Brauerei Balbach

ehemalige Brauerei im oberhessischen Biedenkopf From Wikipedia, the free encyclopedia

Schnelle Fakten
Brauerei L. Balbach GmbH & Co. KG
Rechtsform GmbH & Co. KG
Gründung 1872
Auflösung 31. Dezember 1994
Sitz Kottenbachstraße 37,
35216 Biedenkopf
Leitung Klaus Achenbach (1994)
Branche Brauerei
Stand: 1994
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Das Gebäude der Brauerei aus dem Jahr 1892 in der Kottenbachstraße, heute als Wohnhaus (2026)

Die Brauerei L. Balbach GmbH & Co. KG war eine seit 1872 bestehende Brauerei im oberhessischen Biedenkopf. Sie schloss 1994 und wurde anschließend bis 2002 als Getränkehandel weitergeführt. Die Brauerei war nach der Brauerei Thome die vorletzte im Hessischen Hinterland. Bis heute verblieben ist der Gebäudekomplex im Kottenbach aus dem Jahr 1892, inzwischen teilweise umgebaut zu einem Wohnhaus.

Geschichte

Vorgeschichte und andere Brauereien in Biedenkopf

Bereits seit dem späten Mittelalter lässt sich in Biedenkopf das Brauen von Bier nachweisen. Seit 1719 befand sich das Städtische Brauhaus in einem Anbau an das Rathaus in der Oberstadt. Dieses wurde zuletzt 1795 erweitert, 1841 jedoch aufgegeben. Nach Schließung des städtischen Brauhauses übernahmen private Betriebe das Bierbrauen. Noch 1841 eröffnete Kaspar Pfeil eine Brauerei, bereits im folgenden Jahr wurde die Brauerei Braun gegründet, weitere folgten. Um 1900 waren in Biedenkopf fünf Bierbrauereien tätig.

Entstehungsgeschichte unter Gründer Carl Friedrich Balbach

Im Jahr 1859 kam der Brauer Carl Friedrich Balbach († 1882), ursprünglich aus dem mainfränkischen Marktsteft stammend, nach einer Tätigkeit als Braumeister der Marburger Brauerei Bopp nach Biedenkopf. Er wurde dort zunächst Teilhaber der 1855 gegründeten Brauerei Hoffmann von Jean Hoffmann, die so zur Brauerei Hoffmann und Balbach wurde. Schon sein Vater Wilhelm Balbach war in der Heimat Böttchermeister und Bierbrauer gewesen. In dieser Zeit betrieb er Balbachs Bierwirtschaft in der Thauwinkelstraße, die er 1865 in die Hainstraße 1 (Ecke Marktplatz/Bachgrundstraße) verlegte und diese ein Jahr später um einen Saalbau erweiterte. 1872 gründete er dort schließlich zusätzlich zur Gastwirtschaft seine eigene Brauerei im Hof des Anwesens. Im Balbachschen Saal fanden wichtige gesellschaftliche Ereignisse statt, darunter Vereinsversammlungen und Konzerte.[1]

Schon damals stellte die Brauerei zu besonderen Gelegenheiten Bockbier her, etwa zu Himmelfahrt und Pfingsten oder 1883 zur Eröffnung des Biedenkopfer Abschnitts der Oberen Lahntalbahn, was entsprechend beworben wurde. Vertrieben wurde das Bier in der eigenen Gaststätte sowie bald in der näheren und weiteren Umgebung. Bereits 1877 wurde Balbach-Bier etwa in Wallau und Ludwigshütte ausgeschenkt, 1894 auch in Marburg. Ab 1871 mietete Balbach für 12 Jahre das Biedenkopfer Schloss an, um dort Gäste zu bewirten.[1] Sein Bier lagerte er in einem Felsenkeller in der Kottenbachstraße.[2] Anfangs konnten Privatpersonen Bier direkt an der Produktionsstätte für zu Hause erwerben. Daneben organisierte die Brauerei den Ausschank eigener Biere bei Festen und beim Biedenkopfer Grenzgang, dessen „Stammbier“ das Balbach bis zu dessen Ende bleiben sollte.[1] Die Grenzgangs-Burschenschaft Balbach geht auf die Balbach'sche Gaststätte zurück, in der sie zum Grenzgang 1894 gegründet wurde, und trägt bis heute den Walfisch als Symbol (siehe unten).[3]

Generationenwechsel und Brauerei-Neubau

Nach dem Tod des Gründers 1882 gingen Gasthof und Brauerei an seine Witwe Dorothea und danach ab 1886 an ihren gemeinsamen Sohn Carl Louis Balbach über. Eisteiche besaß die Brauerei seit 1878 hinter dem Galgenberg und seit 1892 im oberen Kottenbachtal. 1887 übernahm Balbach die Bewirtung für den örtlichen Schützenverein.[1]

