Bertelsmann Stiftung

deutsche Stiftung mit Hauptsitz in Gütersloh From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Bertelsmann Stiftung ist eine rechtsfähige Stiftung des bürgerlichen Rechts mit Sitz in Gütersloh.[6] Sie wurde 1977 von Reinhard Mohn errichtet und ist heute eine der größten deutschen Stiftungen.[7][8]

Bestehenseit 1977
SitzGütersloh, Deutschland Deutschland
Schnelle Fakten Rechtsform, Bestehen ...
Bertelsmann Stiftung
Logo der Bertelsmann Stiftung
Rechtsform Stiftung des bürgerlichen Rechts
Bestehen seit 1977
Stifter Reinhard Mohn[1]
Sitz Gütersloh, Deutschland Deutschland
Zweck Förderung von gesellschaftlicher Teilhabe (politisch, wirtschaftlich und kulturell)[2]
Vorsitz Brigitte Mohn
(Vorstandsvorsitzende)
Bodo Uebber
(Kuratoriumsvorsitzender)[3][4]
Mitarbeiterzahl ca. 330[5]
Website bertelsmann-stiftung.de
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Die Bertelsmann Stiftung arbeitet operativ und ist in verschiedenen Bereichen wie Bildung, Gesundheit, soziale Gerechtigkeit und Digitalisierung tätig, um gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen und das Gemeinwohl zu fördern.[9] Sie führt Forschungsprojekte durch, entwickelt neue Lösungsansätze und setzt sich für Reformen ein.[10] Zu den bekanntesten Projekten der Stiftung zählt der seit 2011 vergebene Reinhard-Mohn-Preis.[11] Ihr Einfluss auf Politik und Gesellschaft wurde wiederholt kritisiert.[12]

Geschichte

Reinhard Mohn (2008), Gründer der Bertelsmann Stiftung

Gründung und erste Jahre

Ende der 1970er Jahre gab es Diskussionen um die Nachfolge von Reinhard Mohn als Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann. Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Verantwortung als Unternehmer errichtete Mohn am 8. Februar 1977 die Bertelsmann Stiftung.[13] Sie wurde am 14. März 1977 durch den Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen, Burkhard Hirsch, offiziell genehmigt.[14] Die Bertelsmann Stiftung war zunächst mit einem Kapital von 100.000 DM ausgestattet.[15]

1979 wurde mit Hans-Dieter Weger der erste Geschäftsführer eingestellt. Er entwickelte das Konzept einer operativen Stiftung, die selbst Projekte initiiert und betreut.[16] Zu den ersten Aktivitäten der Bertelsmann Stiftung zählte die Grundlagenstudie „Kommunikationsverhalten und Buch“ in Kooperation mit Infratest.[17] Außerdem beteiligte sich die Bertelsmann Stiftung an der „Spendenaktion Watteau“ und unterstützte nach dem Konzern den Aufbau der Stadtbibliothek Gütersloh.

Ein erster Tätigkeitsbericht erschien im Jahr 1982. Bundespräsident Karl Carstens verfasste das Vorwort und lobte dabei unter anderem die „Leistung von Stiftungen in der Öffentlichkeit“.[18]

Ausbau der Stiftungsarbeit

Richtfest der Zentrale der Bertelsmann Stiftung mit Liz (r.) und Reinhard Mohn (l.) im Jahr 1990
Reinhard Mohn bei der Verleihung des Carl Bertelsmann-Preises 1997

Die Bertelsmann Stiftung war mittlerweile zum Kern des gesellschaftspolitischen Engagements von Reinhard Mohn geworden.[19] Der Stifter war der einzige Vorstand und bekam ab 1983 Unterstützung von einem neu eingerichteten Beirat. Zu diesem Gremium gehörten neben Reinhard Mohn und Hans-Dieter Weger auch Kurt Biedenkopf, Gerd Bucerius, Friedhelm Farthmann und Eberhard Witte. Die wachsende Zahl an Publikationen führte 1985 zur Gründung des Verlags Bertelsmann Stiftung.[20]

