Völkerschau

Zurschaustellung indigener Menschen in Zoos oder Weltausstellungen From Wikipedia, the free encyclopedia

Völkerschau (englisch ethnological exposition oder human zoo, französisch zoo humain) bezeichnet die kommerzielle Zurschaustellung indigener Menschen in Zoos, Panoptiken oder auf Kolonial- und Weltausstellungen. Die Hochphase der besonders in Europa und den USA populären, heute auch als „Menschenzoos“ bezeichneten Vorführungen dauerte von den 1870er bis Anfang der 1930er Jahre. Die als „exotisch“ oder „Wilde“ in Szene gesetzten Menschen zogen viele Millionen zahlender Besucher an. Sie stießen auch auf großes Interesse bei Wissenschaftlern, vor allem in der biologischen Anthropologie sowie bei Anhängern der sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verbreitenden Rassentheorien. Völkerschauen gelten in der heutigen Forschung daher als ein wesentlicher Faktor bei der Verbreitung und Ausprägung rassistischer Stereotype und Denkmuster.

Auf der Weltausstellung 1894 in Antwerpen wurden 114 Personen aus dem Kongo zur Schau gestellt.[1.1] Im Hintergrund sind einige Zuschauer zu erkennen. Auflagenstark veröffentlichte Fotografien und Postkarten der Völkerschauen zeigten vielfach die „Fremden“ in ihrer vorgeblich „natürlichen Umgebung“ in hierarchisch-rassistischer Abgrenzung zu den „zivilisierten“ Zuschauern.[2.1] (Foto von 1894[3])

Den Völkerschauen gingen verschiedene, weit in die Vergangenheit zurückreichende Formen der Zurschaustellung als „fremdartig“ wahrgenommener Menschen voraus. Sie entwickelten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts auf Jahrmärkten und in Freak Shows zu einer zunehmend erfolgreichen Gattung der Schaustellerei. Völkerschauen grenzen sich von diesen früheren Formaten durch weit größere und um mehr Authentizität und Immersion bemühte Inszenierungen ab, beispielsweise die Nachbildung ganzer „Eingeborenendörfer“ oder aufwändige Aufführungen von Tänzen oder Schaukämpfen in künstlichen Kulissen. Sie erwiesen sich für die Veranstalter, die sogenannten Impresarios, als lukratives Unterhaltungsgeschäft. Seit der zweiten Hälfte der 1870er Jahre verbreiteten sich die Völkerschauen ausgehend von Hamburg in nur wenigen Jahren über viele Staaten Europas bis in die USA, Japan und Australien. Sie wurden meist als Tourneen geplant, die in unterschiedlichen Staaten, Metropolen und auch in vielen Kleinstädten Station machten. Seit den 1880er Jahren wurden sie zunehmend auch in Welt- und Kolonialausstellungen integriert.

Einzelne Völkerschau-Tourneen haben in der Forschung besondere Beachtung gefunden – wie die „Lappländer“ (1875), die „Eskimos“ (1880/81), die „Feuerländer“ (1881/82), die „Aborigines“ (1883–1888), die „Bella Coola“ (1885/86), die „Amazonen von Dahomey“ (1888–1903), die Samoaner (1895–1911) oder die Sara-Kaba (1930–1932). Zu den gemessen an der Zahl der zur Schau gestellten Personen größten Völkerschauen im Deutschen Reich zählte 1896 die Berliner Kairo-Ausstellung mit über vierhundert Darstellern, die zeitgleich zur ersten Kolonial-Ausstellung mit über einhundert Personen aus den verschiedenen deutschen Kolonien stattfand. Bei der größten Völkerschau weltweit, der Weltausstellung 1904 in St. Louis, wurden etwa 2.000 Personen zur Schau gestellt.

Begriff

Der Begriff Völkerschau etablierte sich in der Ethnologie und Geschichtswissenschaft seit den 1950er Jahren.[4] Zeitgenössisch fand er erstmals 1904 bei „Marquardt’s afrikanischer Völkerschau“ Verwendung. Vorher wurden die seit den 1870er Jahren verbreiteten Schauen oft als „Menschenausstellungen“ oder „Menschenvorstellungen“ bezeichnet.[5.1] Carl Hagenbeck nannte sie auch „Völkerausstellungen“[6.1] oder – wenn er Menschen zusammen mit Tieren inszenierte – „anthropologisch-zoologische Schaustellungen“.[6.2] Die Impresarios gaben jeder der Schauen einen eigenen Titel, mit dem sie in Zeitungen und auf Plakaten beworben wurden. Die Bezeichnungen der Herkunft der zur Schau gestellten Menschen (beispielsweise „Lappländer“ oder „Nubier“; siehe hierzu den Abschnitt Herkunft und Stereotype) wurden dabei oft mit Begriffen wie „Karawane“, „Truppe“, „Gruppe“, „Dorf“ oder „Ausstellung“ kombiniert. Zudem finden sich in den Titeln der Völkerschauen auch abschätzige Begriffe wie „Wilde“ oder „Kannibalen“.

Forschungsstand

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit den seit der Mitte des 20. Jahrhunderts nur noch wenig rezipierten und erinnerten Völkerschauen setzte ab den 1980er Jahren ein und bewegt sich auf einem interdisziplinären Forschungsfeld der Kolonial- und Gesellschaftsgeschichte, der Ethnologie und des Postkolonialismus.[7] Zu den frühen Veröffentlichungen zählen Stefan Goldmanns Aufsatz Wilde in Europa. Aspekte und Orte ihrer Zurschaustellung von 1984[8] sowie die 1989 veröffentlichte Monografie Für fünfzig Pfennig um die Welt. Die Hagenbeckschen Völkerschauen von Hilke Thode-Arora.[9] Der im Jahr 2000 in der Zeitschrift Le Monde diplomatique veröffentlichten Artikel Menschenzoos als Instrument der Kolonialpropaganda. Ein sozialdarwinistisches Disneyland des französischen Forscherteams Nicolas Bancel, Pascal Blanchard und Sandrine Lemaire verschaffte den zoos humaines große Aufmerksamkeit in der internationalen Geschichtsschreibung.[10] Ein Jahr später erschien von denselben Autoren der (erst 2012 in deutscher Übersetzung veröffentlichte) umfangreiche Sammelband Zoos Humains. Au temps des exhibitions humaines.[11] Weitere grundlegende Studien verfassten Eric Ames,[12] Rea Brändle (2013[13] und posthum 2023[14]), Anne Dreesbach,[5] Gabi Eissenberger,[15] Nigel Rothfels,[16] Werner Michael Schwarz,[17] Balthasar Staehelin[18] sowie Stefanie Wolter.[19] Eine systematische Darstellung aller Völkerschauen, der Zahl der jeweils zur Schau gestellten Menschen oder der Besucherzahlen in nationalen Kontexten oder als Forschungsfeld der Globalgeschichte steht noch aus. Den bisher umfassendsten Überblick über Zahl und Umfang der Völkerschauen vorwiegend im deutschsprachigen Raum gibt eine von Rea Brändle recherchierte Liste von 2.800 Stationen von Menschenausstellungen (darunter sowohl große Völkerschauen als auch kleinere Zurschaustellungen indigener Menschen) in 327 Städten und Ortschaften im 19. und 20. Jahrhundert. Die Liste erhebt aber nach eigenen Angaben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.[14.1] Daneben gibt es zahlreiche lokale Fallstudien oder solche zu einzelnen Völkerschau-Tourneen (siehe hierzu den Absatz Völkerschauen nach Ländern und Städten).

Deutungen

Im „Amtlichen Bericht“ der Berliner Kolonialausstellung 1896 wurden die Völkerschau-Darsteller in als Mugshots anmutenden Fotoserien abgebildet. (Buchseite von 1897)[20.1]

Völkerschauen weisen große Spannbreiten auf – sowohl hinsichtlich der Zahl, Herkunft, Behandlung und Inszenierung der Darsteller als auch der Wahrnehmung durch Presse und Publikum, die zwischen Abschätzigkeit, respektvoller Anerkennung und Bewunderung schwankte. In der Forschung werden sie entsprechend kontrovers beurteilt. Laut Stefanie Wolter stehen sich dabei zwei Positionen „unversöhnlich“ gegenüber: Die eine Seite prangert den Rassismus der Völkerschauen vehement an, während die andere sie eher als Ausdruck ihrer Zeit verstehen möchte.[19.1] Völkerschauen erfuhren im Zuge der postkolonialen Forschungen verstärkte Aufmerksamkeit mit Blick auf das im Kolonialismus begangene Unrecht, auf die Verflechtungsgeschichte der kolonisierten Gesellschaften und die der Kolonialmächte sowie die Spuren des kolonialen Erbes. Die postkolonialistische Forschung betont die „Idee weißer Überlegenheit“ und deutet die Schauen „als ein Mittel zur Rechtfertigung von Eroberung, Ausbeutung und in manchem Fall auch von Auslöschung“.[21.1] Hilke Thode-Arora erklärt die Schauen vielschichtiger – als eine „enge Verzahnung von kolonialer Politik, kolonialzeitlicher Wissenschaft und Unterhaltungsgeschäft“, […] bei der „europäische Blickregimes und koloniale Machtstrukturen […] mit indigenen Perspektiven und Strategien“ zusammengetroffen seien – und will mit dieser Deutung die Wechselbeziehung zwischen europäischen Zuschauern und zur Schau gestellten Menschen stärker einbeziehen.[22.1] Die Schauen waren allerdings „selbst bei größtmöglicher Beteiligung der Völkerschau-Teilnehmer an der Rekrutierung und Inszenierung immer eine europäische Konstruktion des Fremden, gemacht für den europäischen Blick und Konsum“.[22.2] Der US-amerikanische Historiker Eric Ames legt den Fokus auf wirtschaftliche Aspekte: „the show’s reason to exist was fundamentally commercial“[12.1] – oder wie auch Anne Dreesbach formuliert: „Es ging bei den Zurschaustellungen nicht um die Verbreitung von Ideologien oder Kolonialpropaganda, sondern darum, Geld zu verdienen“.[5.2]

