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Beim Häuten der Zwiebel

autobiografisches Werk von Günter Grass From Wikipedia, the free encyclopedia

Beim Häuten der Zwiebel ist ein 2006 erschienenes autobiografisches Werk von Günter Grass, in dem er seinen Werdegang in den ersten drei Lebensjahrzehnten bis zur Veröffentlichung der Blechtrommel schildert, mit der er seinen Ruhm als Schriftsteller begründete. Beim Häuten der Zwiebel ist der erste Band von Grass’ Trilogie der Erinnerungen (Teil 2: Die Box; Teil 3: Grimms Wörter).

Darstellungsschwerpunkte dieses ersten Erinnerungsbands sind die Familienverhältnisse in jungen Jahren, das Hineinwachsen in das Danziger NS-Milieu, die Einziehung zur Waffen-SS als 17-Jähriger samt seinen Erlebnissen in der Endphase des Zweiten Weltkriegs, die Zeit in Kriegsgefangenschaft und die anschließende umtriebige Suche nach Broterwerbsjobs, die Verwirklichung der eigenen künstlerischen Berufung in der Ausbildung zum Bildhauer, die ersten Erprobungen als Schriftsteller in den Bereichen Lyrik und Theater und – unterdessen als Verheirateter und Vater – die Niederschrift der Blechtrommel im Keller der Pariser Familienwohnung.

Im Fokus der Rezeption des 480 Seiten umfassenden Buches stand zunächst hauptsächlich das späte öffentliche Bekenntnis des Nobelpreisträgers, bei der Waffen-SS gedient zu haben.

Verfassermotive

Die Beweggründe für diesen Lebensrückblick nennt Grass – nachdem in der Figur des Oskar Matzerath (Die Blechtrommel) bereits eine Vielzahl seiner frühen autobiographischen Erfahrungen enthalten waren – gleich eingangs: „Weil dies und das auch nachgetragen werden muß. Weil vorlaut auffallend etwas fehlen könnte. Weil wer wann in den Brunnen gefallen ist: meine erst danach überdeckelten Löcher, mein nicht zu bremsendes Wachstum, mein Sprachverkehr mit verlorenen Gegenständen. Und auch dieser Grund sei genannt: weil ich das letzte Wort haben will.“ (S. 8)[1]

Anfangs des zweiten Kapitels kommt Grass auf die Schuldfrage zu sprechen, auf Schuld, die immerfort ticke und etwa auch auf Reisen nicht abzuschütteln sei. (S. 36) „Aber das Belasten, Einstufen und Abstempeln kann ich selber besorgen. Ich war ja als Hitlerjunge ein Jungnazi. Gläubig bis zum Schluß. Nicht gerade fanatisch vorneweg, aber mit reflexhaft unverrücktem Blick auf die Fahne, von der es hieß, sie sei ‚mehr als der Tod‘, blieb ich in Reih und Glied, geübt im Gleichschritt.“ (S. 43)

Der fragmentarische Stoff, heißt es bei Dieter Stolz, bedinge die erst im fortgeschrittenen Alter gefundene Form der Lebensausschnittinszenierung, die selbstverständlich als Versuch der öffentlichen Wirkungssteuerung gelesen werden könne.[2] Günther Rüther zitiert eine Grass-Äußerung, die das Entstehen des umfänglichen Erinnerungswerks unmittelbar an seine Verwendung bei der Waffen-SS knüpft. „Mein Schweigen all die Jahre zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Das mußte raus, endlich.“ Gemeldet habe er sich nicht zur Waffen-SS, sondern zu den U-Booten, die aber niemanden mehr genommen hätten. „Für mich, da bin ich meiner Erinnerung sicher, war die Waffen-SS zuerst einmal nichts Abschreckendes, sondern eine Eliteeinheit, die immer dort eingesetzt wurde, wo es brenzlig war, und die wie sich herumsprach, auch die meisten Verluste hatte.“[3]

Wichtige Anstöße für sein Erinnerungswerk könnte Grass bereits im Jahr 2000 empfangen haben, als er in Vilnius an den litauisch-deutsch-polnischen Gesprächen über die „Zukunft der Erinnerung“ teilnahm. Die dazu von ihm gehaltene Rede habe laut Volker Neuhaus bei Grass eine das ganze Jahrzehnt anhaltende „Zeit der Rückblicke“ eingeleitet.[4]

Gestaltungsmerkmale

Dieser erste Band der Grass-Erinnerungen ist in elf Kapitel gegliedert, deren Überschriften jeweils pointiert auf bestimmte Erlebnisdetails oder Arten der Erinnerungsverarbeitung bezogen sind. Die Erinnerung liebe das Versteckspiel der Kinder, findet Grass, und neige zum Schönreden. „Wenn ihr mit Fragen zugesetzt wird, gleicht die Erinnerung einer Zwiebel, die gehäutet sein möchte, damit freigelegt werden kann, was Buchstab nach Buchstab ablesbar steht: selten eindeutig, oft in Spiegelschrift oder sonstwie verrätselt.“ (S. 8 f.) Für die Gestaltung der Rückerinnerung an die eigene Vergangenheit greift Grass die Beschaffenheit der Zwiebel auf, wie sie Henrik Ibsen für die Identitätssuche seines Peer Gynt ins Spiel gebracht hat. „Die Zwiebel hat viele Häute. Es gibt sie in Mehrzahl. Kaum gehäutet, erneuert sie sich. Gehackt treibt sie Tränen. Erst beim Häuten spricht sie wahr. Was vor und nach meiner Kindheit geschah, klopft mit Tatsachen an und verlief schlimmer als gewollt, will mal so, mal so erzählt werden und verführt zu Lügengeschichten.“ (S. 10)

Aufs Ganze gesehen orientiert sich Grass in diesem ersten Erinnerungsband an der gängigen Art der autobiographischen Darstellung, so Neuhaus: „Ein mit dem empirischen, auf dem Titelblatt genannten Autor auch namentlich identisches Ich erzählt, meist entlang seiner Lebenschronologie, Ereignisse, bei denen es selbst im Mittelpunkt stand.“[5] Wiederholt blickt der Verfasser über den für diese Erinnerungen gesetzten Zeitrahmen hinaus in die eigene Zukunft und stellt Bezüge zwischen der autobiographischen Erlebnisschilderung und seinen späteren Werken her.

