Grenzgang Biedenkopf

historisches Heimatfest From Wikipedia, the free encyclopedia

Der Grenzgang in Biedenkopf ist ein traditionsreiches Volksfest, welches alle sieben Jahre in der Kleinstadt Biedenkopf im Hessischen Hinterland stattfindet. Ziel des „Grenzgangs“ ist, während einer dreitägigen Wanderung durch den Stadtwald den Verlauf der Stadtgrenze zu „kontrollieren“. Aus diesem ursprünglich administrativen Vorgang der Grenzbegehung, der bis in das 17. Jahrhundert zurückreicht, entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts ein großes, mehrtägiges Volksfest, das neben den umfangreichen Traditionen auch mit Festwirtschaft und Vergnügungspark aufwartet. Inzwischen gilt es als eines der größten Volksfeste in Oberhessen und der ländlichen Umgebung und lockt zu jeder Ausrichtung mehrere zehntausend Besucher nach Biedenkopf. Es wird seither von Akteuren bestimmt, die sich im Wesentlichen in Männergesellschaften und Burschenschaften organisieren und aus deren Reihen wesentliche Funktionsträger zur Organisation und Gestaltung dieses Volksfestes gestellt werden. Der Grenzgang findet jeweils am dritten August-Wochenende statt; daher ist das nächste Grenzgangsfest vom 13. bis 15. August 2026 geplant.[1]

Grenzgänger während der Rast auf einem Frühstücksplatz (2012)
Aufstellung auf dem Marktplatz 1900
Urkunde über Grenz­streit­schlichtung von 1688
Ansichtskarte vom Grenzgang in Biedenkopf 1900
Werbung für den Grenzgang 1907, Federzeichnung von Otto Ubbelohde

Der Grenzgang in Biedenkopf nimmt aufgrund seines Charakters, der Historie und Dimension eine herausragende und führende Rolle bezüglich vergleichbarer Veranstaltungen ein.

Geschichte

Grenzgangs-Zimmer im Hinterlandmuseum

Im Mittelalter kam es zwischen der Stadt Biedenkopf und ihren Nachbargemeinden immer wieder zu Grenzstreitigkeiten um die zahlreichen Waldungen verstärkt dadurch, dass der Biedenkopfer Herrenwald damals Jagdgebiet des hessischen Landgrafen gewesen war. Gelegentlich wurden dabei die Grenzmarkierungen zu Ungunsten der Stadt versetzt. Die früheste urkundliche Erwähnung eines Grenzstreits wird auf 1525 datiert.[2] Um die korrekte Lage dieser Markierungen zu überprüfen, fand daher alle sieben Jahre eine Grenzbegehung statt. Die erste Erwähnung einer solchen Grenzbegehung findet sich im Jahr 1693.[2] Neben den Bürgern der Stadt waren auch die Verantwortlichen der Nachbargemeinden zugegen, um Unstimmigkeiten direkt vor Ort klären zu können.

Nachdem im 18. Jahrhundert die Markierungen durch 275 schwere Grenzsteine ersetzt und im 19. Jahrhundert Kataster entstanden waren, spätestens aber mit einem Vertrag mit den Landesherren von 1832, verlor die Grenzbegehung ihren eigentlichen Zweck. Sie wandelte sich aber durch Übernahme seitens der Biedenkopfer Bürger anschließend zu einem Volksfest.[2] Im Jahr 1816 untersagte die genehmigende Behörde in der Provinzhauptstadt Gießen die Ausrichtung des Grenzganges. Wie die Quellen besagen, schätzte sie das Fest als zu kostspielig ein und betonte, dass es „Anlass zu Exzessen“ gebe. In der damaligen Stellungnahme des zuständigen Amtmannes werden auch Mohr und Wettläufer erstmals erwähnt, müssen also mindestens seit der vorangegangenen Begehung im Jahr 1809 zum Grenzgang dazu gehören, wobei die Formulierung „seit alters her“ vermuten lässt, dass sie schon deutlich länger eine Rolle spielen.