1892 wurde ein neues, großes Brauereigebäude in der Kottenbachstraße 37 errichtet, in dem das Sudhaus (im Erdgeschoss), Kessel- und Maschinenräume und ein Flaschenbierraum untergebracht waren. Das in Fachwerk ausgeführte Dachgeschoss wurde als Malzdarre genutzt. Scheune und Stallungen dienten der Haltung der Brauereipferde. Bierkeller und Lagerräume befanden sich zunächst auf der gegenüberliegenden (östlichen) Seite der Kottenbachstraße.[2] Mit dem Neubau wurde auch entsprechend die Produktion gesteigert. Der Verkauf verblieb an der hauseigenen Gaststätte. An entfernteren Orten boten sogenannte „Bierniederlagen“ einen Filialverkauf, so Ende des 19. Jahrhunderts in Gladenbach. Laut einem Inserat im Hinterländer Anzeiger betrug der Wochenlohn eines Brauburschen bei Balbach im Jahr 1893 10 bis 12 Mark. 1895 beherbergte Brauer Balbach vier Mitarbeiter, drei Braugehilfen und einen „Braueleven“ im eigenen Haus.[1]

1897 errichtete Carl Louis Balbach gegenüber des neuen Gebäudekomplexes ein Wohnhaus (Hausnummer 40½). Das Gasthaus, das später zum Hotel erweitert wurde, verblieb an der Hainstraße und wurde ab 1894 von Richard Balbach, jüngerer Sohn des Gründers betrieben, der es zum Hotel ausbaute. Nach dessen frühem Tod 1899 wurde das Gebäude auf Dauer verpachtet. Bei der Erweiterung der Brauerei 1897 wurde Raum für größere Kessel in einem rückseitigen Anbau geschaffen und die Lager- und Eiskeller hinter das Brauereigebäude verlegt. Anstelle des Dampfkessels von 1897, der den älteren von 1872 ersetzt hatte, wurde schon 1902 ein leistungsfähigerer Dampfkessel in Betrieb genommen.[2] 1901 produzierte das Unternehmen 8.170 Hektoliter Bier.[1]

Auf Festumzügen in Biedenkopf war die Brauerei mehrfach mit einem Wagen präsent, so beim landwirtschaftlichen Fest 1906, dem Biedenkopfer Grenzgang 1935 oder dem 700-jährigen Stadtjubiläum 1954.[1]

Abschwung in der Zwischenkriegszeit und Marke „Walfischbräu“

Die Brauerei gehörte zu den ersten Fernsprechteilnehmern in der Stadt.[4]

Der Familiensitz der Balbachs aus dem Jahr 1915 mit anschließendem Eishaus (2026)

Als Familiensitz wurde bis 1915 oberhalb des Brauereigelände im Kottenbach an der Straße „Am Schloß“ ein massives Fachwerkgebäude ausgebautem Kellergeschoss errichtet. Daran schließt ein unscheinbarer, quadratischer Anbau für ein Eishaus an.[5]

Von 1912 bis in die 1930er-Jahre wurde das Bier auch als „Walfischbräu“ vermarktet, angelehnt an die Hausgaststätte, die „Zum schwarzen Walfisch“ genannt wurde. Deren Name ist vermutlich dem von Viktor von Scheffel 1854 getexteten populären Trinklied „Im Schwarzen Walfisch zu Askalon“ entlehnt und sollte studentische Ausflügler aus den Universitätsstädten Marburg und Gießen anziehen.[6] Auf dem Dach des Hauptgebäudes in der Kottenbachstraße war für Jahrzehnte ein schwarzer Walfisch angebracht.[2]

Danach veränderte sich die Werbung grundlegend: Die konkreten Namen der Produkte traten in den Vordergrund und anstelle des Walfischs übernahm das Wappen der Stadt Biedenkopf die Rolle des Logos. Mit längerem Bestehen der Brauerei wurde das Gründungsjahr 1872 hervorgehoben, und zuletzt betonten Slogans wie „Die alte Hinterländer Braustätte“, „Seit der Gründung im Familienbesitz“ und „Bier aus Biedenkopf“ die lokale Tradition.[1]

Nachdem Carl Louis Balbachs Sohn Fritz 1920 in jungen Jahren verstorben war, erhielt Fritz Albrecht, der Ehemann von seiner Schwester Clara, Prokura und leitete die Firma. Bis 1938 ging der Ausstoß auf 5.000 bis 6.000 hl pro Jahr zurück. Seit 1930 beschäftigte das Unternehmen mehr als zwölf Mitarbeiter, die bis 1947 den Ausstoß wieder auf 10.000 hl erhöhten.[1]