Quellen

Die Überlieferungen zu den Völkerschauen gelten als umfänglich, da sie im zeitgenössischen Kontext große Aufmerksamkeit erfuhren. Wichtige Quellengattungen sind zahlreiche Zeitungsartikel und -inserate, Werbeplakate und Postkarten mit Zeichnungen oder Fotografien der Völkerschauen.[23] Neben teils umfangreichen Aktenbeständen in lokalen Archiven gibt es verschiedene zeitgenössische Veröffentlichungen – etwa Memoirenliteratur der Impresarios und Agenten oder dokumentierte wissenschaftliche Vorträge über die zur Schau gestellten Menschen.[5.3] Deren Selbstzeugnisse sind hingegen ganz selten.[24]

Vorgeschichte

Zurschaustellung von 50 indigenen Tupinambá 1550 in Rouen (Buchmalerei von 1550)

Zurschaustellungen vermeintlich „fremder“ oder „exotischer“ Menschen reichen bis in die Frühgeschichte und die Antike zurück. „Bereits im alten Ägypten stellte man schwarze Zwerge aus dem Gebiet des Sudan aus, ganz so, wie man während des Römischen Reichs besiegte ‚Barbaren‘ und ‚Wilde‘ im Triumphzug durch die Straßen der Hauptstadt führte.“[11.1] Mit Beginn des neuzeitlichen Kolonialismus nahmen solche Zurschaustellungen in Europa stark zu. Schon Christoph Kolumbus und Amerigo Vespucci brachten gewaltsam entführte Menschen als „sprechende Beweise“ von ihren Entdeckungsreisen mit.[8.1] 1550 wurde in Rouen zur Unterhaltung des französischen Königs Henri II. am Ufer der Seine ein tropisch anmutendes „Eingeborenendorf“ errichtet, in dem 50 indigene Tupinambá aus Brasilien (verstärkt durch etwa 250 nackte und als Indigene bemalte französische Matrosen) Tänze, Schaukämpfe und Jagdszenen aufführen mussten.[8.2] In der Theaterwelt des Barock gehörten „exotisch anmutende Darsteller zum ständigen Bühnenrepertoire“. Beispielsweise traten in einem sogenannten „Kopf-Ballett“ 1616 in Stuttgart „Indianer neben Türken, Mohren Lappländern und Eskimos auf“.[8.2]

Sarah Baartman, beworben als Hottentottische Venus, war eine Khoikhoi, die aufgrund ihrer anatomischen Besonderheit eines Fettsteißes von 1810 bis 1815 auf Jahrmärkten in England und Frankreich „ausgestellt“ wurde. (Karikatur von 1810)

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Ausstellung von Menschen als Jahrmarktsattraktionen zu einem lukrativen Unterhaltungsgeschäft. Am bekanntesten ist bis heute Sarah Baartman, eine Khoikhoi, die als „Hottentottische Venus“ beworben und zwischen 1810 und 1815 auf zahlreichen Jahrmärkten und in Zirkussen in verschiedenen Städten Großbritanniens und Frankreichs vorgeführt wurde. Erstmals erwies sich hier die von großem medialen Interesse verfolgte Zurschaustellung eines Menschen als einträgliches Geschäftsmodell.[25.1] In den USA professionalisierte P. T. Barnum seit den 1840er Jahren die Zurschaustellung von Menschen – insbesondere im 1841 gegründeten American Museum in Manhattan. Mit den sogenannten Freak Shows, auf denen sowohl Menschen mit körperlichen Anomalien als auch als „exotisch“ beworbene Menschen auf Jahrmärkten oder in Varietés ausgestellt wurden, legte er einen weiteren Grundstein für das kommerziell erfolgreiche Unterhaltungsformat der späteren Völkerschauen.[11.1] Im deutschsprachigen Raum etablierten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts kleinere Schausteller-Unternehmen, die Menschen in Schaubuden präsentierten – etwa von Peter Egenolf, der 1824 vier als „indianische Buschmenschen aus Neuholland“ beworbenen „Aborigines“ zeigte,[14.2] von Wolfgang Philadelphia, der in den 1830er Jahren den „wilden Ashanté“ Hoongoo Rhyhoo zur Schau stellte,[14.3] oder von der Wiener Schaustellerin Emma Willardt, die ab 1872 über mehrere Jahre mit einer Gruppe von „Lappländern“ auf Tournee ging.[14.4] Auch sie waren laut der Publizistin Rea Brändle wichtige Wegbereiter der Völkerschauen.[14.5]

Hochphase der Völkerschauen

Zeitungsannonce: Ankunft einer großen Heerde Rennthiere in Begleitung einer Lappländer-Familie, Die Reform, 12. September 1875

Den Startpunkt der über sechs Jahrzehnte dauernden Hochphase der Völkerschauen markiert die Ankunft einer Familie von sechs Samen („Lappländer“) aus der nordschwedischen Provinz Norrbottens län zusammen mit einer Herde von 31 Rentieren im „Thierpark Hagenbeck“ am Neuen Pferdemarkt in St. Pauli am 12. September 1875 – und nicht (wie häufig zu lesen) das Jahr 1874.[26] Vom enormen Besucherandrang dieser ersten Völkerschau überrascht, verlagerte Carl Hagenbeck sein Geschäft in den folgenden Jahren vornehmlich auf die Anwerbung von Menschen aus verschiedenen Teilen der kolonisierten Welt.

Innerhalb nur weniger Jahre entwickelte sich das von zahlreichen Veranstaltern kopierte Format der Völkerschauen zu einem „Massenphänomen“[5.2] mit teils enormem Besucherandrang. Die großen Weltausstellungen, bei denen seit den 1880er Jahren immer auch größere Menschenausstellungen gezeigt wurden, zählten bis zu dreißig Millionen Besucher – so beispielsweise in Paris 1889. Zur Berliner Kolonial- und der parallel stattfindenden Kairo-Ausstellung 1896 kamen jeweils zwei Millionen zahlende Besucher, und auch einzelne Völkerschauen Hagenbecks – wie etwa die Völkerschau der „Sioux-Indianer“ 1910 – lockten über eine Million Besucher an.[12.2] Angaben oder belastbare Schätzungen über die Gesamtzahl der Besucher aller Völkerschauen liegen allerdings nicht vor. Während des Ersten Weltkriegs kamen die Schauen zwischenzeitlich zum Erliegen. In den 1920er Jahren fanden sie wieder statt, konnten aber nicht mehr an die Besuchererfolge der Vorkriegszeit anknüpfen.

Typologie und Entwicklungen

In sogenannten „Eingeborenendörfern“ wie hier bei der Völkerschau der „Amazonen von Dahomey“ in San Francisco traten die Besucher in direkten Kontakt zu den zur Schau gestellten Menschen. (Foto von 1894)

Die Völkerschauen ersetzten die bereits zuvor etablierten und weiterhin populären Zurschaustellungen „exotischer“ Menschen in den Freak Shows der Jahrmarktbuden, Panoptiken, Varietés und Zirkussen nicht. Stefanie Wolter nennt vor allem zwei Kriterien, wie sich die seit Mitte der 1870er Jahre erfolgreichen Völkerschauen von solchen Formaten abgrenzten.[19.2] Erstens bemühten sich die Impresarios, die zur Schau gestellten Menschen – wenn auch nur vermeintlich – authentisch in Szene zu setzen und sie nicht wie zuvor als „Jahrmarktssensation“ zu bewerben. Zweitens wurden durch die Völkerschauen auch gebildetere Bevölkerungsschichten angesprochen und den Schauen somit bürgerliche Anerkennung zuteil.[19.2] Hagenbecks immer aufwändigere Inszenierungen indigener Menschen galten zeitgenössisch insofern als fortschrittlich, dass er „die ‚Wilden‘ aus den Jahrmarktsbuden in die wissenschaftlichen Institutionen ‚Zoologische Gärten‘“[5.4] holte.

