Buffalo Bill’s Wild West in Europa
Wild West Show
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Buffalo Bill’s Wild West war eine von 1883 bis 1913 andauernde, von William Frederick Cody (1846–1917) alias Buffalo Bill organisierte Western-Show-Tournee. Neben den USA und Kanada tourte die Schau von 1887 bis 1892 und von 1902 bis 1906, also insgesamt zehn Jahre durch Europa. Die meisten Auftritte fanden in Großbritannien und Frankreich statt, außerdem war Buffalo Bill’s Wild West auch in zahlreichen Städten Italiens, Österreich-Ungarns, des Deutschen Reichs und Belgiens zu sehen.

Während der Europatournee von 1887 bis 1892 waren an den Schauen etwa 200 und von 1902 bis 1906 dann etwa 800 Darsteller beteiligt, darunter Cowboys, Scouts und Vaqueros. Cody warb für seine Shows außerdem indigene Sioux an, weshalb Buffalo Bill’s Wild West auch dem Genre der seit dem späten 19. Jahrhundert populären Völkerschauen zugerechnet wird und die Vorstellungen über das Aussehen von „Indianern“ in Europa maßgeblich mitprägte.
Veranstalter William Frederick Cody

William Frederick Cody (1846–1917) galt Ende des 19. Jahrhunderts als „Prototyp des modernen Superstars“ und der „wahrscheinlich berühmteste Amerikaner seiner Zeit“.[1.1] Cody war vor dem Einstieg ins Show-Geschäft verschiedenen Tätigkeiten nachgegangen – etwa als Pony-Express-Reiter, Büffeljäger und Scout. Die seit Ende der 1860er Jahre von Ned Buntline verfassten Groschenromane machten ihn in den Folgejahren berühmt. 1872 inszenierte sich Cody als Buffalo Bill erstmals auf der Bühne. Die Vorgänger-Schau von Buffalo Bill's Wild West verzeichnete bis 1882 900 Stationen in den USA.[2.1] Mit Hilfe des Theatermanagers Nate Salsbury machte er sich 1883 mit Buffalo Bill’s Wild West selbstständig.[3.1]
Stationen der Tournee in Nordamerika und Europa
Im Laufe der drei Jahrzehnte dauernden Tournee verzeichnete Buffalo Bill’s Wild West etwa 3.170 Stationen, an denen die Schau teils nur für einen Tag, teils auch mehrere Wochen oder Monate zu sehen war. In größeren Städten gastierte die Schau mehrmals – etwa in Chicago 21 Mal oder in New York City 13 Mal. In den USA verzeichnete die Schau zwischen 1883 und 1916 etwa 2.600 und in Kanada etwa 50 Stationen. Während der ersten Europatournee 1887 bis 1892 waren es 60 und der zweiten von 1902 bis 1906 460 Stationen.[2.2] Die dreistündige Schau wurde an einem Tag oft mehrfach aufgeführt.
Zuschauerzahlen der an den meisten Orten ausverkaufen Shows finden sich nur exemplarisch überliefert. Während der Spielzeit in London vom 9. Mai bis Oktober 1887 fanden 300 Vorstellungen mit rund 2,5 Mio. zahlenden Besuchern statt.[4.1] Großen Besucherandrang gab es auch 1890 in Braunschweig. In sieben Tagen zählte die Schau (bei einer Einwohnerzahl von 100.000) 85.000 zahlende Besucher.[5.1]
Verlauf der Europa-Tourneen
1887/88 und 1889–1892