Zweifel bezüglich des eigenen Erinnerungsvermögens sowie zurückliegender Gefühle, Motive und Bewusstseinszustände gibt Grass gelegentlich in Fragen zu erkennen, etwa angesichts der Gewissheit, sich bereits als Fünfzehnjähriger freiwillig zum Dienst an der Waffe gemeldet zu haben, und zwar vorzugsweise für den U-Boot-Einsatz – doch wann genau und warum? „Ist es der Andrang überbordender Gefühlsströme gewesen, die Lust, eigenmächtig zu handeln, der Wille, übereilt erwachsen, ein Mann unter Männern zu sein?“ (S. 75 und 82)

Inhaltliche Akzente

Die Häute unter der Haut

„Ob heute oder vor Jahren, lockend bleibt die Versuchung, sich in dritter Person zu verkappen“, bekennt Grass im ersten Satz seines Erinnerungswerks, geht aber gleich darauf zur Ich-Form über, als er das Hereinbrechen des Zweiten Weltkriegs in Danzig als das Ende seiner Kindheit bestimmt. Hinsichtlich mancher Erinnerungsdetails gibt Grass sich skeptisch, „denn oft gibt die Lüge oder deren kleine Schwester, die Schummelei, den haltbarsten Teil der Erinnerung ab; niedergeschrieben klingt sie glaubhaft und prahlt mit Einzelheiten, die als fotogenau zu gelten haben“. Auf krummen Wegen komme man manchmal der Wahrheit dennoch auf Streichholzlänge näher. (S. 7–10)

Die aus dem Zigarettenerwerb seiner Mutter regelmäßig einkommenden Gutscheine für Papierbilder mit klassischen Malerei-Reproduktionen entfachen das Interesse und die Sammelleidenschaft des Jungen, der nach und nach die zugehörigen Alben für die Malereien der Gotik, der Renaissance und des Barock fällt. Schon als Zehnjähriger habe er unter anderem die Werke Hans Baldungs von denen Matthias Grünewalds unterscheiden können. (S. 13) Befremdlich und fragwürdig erscheint Grass im Rückblick, dass er sich anscheinend mit dem Ausbleiben jeglichen Verkehrs mit der kaschubischen Verwandtschaft mütterlicherseits nach Kriegsbeginn wie selbstverständlich abgefunden hat. (S. 16)

In den Mittelpunkt des Interesses auch seiner Jungenbekanntschaften rückte die Kriegsmarine mit in- und ausländischen Zerstörern und U-Booten. Kenntnisse über die jeweilige Schiffstonnage und -ausrüstung standen hoch im Kurs. Zu Jungvolk und Hitlerjugend vierhielt sich Grass sehr aufgeschlossen, auch weil da Jugend von Jugend geführt sein sollte. (S. 27) Daneben aber sei er auch ein lektürehungriger Stubenhocker gewesen. Für das Kolonialwarengeschäft seiner Mutter betätigte er sich zudem als Schuldeneintreiber an Haustüren mit eigner kleiner Gewinnbeteiligung, die in Bücherkäufe und Kinobesuche umgesetzt wurde. (S. 29–34)

Was sich verkapselt hat

Dabei handelt es sich für Grass um die Schuld, „die nachweisbare wie die verdeckte oder nur zu vermutende“, die immerfort ticke und ihn überallhin begleite – die Schuld, geschwiegen zu haben. „Sie bleibt als Bodensatz, ist als Fleck nicht zu tilgen, als Pfütze nicht aufzulecken.“ (S. 36) Neben dem angesagten Interesse für Frontverschiebungen im Kriegsgeschehen entdeckte Grass für sich die mittelalterliche Geschichte und siedelte darin anlässlich eines Prosa-Wettbewerbs unter Schülern auch einen ihm nach eigenem Bekunden flüssig von der Hand gegangenen Roman unter dem Titel „Die Kaschuben“ an – ein für ihn familienbedingt naheliegendes Sujet, mit dem er jedoch nicht reüssierte. (S. 39–43) Durch die Mitgliedschaft der Mutter in einer Buchgemeinschaft fand der Junge daheim einiges Lesefutter vor. „So viele Sorgen ich ihr bereitet habe – das Sitzenbleiben in der Quarta, der wiederholt durch Aufsässigkeit provozierte Schulwechsel –, sie bewahrte sich ihren durch nichts abzunutzenden Stolz auf das lesende und figurenkritzelnde Söhnchen, das nur durch Anruf aus rückläufigen Traumwelten zu locken war, um ihr dann – auf beiderseitigen Wunsch – als Schoßkind zu gefallen.“ (S. 54–56)

Eine spezielle Neigung entwickelte Grass als Junge zu seinen drei bereits verstorbenen Onkeln mütterlicherseits, nachdem sie – von der Mutter oft erwähnt – ihm durch einen Kofferfund auf dem Dachboden mit den enthaltenen Überbleibseln bedeutsam geworden waren. (S. 58–62) Außer der Zwiebel bedient sich Grass auch des Bernsteins als Gedächtniskammer: „Der Bernstein gibt vor, mehr zu erinnern, als uns lieb sein kann. Er konserviert, was längst verdaut, ausgeschieden sein sollte. In ihm hält sich alles, was er im weichen, noch flüssigen Zustand zu fassen bekam. Er widerlegt Ausflüchte.“ (S. 70)

Er hieß Wirtunsowasnicht

Was den unter der Woche als Flakhelfer verwendeten 15-Jährigen dazu brachte, sich freiwillig zum Kriegsdienst an der Front zu melden, begründet Grass wesentlich mit der an den Wochenenden zu Hause wieder anzutreffenden räumlichen Beengtheit, einschließlich des mit Nachbarn gemeinsam genutzten, oft belegten und verschmutzten Aborts außerhalb der elterlichen Wohnung. „Fluchtwege wurden sondiert. Alle liefen in eine Richtung. Nur weg von hier, an die Front, an eine der vielen Fronten, so schnell wie möglich.“ (S. 79) Der Heldenstatus der von erfolgreichen Feindfahrten zurückkehrenden U-Boot-Besatzungen beeindruckte ihn besonders – von den untergegangenen Booten und Mannschaften hatten die Wochenschauen keine bewegten Bilder zu bieten.