1988 verlieh die Bertelsmann Stiftung erstmals den Carl Bertelsmann-Preis. Ausgezeichnet wurden die Tarifparteien der Wirtschaftsbereiche Bau, Chemie und Metall.[21] Mit dem Preis werden bis heute international renommierte Persönlichkeiten gewürdigt, die sich um wegweisende Lösungen zu gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen verdient gemacht haben.[22] Neben der Arbeit im Inland initiierte die Bertelsmann Stiftung in den 1980er Jahren mehrere internationale Projekte, etwa zum „Kulturraum Europa“. Weitere Beispiele sind das Studienprogramm der Hebräischen Universität Jerusalem und der Aufbau der Biblioteca Can Torró in Alcúdia auf Mallorca.[23][24]

Nachdem Kurt Biedenkopf 1987 zum ersten Vorsitzenden des Beirats gewählt worden war,[25] übernahm Reinhard Mohn 1990 selbst diesen Sitz. Größere mediale Beachtung erhielt der Wechsel Horst Teltschiks zur Bertelsmann Stiftung.[26] Er wurde 1991 als Geschäftsführer bestellt, schärfte das Profil der Stiftung und forcierte die Internationalisierung.[27][28] Das führte beispielsweise zum Besuch von Michael Gorbatschow.[29][30]

1993 wurden neben Reinhard Mohn auch Ulrich Saxer und Werner Weidenfeld in den Vorstand der Bertelsmann Stiftung berufen. Die Geschäftsführung wurde ebenfalls neu besetzt.[31]

Im selben Jahr übertrug Reinhard Mohn die Mehrheit der Kapitalanteile am Bertelsmann-Konzern auf die Stiftung. Dadurch erhöhte sich ihr Anteil auf 68,8 %.[32] Sie stieg dadurch zum größten Aktionär des Konzerns auf.[33] Im Schenkungsvertrag wurden Kapitalbeteiligung und Stimmrechte getrennt.[34] Da die Bertelsmann Stiftung Dividenden für ihre Beteiligung am Konzern erhält, kam es mit Übertragung der Anteilsmehrheit zu einer Erhöhung des Etats.[35]

In den 1990er Jahren erfuhr die Hochschulpolitik der Bertelsmann Stiftung eine breite öffentliche Beachtung. Aufmerksamkeit erregte die Gründung des CHE (Centrum für Hochschulentwicklung) durch die Bertelsmann Stiftung und die Hochschulrektorenkonferenz im Jahr 1994.[36] Die Einrichtung versteht sich als „Reformwerkstatt“ für das deutsche Hochschulwesen.[37][38]

Ebenfalls 1994 unterstützte die Bertelsmann Stiftung die Gründung des Centrums für Krankenhausmanagement (CKM) an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.[39] Neben Forschungsarbeit bietet es Weiterbildung von Klinikpersonal für Managementaufgaben.[40][41] 2008 schied die Stiftung aus dem Kreis der Gesellschafter des CKM aus.

Neuordnung der Gremien

Reinhard Mohn war bis 1998 an der Spitze der Bertelsmann Stiftung tätig. Danach wurde Mark Wössner erst Vorstandsvorsitzender, später auch Beiratsvorsitzender.[42] Er trat im Jahr 2000 zurück, anschließend wurden die Führungsgremien neu geordnet: Das Präsidium ersetzte den Vorstand, das Kuratorium den Beirat.[43][44] Reinhard Mohn übernahm vorübergehend selbst wieder die Leitung beider Gremien,[45] bis er sie Mitte 2001 an Gunter Thielen abgab.[46] Damit hatte Reinhard Mohn alle Führungspositionen aufgegeben,[47] er blieb einfaches Kuratoriumsmitglied.[48]

Heribert Meffert folgte 2002 auf Gunter Thielen als Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung.[49] Er blieb bis 2005 in dieser Funktion.[50] In seiner Zeit wurden die Gremien wieder angepasst, aus dem Präsidium wurde wieder ein Vorstand.[51] Damit wollte man die Corporate Governance im Sinne größerer Transparenz und Unabhängigkeit verbessern.[52] Nachdem Heribert Meffert die Bertelsmann Stiftung verlassen hatte, war der Vorstand mit Liz Mohn und Johannes Meier besetzt.[53]