Neben „Eingeborenendörfern“ zeigten die Völkerschauen großangelegte Inszenierungen von Paraden, Tänzen oder Schaukämpfen wie bei Gustav Hagenbecks Indienschau in Hamburg 1900. (Postkarte, ohne Datum)

In den ersten Jahren nach 1875 folgten zunächst mehrere kleinere Völkerschauen, bei denen die Menschen noch „eingehegt“, also mit einem Zaun umgeben wurden, um sie vom Publikum entfernt zu halten.[19.3] Ab Mitte der 1880er Jahre entwickelten sich die Völkerschauen immer mehr zu großen Spektakeln mit bis zu wenigen Hundert zur Schau gestellten Menschen.[5.5] Besonders erfolgreich wurde das Konzept des „Eingeborenendorfs“[11.2], in dem die Trennung der zur Schau gestellten Menschen von den Zuschauern durch Zäune und Barrieren aufgehoben wurde. Die Besucher sollten „durch das Dorf schlendern und am ‚tatsächlichen‘ Leben des Volkes teilnehmen“[27.1] und somit immersiv in das Alltagsleben der ausgestellten Menschen „eintauchen“.[22.3] Die Impresarios steigerten ihre Einnahmen auch durch den Verkauf von in den Dörfern hergestellten Produkten – beispielsweise Teppiche, Körbe und Masken. Sie vermarkteten außerdem Ereignisse wie Tod, Hochzeit oder Geburt der Ausgestellten, um den Besucherandrang weiter zu steigern. Das zweite erfolgreiche Konzept waren große szenische Inszenierungen von Tänzen, Musik, Gesängen, Paraden und Schaukämpfen. Die Völkerschauen wiesen dann ein detailliertes Programm auf und entfernten sich dadurch immer mehr von der Darstellung des vermeintlichen Alltaglebens hin zu fiktionalen, möglichst spektakulären Inszenierungen.[16.1]

Ende der Völkerschauen

In den 1930er Jahren nahm die Zahl der Völkerschauen stetig ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Format durch den Film weitgehend verdrängt, der in der Darstellung des „Fremden“ und „Exotischen“ in den 1950er und 1960er Jahren gleichwohl dieselben Klischees bediente wie zuvor die Völkerschauen. Der Tierpark Hagenbeck, der seit Anfang der 1930er Jahre keine Völkerschauen mehr zeigte, profitierte dabei vom Film, denn die künstlichen Felskulissen wurden jetzt als Filmset vermietet.[28.1] Auch der aufkommende Ferntourismus der 1950er Jahre trug zum Ende der Schauen bei.[5.6] Hinzu kam eine veränderte Haltung der europäischen Gesellschaften in den 1950er und 1960er Jahren, die aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs resultierte und zugleich mit dem Zerfall der europäischen Kolonialreiche sowie den Unabhängigkeitsbestrebungen der überseeischen Völker verbunden war.[5.7] Auch wenn in den 1950er Jahren beispielsweise auf dem Oktoberfest in München die Völkerschauen wiederzubeleben versucht wurden, waren das Interesse und der kommerzielle Erfolg nur noch gering. 1959 war dort eine letzte „Völkerschau Hawaii“ zu sehen.[29] Die letzte große Zurschaustellung indigener Menschen in Europa fand ein Jahr zuvor auf der Weltausstellung in Brüssel statt, auf der ein „kongolesisches Dorf“ errichtet wurde. Kleinere Schauen sind gelegentlich bis in die 1960er Jahre überliefert, beispielsweise in Zürich.[13.1]

Akteure

Zur Schau gestellte Menschen

Anwerbung

Im April 1931 kam eine Gruppe von Sara-Kaba begleitet vom Direktor des Zoologischen Gartens Berlin Ludwig Heck am Anhalter Bahnhof an. Die Frauen haben ihre Lippenteller mit Schals verdeckt. (Foto von 1931)

Die Anwerbung der zur Schau gestellten Menschen wurde anfangs über Tierhändler, später über spezialisierte Agenten organisiert, die bereits viele Monate vor Beginn der Völkerschauen mit der Suche nach geeigneten Personengruppen beauftragt wurden. Das Engagement dauerte in der Regel von einem Sommer bis zu mehreren Jahren. Seit den 1880er Jahren wurde die Anwerbung zumeist in detaillierten Verträgen geregelt.[9.1] Die Agenten bemühten sich darum, die Gruppen möglichst heterogen zusammenzustellen, um so mit Frauen und Männern, aber auch Kindern und alten Menschen, alltägliches Familienleben inszenieren zu können.[27.2] Auswahlkriterien waren auch ein entweder „schönes“ oder „hässliches“ Aussehen sowie körperliche Veränderungen wie Tätowierungen, Skarifizierung oder beispielsweise spitz gefeilte Zähne, Frauen mit langgestreckten Hälsen (genannt „Giraffenhals-Frauen“) oder Lippentellern. Für die größeren Völkerschauen wurden später auch gezielt Handwerker, Artisten und Tänzer eingestellt.[9.2]

Obwohl die Darsteller im Fokus des öffentlichen Interesses standen, gibt es nur wenige Überlieferungen über ihre persönliche Situation oder ihr Erleben als „Ausstellungsobjekte“ bei den Völkerschauen.[24] Dennoch gelten sie in der Forschung keineswegs nur als hilflose Objekte der Willkür der Veranstalter, sondern als selbstbewusste Subjekte.[30.1] Viele Darsteller ließen sich mit Aussicht auf die ausgehandelten Honorare bereitwillig anwerben, auch wenn den Angeworbenen nicht immer klar war, was sie bei den Völkerschauen erwartete.[27.3] Am Ende der Schauen kehrten fast alle Darsteller mit ihren Gagen und Geschenken zurück in ihre Herkunftsländer, ihre Einnahmen waren im Vergleich zu denen der Impresarios aber nur gering. Nur in wenigen Ausnahmen kam es vor, dass Darsteller in Europa blieben und die Sprache lernen und eine Ausbildung machen konnten.[16.2] In einigen Fällen zeigten die zur Schau gestellten Menschen Interesse an einer erneuten Anwerbung.[31.1]

R. A. Cunningham mit der Völkerschau-Gruppe der „Aborigines“ in Berlin (Foto von 1884)

In den Anfangsjahren der Schauen wurden einige der zur Schau gestellten Personen auch unfreiwillig und unter Entzug ihrer Freiheitsrechte nach Europa verschleppt – insbesondere, wenn es sich um Gruppen vermeintlicher „Urmenschen“ handelte. Robert A. Cunningham etwa, der 1883 eine Gruppe von neun indigenen Australiern entführte,[32.1] galt laut Hilke Thode-Arora als „der Prototyp des schlechten, rücksichtslosen Völkerschau-Impresarios“.[9.3] Ein weiteres bekanntes Beispiel war die Völkerschau der „Feuerländer“ in den Jahren 1881 und 1882. Carl Hagenbeck beauftragte einen Agenten, „Feuerländer“ nach Europa zu bringen. Dieser Agent übergab in der Nähe der Magellanstraße dem Kapitän G. Schweers elf Kawesqar (das waren westlich der Hauptinsel Feuerland lebende Wassernomaden), der sie unter Umgehung chilenischer Behörden nach Hamburg brachte. Später behauptete Hagenbeck, Schweers hätte die Menschen aus Seenot gerettet und in den nächsten angesteuerten Hafen – also nach Hamburg – gebracht.[15.1]

Völkerschau der „Feuerländer“ im Sommer 1881, Jardin d’Acclimatation in Paris (Foto von 1881)

Die elf Kawesqar, darunter drei Kinder, wurden im Sommer 1881 zuerst im Pariser Jardin d’Acclimatation mit einer halben Million Zuschauern und anschließend in Berlin, Leipzig, Stuttgart, München, Nürnberg und Zürich zur Schau gestellt. Sie erregten großes Aufsehen in der Presse und wurden äußerst abschätzig beschrieben: „Hässlich seien die Feuerländer, lethargisch und schmutzig, stinkfaul von Natur aus und unsäglich dumm“, und „die Menschenfresser aus Südamerika würden eher die eigenen Großmütter verspeisen als ihre Hunde, weil Hunde Ottern fressen, das einzige Tier, vor dem die Feuerländer sich ekelten“.[13.2] Im Berliner Zoo kam es zu lautstarkem Aufruhr, wie die Presse berichtete: „Als sich jedoch um 5 1/2 Uhr die Feuerländer in die inneren Gemächer ihres Erdgelasses zurückzogen, nahm der Tumult bedenkliche Dimensionen an. ‚Feuerländer raus!‘, brüllte ein tausendstimmiger Chorus, Bänke und Stühle wurden zerbrochen und erst mit Hülfe requirierter Schutzleute gelang es, die Ruhe wiederherzustellen“.[33] Dort nahm auch der Anatom und Anthropologe Rudolf Virchow (1821–1902) Untersuchungen an den Kawesqar vor und stellte sie am 14. November 1881 der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte im Saal des Zoologischen Gartens als eine „Rasse“ auf der „untersten Stufe“ sowie als mögliche „Kannibalen“ vor.[15.2]