In der Meldestelle in Gotenhafen bedeutete man ihm, sich zu gedulden, sein Jahrgang komme erst später zum Aufruf, und zwar eher für andere Waffengattungen. Vorab müsse er ohnehin seinen Reichsarbeitsdienst leisten, zu dem er nach fortdauerndem Einsatz als kasernierter Flakhelfer im Frühjahr und Sommer 1944 anzutreten hatte. Dabei genoss er das Privileg, nach dem vormittäglichen Drill das Lager verlassen zu können, um als begabter Zeichner Bilder zur Ausschmückung der Kantine anzufertigen. Damit war es allerdings vorbei, nachdem ein bei den Zeugen Jehovas vermuteter Altersgenosse aus religiösen Gründen standhaft das Exerzieren mit der Waffe verweigert hatte mit dem stets wiederholten Ausspruch: „Wir tun sowas nicht.“ Er landete dafür schließlich im Karzer und wurde dann „abkommandiert“ und wohl ins KZ Stutthof überstellt. (S. 81–102)

Wichtiger als dieses Erlebnis blieben für Grass damals weiterhin die militärischen Schauplätze und Entwicklungen, so die Landung der Alliierten in der Normandie sowie das angeblich der Vorsehung zu dankende Überleben Hitlers beim Attentat vom 20. Juli 1944. Auch nach dem Arbeitsdienst und in der zweimonatigen Wartezeit bis zum Einberufungsbefehl übte die Führergestalt auf den jungen Grass eine ungebrochene Faszination aus, selbst wenn ihm auffiel: „Wo ich hinkam, standen Fotos mit Trauerrand auf Kommoden, war mit halber Stimme von gefallenen Männern, Söhnen und Brüdern die Rede.“ (S. 103–108) Zur Verabschiedung auf dem Bahnhof vor der Zugfahrt von Danzig nach Berlin brachte Grass’ Vater seinen Jungen; die geliebte Mutter hatte es nicht über sich gebracht: „Wenn du mir bloß heil zurückkommst.“ (S. 115 f.)

Wie ich das Fürchten lernte

Schon bei der langsamen Einfahrt in die Reichshauptstadt reihten sich entlang der Bahntrasse von Bomben zerstörte und teils brennende Häuser. Von der zentralen Melde- und Verpflegungsstation wurde Grass zur Weiterfahrt mit dem Zug nach Dresden beordert – nach Zwischenaufenthalts wegen Bombenalarms im Bahnhofskeller. Das von ihm in Dresden aufzusuchende Rekrutierungsbüro befand sich in einer Villa im Ortsteil Weißer Hirsch. Dass er bei der Waffen-SS auf einem Truppenübungsplatz in den böhmischen Wäldern zum Panzerschützen ausgebildet werden sollte, bereitete ihm kein Kopfzerbrechen. „Eher werde ich die Waffen-SS als Eliteeinheit gesehen haben, die jeweils dann zum Einsatz kam, wenn ein Fronteinbruch abgeriegelt, ein Kessel, wie der von Demjansk, aufgesprengt oder Charkow zurückerobert werden mußte.“ Der Name Georg von Frundsberg, der seiner neu aufgestellten Division zugeteilt wurde, war Grass als „Vater der Landsknechte“ schon bekannt. „Jemand der für Freiheit und Befreiung stand. Auch ging von der Waffen-SS etwas Europäisches aus: in Divisionen zusammengefaßt kämpften freiwillig Franzosen, Wallonen, Flamen und Holländer, viele Norweger, Dänen, sogar neutrale Schweden an der Ostfront in einer Abwehrschlacht, die, so hieß es, das Abendland vor der bolschewistischen Flut retten werde.“ In nachträglicher Betrachtung schrieb Grass: „Was ich mit dem dummen Stolz meiner jungen Jahre hingenommen hatte, wollte ich mir nach dem Krieg aus nachwachsender Scham verschweigen. Doch die Last blieb, und niemand konnte sie erleichtern.“ (S. 126 f.)

Nun machte Grass Bekanntschaft mit militärischen Schleifübungen und üblen Schikanen, dazu bestimmt, einen Mann aus ihm zu machen. In einer benachbarten Kompanie führte das dazu, dass ein Rekrut sich kurz vor dem angesetzten Strafdienst mit dem Gurt seiner Gasmaskenbüchse erhängte. (S. 130 f.) „Gegen Ende Februar, als bereits Gerüchte über den Dresdner Feuersturm in Umlauf kamen, wurden wir bei Vollmond in klirrender Kälte vereidigt. Ein Chor sang das alte Schwurlied der Waffen-SS ‚Wenn alle untreu werden, so bleiben wir doch treu…‘“ (S. 134) Die für den Fronteinsatz avisierten Panzer ließen unterdessen länger auf sich warten. Als dann doch Gerät eintraf und man an einem in Odernähe befindlichen Frontabschnitt in Stellung ging, lehrten Lärm und Zerstörungskraft der Stalinorgel Grass, der unter der Wanne seines Panzers Deckung suchte, umgehend das Fürchten. Von seiner Truppe war danach wenig übrig; zerfetzte Körper eben noch lebender Kameraden brannten sich ins Gedächtnis. Nach diesem desaströsen ersten Fronteinsatz fand Grass sich nach eigenem Bekunden nur noch in namenlosen Kampfeinheiten wieder. (S. 138–143)

Angesichts des fortschreitenden Zerfalls der militärischen Ordnung und in wechselnden bedrohlichen Lagen realisierte Grass in Begleitung eines erfahrenen Obergefreiten, dass es nun darum gehe, wenigstens die eigene Haut zu retten. Als sie an einem Braunkohleabbaugebiet bei Spremberg in Begleitung eines Flüchtlingstrecks unter sowjetischen Panzerbeschuss gerieten, wurden beide verwundet, der Obergefreite schlimmer noch als Grass, sodass sich ihre Wege im Zuge der medizinischen Versorgung trennten. Der durch Granatsplitter an Schulter und Bein verletzte, fiebernde Grass musste sich auf eigne Faust ins Großlazarett Marienbad durchschlagen. (S. 168–179)

Mit Gästen zu Tisch

Die Nachricht von Hitlers Ableben erreichte Grass in seinem Lazarettbett als eine eingetretene Erwartung, etwas, das ihn nicht mehr zu beschäftigen brauchte. „Auch verlor sich inmitten der Masse einzelner Toter sein verkündeter Heldentod und wurde zur Fußnote.“ (S. 181) Vom Lazarett ging es für Grass in amerikanische Kriegsgefangenschaft, wo er – ohnedies bereits untergewichtig – bei 850 Kalorien Tagesration ständigen Hunger litt. Unverhofft in den Besitz eines größeren Satzes von Westwall-Nadeln gelangt, die er an Amerikaner als Kriegssouvenirs unter anderem gegen Röstbrot eintauschen konnte, ergänzte Grass die spärliche Lagerkost zudem um Brennnesselspinat und Pilzgerichte aus eigener Sammeltätigkeit vor Ort. Darin erkannte er im Rückblick seine Anfänge als für Gäste Kochender. Auf eine breitere Grundlage rein theoretischer Art stellte ein von einem Mitinsassen im Lager angebotener Kochkurs seine diesbezüglichen Ambitionen. Dabei handelte es sich um einen nach eigener Aussage vormals in mehreren südosteuropäischen Hauptstädten als Hotel-Chefkoch Tätigen, der in seinem Kurs vielerlei Rezepte für deftige Hausmannskost vermittelte. (S. 202–215)