2008 kam Gunter Thielen als Vorstandsvorsitzender zur Bertelsmann Stiftung zurück.[54][55] Ab 2012 übernahm der ehemalige niederländische Arbeits- und Sozialminister Aart De Geus diese Funktion.[56][57][58] Er gab sie im Dezember 2019 auf eigenen Wunsch ab.[59] Sein Nachfolger ist der promovierte Volkswirt Ralph Heck. Dieser gehörte bis zum Amtsantritt als Vorstandsvorsitzender dem Kuratorium der Bertelsmann Stiftung an.[60]

Aktuellere Ereignisse

Im Jahr 2017 startete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Zusammenarbeit mit der Bertelsmann Stiftung das Forum Bellevue zur Zukunft der Demokratie.[61] Die Veranstaltungsreihe wurde bis 2021 durchgeführt und sollte unter anderem der Politikverdrossenheit entgegenwirken.[62] Sie knüpfte an die Berliner Rede (1997 bis 2011) von Roman Herzog und Horst Köhler sowie das Bellevue Forum (2013 bis 2016) von Joachim Gauck an. Das Forum Bellevue erreichte eine breite mediale Rezeption.

Nach dem Tod von Reinhard Mohn im Jahr 2009 prägte seine Ehefrau Liz Mohn die Bertelsmann Stiftung.[63] Sie war stellvertretende Vorsitzende des Vorstands und des Kuratoriums. 2021 gab sie ihre Position in beiden Gremien auf.[64] Später wurde sie als Ehrenmitglied in das Kuratorium berufen. Zudem repräsentiert sie weiterhin die Bertelsmann Stiftung weltweit, nicht zuletzt als Präsidentin der spanischen Fundación Bertelsmann und der US-amerikanischen Bertelsmann Foundation.

2021 initiierte die Bertelsmann Stiftung das gemeinnützige Liz Mohn Center, dessen Gesellschafterin sie war.[65] Das Zentrum führte Liz Mohns Projekte weiter, darunter insbesondere das Deutsch-Spanische Forum, den Salzburger Trilog und den Internationalen Gesangswettbewerb Neue Stimmen. 2024 ging das Liz Mohn Center zusammen mit der Liz Mohn Kultur- und Musikstiftung in der neuen Liz Mohn Stiftung auf, die rechtlich unabhängig von der Bertelsmann Stiftung ist.[66]

Organisationsstruktur

Die Bertelsmann Stiftung ist selbstständige Stiftung des bürgerlichen Rechts. Sie ist eine voll rechtsfähige juristische Person, die im Innen- und Außenverhältnis ausschließlich dem in der Satzung definierten Zweck verpflichtet ist.[67] Die Bertelsmann Stiftung untersteht der Aufsicht durch die Bezirksregierung Detmold und verfolgt ausschließlich und unmittelbar steuerbegünstigte Zwecke im Sinne der Abgabenordnung.

Gremien

Brigitte Mohn (2016), Vorstandsvorsitzende seit August 2025

Vorstand

Die Geschäftsführung und organschaftliche Vertretung der Bertelsmann Stiftung obliegen dem Vorstand, der aus mindestens drei Mitgliedern besteht. Diese werden vom Kuratorium ernannt und abberufen. Der Vorstand entwickelt die strategische Ausrichtung der Bertelsmann Stiftung, stimmt sie mit dem Kuratorium ab und sorgt für ihre Umsetzung. Vorstände, die gleichzeitig dem Management des Bertelsmann-Konzerns angehören, können die Stiftung nur zusammen mit einem weiteren Mitglied des Vorstands vertreten, das nicht gleichzeitig dem Management des Bertelsmann-Konzerns angehört.

Derzeit besteht der Vorstand aus Brigitte Mohn (Vorsitz), Daniela Schwarzer und Wilhelm-Friedrich Uhr.[68]

Kuratorium

Der Vorstand wird vom Kuratorium der Bertelsmann Stiftung beraten und kontrolliert. Das Kuratorium hat mindestens sechs Mitglieder und ist in alle Entscheidungen von grundlegender Bedeutung eingebunden. Zu seinen Aufgaben zählen ferner die Genehmigung des Jahresabschlusses, die Kontrolle der Wirtschaftsführung, die Entgegennahme der Rechenschaftsberichte des Vorstands und seine Entlastung. Das Kuratorium setzt sich zusammen aus einem Nachfolger des Stifters Reinhard Mohn, einem Mitglied der Aufsichtsräte des Bertelsmann-Konzerns und weiteren Personen.