Anlässlich des fünfzigjährigen Thronjubiläums von Königin Victoria zeigte Cody die Show erstmals ab Mai 1887 in London. Die Queen besuchte die Schau am 11. Mai 1887 und ihre öffentlich geäußerte Begeisterung trug maßgeblich zum Erfolg von Buffalo Bill’s Wild West in Europa bei.[6.1] Anschließend machte Cody mit seinen Darstellern Winterpause in Manchester[2.3] und kehrte im April 1888 für ein Jahr zurück in die USA.
Anlässlich der Weltausstellung in Paris kehrte die Buffalo Bill’s Wild West-Show 1889 zurück nach Europa, wo sie von Mai bis November zu sehen war. Weitere Auftrittsorte des Jahres 1889 waren im November Lyon und im Dezember Marseille und Barcelona. 1890 führte die Tour im Januar nach Neapel, im Februar nach Rom und im März nach Florenz, Bologna und Mailand. Im April war die Show auf der Theresienwiese in München zu sehen, im Mai auf dem Prater in Wien,[7.1] im Juni in Dresden, Leipzig und Magdeburg, im Juli in Hannover, Braunschweig und Berlin, im August in Hamburg, im September in Bremen, Köln und Düsseldorf, im Oktober schließlich in Frankfurt, Stuttgart und Straßburg, wo die Gruppe überwinterte. 1891 war die Show im April in Straßburg, Karlsruhe und Mannheim, im Mai in Darmstadt, Mainz, Köln, Dortmund, Duisburg, Krefeld und Aachen zu sehen. Ab Ende Mai 1891 machte die Show zunächst in Brüssel, im Juni in Antwerpen Station und trat anschließend in gut zwanzig Städten Großbritanniens auf, zuletzt von Mai bis Oktober 1892 in London.[2.4] Von dort kehrte Cody in die USA zurück und war ab April 1893 auf der Weltausstellung in Chicago zu sehen, wo die Show ihren bis dahin größten Zuschauererfolg verzeichnete.[3.2]
Insgesamt verzeichneten die beiden Europa-Tourneen zwischen 1887 und 1892 etwa 60 Stationen. Die Darsteller der Tournee von 1887 setzten sich aus 90 Sioux-„Indianern“ und 75 anderen Personen, die von 1889 aus 112 Indigenen und 100 weiteren Personen zusammen.[5.2] Die Schau fand in einer mobilen, aus Zelten errichteten Freiluftarena statt, in der bis zu 10.000 Zuschauer Platz fanden.[7.1] Die Presse berichtete außerdem, dass ein eigener, von zwei Lokomotiven gezogener Eisenbahnzug von „40 Personen-, Vieh- und Transportwagen“ zum Transport der Show bereitstand.[5.3] Dabei war die Verladung der gesamten Show samt Tieren und Darstellern auf den Zug, die einen Ortswechsel von einem auf den anderen Tag ermöglichte, eine logistische Meisterleistung, die auch von deutschen Militärs aufmerksam beobachtet und später für die eigenen Truppen kopiert wurde.[8.1]
1902–1906

Zehn Jahre später begann die zweite große Europa-Tournee im Mai 1902 in London. Cody blieb bis Ende 1904 in Großbritannien und machte über 220 Mal Station in verschiedenen Städten, wobei die Show meist nur für einen Tag zu sehen war. 1905 bereiste Cody über 110 Städte in Frankreich. In Paris war die Show ab Anfang April über zwei Monate zu sehen. Von März bis Mai 1906 gab es 30 Stationen in Italien und 4 in Frankreich, im Juni und Juli über 40 Auftrittsorte in Österreich-Ungarn. Im August gastierte die Show in Brünn, Iglau, Zittau, Bautzen, Dresden, Chemnitz, Zwickau, Plauen, Gera, Weimar, Eisenach, Fulda, Hanau, Worms und Saarbrücken, im September dann in Metz, Trier, Koblenz, Bonn, Düren, Mönchengladbach, Brüssel, Antwerpen und fünf weiteren belgischen Städten.[2.4]
Insgesamt verzeichnete die Europa-Tournee von 1902 bis 1906 etwa 460 Stationen. Die Darsteller der Tournee von 1902 setzten sich aus 72 Indigenen und 730 anderen Personen zusammen. Damit habe sich seit der ersten Europa-Tournee – so der Historiker Rainer Hatoum – der Schwerpunkt deutlich weg von der Inszenierung der „Indianer“ verlagert.[5.2] Bei der zweiten Tournee fasste die Freiluft-Arena bis zu 20.000 Zuschauer.[7.2] Währnd der zweiten Europa-Tournee kamen drei Eisenbahnzüge mit 18 Schlafwagen-Waggons und zwei Transportzüge mit 15 bzw. 16 Waggons zum Einsatz.[9.1]
Todesfälle
Unter den Indigenen kam es auch immer wieder zu Todesfällen – beispielsweise im Winterquartier 1889/90 in Barcelona, wo vier Männer verstarben.[6.2] Insgesamt sind im Laufe der ersten Europa-Tournee sieben Personen verstorben. Im Juli 1890 fand der Tod und die Beerdigung des Sioux Wounds-One-Another in Braunschweig große Aufmerksamkeit.[5.4]
Inszenierung