Als die Amerikaner ihren Kriegsgefangenen, die mit 1000 Kilokalorien pro Tag inzwischen leicht besser gestellt waren, Bildmaterial aus NS-Vernichtungslagern vorlegten, blieb Grass mit anderen skeptisch-abwehrend und folgte der Lesart, dass es sich dabei um reine Manipulation handelte. Das Ausmaß der deutschen Kriegsverbrechen erschloss sich ihm erst, als er die Schuldbekenntnisse seines vormaligen Reichsjugendführers Baldur von Schirach in den Nürnberger Prozessen mit eigenen Ohren vernahm. (S. 220 f.)

Übertage und unter Tage

Zur Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft im April 1946 wurde Grass von den Amerikanern in die britische Besatzungszone überstellt, in der er sich offiziell von nun an aufhalten musste. In der Familie eines Bekannten in Köln-Mülheim wurde er sogleich für Geschäfte auf dem Schwarzmarkt angelernt; danach fand er Arbeit auf einem Bauernhof im Rhein-Erft-Kreis. Sein Essenshunger wurde dort zwar reichlich gestillt, nicht aber der unterdessen immer drängendere nach dem weiblichen Geschlecht. Grass machte sich also wieder auf den Weg und streunte durch die amerikanische und französische Besatzungszone bis zu einem Bekannten ins Saarland, wo die Versorgungslage allerdings eher noch prekärer war als anderwärts. Anlässlich einer Hamsterfahrt in den Hunsrück fand er dann mit einer ihm an sexueller Erfahrung überlegenen Landarbeiterin in einem Heuhaufen unter freiem Himmel erstmals zum Geschlechtsverkehr zusammen und wusste späterhin seinen „zweiten Hunger“ mit weiteren Bekanntschaften öfters zu befriedigen. (S. 228–241)

Nach einem Intermezzo in Göttingen mit nur kurzzeitigen Ambitionen, das Abitur durch Schulbesuch nachzuholen, bekam Grass auf der Bahnfahrt nach Hannover, von einem Kriegsversehrten den Tipp, Arbeit bei der Burbach-Kali-AG nachzufragen. „Die suchen Jungs für untertage. Da kriegste Lebensmittelmarken für Schwerstarbeiter, Butter satt und hast ein Dach überm Kopp.“ (S. 250) Im Bergwerk Siegfried I bei Groß-Giesen kam er zum Einsatz im Koppeldienst an den Loren samt Schwerstarbeiterverpflegung, die Wurst, Käse, reichlich Butter und Eier zum Frühstück oder vor der Spätschicht verschafften. „Gegen Staublunge gab es täglich als Extrazuteilung Milch.“ (S. 252) Während der fast in jeder Schicht untertage eintretenden Stromausfälle befand sich Grass bei den oft hitzigen Streitgesprächen der Bergleute mitten unter ihnen. Da standen Kommunisten, Altnazis und Sozialdemokraten gegeneinander, letztlich die beiden ersteren zumeist gegen die letzteren. „Als jemand ohne festen Standpunkt, der allseits agitiert wurde, hätte ich mal diesem, mal jenem Haufen zugezählt werden können.“ (S. 256) Ins Gedächtnis eingeprägt hat sich Grass jedoch besonders, was einer der älteren Arbeitskollegen auf Seiten der Sozialdemokraten ihm im Zwiegespräch übertage zu verstehen gab: dass die Auseinandersetzungen hier in etwa so verliefen wie vor der NS-Machtergreifung und dass die Sozialdemokraten dafür gehasst wurden, dass sie sich nötigenfalls auch mit der Hälfte des Erstrebten zufrieden gäben. Eindruck machte Grass auch eine Kundgebung von Kurt Schumacher in Hannover, auf die ihn der Kollege mitgenommen hatte. (S. 254–257)

Durch Postkarten entfernter Verwandter erfuhr Grass vom Verbleib seiner Eltern und Schwester als Geflüchtete bei Bergheim und machte sich umgehend auf den Weg zu ihnen. Eine ehemalige Futterküche für Schweinemast war ihnen als zweigeteilter Raum mit Betonfußboden auf einem Bauernhof zugewiesen worden. In einem der Betten schliefen nun Vater und Sohn, im anderen Mutter und Tochter. Als der Vater, der eine Anstellung als Pförtner bei einem Braunkohle-Tagebau-Unternehmen gefunden hatte, dem Sohn eine Lehrstelle in der Werkleitung offerierte, wurde Grass schlagartig klar, dass Derartiges für ihn überhaupt nicht in Betracht kam – und wozu er sich stattdessen berufen fühlte: zum Bildhauer, „jemand der aus bloßer Tonerde Gestalten formt, die durch ihre rundum betastbare Anwesenheit den Raum beherrschen.“ (S. 275) Vergeblich versuchte insbesondere der Vater, ihn davon abzubringen, indem er ihm einen Hungerleider-Beruf vorhersagte. Als Grass auf einen Zeitungshinweis stieß, dass die Kunstakademie Düsseldorf den Lehrbetrieb teils wieder aufgenommen habe, beendete er nach zwei Wochen das Zusammenleben mit der Familie und bestieg den Zug von Stommeln nach Düsseldorf. (S. 266–275)