Seit dem ersten Grenzgangsfest 1839 wird nicht mehr die Grenze der Biedenkopfer Gemarkung, sondern die des Stadtwaldes umgangen. Weitere Feste folgten in den Jahren 1848, 1857 und 1864. Wegen einer Missernte wurde der im Jahre 1871 geplante Grenzgang auf 1872 verschoben. Im Jahre 1879 fand aus mangelndem Interesse kein Grenzgang statt. Aufgrund des Einsatzes engagierter Bürger, die 1881 ein Grenzgangs-Komitee gründeten, wurde der Grenzgang 1886 wieder durchgeführt. Aus diesem Jahr stammt die Stadtfahne (siehe unten). Seither sollte der siebenjährliche Turnus eingehalten werden, sofern nicht Krieg oder wirtschaftliche Not einer Durchführung widersprachen. Aber schon der nächste Grenzgang musste wegen einer erneuten Missernte von 1893 auf 1894 verschoben werden. Dem folgten die Grenzgänge 1900 und 1907. Der Beginn des Ersten Weltkriegs verhinderte den Grenzgang 1914. Wegen der damaligen Inflation und den daraus resultierenden wirtschaftlichen Problemen musste auch der Grenzgang 1921 abgesagt werden. 1928 und 1935 fanden wieder Grenzgänge statt. Aufgrund des Zweiten Weltkrieges entfiel der Grenzgang 1942. Der Grenzgang 1949 musste wegen der zuvor erfolgten Währungsreform und der noch anhaltenden wirtschaftlichen Probleme der Nachkriegszeit auf 1950 verschoben werden. Aus der Zeit des ersten Grenzgangs nach dem Zweiten Weltkrieg stammt das seither beliebte Grenzgangslied, das mit der Zeile beginnt „Aus Traum und Nacht, ist unser Grenzgang erwacht“. Dem siebenjährlichen Turnus folgend fand der nächste Grenzgang 1956 statt. Seither konnte dieser Turnus ungebrochen beibehalten werden; es folgten Grenzgänge in den Jahren 1963, 1970, 1977, 1984, 1991, 1998, 2005, 2012 und 2019.

Das Grenzgangs-Zimmer im Hinterlandmuseum auf Schloss Biedenkopf bietet einen Einblick in die Geschichte des Grenzgangs in Biedenkopf.

Vorbereitungen

Gegen Ende des Vorjahres eines Grenzgangs findet eine Mitgliederversammlung des Grenzgangsvereins statt, in der darüber entschieden wird, ob der Grenzgang „’naus geht“.[3] Nach Ostern des Grenzgangsjahres ruft der Vorstand des Grenzgangsvereins das Grenzgangskomitee dazu auf, Männergesellschaften und Burschenschaften zu bilden. Faktisch werden selten neue Gesellschaften gebildet, sondern die von vorherigen Grenzgängen bestehenden Gesellschaften beginnen damit, sich regelmäßig in ihren Stammlokalen zusammen zu finden, um sich für das bevorstehende Fest zu rüsten.

Sie wählen ihre Führer; dabei richtet sich die Anzahl der Führer nach der Gesamtzahl der Männer bzw. Burschen: Pro 30 Mitgliedern wird ein Führer gewählt. Weiterhin werden Schriftführer, Rechner und Fahnenträger gewählt und Reiter benannt. Weitere auszufüllende Rollen sind meist Damen- bzw. Mädchen-Führer, Fassmeister und Platzwart. In Versammlungen der Männer- und Burschenführer, der Reiter und des Komitees werden die Offiziellen gewählt: Bürgeroberst, Männerhauptmann, Burschenoberst, Burschenhauptmann, Mohr, Wettläufer und Sappeure.[2]

Die Männergesellschaften sind nach Stadtteilen bzw. Straßen benannt. Die Zugehörigkeit eines Bürgers zu einer Männergesellschaft richtet sich im Allgemeinen nach seinem Wohnsitz. Zum Teil trifft das auch für die Burschen und Burschenschaften zu, traditionell ist diese Zuordnung aber freier; oft auch an die jeweilige Stammkneipe gebunden.

Während dieser Versammlungen der Gesellschaften werden – auf humorvolle Weise – „Strafen“ für (meist vorsätzlich begangenes) ungebührliches Verhalten der Anwesenden ausgesprochen, deren Betrag in „Litern“ bemessen wird. Ein Liter entspricht einem Euro; diese Einheit entstammt einer Zeit, in der ein Liter Bier eine Deutsche Mark (als damaliger Währungseinheit) kostete. Auch weitere Anlässe unterschiedlicher Art werden in der Zeit der monatelangen Vorbereitung genutzt, um die Kassen der Gesellschaften zu füllen. Ziel dabei ist, dass während der Grenzgangstage die Bürger und Burschen für die notwendige Getränkeversorgung nicht zahlen müssen.