Arbeitsbedingungen

Darsteller der Kairo-Ausstellung klagten vor dem Berliner Gewerbegericht gegen ihre Arbeitsbedingungen. (Foto von 1896)

Im Zuge der Professionalisierung der Völkerschauen hielten sich die meisten Impresarios weitestgehend an Abmachungen oder Verträge über die Anreise, Entlohnung, Unterkunft und Verpflegung sowie die medizinische Versorgung. Sie wollten den Eindruck vermeiden, die Menschen würden gegen ihren Willen zur Schau gestellt.[22.4] Die Verträge, die auch Auskunft über die Bezahlung der Darsteller geben, umfassten neben der Entlohnung auch „das Anrecht auf bestimmte Mengen an Lebensmitteln und Decken und vieles mehr“.[30.1] Außerdem wurden die medizinische Versorgung, die geforderten Tätigkeiten sowie die Arbeitszeiten genau geregelt.[28.2] Die Arbeitsbedingungen und -zeiten von bis zu 10 Stunden waren hart, und es kam häufig zu Erkrankungen. Ursachen hierfür waren neben mangelnder medizinischer Versorgung vor allem Infektionskrankheiten und fehlende Impfungen,[34.1] zudem auch unangepasste Kleidung unter ungewohnten klimatischen Bedingungen, schlechte Wohn- und Lebensverhältnisse sowie das ungewohnte Essen.[5.8] Die Menschen wohnten meist in einfachen, dem Publikum nicht zugänglichen Behausungen und durften in vielen Fällen den Zoo oder das Ausstellungsgelände nicht verlassen.[34.1]

Todesfälle

Gräber der sieben Völkerschau-Darsteller Sambo, Mpemba, Ngemba, Ekia, Elephant, Kitukwa und Mibange an der Kirche St. Johannes Evangelist in Tervuren bei Brüssel. Sie waren während der Weltausstellung 1897 verstorben und wurden 1953 hierher umgebettet. (Foto von 2025)

Neben einzelnen Todesfällen gab es einige Völkerschauen, bei denen ein Großteil der zur Schau gestellten Gruppe verstarb – im ersten dieser Fälle, der von Carl Hagenbeck organisierten Völkerschau der „Eskimos“ 1880/81, sogar die ganze achtköpfige Gruppe. Hagenbecks Agent Johan Adrian Jacobsen war der gesetzlichen Vorschrift zur Impfung nicht nachgekommen, weshalb die Inuit zwischen Mitte Dezember 1880 und Mitte Januar 1881 alle an einer Pockeninfektion starben, unter ihnen auch Abraham Ulrikab, der über seine Erlebnisse ein Tagebuch geführt hatte.[24] Nur ein Jahr später starben auch sieben der elf Kawesqar bei Hagenbecks Völkerschau der „Feuerländer“.[15.3] Berüchtigt für seinen rücksichtslosen Umgang mit seinen Völkerschau-Gruppen war insbesondere der Impresario Robert A. Cunningham, der insgesamt drei mehrjährige Völkerschauen organisierte. Von den neun Personen seiner ersten „Aborigines“-Völkerschau 1833 bis 1888 überlebten nur drei die strapaziöse Tournee. Zur Gruppe gehörte Kukamunburra, der nach seinem Tod in Cleveland im Februar 1884 mumifiziert und ausgestellt wurde. Seine Frau Tagarah starb im Juni 1885 in Elberfeld, und noch drei weitere Mitglieder der Gruppe verstarben während des Aufenthalts in Europa.[32.2] Cunninghams Samoa-Völkerschau 1889–1891 überlebten fünf von zehn Personen, die sich anschließende zweite „Aborigines“-Völkerschau 1892 bis 1898 nur vier von neun Personen. Während der Weltausstellung 1897 in Brüssel wurden im Park Tervuren mehrere „Eingeborenendörfer“ errichtet, in denen insgesamt 267 Personen zur Schau gestellt wurden. Sieben Kongolesen starben an Infektionskrankheiten. Weil ihre Beerdigung auf dem örtlichen Friedhof abgelehnt wurde, entbrannte in Belgien eine kontroverse öffentliche Debatte über die Völkerschauen.[1.1]

Herkunft und Stereotype

Nach der ersten Völkerschau der „Lappländer“ 1875 organisierte Carl Hagenbeck 1876 eine erste Schau mit Schwarzen: eine afrikanische Tierschau, die von einer Gruppe von als „Nubier“ beworbenen Afrikanern begleitet wurde und fünf Jahre durch Europa tourte.[35.1] Nach diesen ersten Völkerschauen wurden Menschen aus verschiedenen Kontinenten und Regionen angeworben (eine Auswahl siehe Tabelle rechts, farbliche Sortierung nach Kontinenten: pink: Europa – grün: Afrika – gelb: Amerika – blau: Australien und Ozeanien).

Die ausgestellten Menschen wurden enweder als „Kulturvölker“ oder als „Naturvölkern“ und „primitiven Urmenschen“ kategorisiert, die „entweder dem europäischen Schönheitsideal entsprachen oder aber als Vertreter des Typs ‚Urmensch‘ besonders abstoßend wirkten“[27.2] – wie beispielsweise die Kawesqar („Feuerländer“), die Neukaledonier[28.3] oder die „Aborigines“, die in der Werbung als „primitivste Wesen“ und als „Kannibalen“ angekündigt wurden.[5.9] Bei den „Aborigines“ meldete die Presse außerdem es handele sich um die „letzten Exemplare dieser Rasse […], denn ihre Stämme sollen in raschem Aussterben begriffen sein“.[36] Zu den „Kulturvölkern“ zählten neben den Indern und Singhalesen etwa die Araber. Plakate bewarben sie mit dem „Zauber der Märchen aus Tausendundeiner Nacht“.[5.10] Positiv wurden auch die „Indianer“ dargestellt, die auf den Plakaten mit Pferden, Federschmuck, Fransengewändern, Wigwam und Marterpfahl gezeichnet wurden,[5.11] sowie die Samoaner „als freundliche, liebenswürdige Wesen mit sonnigem Gemüt […], die tagtäglich nichts anderes taten, als zu singen, Hula zu tanzen und Feste zu feiern“.[27.4] Auch nördliche Völker wie die Kalmücken aus dem Gebiet zwischen Wolga und Don sowie „Eskimos und „Lappländer“ aus dem Polargebiet wurden als kulturell hochstehend eingestuft. Die meisten Völkerschauen zeigten Gruppen aus Afrika, die als „Naturvölker“ galten und bei denen die „Wildheit und ihre Kampfbereitschaft“ in den Vordergrund gerückt wurde. Zwischen den Gruppen aus Afrika wurde allerdings differenziert – die „Somali“ etwa galten als besonders „edel“.[37]

Vermeintliche Authentizität

Völkerschau „Amazonen-Corps – Wilde Weiber aus Dahomey“ (Plakat von 1898)[14.6]

Die Frage, ob die zur Schau gestellten Menschen hinsichtlich ihres Aussehens, ihrer Kleidung, der Inszenierung ihres Alltags oder der Tänze und Schaukämpfe authentisch auftraten oder nicht, wird in der Forschung kritisch beurteilt. Nach Ansicht des Historikers Nigel Rothfels lag der wesentliche Unterschied zu früheren Menschenausstellungen in Hagenbecks Anspruch, ein möglichst authentisches und damit „hochwertiges Menschenmaterial“ zu zeigen – vergleichbar mit seiner Spezialisierung auf wertvolle Tiere im Tierhandel.[16.3] Die Historikerin Stefanie Wolter bemerkt dazu kritisch, dass sich der „Anspruch auf ‚Authentizität‘ bei näherem Hinsehen als ein äußert problematisches europäisches Konstrukt“ entpuppe.[19.2] Authentizität sei nur insofern von Bedeutung gewesen, als die Zuschauer die Präsentation für authentisch hielten.[27.5] Die ausgestellten Menschen hatten zudem in der Regel bei der Inszenierung der Schauen auch nichts mitzureden.[34.1] Allerdings gab es auch erfolglose Völkerschauen, eben weil das Publikum die zur Schau gestellten Menschen nicht für „echt“ hielt – wie beispielsweise bei Hagenbecks Völkerschau der „Bella Coola“ 1885/86, die als „falsche Indianer“ wahrgenommen und in der Presse deshalb lächerlich gemacht wurden.[31.2]

Proteste der zur Schau gestellten Menschen

Vitrine: Opernglas in der Ausstellung „zurückGESCHAUT“ in Berlin-Treptow (Foto von 2020)[38]