Der dritte Hunger

Vor Ort angekommen, traf Grass auf ein unbeheiztes und menschenleeres Gebäude und erfuhr nach einigem Umherirren von einem zufällig angetroffenen Kunstprofessor, dass man wegen Kohlemangels bis auf Weiteres geschlossen habe. Grass möge sich zur Weiterverfolgung seiner Pläne auf dem Arbeitsamt eine Anlernstelle in einem Steinmetzbetrieb zuweisen und dort handwerklich ausbilden lassen, um diese Qualifikation bei einer späteren Bewerbung vorweisen zu können. So geschah es und Grass fand als Katholik durch Vermittlung seines Meisters Julius Göbel auch eine Unterkunft in dem von Franziskanermönchen betriebenen Caritas-Heim in Düsseldorf-Rath. „Meine Schlafstelle fand ich, wie schon als Luftwaffenhelfer, Arbeitsdienstmann, dann Panzerschütze, Kriegsgefangener und schließlich Koppeljunge, als oberer Nutznießer eines zweistöckigen Bettes.“ (S. 291) Grass teilte den fensterlosen Raum, in dem sich vier weitere Doppelstockbetten befanden, mit annähernd gleichaltrigen Studenten und Lehrlingen. In einem weit größeren Schlafsaal, den ein Mönch durch die Luke seiner Zelle beaufsichtigte, waren annähernd 70 pflegebedürftige Greise nebeneinander in Schlafkojen untergebracht – die fluktuierende Kernbelegschaft dieses Altersheims. Tagsüber saßen manche der von Husten und Asthma geplagten Greise auf Bänken unter den Hofkastanien, wo Grass einige von ihnen zeichnete. „Mit weichem Blei und dessen besonderem Schmelz lassen sich Nasenrücken und Kinnlade, die hängende Unterlippe, das fliehende Kinn modellieren. Querbalken und Längsfalten zeichnen die Stirn. Linien, die der Blei zieht, schwellen an, verflüchtigen sich. Was verschattet hinter Brillengläsern liegt. Zwei Krater, die Nasenlöcher, aus denen grieses Haar fusselt. Unendlich viele Grautöne zwischen schwarz und weiß: mein Credo.“ (S. 305)

In seinem Arbeitsalltag als Steinmetz-Lehrling pendelte Grass mit Straßenbahnen zwischen Heim und Betrieb. Nie habe er einen Sitzplatz bekommen. Dicht beieinander standen Personen beiderlei Geschlechts, mehr Frauen als Männer, ein durch das enge Beisammensein ihn häufig erregender Kontakt. Am Samstagnachmittag hingegen machten Grass und seine Altersgenossen im Heim sich regelmäßig „stadtfein“, um bis in den Sonntag hinein das Tanzbein zu schwingen. „Mir fiel das leicht. Von früh an war ich Tänzer. Bei bürgerlichen Festivitäten auf Zinglers Höhe oder im mit Girlanden geschmückten Saalbau des in Langfuhr beliebten Gartenrestaurants Kleinhammerpark bin ich vor und nach Kriegsbeginn nicht nur als Zuschauer und Detailsammler für spätere Niederschriften dabeigewesen. Sobald sich die Kleinbürger des Vororts in Zivil oder kackbraun uniformiert mit- und gegeneinander vergnügten, lernte ich als Dreizehnjähriger, geführt von vereinsamten Soldatenbräuten, das Tanzen, also den Rheinländer und Schieber, den Foxtrott, den englischen Walzer, sogar den Tango lernte ich früh und galt deshalb auf den Brettern der Nachkriegsjahre bald als begehrt.“ (S. 303)

Nach einem Jahr wechselte Grass die Ausbildungsstätte, weg von Göbel, wo hauptsächlich Granitgrabsteine zu bearbeiten waren, hin zum Steinmetz-Großbetrieb der Firma Moog, wo überwiegend auf Sandstein, Tuff und Basalt aus Eifel-Steinbrüchen zugegriffen wurde. Hier galt es zunächst, Kriegsschäden an Sandsteinfiguren in Parkanlagen zu beheben. Als Herausforderung stellte sich Grass die Aufgabe dar, ein Gipsmodell zu kopieren, das er Wilhelm Lehmbruck zuordnen konnte und das der Auftraggeber anscheinend in mehreren Kopien als angebliche Originale zu verkaufen plante. Als im Juni 1848 die Währungsreform anstand, waren Grass und seine Kollegen mit der Fassadenausbesserung eines Düsseldorfer Bankhauses beschäftigt und hatten als Geringverdiener Blick auf die in der Schalterhalle in Münzen und Scheinebündeln vorbereiteten neuen Zahlungsmittel. Bald darauf erhielt er von der Düsseldorfer Akademie – als einer von 27 Bewerbern für zwei Plätze – den Termin für die Aufnahmeprüfung. Für seine Porträtzeichnungen wurde ihm entwicklungsfähiges Talent zugesprochen; den Zuschlag erhielt er jedoch für die mit der Gesellenprüfung erfolgreich abgeschlossene Ausbildung zum Steinmetz. (S. 311–324)

Wie ich zum Raucher wurde

Noch als er gemeinsam mit der anderen angenommenen Bewerberin in die Bildhauerklasse von Josef Mages aufgenommen wurde, war Grass bekennender Nichtraucher. In seinem Ausbildungsatelier aber traf er ausschließlich auf Raucher, was der unter Künstlern vorherrschenden zeitgeistigen Strömung entsprach. Der verbreitete Hang zum Existenzialismus habe zu tragischen Posen verholfen, darunter nicht zuletzt die an der Unterlippe klebende Zigarette. „Seitabwärts gab sie die Richtung an und wippte, gleich ob glimmend oder kalt, während in nächtelangen Gesprächen das menschliche Sein unter dem Schlußstrich als ‚Geworfenheit alles Seienden‘ summiert wurde. Immer ging es um den Sinn im Sinnlosen, um den Einzelnen und die Masse, um das lyrische Ich und das allgegenwärtige Nichts.“ (S. 330) Ohne den Beginn seiner gesundheitlich langfristig fatalen Raucherkarriere genau datieren zu können, hat Grass sich in diesem Umfeld den Konsum selbst gedrehter Zigaretten angewöhnt und wurde später, als ein Raucherbein sich anbahnte, zum passionierten Pfeifenraucher.

Seinen dritten Hunger, den nach künstlerischer Betätigung, stillte Grass alsbald sogar sonntags, indem er in die geschlossene Akademie durch ein von ihm eigens offen gelassenes Fenster kletterte, um seine Atelierarbeit fortsetzen zu können. „Gegen Mitte des ersten Semesters gelang es mir sogar, eine meiner Tänzerinnen aus der ‚Löwenburg‘ zu überreden an der sonntäglichen Kletterpartie teilzunehmen, damit sie mir im schwach beheizten Atelier, doch immerhin von einer Heizsonne partiell angestrahlt, Modell stand, übrigens auf einer hölzernen und drehbaren Scheibe.“ (S. 336) Das führte zu seinem ersten auch den Eltern vorzeigbaren Erfolg, als sein „Mädchen mit Apfel“ als Semesterarbeit ausgezeichnet und im Jahresbericht der Akademie als ganzseitige Fotografie gedruckt wurde. Mit einer sehr freizügig gestalteten weiblichen Aktplastik erregte er bei Mages jedoch so nachhaltig Anstoß, dass der ihn in seiner Klasse nicht mehr dulden mochte und zu Otto Pankok vermittelte, wo zu eigenwilliger Gestaltung durchaus ermutigt wurde. Der Persönlichkeit dieses zweiten akademischen Lehrers blieb Grass nachhaltig verbunden.