Einen Höhepunkt in der Vorbereitungszeit der Gesellschaften stellt die „Schleifenüberreichung“ dar. In einer gemeinsamen Veranstaltung von Bürgern und Frauen bzw. Burschen und Mädchen wird in festlicher Atmosphäre eine von den Frauen bzw. Mädchen erstellte „Schleife“ überreicht und an die Fahne der Gesellschaft angebracht. Diese „Schleife“ ist ein textiler, meist kunstvoll bestickter und mit der aktuellen Jahreszahl versehener Stoffstreifen oder -Wimpel. Damit wird die Verbundenheit der Frauen zu ihrer lokalen Männergesellschaft bzw. der Mädchen zu „ihrer“ Burschenschaft bekundet.

Bei einem „Musikreiten“ werden die Pferde der Offiziere an bislang ungewohnte Klänge der Musikkapellen und das Peitschenknallen der Wettläufer gewöhnt.

In den letzten Tagen vor dem Grenzgangsfest wird die Stadt von den Grenzgangsgesellschaften und den Anwohnern der jeweiligen Straßen aufwändig geschmückt. Unter anderem werden von den Frauen und Mädchen Girlanden aus Fichtenzweigen gebunden und in den Straßen und an den Häusern angebracht. Die Verbundenheit der Bewohner Biedenkopfs mit ihrem Wald (historischer Ausruf in Hinterländer Platt: „Da Waald es inser!“) wird auch dadurch verdeutlicht, dass Hunderte von Bäumen im Stadtwald geschlagen werden und für die Dauer des Grenzgangsfestes die Straßen der ehemaligen Kreisstadt schmücken. Die Einheimischen sprechen nun davon, dass der Wald in die Stadt komme: „Da Waald kimmt ih de Stoad!“

Das Finale der Vorbereitungszeit findet am Vorabend des ersten Grenzgangstags statt, dem sogenannten „Kommers“. Am Mittwochabend findet man sich am Marktplatz und in den umliegenden Straßen ein, um in zwangloser Atmosphäre erste Begegnungen mit angereisten Besuchern und Musikkapellen zu machen.

Ablauf

Grenzverlauf

Überblick

Teil eines Grenzsteins von 1777
Mohr und Wettläufer beim „Huppchen“ auf einem Grenzstein

Die Stadtwaldgrenze Biedenkopfs wird an drei Tagen abgegangen. An jedem Tag wird am frühen Morgen die Bevölkerung der Stadt durch Böllerschüsse vom Schlossberg geweckt. Die Männergesellschaften und Burschenschaften werden unter Musikbegleitung aus ihren Stadtteilen zur Aufstellung auf den Marktplatz geführt.

Am ersten Tag finden dort Ansprachen und eine Totenehrung statt. Ansonsten gleichen sich die Rituale an den drei Tagen: Die Gesellschaften mit ihren Führern und Reitern formieren sich auf dem Marktplatz, die Führer melden die Anzahl der erschienenen Bürger und Burschen ihren Hauptmännern, die wiederum den Obersten die Gesamtzahl der erschienenen Bürger und Burschen melden. Nach dem Kommando des Bürgeroberst: „Grenzgang Marsch!“ formiert sich ein Zug aller Beteiligten zum Beginn der Stadtgrenze.

Der Zug wird angeführt von den Sappeuren, der Stadtfahne, dem Bürgeroberst, sowie dem Mohren und den zwei Wettläufern. Dem folgen die Männergesellschaften und die Burschenschaften mit ihren Reitern und Führern. Der Zug führt aus der Stadtmitte zum Einstieg eines Grenzabschnitts. An den ersten beiden Tagen wird die Grenze links der Lahn begangen, am dritten Tag die Grenze rechts der Lahn. Inmitten der Grenzbegehung findet eine Rast auf einem Frühstücksplatz im Wald statt.

Während eines zweistündigen Aufenthalts feiern dort die Gesellschaften und heißen ihre Gäste willkommen, in dem sie die Gäste „unter die Fahne“ nehmen – sie werden durch „Stemmkommandos“ unter Fahnenschwenken dreimalig in die Luft geworfen. Gäste, die noch unvertraut mit dem Grenzverlauf sind, wenden sich an den Mohr und die zwei Wettläufer; sie werden „gehuppcht“ – sie erleben eine sinnliche Erfahrung dadurch, dass ihr Gesäß dreimalig mit einem Grenzstein Kontakt aufnimmt, mit den Worten „Der Stein – Die Grenze – In Ewigkeit“.