Vereinzelt sind Proteste der zur Schau gestellten Menschen überliefert. Auf der von Mai bis Oktober 1896 dauernden Berliner Kolonialausstellung im Treptower Park setzte der zur afrikanischen Völkerschau gehörende etwa zwanzigjährige Kwelle Ndumbe (auch Bismarck Bell genannt) ein sichtbares Zeichen des Protests, indem er sich erstens europäisch kleidete und zweitens mit einem Opernglas die Zuschauer beobachtete und damit ihren Voyeurismus kritisieren wollte.[39] Andere Darsteller wehrten sich gegen die wissenschaftlichen Untersuchungen und Vermessungen. Von 106 Teilnehmern der Berliner Kolonialausstellung beispielsweise stimmten lediglich 83 den Vermessungen zu und nur 51 ließen sich fotografieren.[5.12] Während der zeitgleich stattfindenden Berliner Kairo-Ausstellung zog eine Gruppe von Darstellern vor Gericht, um bessere Arbeitsbedingungen zu erwirken. Vereinzelt traten die zur Schau gestellten Menschen in Streik, wie auf der 1899 in Wien stattfindenden „Bischari“-Schau.[5.13]

Veranstalter

Impresarios

Der heute kaum noch geläufige Begriff Impresario bezeichnete bis ins 19. Jahrhundert den Besitzer oder Leiter von Theatern und anderer Veranstaltungsformate, so auch die Veranstalter der Völkerschauen. Um 1870 nahmen das Schaustellereiwesen und verschiedenerlei Vergnügungsstätten in Europa einen enormen Aufschwung, worin auch die rasche Verbreitung und Popularisierung der Völkerschauen seit den 1870er Jahren begründet liegt.[5.14] Nach P. T. Barnum, der ab den 1840er Jahren in den USA das Format der Freak Shows etabliert hatte, gilt Carl Hagenbeck als der einflussreichste Impresario in Europa, der das Format der Völkerschauen maßgeblich professionalisierte. Er begann seine Karriere 1866 als Händler exotischer Tiere. Nach der Schau der Lappländer wurden die „Völkerausstellungen“ in den 1880er Jahren vorübergehend zu seiner Haupteinnahmequelle. Hagenbeck beauftragte als Agenten zur Anwerbung von Völkerschau-Darstellern meist auf bestimmte Weltregionen spezialisierte „Tierfänger, Kapitäne oder routinierte Reisende“, die zugleich auch Tiere und Ethnografika erwerben und nach Europa bringen sollten.[22.4]

Die Impresarios trieb das Profitstreben an, und sie mussten – wie Balthasar Staehelin 1993 für den Basler Zoo erforscht hat – ein nicht unerhebliches finanzielles Risiko eingehen, wenn sie sich bei der Planung der Schauen zunächst „mit hohen Unkosten belastet sahen, ehe sie die ersten Einnahmen zu Gesicht bekamen“.[18.1] Die Kosten für eine durchschnittlich ausgestattete Völkerschau bezifferte Hagenbeck auf 60.000 RM.[22.4] Die Impresarios versuchten folglich die Völkerschauen so zu inszenieren, dass der Unterhaltungswert für das Publikum groß und somit die Einnahmen entsprechend hoch waren.[5.15] Auch die finanziell oft klammen Zoologischen Gärten profitierten von den hohen Besucherzahlen der Völkerschauen und waren auf die zusätzlichen Einnahmen angewiesen.[40.1] Hagenbeck setzte auf die intensive Bewerbung der Schauen. Neben Plakatwerbung, Zeitungsannoncen und Rabattaktionen zog er mit den neu ankommenden Völkerschauen in großen Umzügen durch die Stadt, um dadurch ein großes Medienecho zu erzeugen. Wie wichtig die gute Vernetzung zur Presse war, machte bereits die Völkerschau der Lappländer 1875 deutlich. Die Schau war nur in Hamburg so erfolgreich, in Berlin aber, wo Hagenbeck noch nicht vernetzt war, waren die Besuchszahlen nur gering.[5.16]

Der Impresario John Calvert Nayo Bruce (Mitte) mit seinen Ehefrauen Dassi und Ohui Creppy, dem dreijährigen Sohn Kwassi und weiteren Mitgliedern des „Togo-Dorfs“ der Berliner Kolonialausstellung (Foto von 1896)[41.1]

Viele der erfolgreichen Impresarios kamen aus Deutschland – etwa Carl Gabriel, die Brüder Carl und Fritz Marquardt, Josef Menges, Willy Möller, Hermann Ruhe oder Willy Siebold. Bekannte Impresarios aus anderen Ländern waren beispielsweise Imre Kiralfy aus Großbritannien oder William Frederick Cody alias Buffalo Bill aus den USA. Es gab auch zur Schau gestellte Menschen, die selbst Impresarios wurden. Ein bekanntes Beispiel war J. C. Nayo Bruce (1859–1919), der 1896 das „Togo-Dorf“ der Berliner Kolonialausstellung organisierte und anschließend über mehr als zwei Jahrzehnte selbstständig mit seiner „Togo-Gruppe“ durch über 200 europäische Länder tourte.[41.2] Auch der Somali Hersi Igeh Gorseh baute seine zahlreichen Völkerschau-Teilnahmen zu einem Geschäft aus, indem er sich mit aus Europa mitgebrachten Nähmaschinen in der Textilverarbeitung Somalilands etablierte.[22.5]

Welt- und Kolonialausstellungen

Karikatur „Colonial-Peters-Ausstellung 1896“ im Kladderadatsch vom 12. März 1896 (Zeichner unbekannt) und offizielles Werbeplakat zur Berliner Gewerbeausstellung von Ludwig Sütterlin

Seit den 1850er Jahren wurden regionale oder nationale Industrieausstellungen sowie die größer konzipierten Weltausstellungen zu einem wichtigen Instrument der Industrienationen zur Repräsentation ihrer wirtschaftlichen Stärke. Diese Schauen wurden Ende des 19. Jahrhunderts von den imperialistischen Mächten oft mit Kolonialausstellungen verknüpft, in die auch Völkerschauen integriert wurden. Laut Hilke-Thode Arora waren besonders die Weltausstellungen maßgeblich, „das Konzept der Völkerschauen zu revolutionieren und den Weg zu einer weit verbreiteten Form der Massenunterhaltung zu ebnen“.[22.6] Erstmals wurden bei der Weltausstellung 1883 in Amsterdam „systematisch und mit kolonialpropagandistischer Agenda“ Menschen aus den Kolonien zur Schau gestellt. Bei der Weltausstellung 1889 in Paris setzte die „Idee der Immersion“ und die „Möglichkeit zum Eintauchen in großflächig angelegte fremde Welten“ in mehreren nachgebauten Dörfern mit etwa 300 zur Schau gestellten Menschen neue Maßstäbe der Inszenierung der Schauen.[22.6] In Frankreich, Großbritannien, Spanien, Italien, Belgien und Japan waren diese Form der Völkerschauen verbreiteter als in Deutschland, vor dem Jahr 2000 keine Weltausstellung stattfand. Die einzige größere, auch mit staatlicher Unterstützung durchgeführte Kolonialausstellung fand im Rahmen der zeitgleichen Berliner Gewerbeausstellung statt, bei der 106 Personen aus den verschiedenen deutschen Kolonien zur Schau gestellt wurden.[42]

Zuschauer

Isk-ka-lustra, einer der neun Männer der „Bella Coola“, mit seiner deutschen Freundin (Foto von 1885)

Über das Verhalten der Besucher der Völkerschauen gibt es zahlreiche Überlieferungen. Bereits die erste Völkerschau von Hagenbeck im Jahr 1875 erlebte einen großen Besucherandrang. Er notierte in seinen Erinnerungen: „Vom ersten Tage an war das Publikum geradezu enthusiasmiert […] Schon am frühen Morgen des Eröffnungstages begann das Zuströmen des Publikums, und trotz des großen Raumes, der zur Verfügung stand, nahm das Gedränge geradezu beängstigende Formen an“,[43.1] so dass die Polizei einschreiten musste.[44.1]

Für die Erklärung des Besucherandrangs gibt es verschiedene Ansätze, beispielsweise die schlichte Neugier, mehr über außereuropäische Welt zu erfahren,[16.3]. Andere Ansätze betonen einen offenbaren Voyeurismus der Zuschauer, der sich mit einem starken „Bedürfnis nach Interaktion mit den Völkerschau-Teilnehmern“ verband, das sich sowohl in „abfälligen Bemerkungen, aber auch durch den Wunsch nach Nähe: Mitleid, Berührungen, die Bitte um Autogramme, Geschenke, Kommunikation durch Zeichensprache“ ausdrücken konnte.[22.5] In den ansonsten prüden Gesellschaften des späten 19. Jahrhunderts spielte außerdem die Inszenierung halbnackter oder in Einzelfällen auch nackter Menschen eine große Rolle. Stefan Goldmann bemerkte bereits 1984: „Den Körper, meist den weiblichen, nackt zu sehen, ist einer der stärksten Impulse des Schautriebs“.[8.3] Vorstellungen über die „sexuelle Verfügbarkeit schwarzer Frauen und Virilität schwarzer Männer“ waren weit verbreitet.[45.1] Zuschauer sind in verschiedenen Fällen auch übergriffig insbesondere gegenüber den Darstellerinnen geworden. Außerdem fanden Fotos und Postkarten der Völkerschauen besonders großen Absatz, wenn auf ihnen nackte oder halbnackte Personen abgebildet waren.[16.4] Gelegentlich sind auch Flirts, Liebesbeziehungen oder in wenigen Fällen sogar Ehen überliefert.[22.5]