Derzeit ist das Kuratorium der Bertelsmann Stiftung besetzt mit Bodo Uebber (Vorsitzender),[69] Liz Mohn (Ehrenmitglied),[70] Anna Maria Braun, Alena Buyx, Saori Dubourg, Arancha González Laya, Ralph Heck, Christoph Mohn, Andreas Pinkwart und Matthias Schulz.

Finanzen

Die Bertelsmann Stiftung finanziert sich im Wesentlichen aus Erträgen der mittelbaren Beteiligung an Bertelsmann. Die Stiftung hält ihre Anteile am Konzern über eine Zwischengesellschaft, deren Mehrheitsgesellschafterin sie ist. Diese Anteile sind reine Kapitalanteile, das Stimmrecht liegt bei der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft.[71] Weitere Erträge stammen aus Kooperationen mit anderen gemeinnützigen Organisationen, der Verwaltung eigenen Vermögens und Spenden. Die Bertelsmann Stiftung bildet Rücklagen, um den Stiftungszweck unabhängig von laufenden Einnahmen erfüllen zu können.

Seit ihrer Gründung hat die Bertelsmann Stiftung rund zwei Milliarden Euro für gemeinnützige Arbeit zur Verfügung gestellt.[72] Im Geschäftsjahr 2024 flossen rund 168 Millionen Euro zu. Die Ausgaben beliefen sich auf 77 Millionen Euro. Der größte Teil (41 Millionen Euro) wurde für Programme, Zentren und Sonderprojekte aufgewendet. Außerdem tätigte die Bertelsmann Stiftung Zuwendungen in Höhe von 15 Millionen Euro an verbundene gemeinnützige Organisationen, darunter auch die Bertelsmann Foundation North America und die Fundación Bertelsmann.[73]

Standorte

Zentrale der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh (2007)

Die ersten Büros der Bertelsmann Stiftung befanden sich in einem Wohnhaus in der Gütersloher Carl-Miele-Straße. 1980 wurden stattdessen Räumlichkeiten des Bertelsmann-Konzerns angemietet. 1986 bezog die Bertelsmann Stiftung das Gebäude an der Moltkestraße 10, das 1893 als Nebenstelle der Reichsbank errichtet worden war und bis 1985 der Landeszentralbank von Nordrhein-Westfalen gehörte.

1989 gewann das Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner einen Wettbewerb für den Neubau der Zentrale der Bertelsmann Stiftung gegenüber dem Hauptsitz des Bertelsmann-Konzerns. Das Richtfest des Gebäudes fand 1990 statt, die Gebäude wurden in den folgenden Jahren mehrfach erweitert.[74] Neben der Zentrale in Gütersloh gibt es ein Haus am Werderschen Markt in Berlin in unmittelbarer Nähe zum Auswärtigen Amt sowie zum Humboldt Forum.[75] Außerdem ist die Bertelsmann Stiftung in Brüssel vertreten.

1995 wurde die selbständige Tochterstiftung Fundación Bertelsmann mit Sitz in Barcelona gegründet. Ziel war es damals, die spanische Lese- und Medienkultur zu fördern. Heute konzentriert sich die Fundación auf die duale Berufsausbildung und Berufsorientierung von Jugendlichen in Spanien. Neben Barcelona ist die Fundación auch in Madrid und Sevilla präsent.

Seit 2008 ist die Bertelsmann Stiftung auch in Washington, D.C. vertreten. Dort wurde mit der Bertelsmann Foundation North America eine weitere selbständige Stiftung errichtet. Sie beschäftigt sich mit den transatlantischen Beziehungen.