Nach der Rast setzt sich der Zug der Grenzgänger erneut in Bewegung, um den restlichen Grenzabschnitt zu begehen. Der Zug endet zum frühen Nachmittag am Ausgangspunkt der Grenzbegehung, der Stadtmitte. Am späteren Nachmittag findet erneut eine Aufstellung am Marktplatz statt. Daraufhin findet ein Festumzug zum Festplatz statt; im Festzelt klingt der Tag aus.[4]

Der Verlauf der Grenzbegehung während der drei Tage im Einzelnen:

Erster Tag

Der Zug der „Grenzgänger“ erfolgt nach dem Abmarsch vom Marktplatz zunächst durch die Innenstadt und die Oberstadt über die Hainstraße in nördlicher Richtung zur Ludwigshütte und folgt danach kurz dem Verlauf der Landstraße in Richtung Wallau bis zum Einstieg in die Stadtgrenze – rechts der Wegstrecke, links der Lahn, in Richtung Osten; aus kartografischer Draufsicht im Uhrzeigersinn. Dieser „Einstieg“ ist zugleich der Beginn des höchsten Anstiegs der gesamten Grenzbegehung – die Ersteigung des Kleebergs – und stellt somit die größte körperliche Herausforderung für die Grenzgänger über alle Tage dar. Die Rast erfolgt auf dem Frühstücksplatz auf der Sackpfeife. Der Rastplatz wurde zum Grenzgang 1963 hierhin verlegt, zuvor war es ein Platz am Thälchens Triesch. Nach dem Bau einer asphaltierten „Senderstraße“ zum Sender Biedenkopf war es aus logistischen Gründen naheliegend, diesen Platz am Rand der neuen Straße auszuwählen, um die Versorgung der Grenzgänger mit Erfrischungen zu erleichtern. Bis zur Sackpfeife grenzt der Grenzverlauf an Weifenbach, danach an Eifa und Dexbach bis zur Breiten Wiese. Dort endet die Grenzbegehung des Tages und der Zug der Grenzgänger wendet sich zur Heimkehr nach Biedenkopf über den Staffel.

Zweiter Tag

Der zweite und dritte Grenzgangstag beginnen gewöhnlich mit kürzeren Zeiten bei der Aufstellung auf dem Marktplatz, da die Ehrungen und Ansprachen des ersten Tages entfallen. Am zweiten Tag erfolgt ein Aufstieg über den Staffel zur Breiten Wiese – dem Punkt, an dem die Grenzbegehung des ersten Tages endete. Dieser zweite Tag gilt bei den Grenzgängern als der „leichteste“ Tag, da weder Wegstrecke als auch Anstiege Anforderungen stellen, welche die beiden anderen Tage mit sich bringen. Nach dem Einstieg in die Grenze an der Breiten Wiese wird die Grenzbegehung weiterhin im Uhrzeigersinn bis zur Erreichung des Lahntals bei der Erlenmühle fortgesetzt. Mit Abschluss des zweiten Tages ist die Grenzbegehung links der Lahn abgeschlossen. Die Rast erfolgt an diesem Tag am Frühstücksplatz Hasenhardt.

Dritter Tag

Am dritten Tag der Grenzbegehung erfolgt der Einstieg in die Grenzbegehung am selben Punkt wie am ersten Tag – nun aber in Richtung Westen und in kartografischer Draufsicht entgegen dem Uhrzeigersinn. Die Etappe dieses dritten Tages stellt die längste Wegstrecke aller drei Tage der Grenzbegehungen dar. Die Rast findet am Gespaltenen Stein statt. Eine Besonderheit stellt die letzte Etappe dar, zum Gonzhäuser Feld, ein steiler Abstieg. Am Ziel (nahe der Erlenmühle) und somit dem Ende der gesamten Grenzbegehung findet eine Aufstellung der Gesellschaften und Würdenträger statt, und durch Ansprache des Bürgerobersts erfolgt eine Würdigung des aktuellen Grenzgangs, mit Wünschen auf den nächsten Grenzgang.