Interesse der Forschung

Rudolf Virchow drängte Carl Hagenbeck Anfang der 1880er Jahre, eine Gruppe von „Feuerländern“ in Europa zur Schau zu stellen. (Foto von 1884)

Wissenschaftler verschiedener Disziplinen, besonders der physischen Anthropologie und der Anatomie, nutzten die zur Schau gestellten Menschen auch als Forschungsobjekte. Im Interesse anthropologischer Forschungen standen vor allem akribische Vermessungen und die Untersuchung verschiedener Körpermerkmale wie der Hautfarbe, außerdem auch die Anfertigung von Fotografien und Gipsabdrücken, unter anderem von Sexualorganen.[5.17] Verstorbene Menschen wurden auch seziert, und ihre Leichname bzw. Skelette blieben oftmals im Besitz der Forschungsinstitute. Großes Interesse galt dabei den Schädeln sowie präparierten, also in Spiritus eingelegten Körperteilen. Der Münchner Anatom Theodor von Bischoff spezialisierte sich etwa auf weibliche Geschlechtsorgane, die er sich beispielsweise 1882 von den in Zürich verstorbenen Kawesqar zusenden ließ.[15.4]

Wissenschaftler und Impresarios profitierten gegenseitig von der Zusammenarbeit. Die Völkerschauen nutzten der Wissenschaft, weil statt aufwändiger und gefährlicher Reisen die Untersuchungen und Körpervermessungen direkt vor Ort durchgeführt werden konnten. Hagenbeck verstand es im Gegenzug, durch die intensive Zusammenarbeit besonders mit der 1869 gegründeten Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte (BGAEU) den Schauen einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben.[16.5] Deren Vorsitzender, der bekannte Anatom Rudolf Virchow, regte seinerseits die Untersuchung der zur Schau gestellten Menschen an und nahm Einfluss auf Hagenbeck, Menschen aus bestimmten Regionen der Welt nach Berlin zu holen. Er stellte sie regelmäßig bei öffentlichen Vorträgen der BGAEU vor.[40.2] Die Forscher erhofften sich Einsichten in die Entwicklungsgeschichte der Menschheit, da sie glaubten, dass „Naturvölker“ einer niedrigeren Entwicklungsstufe angehörten als „Kulturvölker“ und somit das von Charles Darwin gesuchte fehlende Bindeglied (missing link) zwischen Affe und Mensch repräsentieren könnten.[27.6] Den Impresarios brachte die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft direkten finanziellen Vorteil ein, da bei einer Völkerschau mit vermeintlichem Bildungscharakter die Erlassung der Lustbarkeitssteuer von bis zu vierzig Prozent der Bruttoeinnahmen beantragt werden konnte. Zudem benötigten Schauen, die einen „wissenschaftlichen Charakter“ aufwiesen, keinen Wandergewerbe-Legitimationsschein. Nach 1900 nahm das wissenschaftliche Interesse an der Untersuchung der zur Schau gestellten Menschen ab.[5.17]

Völkerschauen nach Ländern und Städten

Deutsches Reich

Ehemaliges Eingangstor Tierpark Hagenbeck in Hamburg-Stellingen von 1907 (Foto von 2011)

Die Städte im Deutschen Reich, in denen die Völkerschau-Tourneen am häufigsten Station machten, waren Hamburg, Berlin, Leipzig, Dresden, München, Frankfurt am Main und Hannover. Einzelne Schauen wurden täglich von mehreren Zehntausend Besucherinnen und Besuchern gesehen. An manchen Standorten blieben sie mehrere Wochen und erreichten dort Gesamtbesucherzahlen von bis zu über einer Million Menschen.[5.18] Ein wichtiger Grund für die rasche Verbreitung der Völkerschauen lag in der Einführung der reichsweit gültigen Wandergewerbeverordnung im Jahr der Reichsgründung 1871, wodurch die Planung der Tourneen für die Schausteller deutlich vereinfacht wurde.[40.3]

Unter den etwa 50 Kolonialausstellungen, die zwischen 1896 und 1940 im Deutschen Reich gezeigt wurden, gab es nur vier mit einer Völkerschau, nämlich die Berliner Gewerbeausstellung 1896, in deren Rahmen auch die Berliner Kolonialausstellung im Treptower Park zu sehen war, ebenfalls in Berlin die Deutsche Armee-, Marine- und Kolonial-Ausstellung 1907,[46] die Kolonialausstellung 1928 in Stuttgart sowie die Deutsche Afrika-Schau. Die deutschen Kolonialverbände entwickelten eine kritische und ablehnende Haltung zu den kommerziellen Völkerschauen. Sie hätten „einen schädlichen Einfluss auf die Ausgestellten […], was das Verhältnis der ‚Eingeborenen‘ zu den Kolonialisten empfindlich“ störe und nur den kommerziellen Interessen der Impresarios nützte. Vor diesem Hintergrund wurden in den deutschen Kolonien seit 1901 Verbote der Ausfuhr von Eingeborenen aus den deutschen Kolonien zum Zwecke der Schaustellung verordnet.[5.19] Allerdings stammten die meisten der zur Schau gestellten Menschen bisher ohnehin nicht aus den deutschen Kolonien.

Die letzten kommerziellen Völkerschauen fanden Anfang der dreißiger Jahre statt. Zwischen 1936 und 1940 tourte die sogenannte Deutsche Afrika-Schau durch das Deutsche Reich, die den zu dieser Zeit nur wenigen dort lebenden Schwarzen eine Verdienstmöglichkeit schaffen sollte. Die als „Negerdorf“ inszenierte Schau wurde auf private Initiative gegründet und von den nationalsozialistischen Behörden und dem Außenministerium zunächst unterstützt und auch für die Verbreitung von Kolonialpropaganda vereinnahmt.[47] Allerdings sahen Teile der Nationalsozialisten die Schau durch die „Möglichkeit eines Kontaktes, einer Vermischung von ‚Schwarzen‘ und ‚Weißen‘, also einer ‚Rassenvermischung‘“[27.7] zunehmend als Bedrohung an. Deshalb wurde sie im Jahr 1940 verboten und ein generelles Auftrittsverbot für „Neger und Negermischlinge“ erlassen.[5.20]

Berlin

„42 wilde Weiber aus Dahomey“ – kurze Filmsequenz der Brüder Lumière vom Berliner Passage-Panopticum in der Kaisergalerie (Friedrichstraße, hinteres Gebäude, vorne das direkt benachbarte Castans Panopticum) von 1896. Angekündigt wurde die Völkerschau der „Amazonen von Dahomey“. (Film von 1896)

Im Berliner Zoo fanden 25 Völkerschauen statt,[48] außerdem wurden Menschenausstellungen häufig auch in Castans Panopticum oder im Passage Panopticum auf der Friedrichstraße gezeigt. Auf der Berliner Kolonialausstellung 1896 im Treptower Park wurden mehr als hundert Menschen aus den deutschen Kolonien in Afrika fünfeinhalb Monate in fünf afrikanischen Dörfern, beispielsweise im „Togodorf“ und „Kamerundorf“ rund um den Karpfenteich zur Schau gestellt, die etwa zwei Millionen Besucher zählte.[20.2] Zeitgleich fand in direkter Nachbarschaft zur Kolonialausstellung die Kairo-Völkerschau von Willy Möller statt. Mit etwa 400 zur Schau gestellten Arabern gilt sie als eine der größten Völkerschau im Deutschen Reich.[49]

Dresden

Im Dresdner Zoo wurden so viele Völkerschauen gezeigt wie in keinem anderen anderen Zoo in Deutschland.[50.1] Zwischen 1878 und 1934 sind dort 76 Menschenschauen – überwiegend Völkerschauen – nachgewiesen.[51] Der seit 1861 amtierende Dresdner Zoodirektor Albin Schöpf (1823-1881) nutzte seine persönlichen Verbindungen zu Carl Hagenbeck, um Völkerschauen nach Dresden zu holen. Dessen Sohn und Nachfolger als Zoodirektor, Adolph Schoepf (1851-1909), war zeitweise ein Mitarbeiter Hagenbecks im Völkerschauen-Geschäft gewesen, er intensivierte als Zoodirektor die Geschäftsbeziehungen zu weiteren Völkerschau-Unternehmern. In Dresden wurde allein in vier Jahren eine Schautruppe mit Menschen aus der 1900 dem deutschen Kaiserrreich einverleibten Kolonie Samoa vorgeführt – 1896, 1897 und 1901 und 1910.[51] Eine letzte (und die bislang einzige in der DDR nachgewiesene) Menschenschau fand 1951 – im Rahmen einer inszenierten „Tierfangexpedition“ – mit einheimischen schwarzen Darstellern im Dresdner Zoo statt.[52]

Frankfurt am Main

In Frankfurt fanden zwischen 1878 und 1931 40 Völkerschauen statt, davon 33 im Zoologischen Garten Frankfurt.[53]