Stiftungsarbeit

Die Bertelsmann Stiftung ist eine operative Stiftung, die alle Projekte eigenständig konzipiert, initiiert und bis zur Umsetzung begleitet.[76] Ihr Zweck erstreckt sich auf die „Förderung der Wissenschaft und Forschung, der Religion, des öffentlichen Gesundheitswesens, der Jugend- und Altenhilfe, der Kunst und Kultur, der Volks- und Berufsausbildung, des Wohlfahrtswesens, der internationalen Gesinnung, des demokratischen Staatswesens und des bürgerschaftlichen Engagements.“[77]

Die Initiativen der Bertelsmann Stiftung zeigen nicht nur Lösungen auf, sondern schaffen empirisch gestützte Orientierung in einer breiten Öffentlichkeit.[78][79] Sie evaluiert und verbreitet die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschungsvorhaben und -projekte sowie der Modellversuche und Konzeptentwicklungen im Rahmen der Förderung der genannten Zwecke und Aufgaben. Zum Zweck der Verbreitung ist die Stiftung verlegerisch tätig, das heißt sie gibt Bücher, Broschüren, Arbeitshilfen, Ratgeber und andere Publikationen in gedruckter oder in elektronischer Form heraus.[80]

Programme

Bildung und Next Generation

Die Bertelsmann Stiftung fördert gesellschaftliche Teilhabe durch Bildung. Sie setzt sich für den fairen Zugang zu hochwertiger Bildung ein und betrachtet die frühkindliche, schulische sowie berufliche Weiterbildung als Schlüssel zur Beteiligung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Ziel ist es, zukunftsrelevante Kompetenzen zu vermitteln und individuelles Lernen lebenslang zu unterstützen.[81][82][83]

Vor diesem Hintergrund vergleicht die Stiftung beispielsweise regelmäßig die frühkindlichen Bildungssysteme in den deutschen Bundesländern. Der sogenannte Ländermonitor gibt unter anderem Auskunft über die Personalausstattung in Kindertagesstätten und Grundschulen.[84][85]

Zudem betont die Stiftung das Recht von Kindern und Jugendlichen auf Bildung und Teilhabe unabhängig von ihrer sozialen, ökonomischen oder kulturell-ethnischen Herkunft. Zur Verknüpfung der Familien-, Bildungs- und Sozialpolitik setzt sie sich für die Einführung einer Kindergrundsicherung ein.[86]

Demokratie und Zusammenhalt

Die Bertelsmann Stiftung will die Demokratie in Deutschland und weltweit schützen und weiterentwickeln.[87][88] Hierzu will sie insbesondere junge Menschen für mehr Demokratie begeistern, den gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Einwanderungsgesellschaft verbessern und die politischen Institutionen der Bundesrepublik Deutschland robuster und partizipativer machen.[89][90]

2025 steht die Stärkung der Demokratie im Mittelpunkt des Reinhard-Mohn-Preises.[91] Der Preis zeichnet international renommierte Persönlichkeiten aus, die sich um wegweisende Lösungen zu gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen verdient gemacht haben.

Da Kinder und Jugendliche nicht als Demokraten geboren werden, wurden Angebote im Bereich der politischen Bildung entwickelt, etwa für Kindertagesstätten,[92] Schulen und außerschulische Bildungseinrichtungen.[93][94] Ein Ergebnis dieser Bemühungen ist etwa die Buchreihe „Leon und Jelena“.[95]

Digitalisierung und Gemeinwohl

Die Bertelsmann Stiftung befasst sich mit den Auswirkungen von Algorithmen und künstlicher Intelligenz auf Gesellschaft und Lebenschancen. Sie warnt vor der Gefahr, dass automatisierte Entscheidungen ohne klare ethische und regulatorische Leitlinien Diskriminierung und soziale Ungleichheit verstärken können.[96] Gleichzeitig hebt sie das ungenutzte Potenzial für das Gemeinwohl hervor.[97]

Ein wichtiges Arbeitsfeld sind Analysen zu Risiken und Chancen digitaler Technologien. Die Stiftung möchte positive Narrative für den digitalen Wandel entwickeln. Zugleich will sie digitale Technologien am Gemeinwohl ausrichten,[98] um deren Akzeptanz zu fördern.[99]

Die Stiftung sieht Desinformation als große Bedrohung der Demokratie in Deutschland und weltweit. Daher hat sie verschiedene Strategien und Methoden entwickelt, gezielte Kampagnen antidemokratischer Kräfte zu erkennen und zu bekämpfen.[100]

