der christlichen Assyrer in der Türkei. Gesellschaft für bedrohte Völker, Göttingen 1989, ISBN 3-922197-25-6.
  • H. Chick: A Chronicle of the Carmelites in Persia. 2 Bände, London 1939.
  • William Ainger Wigram: Our Smallest Ally. A Brief Account of the Assyrian Nation during the Great War. Society for Promoting Christian Knowledge, London 1920.

Einzelnachweise

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