Freiburg

In Freiburg fanden zwischen 1885 und 1914 vier Völkerschauen statt.[54.1]

Hamburg

Carl Hagenbeck begann mit den Völkerschauen im 1874 eröffneten „Hagenbecks Thierpark“ am Neuen Pferdemarkt. Insgesamt fanden etwa 60 Völkerschauen in Hamburg statt. Nachdem in den 1890er Jahren die Völkerschauen in vielen Städten des Deutschen Reiches immer weniger Umsätze einbrachten, konnte Hagenbeck 1908 durch die Gründung des Tierparks in Hamburg-Stellingen neue und immer größere und aufwändigere Formate der Völkerschauen entwickeln.[9.4]

Hannover

Im Zoo Hannover fanden zwischen 1878 und 1932 insgesamt 14 Völkerschauen und im restlichen Stadtgebiet 37 weitere Zurschaustellungen von Menschen statt.[55]

Köln

Der Kölner Lokal-Anzeiger über die Neukaledonier- und Sara-Kaba-Völkerschau (beide 1931)

Zwischen 1878 und 1932 fanden im Kölner Zoo im Stadtteil Riehl acht Völkerschauen statt.[14.7] Marianne Bechhaus-Gerst erklärt die vergleichsweise geringe Zahl unter anderem mit der Konkurrenz der zahlreicheren Zurschaustellungen im Kölner Castans Panopticum in unmittelbarer Nähe des Zoos.[30.1] Am Standort der heutigen Zoobrücke befand sich seinerzeit die sogenannte „Goldene Ecke“ Kölns mit einem ausgedehnten Vergnügungspark, wo beispielsweise die „Amazonen von Dahomey“ öfters Station machten. Die vorletzte Völkerschau im Kölner Zoo war 1931 die Schau der Sara-Kaba von Friedrich Wilhelm Siebold,[30.2] die letzte im Juli 1932 das „Aschanti-Dorf“ von John Smith.

Leipzig

Zwischen 1876 und 1931 fanden im Leipziger Zoo 40 Völkerschauen statt, bei denen insgesamt etwa 750 Personen zur Schau gestellt wurden. Anfangs gastierte Carl Hagenbeck mit seinen Schauen im Leipziger Zoo, ab 1888 organisierte der Leipziger Zoodirektor Ernst Wilhelm Pinkert eigene Schauen, die er ebenfalls auf Tournee schickte. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Völkerschauen und der Rolle Pinkerts und seines Nachfolgers Johannes Gebbing hat in Leipzig bisher kaum stattgefunden.[56] Außerdem wurde auf der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung Leipzig 1897 ein „Eingeborenendorf“ gezeigt.

München

„Feldl’s Völkerschau Hawaii“[29] auf dem Münchner Oktoberfest (Foto von 1959)

Die erste Völkerschau in München war die von Hagenbeck veranstaltete „Nubier-Schau“ auf dem Oktoberfest 1879.[9.5] Weil es bis 1911 noch keinen Zoo in München gab, wurden auch in den Folgejahren teils mehrere Völkerschauen auf dem Oktoberfest gezeigt. Carl Gabriel dominierte Anfang des 20. Jahrhunderts das dortige Schaustellergewerbe und veranstaltete auf dem Oktoberfest 1901 mit dem „Beduinen-Lager“ seine erste großangelegte Völkerschau. In den folgenden Jahren zeigte Gabriel weitere große Schauen und kooperierte dabei mit Hagenbeck, so etwa bei der „Riesenvölkerschau“ 1909.[57] 1930 veranstaltete Willy Siebold die Sara-Kaba Völkerschau[5.21] und 1931 zeigte Hagenbeck noch die Kanaken der Südsee.[5.20] Im 1911 eröffneten Tierpark Hellabrunn wurde lediglich eine Völkerausstellung im Jahr 1929 gezeigt.[5.22] Nach dem Krieg fanden in München noch vereinzelt Völkerschauen statt; die letzte war „Feldl’s Völkerschau Hawaii“ im Jahr 1959, bei der etwa 150 Personen zur Schau gestellt wurden.[58]

Münster

Im Westfälischen Zoologischen Garten (heute Allwetterzoo Münster) fanden mindestens 21 Völkerschauen statt.[59]

Frankreich

Zurschaustellung einer Gruppe von „Kanaken“ aus Neukaledonien[60.1] auf der Pariser Weltausstellung (Foto von 1889)

In Frankreich gab es bereits 1877 erste kleinere Völkerschauen im Jardin Zoologique d’Acclimatation in Paris. Im August 1877 sorgte eine afrikanische Tierschau, die von vierzehn als Nubier beworbenen Afrikanern begleitet wurde, für großes Aufsehen.[35.1] Der Pariser Zoo konnte durch die Schauen seine Besucherzahl verdoppeln, die im selben Jahr die Millionengrenze erreichte. Aufgrund des Erfolges wurden dort zwischen 1877 und 1912 dreißig weitere solcher ethnologischer Ausstellungen veranstaltet.[10]

In Frankreich fanden Völkerschauen häufig im Zusammenhang von Welt- und Kolonialausstellungen statt. Laut Alexander Honold konnte Paris „als Ausrichter von Weltausstellungen und Veranstaltungsort ethnologischer Spektakel“ den Titel „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ für sich beanspruchen.[60.1] Auf der Pariser Weltausstellung von 1889 war im Jardin d’Acclimatation Anthropologique (zuvor Jardin Zoologique d’Acclimatation) eine Völkerschau mit 300 Personen aus dem französischen Kolonialreich zu sehen,[10] die etwa 32 Millionen Besucher zählte.[61.1] Eine letzte größere Völkerschau fand 1931 im Rahmen der Exposition coloniale internationale in Paris statt.[62]

Belgien

Im Rahmen der Weltausstellung 1897 in Brüssel wurde in Tervuren ein kongolesisches Dorf aufgebaut, in dem während der Ausstellung 267 Afrikaner lebten und die von über 1,1 Millionen Menschen besucht wurde. In nachgebauten Dörfern spielten sie Alltagsszenen nach. „Die Begeisterung des Publikums musste in Zaum gehalten werden. Auf Hinweisschildern war zu lesen: ‚Es ist verboten, die Schwarzen zu füttern, sie werden verpflegt‘.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings fand in Brüssel auf der Expo 58 die letzte große Völkerschau statt, auf der mehrere hundert Kongolesen zur Schau gestellt wurden.[1.2]

Großbritannien

In Großbritannien fanden viele größere Völkerschauen im Rahmen von Industrie- und Weltausstellungen statt. 1899 zeigte die Greater Britain Exhibition 174 Schwarze aus Südafrika, die auf die Dörfer aufgeteilt wurden. Weitere solcher Schauen gab es bis in die 1930er Jahre. Bekannt wurde der Impresario Imre Kiralfy, der ab 1908 jährlich große Völkerschauen in White City mit einem Schwerpunkt auf den Orient zeigte.[61.2]

Österreich-Ungarn

Gustav Klimt malte 1897 den Prinzen William Nii Nortey Dowuona während der Wiener Völkerschau „Die afrikanische Goldküste“ (Foto von 2025)

In Wien fanden zwischen 1870 und 1910 über 50 Völkerschauen statt. Noch vor Hagenbecks erster Lappländer-Völkerschau 1875 zeigte die Wienerin Emma Willardt während der Weltausstellung 1873 ebenfalls eine Gruppe von Samen am Prater. Die „Nubierkarawane“ 1878 in der Rotunde war die erste Völkerschau Hagenbecks in Österreich. 1885 kam die „Singhalesen-Karawane“ nach Wien, wiederum veranstaltet von Hagenbeck. In den folgenden Jahren waren zahlreiche „Eingeborenendörfer“ zu sehen. In den Jahren 1896 und 1897 gab es mit dem Thema „Aschantidorf“ weitere Völkerschauen, die im Tiergarten am Schüttel in Wien stattfanden. 1910 wurde wiederum am Prater ein abessinisches Dorf errichtet.[17.1]

Schweiz

Die Schweiz war nie Kolonialmacht, dennoch waren Völkerschauen zwischen 1879 und 1939 weit verbreitet und populär. In den Anfangsjahren machten zahlreiche kommerzielle Völkerschauen Station in der Schweiz. Später wurden die Schauen auch im Rahmen von Kolonialschauen mit „Eingeborenendörfern“ veranstaltet.[63] 1909 und 1910 tourte eine Völkerschau von 80 Senegalesen durch verschiedene Städte hauptsächlich der Schweiz, die vom Senegalesen Jean Thiam initiiert und geleitet wurde.[64] Bis ins Jahr 1964 waren Völkerschaugruppen in der Schweiz unterwegs.[65]