Europas Zukunft

Die Bertelsmann Stiftung betont die Notwendigkeit eines souveränen Europas.[101][102] Sie thematisiert die Herausforderungen durch wirtschaftliche Abhängigkeiten und setzt sich für eine Reduktion sozialer und wirtschaftlicher Ungleichgewichte ein. Die Stiftung sieht Digitalisierung und Nachhaltigkeit als Schlüsselbereiche, in denen Europa durch wertebasierte Strategien weltweit Standards setzen kann.[103]

Zur Unterstützung der Grundsatzdebatte über Europas Zukunft holt die Stiftung regelmäßig die Meinung der europäischen Bürger zu zentralen Zukunftsfragen ein. Nach wissenschaftlichen Standards ermittelt sie ein Stimmungsbild, das auch die politische Debatte unterstützen soll.[104][105]

Zudem untersucht die Stiftung, wie Europa seine Handlungsfähigkeit bewahren und ausbauen kann.[106] In Zeiten angespannter Geopolitik setzt sie sich für gute Beziehungen zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten ein, etwa auf Veranstaltungen wie dem Deutsch-Amerikanischen Zukunftsforum.[107]

Gesundheit

Die Bertelsmann Stiftung sieht Innovation und Patientenzentrierung als wesentliche Faktoren für ein zukunftsfähiges und solidarisches Gesundheitssystem. Sie setzt sich für mehr Qualität und Sicherheit ein,[108] auch durch Digitalisierung.[109] Sie will veraltete Versorgungsstrukturen zugunsten integrierter regionaler Modelle erneuern und die Gesundheitskompetenz der Bürger fördern.[110]

Unter anderem entwickelt die Stiftung Verfahren zur Bewertung der Versorgungseffekte von digitalen Gesundheitsanwendungen. Zudem unterstützt sie die Ausrichtung der Gematik als digitale Gesundheitsagentur, nicht zuletzt nach Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA).[111]

Des Weiteren arbeitet die Stiftung an der Erfassung von Patient-Reported Outcomes (PROs).[112] Diese Angaben von Patienten über ihren selbst wahrgenommenen Gesundheitszustand sind international anerkannt, werden in Deutschland bisher nicht standardmäßig erhoben.

Nachhaltige Soziale Marktwirtschaft

Die Bertelsmann Stiftung betont die Notwendigkeit, die soziale Marktwirtschaft angesichts globaler Herausforderungen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit, Demografie und Digitalisierung zu einer nachhaltigen sozialen Marktwirtschaft weiterzuentwickeln.[113][114] Dadurch soll die soziale Marktwirtschaft als verlässliches Leitbild für zukünftige Generationen erhalten bleiben.[115]

Um die Innovations- und Gründungsdynamik zu stärken, werden evidenzbasierte Konzepte und Reformvorschläge erstellt.[116] Dabei beschäftigt sich die Stiftung unter anderem mit der politischen Governance und dem Transfer aus Wissenschaft und Forschung in den Mittelstand.[117]

Seit 2006 erscheint alle zwei Jahre der Transformationsindex der Bertelsmann Stiftung (BTI).[118] Dieser gibt Auskunft über die politische und wirtschaftliche Transformation von Entwicklungs- und Schwellenländern zu Demokratie und Marktwirtschaft. Er zeigt globale Trends in diesen Bereichen.[119]

Zentren

Zentrum für Datenmanagement

Das Zentrum für Datenmanagement der Bertelsmann Stiftung stellt hochwertige Datensätze für journalistische und wissenschaftliche Analysen bereit, um den demokratischen Diskurs zu fördern und evidenzbasierte Entscheidungen auf allen politischen Ebenen zu unterstützen.[120]

Ein weiterer Schwerpunkt des Zentrums liegt darauf, das Bewusstsein für die Bedeutung offener Daten für das Gemeinwohl zu stärken und Barrieren abzubauen. Ziel ist es, gut aufbereitete und vielfältige Daten als Basis für fundierte Entscheidungen bereitzustellen.[121]

Zentrum für Nachhaltige Kommunen

Das Zentrum für Nachhaltige Kommunen der Bertelsmann Stiftung unterstützt lokale Akteure bei der Umsetzung der Agenda 2030 der Vereinten Nationen und der Nachhaltigkeitsziele (SDGs).[122][123] Ein Schwerpunkt ist die Entwicklung eines wirkungsorientierten Nachhaltigkeitsmanagements.