Mitwirkende

Rollen und Akteure

Der Grenzgang in Biedenkopf wird von einer Reihe von Mitwirkenden getragen:

  • Der Bürgeroberst vertritt die Bürgerschaft der Stadt und ist oberster Repräsentant des Grenzgangs. Er führt den Grenzgang zu Pferde an und wird von zwei Adjutanten zu Pferde begleitet.
  • Der Männerhauptmann repräsentiert die Männergesellschaften, er wird von einem Adjutanten assistiert und vertritt den Bürgeroberst auf der Grenze, wenn dieser nicht präsent sein kann, denn zu Pferde sind nur Teile der Grenze passierbar.
  • Der Burschenoberst repräsentiert alle Burschenschaften. Er und seine beiden Adjutanten sind zu Pferde.
  • Der Burschenhauptmann vertritt den Burschenoberst zu Fuße. Er wird assistiert von einem Adjutanten.
  • Die beiden Sappeure tragen eine Waldarbeiter-Kleidung und eine Axt; sie repräsentieren die Waldarbeiter, die dafür sorgen, dass der Weg des Grenzverlaufs frei geschnitten ist.
  • Die drei Stadtfahnenträger tragen die Stadtfahne.
  • Der Mohr ist eine Symbolfigur und eine der illustresten Rollen des Grenzgangs. Er führt den Grenzgangszug an allen drei Tagen an. Der Mohr trägt eine schwarze Uniform mit goldenen Knöpfen und Schnüren, schwingt einen krummen Säbel und bewegt sich gerne tänzelnd. Sein Gesicht ist schwarz geschminkt, ein Vollbart, ebenso geschwärzt, ist obligatorisch. Traditionell gilt es als Ehre, vom Mohr berührt zu werden und schwarze Spuren dieses Kontakts im Gesicht zu tragen.[5] Bürger bewerben sich für dieses Amt mit einem Schreiben, das Komitee wählt den Mohren schließlich aus dem Kreis der Bewerber. Spätestens seit dem Grenzgang 2012 werden Name und Darstellung der Figur von verschiedenen Beobachtern öffentlich kritisiert, zur zugehörigen Debatte und dem historischen Kontext der Figur siehe Abschnitt „Kritik“.
  • Die beiden Wettläufer sind zusammen mit dem Mohr weitere Symbolfiguren und werden mit diesem gerne als Trio wahrgenommen. Sie tragen weiße Hosen und Wendewesten, deren blaue Seite morgens und rote Seite nachmittags nach außen getragen werden. Ihre Rolle besteht im Wesentlichen darin, während der Grenzbegehung für Nachrichtenübermittlung zwischen den Offizieren und zur Einhaltung der Grenzbegehung zu sorgen. Ihre Peitschen nutzen sie darüber hinaus zu eindrucksvollen Vorführungen des Peitschenknallens.
  • In den elf Männergesellschaften organisieren sich verheiratete Männer; sie werden von Männerführern angeführt.
  • In den sieben Burschenschaften organisieren sich unverheiratete und zumeist junge Männer; sie werden von Burschenführern angeführt.
  • Alle Aktivisten des Grenzgangs sind im Grenzgangsverein organisiert.
  • Der Vorstand des Grenzgangsvereins bildet das Komitee.

Mädchen unterstützen Burschenschaften, verheiratete Frauen unterstützen Männergesellschaften.

Gesellschaften

Im Lauf der Geschichte gab es Neugründungen von Gesellschaften, aber auch Wegfälle. Zum Fest 2026 engagierten sich etwa 4.000 Bürger in den Gesellschaften.[6] Die folgende Aufstellung schildert den Stand des Grenzgangs 2019.

Weitere Informationen Männergesellschaft, besteht seit ...
Männergesellschaftbesteht seitFahne vonAnzahl Führer
GalgenbergErsterwähnung 18641872/neu 19703
HainstraßeErsterwähnung 186418726
HasenlaufGründung 197019706
Hewwe on drewwe da LähErsterwähnung 1864vor 1894/20054
HospitalstraßeErsterwähnung 186418945
Im schönen WiesengrundGründung 195619566
Kottenbach/MarktplatzErsterwähnung 18641894/neu 19843
LudwigshütteErsterwähnung 186418863
OberstadtErsterwähnung 186418726
StadtgasseErsterwähnung 190019003
Thauwinkel/EschenbergErsterwähnung 186418944
Burschenschaftbesteht seitFahne vonAnzahl Führer
Adolf SchäferErsterwähnung 18941894/20052
BalbachGründung 189418944
BillerbachGründung 195619563
HasenlaufGründung 198419843
Hoffmann Auf der BachErsterwähnung 18861886/19863
LudwigshütteErsterwähnung 18861872?2
OberstadtErsterwähnung 188618863
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Festwirtschaft und Vergnügungspark