Nach dem Scheitern seiner ersten längerfristig angelegten Liebesbeziehung kompensierte Grass Kummer und Leeregefühl mit einer Italienreise in den Semesterferien des Sommers 1951. „Ich übernachtete in Jugendherbergen und Klöstern, unter Olivenbäumen und zwischen Rebstöcken, manchmal sogar auf Bänken in Parkanlagen.“ (S. 362) Mit gelegentlichen handwerklich-künstlerischen Dienstbarkeiten besserte Grass das geringe Startbudget für diese Reise auf, die ihn Tag für Tag bereichert habe wie keine seiner zahlreichen späteren. Vieles wurde ihm Motiv für Zeichnungen mit Tauben- und Möwenfedern mit verdünnter Chinatusche: Droschkenpferde, spielende Straßenkinder, Wäsche an langen Leinen, schattenlos leere Plätze. „Staunend stand ich vor gestenreichem Marmor und verzückt vor den handgroßen Bronzen der Etrusker, schlug in Florenz und Arezzo bei Vasari nach, sah im Palazzo Pitti und in Roms Palazzo Borghese immer mehr Zigarettenbilder meiner Schülerzeit als pompös gerahmte Originale.“ (S. 367)

In den Sommerferien 1952 ging Grass erneut auf Reisen, nun nach Frankreich, wo er sich meist als trampender Beifahrer fortbewegte, oftmals singend, um den Fahrer wachzuhalten. Die Mitfahrgelegenheiten boten sich ihm auf dem Großmarkt nahe Les Halles – etwa in Richtung Marseille, Cherbourg oder Biarritz – und zurück stets wieder nach Paris, wo ihn wechselnde einfache Unterkünfte beherbergten. „Notfalls fand ich Schlafplätze bei gleichaltrigen Franzosen, die ihren Militärdienst in Algerien oder Indochina hinter sich hatten und vom Krieg auf mir kenntliche Weise gezeichnet waren; in welchem Sprachmix auch immer, wir verstanden einander. Wer einzelne Tote und Tote zuhauf gesehen hat, dem gilt jeder weitere Tag als Gewinn.“ (S. 378) In dem das intellektuelle Milieu bestimmenden Streit zwischen Jean-Paul Sartre und Albert Camus schlug er sich auf die Seite des letzteren: „mir wurde, weil ich jeglicher Ideologie misstraute und keinem Glauben anhing, das Steine wälzen zur Alltagsdisziplin.“ (S. 380) Auf einem Abstecher in die Schweiz zu einer Düsseldorfer Bekanntschaft, der Schauspielerin Rosmarie Loss, begegnete Grass deren Freundin Anna Schwarz, die in Berlin die Fortsetzung ihrer Ausbildung zur Tänzerin bei Mary Wigman plante. Indem er sich bei Karl Hartung erfolgreich für eine Übernahme an die Hochschule für bildende Künste bewarb, vollzog Grass im Januar 1953 seinerseits den Wechsel nach Berlin. (S. 382–385)

Berliner Luft

Die Fahrt mit dem Interzonenzug nach West-Berlin trat Grass gemeinsam mit dem 20 Jahre älteren, arrivierten Bildhauer Ludwig Gabriel Schrieber an, zu dem sich eine Freundschaft entwickeln sollte. In der Charlottenburger Schlüterstraße fand er für 20 DM Monatsmiete eine erste Bleibe als Untermieter einer Witwe, die sich „Damenbesuch“ verbat. „Der schnörkelige Putz an der Außenfassade des Mietshauses, dem ich nun eine feste Adresse verdankte, hatte sich, nur mäßig von Splittern verletzt, erhalten. Als die seitliche Bebauung gegen Kriegsende weggebombt wurde, war das Vorder – und Hinterhaus wie ein letzter Backenzahn stehengeblieben.“ (S. 399) Seinen Platz im Atelier von Hartung fand Grass anscheinend auf Anhieb. Es herrschte eine nüchterne Arbeitsatmosphäre ohne bohèmehafte Züge oder Genie-Allüren. Von einem Besuch in Brâncușis Pariser Atelier zeigte sich Hartung hinsichtlich der „Verdichtung der Grundform“ beeindruckt. Grass sah die eigene bildnerische Arbeit an einem Huhn in diesem Kontext gewürdigt, als Hartung einen seiner Standardsätze darauf münzte: „Natur und doch bewusst.“ (S. 402)

Ein telefonisch angebahntes Treffen mit Anna Schwarz zunächst im Café, dann zum ausgiebigen Tanzen in der Eierschale führte schon bei dieser Berliner Erstbegegnung dazu, dass Grass Heiratsabsichten äußerte. Annas Einwand, es gebe einen ihr eng verbundenen Freund, verunsicherte Grass nicht; das könne abgewartete werden. „Es sind die leichten Anfänge, die alles aufwiegen, was schwergewichtig danach kommt.“ (S. 409) Neben dem Tanzen verbrachten beide viel Zeit inmitten des west-östlichen Kulturlebens in Theatern, Kinos und bei Ballettaufführungen. Als Grass sie in seinem Ausbildungsatelier vorstellte, avancierte die Schweizerin Anna bei Karl Hartung zur „Muse Helvetia“. (S. 410)

Am Rande des vom Krieg verwüsteten Potsdamer Platzes verfolgte Grass mit Anna, wie Arbeiter im Zuge des Aufstands vom 17. Juni 1953 sowjetische Panzer – vom Typ des ihm noch aus Kriegszeiten bekannten T-34 – mit Steinen bewarfen. Das Geschehen dieser Volkserhebung schlug sich später in Grass’ Theaterstück Die Plebejer proben den Aufstand nieder. „Als wir genug gesehen hatten, meinten wir, gehen zu müssen. Gewalt schreckte uns ab. Etwas zu tun, mit Steinen Panzer bewerfen, gelang allenfalls in Gedanken. Wir hatten ja uns und die Kunst. Das reichte beinahe.“ (S. 411)