Die Show war hauptsächlich als Pferde- und Reitschau konzipiert.[3.3] Der Historiker Eric Ames beschreibt das Programm als
„eine bunte Mischung aus einem ‚typisch amerikanischen‘ Umzug (Cowboys, Indianer und Armeescouts), historischen Inszenierungen (Szenen aus den Indianerkriegen wie ‚Custer's Last Stand‘), militärischen und sportlichen Darbietungen (Artillerieübungen, Kunstschießen und Pferderennen) sowie melodramatischen Episoden aus dem Wilden Westen. In ganz Europa folgte diese dreistündige Schau demselben Grundmuster: der Pony Express, der Angriff auf den Siedlertreck, eine Virginia Quadrille hoch zu Ross, ‚Zeitvertreib von Cowboys‘ (Reit- und Lassokünste), der Angriff auf die Postkutsche nach Deadwood, Indianertänze und die Büffeljagd.“[1.2]
Die Indigenen wurden nicht abgewertet, sondern vorwiegend als tapfere, „edle und geschickte Kämpfer“ inszeniert.[10.1]
Vor und nach den Vorführungen konnten die Zuschauer hinter den Kulissen schauen, in Kontakt mit den Darstellern und ihren Tieren treten und beispielsweise das Kostümzelt besichtigen.[9.2]
Wahrnehmung und Deutung
Laut Eric Ames war Buffalo Bill, der stets im Mittelpunkt der Show stand, eine „Bühnen- und Medienfigur, die mithilfe professioneller Autoren und Publizisten erschaffen worden war“, die aber – anders als viele seiner Konkurrenten – aufgrund seiner „belegbaren Erfahrungen und die körperlichen Attribute“ beim europäischen Publikum als besonders glaubwürdig und als „Verkörperung der amerikanischen Geschichte“ wahrgenommen wurde. Dieser Authentizitätsanspruch sei aber nicht allein für den Erfolg der Show gewesen, sondern zugleich hätte Buffalo Bill einen fiktiven „Wilden Westen“ so dargestellt, wie „das Publikum in den europäischen Ländern ihn sich vorstellte“.[1.3] Die an den Schauen teilnehmenden Sioux der „Great Plains“ galten aufgrund der in Buffalo Bills Western-Shows geprägten Klischees als Verkörperung von „Indianern“ schlechthin und markierten den Beginn seiner kommerziellen Vermarktung.[11.1]
Literatur
- Eric Ames: Cooper-Welten. Zur Rezeption der Indianer-Truppen in Deutschland. In: Pascal Blanchard u. a. (Hrsg.): MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit. Les éditions du Crieur Public, Hamburg 2012, ISBN 978-3-9815062-0-4, S. 217–231.
- Timea Barabas: The Call of the Wild. A Sociological Sketch of Buffalo Bill’s Wild West in Banat and Transylvania. In: Dominika Czarnecka, Dagnoslaw Demski (Hrsg.): Staged Otherness. Ethnic Shows in Central and Eastern Europe, 1850–1939. Budapest, Vienna, New York 2021, S. 367–391.
- Wolfgang Bossmann: Buffalo Bill In Krefeld. Imprint, Krefeld 2026, ISBN 979-8247870920.
- Allan Gallop: Buffalo Bill's British Wild West. Thrupp, Stroud 2001, ISBN 0-7509-2702-X.
- Rainer Hatoum: Endstation Braunschweig? Auf den Spuren eines Mokassinpaars von Buffalo Bills Wild West Show. In: Lars Frühsorge, Sonja Riehn, Michael Schütte (Hrsg.): Völkerschau-Objekte. Die Lübecker Museen, Lübeck 2021, ISBN 978-3-942310-34-5, S. 72–84.
- Robin Leipold: Indianer in Radebeul. Indigene Besucher aus Nordamerika im Karl-May-Museum. In: Christina Ludwig, Andrea Rudolph, Thomas Steller, Volker Strähle (Hrsg.): Menschen anschauen. Selbst- und Fremdinszenierungen in Dresdner Menschenausstellungen. Sandstein Verlag, Dresden 2023, ISBN 978-3-95498-741-2, S. 214–221.
- Werner Michael Schwarz: Anthropologische Spektakel. Zur Schaustellung „exotischer“ Menschen, Wien 1870–1910. Turia und Kant, Wien 2001, ISBN 3-85132-285-1.
- Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Die Hagenbeckschen Völkerschauen. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-593-34071-2.
- Vanessa Toulmin: Abnormitäten und Exotik. Ein Überblick über die Präsenz von Völkerschauen im Europa und Amerika des 19. Jahrhunderts. In: Frank Kessler, Sabine Lenk, Martin Loiperdinger (Hrsg.): Grüße aus Viktoria. Film-Ansichten aus der Ferne (=Kintop Schriften 7). Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-87877-876-7, S. 34–59.
- Louis S. Warren: Buffalo Bill’s America. William Cody and the Wild West Show. Vintage Books, New York 2005, ISBN 978-0-375-72658-3.