Das Festzelt „auf der Bleiche“ im Jahr 2019

Neben der eigentlichen Grenzbegehung nimmt der Biedenkopfer Grenzgang zunehmend auch die Rolle eines Volksfestes mit kleinen Fahrgeschäften, Buden und Ständen, einem Festzelt und sonstigen Attraktionen. Diese sind alle zentral auf dem städtischen Festplatz, „auf der Bleiche“, platziert.

Gerade für die beliefernden Brauereien ist die Ausrichtung des Biedenkopfer Grenzgangs eine logistische Herausforderung, denn auch die Frühstücksplätze mitten im Wald müssen beliefert werden. Beliefernde Brauereien waren 1998 die handwerkliche Brauerei Bosch aus dem lahnaufwärts gelegenen Bad Laasphe, damals noch gemeinsam mit der Brauerei Thome aus Wolzhausen, wie Biedenkopf im Hessischen Hinterland. Bei den folgenden Grenzgängen in den Jahren 2005, 2012 und 2019 war Bosch dann allein für die Lieferung des Biers verantwortlich. Das soll auch 2026 so sein.[7] In früheren Zeiten kam das Bier aus Biedenkopf selbst, nämlich von der Brauerei Balbach, die 1994 den Betrieb aufgab.

Der Zelt-, Bewirtungs- und Schausteller-Betrieb „Ahlendorf und Söhne“ aus Marburg übernimmt 2026 zum folgenden Mal die Festwirtschaft und das Festzelt. Gemeinsam mit dem Bad Wildunger Schausteller Sascha Kalbfleisch sind sie auch für den Vergnügungspark und die Essensbewirtung auf dem Festplatz verantwortlich. Die Schausteller-Familie ist bereits seit den 1970er-Jahren immer wieder am Grenzgang beteiligt. Zum Vergnügungspark zählen etwa Riesenrad und Autoscooter sowie eine „Fressgasse“.[7]

Kritik

Der Biedenkopfer Martin Werner als tänzelnder und Säbel schwingender Mohr beim Grenzgang 2012

Neuere Debatte

Spätestens seit dem Grenzgang 2012[8] stößt insbesondere die Darstellung und Bezeichnung der zentralen Symbolfigur, dem „Mohren“, auf Kritik. Beobachter wie der Ausländerbeirat der Stadt Marburg, Studentengruppen oder die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland werfen der Tradition Rassismus vor, insbesondere wegen der Praxis des schwarzen Schminkens weißer Personen, sogenanntes Blackfacing, und der Bezeichnung „Mohr“ (für Details siehe in den verlinkten Artikeln).[9][10] Meist wird nicht von per se rassistischen Absichten von Organisatoren oder Bürgern, jedoch von einem leichtfertigen Umgang mit belasteter Praktik und Bezeichnung ausgegangen.[11][6] Der Grenzgangsverein wiederum betonte im Rahmen der Feste 2019 und 2026 in seinen Stellungnahmen das hohe Ansehen der Figur, ihre positive Wahrnehmung und den integrativen Charakter des Volksfestes. Angesichts dessen werde die Debatte innerhalb der Stadt kaum verstanden und im Wesentlichen von Personen geführt, die das Fest nicht kennen würden.[6][10][12] Ähnlich positionierte sich auch die Integrationskommission der Stadt Biedenkopf und der bisher einzige tatsächlich dunkelhäutige Mohr (aus dem Jahr 1991), Earl Kolbe.[6][13][14] Der Grenzgangsverein betont, für alle Änderungen in Ablauf und Darstellung des Fests und seiner Figuren einen entsprechenden Willen aus der Bevölkerung der Stadt vorauszusetzen.[12]

Im Vorfeld des Grenzganges 2019 berichteten Hessenschau und der Spiegel ausführlich über die Rassismusvorwürfe.[5][11] Auch zum Grenzgang 2026 fuhr die Hessenschau mit einer ausführlichen Berichterstattung, in diesem Jahr, ohne die Figur selbst zu zeigen.[9][10]