Während lautlos der Krebs

Die ernsten Absichten, die Grass bezüglich Annas hegte, zeigte er 1953 seiner Familie an, indem er eigens mit ihr anreiste, um sie Eltern und Schwester vorzustellen. Seine Mutter mied es, über die eigene Krebserkrankung zu sprechen und mahnte den Sohn, mit dieser jungen Dame aus offenbar gutem Hause pfleglicher umzugehen als mit seinen bisherigen Bekanntschaften. Seine Schwester Waltraud wohnte zum Leidwesen der Eltern nicht mehr bei ihnen, sondern war als Novizin Schwester Raffaela einer Klostergemeinschaft beigetreten. Als Grass sie mit Anna dort aufsuchte, klagte Waltraud ihnen ihre Enttäuschung über die schikanöse Behandlung durch die Novizenmeisterin, was ihren vorherigen Erfahrungen bei italienischen Ordensschwestern so gar nicht entsprach. Nicht im Gespräch mit der Verantwortlichen, erst mit einem geharnischten Brief gelang es Grass, seine Schwester, die dann Hebamme wurde, aus diesem Klosterleben zu befreien. Die von Grass ihr viel später vorgestellte Begebenheit, dass er in gemeinsamer Kriegsgefangenschaft womöglich mit Joseph Ratzinger die jeweilige berufliche Zukunft ausgewürfelt habe, betrachtete Waltraud als eine seiner üblichen Lügengeschichten. (S. 413–422)

Den Sommer 1953 verlebten Grass und Anna Schwarz – nach einem anfänglich etwas förmlich-dünkelhaft verlaufenen Antrittsbesuch auch bei ihrer Familie – als Zelturlaub in Italien, nun zu zweit per Anhalter unterwegs, und ganz aufeinander fixiert. In Bologna wagten sie einen Spontanbesuch bei dem Maler Giorgio Morandi, der ihnen vergnügt jedoch nur leere Leinwände präsentierte: Die noch ungemalten Bilder seien bereits sämtlich verkauft, an Amerikaner natürlich. (S. 431 f.) Mit den eigenen künstlerischen Arbeiten – Kreidezeichnungen von Heuschrecken und Käfern – war Grass, weil zu gegenständlich, gerade bei der Jahresausstellung des Künstlerbunds nicht zum Zuge gekommen. Das wurde für ihn zur überdauernden Erfahrung: „nur in Einzelausstellungen, und immer abseits der wechselnden Moden, konnte sich mein künstlerisches Werk behaupten; so blieb es randständig bis heute.“ (S. 425)

Von Italien in die Schweiz zu Annas Familie zurückgelangt, konfrontierte ihr Vater Grass mit einem Schreiben von Annas Berliner Vermieterin, betreffend häufige männliche Besuche über Nacht in ihrer Wohnung. Grass zeigte sich unverzüglich bereit, die ihm als dringlich unterbreitete Eheschließung einzugehen – im April des Folgejahres. Zurück in Berlin fanden beide eine gemeinsame Wohnung zunächst in Schmargendorf. Den in einem Brief mitgeteilten verschlechterten Gesundheitszustand seiner Mutter beachtete Grass nach eigenem Bekunden zu wenig. „Wir kauften einen gebrauchten Kühlschrank, unsere erste Anschaffung als Paar – ihr Inneres verbrannte unter Bestrahlungen.“ (S. 440) Erst als er brieflich aufgefordert wurde, sofort zu kommen, weil es zu Ende gehe, machte er sich auf den Weg und begleitete die Mutter im Januar 1954 in den Tod. „Ich aber weinte erst später, viel später.“ (S. 443)

Was mir zur Hochzeit geschenkt wurde

„Von der Hochzeit mit Anna – sie im weinroten Kostüm, ich im Stresemann – liegt ein Foto vor. Wir lächeln uns zu, als sei uns ein besonders lustiger Streich gelungen.“ Nachhaltigste Wirkung entfaltete die Grass zur Hochzeit geschenkte Olivetti-Reiseschreibmaschine, die ihn nach und nach zum Schriftsteller gemacht habe. Unterdessen seien es drei Olivetti vom Typ „lettera“, die er an den Standorten in Portugal, Dänemark und in Behlendorf nutze und die dafür sorgten, dass sein Erzählfluss nicht ins Stocken gerate. „Soviel Neues und Allerneuestes auf den Markt kam, nichts hat mich abspenstig machen können. Keine elektrische Maschine und kein Computer war verführerisch genug, um auch nur eine meiner Olivettis verdrängen zu können“. (S. 451) Selbst auf Reisemitnahme nach Calcutta habe sie sich unverwüstlich erwiesen, trotz feuchter Hitze und Insektenbefall.

Schon die frühen Gedichtsammlungen waren mit der Olivetti verbunden, so auch dasjenige, das in einem Wettbewerb des Süddeutschen Rundfunks einen dritten Preis erhielt und bewirkte, dass er von Hans Werner Richter eine Einladung in die Gruppe 47 erhielt, in der er zunehmend wichtig wurde. Vor der ersten Präsentation eigener mitgebrachter Gedichte mahnte ihn Richter, laut und deutlich zu lesen. „Daran habe ich mich mein Leben lang gehalten, wann immer ich vor Publikum las. Mein Kumpel Joseph jedoch, der im Jahr siebenundvierzig Student der Philosophie und Dogmatik im Priesterseminar Freising war, hat mir, als wir im Lager Bad Aibling unter einer Zeltplane hockten, aus einem schwarz eingebundenen Büchlein sein frommes Zeug mit so leiser und fast verhauchter Stimme vorgelesen, daß ich, im Verlauf eines ganz anders gestrickten Märchens, glauben wollte, aus dem wird nie was.“ (S. 461)

Ungemein günstig erschienen Grass im Rückblick die Umstände seiner ersten Buchveröffentlichung, der Gedichtsammlung Die Vorzüge der Windhühner. Nicht nur konnte er dabei bereits die Weichen für ein auskömmliches Autorendasein stellen – 12,5 Prozent vom Ladenpreis jedes verkauften Exemplars sollten an ihn fließen –, auch die Anreicherung des Gedichtbands mit eigenen Zeichnungen wurde ihm im Luchterhand Literaturverlag ermöglicht. Über die Fortsetzung seines Schriftstellerdaseins war er sich aber auch nach diesem Auftakt noch nicht im Klaren, zumal binnen drei Jahren nur 735 Exemplare verkauft waren. Eine „übermächtige“, noch ungefüge Stoffmasse habe sich seinerzeit wohl in ihm angestaut. „Ob schreibend oder zeichnend, mit aller mir mittlerweile geläufigen Artistik wich ich aus, umging ich tänzelnd offensichtliche Abgründe, war um Ausflüchte nie verlegen und eignete mir Stoffe an, die den Stillstand feierten: Prosa, die, von Kafka gespeist, an Magersucht krankte; Theaterszenen, in denen die Sprache sich ins Versteckspiel verliebte, Wortspiele, die lustvoll weitere Wortspiele heckten.“ (S. 468)