Die Stiftung arbeitet mit gesellschaftlichen Akteuren zusammen, um Nachhaltigkeit auf kommunaler Ebene zu fördern. Ein wichtiges Mittel ist der kommunale Finanzreport, der Entwicklungen in den Haushalten abbildet.[124] Dabei wird Nachhaltigkeit zum Schlüsselfaktor für die Steuerung der Finanzen erhoben.

Kritik

Die Kritik an der Bertelsmann Stiftung konzentrierte sich Anfang der 2010er-Jahre hauptsächlich auf drei Kernbereiche:[125] die potenzielle Verfolgung kommerzieller Interessen des Bertelsmann-Konzerns,[126] eine unzulässige politische Einflussnahme sowie mangelnde Transparenz.[127] Der Stiftung wurde vor allem vorgeworfen, ihre gesellschaftliche und politische Stellung zu nutzen, um Entwicklungen im Sinne der Unternehmens- und Familieninteressen zu lenken.[128][129]

Kommerzielle Interessen

Ein Kritikpunkt war die mögliche Vermischung der gemeinnützigen Stiftungsarbeit mit den kommerziellen Zielen des Bertelsmann-Konzerns, an dem die Stiftung die Mehrheit der stimmrechtlosen Kapitalanteile hält.[130] Kritiker führten an, dass die Stiftung durch ihre Studien, Empfehlungen und Projekte möglicherweise Bedarfe generiere, die anschließend von Tochterunternehmen des Konzerns bedient werden könnten.[131][132]

Vertreter der Bertelsmann Stiftung wiesen diese Vorwürfe zurück.[133] Sie betonen stets, nicht als „Speerspitze“ des Konzerns zu agieren.[134] Die Stiftung komme in den Genuss der Erträge des Konzerns, ohne die Unternehmenspolitik beeinflussen zu können. Es besteht eine klare Trennung zwischen der gemeinnützigen Arbeit der Stiftung und den unternehmerischen Entscheidungen des Konzerns.[135]

Ein weiterer Aspekt der Kritik betraf den Status der Gemeinnützigkeit.[136] Es wurde argumentiert, die Stiftung profitiere von Steuererleichterungen, während ihre Aktivitäten den Interessen des Konzerns dienten und nicht uneingeschränkt dem Gemeinwohl entsprächen.[137] In diesem Zusammenhang wurde angeführt, Reinhard Mohn habe die Stiftungskonstruktion auch genutzt, um Schenkungs- und Erbschaftssteuern zu minimieren.[138] Kritisiert wurden zudem personelle Verflechtungen zwischen Stiftung und Konzern.

Die Stiftung stellte klar, die Gemeinnützigkeit werde regelmäßig vom Finanzamt geprüft und bestätigt.[139] Sie orientiert sich zudem an den Grundsätzen guter Stiftungspraxis.[140]

Politische Einflussnahme

Ein weiterer Punkt der öffentlichen Auseinandersetzung war die Kritik an einer politischen Einflussnahme der Bertelsmann Stiftung.[141] Kritiker, vor allem aus dem linken Spektrum,[142] warfen der Stiftung vor, unzulässigen Einfluss auf die politische Willensbildung jenseits etablierter demokratischer Wege zu nehmen.[143] Durch enge, oft informelle Kontakte zu Politikern und Beamten betreibe sie eine Art „Privatisierung der Politik“.[144]

Konkretisiert wurde diese Kritik unter anderem durch die angenommene Beteiligung der Stiftung an wichtigen Gesetzgebungsvorhaben. Als Beispiel dient ihre Rolle bei der Entwicklung von Arbeitsmarktreformen wie „Hartz IV“. Die Stiftung soll durch Studien, Expertisen und die Organisation von Diskussionsformaten direkten Einfluss auf Inhalte und Ausrichtung von Reformen genommen haben.[145] Weiterhin wird kritisiert, dass die Stiftung in Politikfeldern wie Bildung und [146] Gesundheit ihre Konzepte durch Beratung von Entscheidungsträgern und Initiierung von Modellprojekten zu etablieren versuchte.[147]