Im Rahmen der Berichterstattung gab es auch diverse Vorschlage von allen Seiten, wie mit der Tradition weiter zu verfahren sei. Neben der Beibehaltung der bisherigen Praxis oder aber der vollständigen Abschaffung der kritisierten Figur, wurden auch Änderungsvorschläge wie ein Abschaffen des Blackfacings oder eine Umbenennung der Figur in die Debatte eingebracht.[15] Beim Grenzgangsfest 2019 ließen die Organisatoren den Mohren wegen der Kontoverse zeitweise von einem Sicherheitsdienst bewachen.[10]

Historischer Kontext

Einige Jahre vor der Wandlung der amtlichen Grenzbegehung in das spätere Grenzgangsfest wird der Mohr zum ersten Mal in einer Quelle erwähnt (siehe oben). Daraus folgt, dass diese Figur mindestens seit 1809 fester Teil des Grenzganges sein muss. Als erster namentlich bekannt ist dann der Mohr von 1848, E. Plitt. Für die Frage, woher die Figur damals eigentlich kam, wird besonders eine These immer wieder angeführt: Um lästige Beobachter aus den Nachbargemeinden, die den Grenzverlauf zu ihren Gunsten anpassen sollten, zu beängstigen und abzuschrecken, sei ein Mann als Mohr verkleidet dem Zug vorausgeschickt worden.[5][13] In neuerer Zeit wird diese These allerdings zunehmend in Zweifel gezogen, nicht nur weil sie für wenig wirkungsvoll gehalten wird, sondern auch wie eine spätere Interpretation aus Kolonialzeiten anmutet.[13][15]

Die heute eher vertretene These ist eine Herkunft aus dem Kontext der sogenannten Hofmohren (zum Kontext siehe im verlinkten Artikel). Diese sind an verschiedenen Fürstenhöfen belegt und konnten auch in militärische Positionen aufsteigen.[13] Die herrschaftlichen Grenzbegehungen wiederum wurden von Tambourmajoren, einer militärischen Rolle, angeführt, deren Träger durchaus ein solcher Hofmohr gewesen sein könnte, wie der Kulturwissenschaftler Siegfried Becker in der Debatte vor dem Grenzgang 2026 anführte.[15]

Foto-Galerie

Siehe auch

Literatur und Film

  • Anonymus: Biedenkopfer Grenzgangsbriefe vom Jahre 1907. Heinzerling’sche Buchdruckerei, Biedenkopf 1907 (PDF-Datei; 4,35 MB).
  • Wilhelm Mauß: Der Grenzgang zu Biedenkopf. Ein altes historisches Fest, geschildert von Wilhelm Mauß. Max Stephani, Biedenkopf 1907 (PDF-Datei; 5,21 MB).
  • Günter Bäumner: Das Biedenkopfer Grenzgangsfest in seiner geschichtlichen Grundlage und Entwicklung. Biedenkopf 1956.
  • Günter Bäumner: Grenzgang in Biedenkopf – Ursprung, Entwicklung und Ablauf des historischen Heimatfestes. 2. Auflage. 1986.
  • Erich Weidemann: Das Biedenkopfer Grenzgangsfest in Bildern. 2005, ISBN 3-00-015446-9.
  • Hans-Georg „Honnes“ Wagner und Walter Achenbach: Der Stein – die Grenze – in Ewigkeit; historische Kleindenkmäler an der Biedenkopfer Grenzgangsgrenze. Hrsg.: Grenzgangsverein Biedenkopf e. V. Biedenkopf 2019.
  • Carl Mauritz Frey von Dehrn vom Hoff: Ein Zug durch Stadt und Wald. 2021, ISBN 978-94-036-1185-3.

Der Grenzgang in Biedenkopf war Vorlage für den Handlungsrahmen des Romans Grenzgang von Stephan Thome,[16] der unter demselben Titel mit Claudia Michelsen und Lars Eidinger in den Hauptrollen verfilmt wurde. Die Dreharbeiten fanden 2012 in Biedenkopf statt. Regie führte Brigitte Maria Bertele.[17]

Eine Diplomarbeit mit dem Titel Theatralität des Grenzgangsfestes in Biedenkopf an der Lahn[18] wurde im Oktober 2014 an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien vorgelegt. Die Theater-, Film- und Medienwissenschaftlerin Elisabeth Ursula Bintinger untersuchte darin verschiedene Aspekte und Merkmale dieses Heimatfestes zur Erlangung des akademischen Grades einer Magistra der Philosophie.

Commons: Grenzgang Biedenkopf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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