Womöglich hätte Grass sich nach eigenem Bekunden weiterhin in allerlei Kunststücken verzettelt, wenn nicht die im Weg liegende „Geröllmasse deutscher und damit meiner Vergangenheit“ ihn zur Auseinandersetzung gedrängt hätte. Noch habe dafür ein erster Satz gefehlt. Die Suche danach setzte er setzte er vom Spätsommer 1956 an in Paris fort, ebenso seine Frau Anne ihre Ausbildung im klassischen Ballett. Ihr Vater finanzierte ihnen einen Hinterhofanbau in der Avenue d’Italie. Im Souterrain richtete sich Grass mit Stehpult zum Schreiben und Drehscheibe für seine Bildhauerarbeiten eine Werkstatt ein. Knapp bei Kasse trampte er öfters von Paris zu diversen deutschen Rundfunksendeanstalten, um den Lebensunterhalt für die Familie, zu der unterdessen die Zwillinge Franz und Raoul gehörten, durch den Verkauf von Gedichten für die jeweiligen Nachtprogramme zu bestreiten. Paul Celan habe ihm als Begleiter seines Schreibprozesses Mut gemacht, wenn seine Arbeit an dem Blechtrommel-Manuskript auch der Kinder wegen ins Stocken geriet. Für die Lesung zweier Kapitel daraus in der Gruppe 47 bekam Grass im Oktober 1958 einen mit 4500 DM dotierten Preis zugesprochen, der ihn materieller Sorgen nunmehr enthob. „Und als im Herbst neunundfünzig der Roman ‚Die Blechtrommel‘ erschien, fuhren Anna und ich von Paris zur Frankfurter Buchmesse, wo wir bis in den Morgen hinein tanzten.“ (S. 479)

Rezeptionsaspekte

Bereits vor dem Erscheinen des Erinnerungsbandes in den Buchhandlungen hatte Grass dazu ein Zeitungsinterview gegeben, das für die anfängliche Rezeption weichenstellend wirkte und in der FAZ unter dem Titel „Günter Grass: Ich war Mitglied der Waffen-SS. Der Nobelpreisträger bricht das Schweigen“ aufgemacht wurde.[6] Die Reaktion auf das als zu spät empfundene Eingeständnis war laut Michael Jürgs eindeutig: „Entsetzen, Sprachlosigkeit. Nicht etwa, weil er als verblendeter Jüngling die Uniform der SS-Verbrecher mit den Runen getragen hatte, sondern weil er diese Schande so lange mit sich herumgeschleppt hatte.“[7][8] Nur selten sei die hektische Diskussion in jenen Wochen mit der literarisch diffizilen Erinnerungsarbeit des Autors befasst gewesen, so Harro Zimmermann. Im Fokus habe die Selbstdemontage eines Intellektuellen gestanden, dessen ethischer Rigorismus als bloße Ersatzhandlung erscheine. „Manchmal ist sogar von der notwendigen Verachtung der Person dieses deutschen Dichters die Rede.“[9]

Teils wurde die Aberkennung des Nobelpreises gefordert, sodass das Nobelkomitee sich schließlich zu einer ausdrücklichen Zurückweisung des Ansinnens veranlasst sah.[10] „Die Häme und die Schadenfreude über das Straucheln des Klassenprimus ausgerechnet in der Betragensnote“, heißt es bei Volker Neuhaus, oft bis zum Vernichtungswillen gesteigert, hätten Grass tief verletzt und wiederum in der Kunst Zuflucht suchen lassen, etwa in dem Gedicht Nach fünf Jahrzehnten: „Erledigt / endgültig, erledigt / sagen übereinstimmend / unsere literaturkundigen Kommentatoren, / die neuerdings das Geschehen im Ring / wortmächtig und für jedermann / zum Erlebnis machen; / doch soll – das ist in den warmen Stuben / aller Schnellschreiber zu hören – der Verletzte, / als man ihn wegtrug, die Namen / etlicher Heilpflanzen gemurmelt haben, / auch den der wahrheitsliebenden Binse.“[11] Laut einer Forsa-Umfrage war das deutsche Publikum mehrheitlich allerdings anderer Meinung als viele Kritiker in den Medien. 68 Prozent der Deutschen sahen des Dichters Glaubwürdigkeit durch sein Waffen-SS-Bekenntnis nicht beschädigt, auch wenn 51 Prozent ein früheres Eingeständnis richtig gefunden hätten.[12]

Literarisch ist Beim Häuten der Zwiebel für Dieter Stolz phantastisch-realistische Poetik auf der Höhe der Zeit. Der existenzielle Zweifel werde zum Zeit- und Erzählebenen bestimmenden Strukturprinzip des in sich konsistenten Narrativs. List und Übertreibung ergänzten sich mit phantasieanregenden Zweideutigkeiten im Dienste überraschender Sprachkapriolen. Insgesamt ergebe sich „ein prall gefülltes, von Rhythmuswechseln, unterschiedlichen Tonlagen und herausragenden Episoden in Schwung gehaltenes Erinnerungsbuch mit paradigmatischem Charakter.“[13]

Erstmals erlebe das Publikum in diesem Band den Autobiographen Grass, so Zimmermann, offen über sein Leben sprechend, dennoch einem fiktionalen Ich den Vorzug gebend, „einem schillernden Welten- und Zeitenbummler, der seine Lebensbeichte in pikarische Sphären taucht. In Wahrheit zeigt sich Grass’ Umgang mit dem, was memorierende Authentizität bedeuten könnte, ist bis in die Nuancen hinein reflektiert, umsichtig und skrupulös.“ (S. 803) Die Zwiebel sei Sinnbild einer nie endenden Suche und Ungewissheit, „der blicktrüben Verschleierungen und Reizbarkeiten in jedem Erinnerungsprozess.“ Es spiegle sich „ein langer und schwieriger, von Schuld und Scham geprägter Selbstreflexionsprozess“, der in diesem Werk habe offenkundig werden sollen.[14]

Ausgaben

Literatur

  • Martin Köbel (Hrsg.): Ein Buch, ein Bekenntnis. Die Debatte um Günter Grass’ „Beim Häuten der Zwiebel“. Steidl, Göttingen 2007, ISBN 978-3-86521-427-0.
  • Hans Arnold: Von der Arbeit an der Erinnerung. Zu Günter Grass Beim Häuten der Zwiebel. Günter Grass-Haus, Forum für Literatur und Bildende Kunst, Lübeck 2007.

Einzelnachweise und Anmerkungen

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