Die Stiftung entgegnete, ihre Politikberatung sei weder kommerziell noch parteipolitisch motiviert.[148][149] Alle Empfehlungen seien evidenzbasiert und stünden allen politischen Parteien sowie gesellschaftlichen Gruppen zur Verfügung. Die Stiftung verstehe sich als ideologisch unabhängig und wolle Impulse für gesellschaftliche Veränderungen geben.[150]

Ein weiterer Aspekt der Kritik war die Frage der demokratischen Legitimierung und Transparenz dieser Einflussnahme.[143] Kritiker bemängelten, dass die Stiftung für den Einsatz ihrer erheblichen Mittel und ihren Einfluss keine Rechenschaft vor Parlamenten oder Rechnungshöfen ablegen müsse.

Die Stiftung wies die Vorwürfe zurück und betont ihre Gemeinnützigkeit. Zudem unterstützte sie die von Kritikern geforderte Reform des deutschen Stiftungsrechts.[151] Ein Beispiel hierfür ist die im Dezember 1998 in Zusammenarbeit mit dem Maecenata-Institut für Philanthropie und Zivilgesellschaft eingerichtete Expertenkommission. Diese entwickelte konkrete Reformvorschläge zur Stärkung des Gemeinwohls.[152]

Mangelnde Transparenz

Auch die Transparenz der Bertelsmann Stiftung war ein Thema der Kritik. Ein zentraler Vorwurf betraf die mangelnde Offenheit hinsichtlich ihrer internen Entscheidungsprozesse und der genauen Mechanismen ihrer politischen Einflussnahme.[153]

Während Studien und Publikationen der Stiftung öffentlich zugänglich sind, wurden Treffen und informelle Kontakte mit politischen Entscheidungsträgern als intransparent kritisiert.[154][155]

Ein weiterer Kritikpunkt zielte auf die finanzielle Transparenz und die Rechenschaftspflicht ab.[156] Als private Stiftung unterliegt die Bertelsmann Stiftung nicht derselben öffentlichen Kontrolle wie staatliche Institutionen.

Die Stiftung bestreitet diese Kritikpunkte. Man könne sich umfassend über die Stiftungsarbeit in den öffentlich zugänglichen Publikationen informieren. Seit Gründung der Stiftung erschien in regelmäßigen Abständen ein Tätigkeitsbericht,[157][158] der über die Standards der Initiative Transparente Zivilgesellschaft hinausgeht. Zudem verweist die Stiftung auf die Aufsicht durch staatliche Behörden.

Literatur

  • Frank Böckelmann, Hersch Fischler: Bertelsmann. Hinter der Fassade des Medienimperiums. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-8218-5551-7, S. 213–250.
  • Ulrich Brömmling: Die Kunst des Stiftens. 20 Perspektiven auf Stiftungen in Deutschland. Edition Pro Arte, Berlin 2005, ISBN 3-9805009-6-9, S. 22–25.
  • Werner Biermann, Arno Klönne: Agenda Bertelsmann. Ein Konzern stiftet Politik. Papyrossa Verlag, Köln 2007, ISBN 978-3-89438-372-5.
  • Jens Wernicke, Torsten Bultmann (Hrsg.): Netzwerk der Macht – Bertelsmann. Der medial-politische Komplex aus Gütersloh. Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Marburg 2007, ISBN 978-3-939864-02-8.
  • Regina Hannerer, Christian Steininger: Die Bertelsmann Stiftung im Institutionengefüge. Medienpolitik aus Sicht des ökonomischen Institutionalismus. Nomos Verlag, Baden-Baden 2008, ISBN 978-3-8329-3982-3.
  • Thomas Schuler: Bertelsmannrepublik Deutschland. Eine Stiftung macht Politik. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-593-39097-0.
  • Joachim Scholtyseck: Reinhard Mohn. Ein Jahrhundertunternehmer. C. Bertelsmann Verlag, München 2021, ISBN 978-3-570-10441-5, S. 111–129.
Commons: Bertelsmann Stiftung – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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