Erweiterung durch die ehemalige Schloßbrauerei und Höhepunkt

Clara Albrecht, geb. Balbach, erbte nach dem Tod ihres Vaters 1940 die Brauerei. Zuletzt während des Zweiten Weltkrieges kam das Bier per Pferdewagen zu den Kunden, später lieferten Lastkraftwagen.[1]

1954 wurde das Hotel mit Gaststätte in der Hainstraße betrieblich abgespalten und ging später an Claras Tochter Hildegard Unterberger. Noch heute ist das Gebäude im Besitz der Erbenfamilie. Die Mehrheitsanteile an der Brauerei erbten Lisel, Claras Tochter aus erster Ehe, deren Ehemann Ludwig Achenbach die Geschäfte weiterführte, und ihr gemeinsamer Sohn Klaus Achenbach. Dieser war ab 1975 der letzte Geschäftsleiter der Brauerei.[1]

Nach der Insolvenz der auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindlichen Schloßbrauerei, die sich aus dem Hoffmann'schen Teil der Brauerei Hoffmann und Balbach entwickelt hatte,[7] im Jahr 1963 übernahm Balbach einen Teil ihrer Gebäude an der Hausnummer 42. Diese wurde fortan sowohl zum Brauen als auch zum Lagern verwendet. In diesem Jahr beschäftigte die Brauerei 30 Mitarbeiter und erreichte mit etwa 25.000 hl Bier einen Höhepunkt beim Ausstoß.[2] 1977 wurde das Sudhaus vergrößert, das fortan bis zu 120 Hektoliter fassen konnte.[1]

Niedergang und kurzfristiger Weiterbestand als Getränkehandel

Angesichts steigender Konkurrenz vor allem überregional agierender Großbrauereien ging man bei Balbach in den 1970er Jahren dazu über, gezielt Gaststätten in Biedenkopf, Eckelshausen und Ludwigshütte zu erwerben, um die eigenen Produkte direkt zu vermarkten.[1]

Diese überregionale Konkurrenz großer Brauereien und die daraus folgende Konzentration auf dem lokalen Markt führte mit dem Stichtag 31. Dezember 1994 zu Schließung der Brauerei, die sich bis zu diesem Zeitpunkt durchgängig in Familienbesitz befunden hatte. Der schon vorher angegliederte Getränkehandel wurde zunächst als Balbach Bier & Getränke GmbH weitergeführt, dann Ende 1998 an die Krombacher Brauerei verkauft und 2002 endgültig geschlossen.[2]

Nachwirkung und Fortbestand des Gebäudes

Die Schließung der Brauerei Balbach war ein wesentlicher Schritt hin zum Verlust eigenständiger Braukultur im Hessischen Hinterland und im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Nachdem wenige Jahre später auch die Marburger Brauerei und die Wolzhäuser Brauerei Thome folgten, gab es im Hinterland wie im Landkreis keine einzige Brauerei mehr. In der Stadt Biedenkopf war die Brauerei Balbach schon seit der Insolvenz der Schloßbrauerei 1963 die letzte Braustätte gewesen.

Der wesentliche Teil des längere Zeit leerstehenden Brauereigebäudes wurde von einem Investor erworben und zu Wohnzwecken umgebaut, sodass es erhalten blieb.[2]

Von April bis Juli 2022 widmete das Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf anlässlich des 150-jährigen Gründungsjubiläums der Brauerei Balbach eine eigene Sonderausstellung, ermöglicht u. a. durch eine Vielzahl an Leihgaben aus Privatbesitz und Unterstützung durch die Erbenfamilie.[8] Im Rahmen eines Tag der offenen Tür in seiner Heimatstube präsentierte der Heimatverein Engelbach anlässlich der 30-jährigen Betriebseinstellung ebenso eine Sonderausstellung zur Brauerei, unter anderem mit einer der letzten verschlossenen Flaschen der Brauerei.[6]

Produkte

Ein Willibecher und eine Pilsstange (jeweils 0,2 l) der Brauerei Balbach im letzten Design mit Hinweis auf das 100-jährige Firmenjubiläum 1972

Aushängeschild der Brauerei Balbach war das Pils, zum 100-jährigen Jubiläum 1972 aufgewertet zum Edel-Pils. Zudem gebraut wurden Doppel-Bock, Exportbier und Balbach Dunkel. Später kamen weitere Sorten, wie das „Spezial“, Malzbier und als letzte Kreation in den späten 1980er-Jahren das „Hinterländer Hefetrüb“ hinzu.[9]

Verkauft wurde das Bier in Flaschen und in Fässern, bis zuletzt gab es keine Abfüllung in Getränkedosen.[1]

Commons: Brauerei Balbach – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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