Basel

Der Basler Zoo war Veranstaltungsort von 21 Völkerschauen.[18.2] Die erste Schau der „Nubier-Karawane“ von Hagenbeck zeigte 1879 fünfzehn Männer aus Ägypten, daneben zahlreiche Tiere der Region. „Das Ausstellen exotisierter Menschen war für den seit der Gründung defizitären Zoo eine wichtige Einnahmequelle. Während der kurzen Anwesenheit einer Völkerschau von zwei bis drei Wochen verzeichnete der Zoo durchschnittlich zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent aller Besucher eines gesamten Jahres.“[66] 1899 fand mit der „Bischari-Karawane“ die vorerst letzte Schau in Basel statt, danach fanden von 1922 bis 1935 sechs weitere Schauen statt. Die letzte Schau von 1935 zeigte die „aussterbenden Lippennegerinnen aus Zentral-Afrika“.[66]

Genf

Auf der Schweizerischen Landesausstellung im Sommer 1896 in Genf wurden im Village noir 227 Menschen aus dem heutigen Senegal zur Schau gestellt.[65]

Zürich

Rea Brändle hat für Zürich 65 Völkerschauen zwischen 1835 und 1960 nachgewiesen,[13.1] die allerdings zum großen Teil zu den Veranstaltungen auf Jahrmärkten und in Zirkussen zählen. Dennoch fanden in Zürich zahlreiche große Völkerschauen im engeren Sinne statt. Eine der ersten war 1882 die „Feuerländer“-Schau von Hagenbeck. Vier der Kawesqar aus Südchile, die 1881 nach Europa verschleppt und dann in verschiedenen Ländern vorgeführt wurden, verstarben in Zürich, als sie im Februar 1882 im „Platte-Theater“ in Fluntern gezeigt wurden. Eine weitere Angehörige der Gruppe war schon auf der Reise nach Zürich gestorben. Schlechte Unterkünfte, strapaziöse Reisen und mangelhafte Ernährung führten zu Krankheiten. Von den elf Kawesqar kehrten nur vier lebend nach Chile zurück. Überreste der fünf Toten, die im Anthropologischen Institut der Universität gelagert wurden, wurden 2010 in Chile beerdigt.[67]

Italien

In Italien fanden die ersten ethnischen Ausstellungen Mitte der 1880er Jahre statt. In Turin wurde auf der Allgemeinen Italienischen Ausstellung 1884 ein Dorf mit sechs Eingeborenen aus der Bucht von Assab, dem ersten kolonialen Besitz des Königreichs Italien, eingerichtet.[68] Bei der Esposizione Nazionale in Palermo 1891/92 wurden Menschen aus der neu gegründeten Kolonie Eritrea in einem „Eingeborenendorf“ zur Schau gestellt.[69.1] In den Jahren bis 1914 fanden zahlreiche von Impresarios organisierte Schauen statt, die zuvor bereits durch verschiedene andere Länder getourt waren. Daneben gab es weiterhin Kolonialschauen, wie die Weltausstellung in Mailand 1906 oder die Exposizione Internazionale 1911 in Turin, für die sogar zwei separate „Eingeborenendörfer“ der Eritreer und Somali errichtet wurden. Im faschistischen Italien gab es Bestrebungen, die Schauen immer größer anzulegen und damit die Kolonialpolitik und imperialen Ansprüche zu legitimieren, zugleich gab es aber deutlich weniger Schauen als vor dem Ersten Weltkrieg. Die letzte große Kolonialausstellung 1940 in Neapel wurde nur einen Monat nach ihrer Eröffnung wegen der Kriegserklärung Italiens an Frankreich und Großbritannien abgebrochen.[69.2]

Spanien

Aus Spanien sind zwischen 1887 und 1927 sechs größere Völkerschauen überliefert. Die erste war die staatlich organisierte Exhibición General de las Islas Filipinas 1897 in Madrid, auf der unter anderem ein „Eingeborenendorf“ der Igorot ausgestellt wurde. Nach Willen der Veranstalter sollten keine „Wilden“ gezeigt, sondern deutlich gemacht werden, „dass manche ‚Eingeborene‘ aufgrund des wohltätigen Einflusses des spanischen Protektorats ‚zivilisiert‘ werden und als Arbeitskräfte […] eingesetzt werden konnten“.[70.1] Weitere Schauen waren eine Zurschaustellung von Aschanti 1897 in Barcelona, Valencia und Madrid, von Inuit 1900 in Madrid und Barcelona, 1913 und 1925 in Tibidabo sowie 1929 im Rahmen der Exposición Iberoamericana in Sevilla. Obwohl es noch weitere kleinere Schauen gab, waren die Völkerschauen in Spanien nicht so populär wie in anderen europäischen Ländern. Eine besondere Rolle kommt in Spanien der Kirche zu, der eine aktive Rolle als Mitveranstalter der Schauen zukam.[70.2]

USA

Foto vom „Dahomey-Village“ auf der Weltausstellung in Chicago, 1893

In den USA fanden größere Zurschaustellungen indigener Menschen zwischen 1876 und 1909 statt. Ab den 1890er Jahren wurden einige besonders große Schauen gezeigt. Auf der World’s Columbian Exposition in Chicago 1893 waren 17 „Eingeborenen“-Dörfer zu sehen.[18.3] Die Menschen des „Dahomey-Village“ wurden als „Wilde“ inszeniert und in einem Führer zur Ausstellung war zu lesen: „Die Gewohnheiten dieser Leute sind abstoßend. Sie fressen wie Tiere und weisen alle Merkmale der niedrigsten Stufe der Menschenfamilie auf.“[34.2] Laut Hilke Thode-Arora habe die Chicagoer Weltausstellung mit mehreren parallel stattfindenden Schauen und durch „ihren Jahrmarkt- und Infotainment-Charakter“ auf der Amüsiermeile des Midway Plaisance prägenden Einfluss auf spätere Völkerschauen genommen.[22.6] Eine weitere große Völkerschau fand 1901 unter dem Namen Darkest Africa in Buffalo statt.[34.2] Im Jahr 1904 wurden auf der Weltausstellung in St. Louis etwa 2.000 Personen zur Schau gestellt. Eine Völkerschau von größerem Ausmaß ist sonst nicht überliefert.[71] Die größte Gruppe waren etwa 1.200 Filipinos, die in vier separierten Dörfern gezeigt wurden, die unterschiedliche Entwicklungsstufen ihrer „Zivilisierung“ deutlich machen sollten. Das Igoroten-Dorf, in dem die traditionelle Zubereitung von Hundefleisch demonstriert wurde, zählte beim Publikum zu den beliebtesten Attraktion der Weltausstellung.[21.2] Die Schau sollte die amerikanische Kolonialpolitik legitimieren. Während der sieben Monate dauernden Kolonialausstellung, während der auch die Olympischen Spiele ausgetragen wurden, kamen fast 20 Millionen Besucher.[72] Ein spezielles Völkerschau-Genre entwickelte William Frederick Cody alias Buffalo Bill aus den USA mit seiner Wild-West-Show mit Cowboys und Indianern, Reitvorführungen und Artillerieübungen unter freiem Himmel. Die Show wurde zuerst in den USA, ab 1887 in London und danach in einigen anderen europäischen Ländern gezeigt und zog zahlreiche Zuschauer an.[5.23]

Japan

In Japan standen Völkerschauen in Zusammenhang zu den großen Industrie- und Weltausstellungen, die hier seit 1877 stattfanden und die Position Japans als Kolonialmacht legitimieren sollten. 1903 fand in Osaka eine große Industrieausstellung statt, auf der in einem „Anthropologischen Pavillon“ und einem „Taiwan-Pavillon“ erstmals Menschen zur Schau gestellt wurden. Im „Anthropologischen Pavillon“ wurden 31 Personen gezeigt: „Sieben Ainu aus Hokkaido, ein ‚roher Barbar‘ und zwei ‚gargekochte Barbaren‘, zwei ‚Eingeborene‘ aus Taiwan, zwei Okinawesen, zwei Koreaner, zwei Malaysier, drei Chinesen, sieben Inder, ein Javanese, ein ottomanischer Türke und ein Bewohner der Insel Sansibar“.[73.1] Auch im Taiwan-Pavillon wurden „rohe Barbaren“ (gemeint waren taiwanesische Ureinwohner) zur Schau gestellt. Sie mussten „in einem nachgebildeten Urwald stehen und so tun, als hantierten sie bei einem religiösen Ritual mit abgeschlagenen menschlichen Köpfen“.[73.1] Gegen die Völkerschau wurde scharfe Kritik laut. Nach Protesten von Seiten Chinas, Koreas und Okinawas wurden diese Personen aus dem „Anthropologischen Pavillon“ entfernt. Überhaupt gab es in Teilen der japanischen Bevölkerung eine „deutliche Ablehnung der Schaustellung indigener Bevölkerungsgruppen“.[73.2] Dennoch wurden in Japan besonders in der Zeit von 1914 bis zum Zweiten Weltkrieg regelmäßig Kolonialschauen mit Zurschaustellungen indigener Menschen veranstaltet.

Weitere Länder und Städte

Außer in den hier aufgelisteten Ländern fanden Völkerschauen auch noch in Dänemark, Norwegen, Schweden, den Niederlanden, Portugal und in Kanada statt, außerdem in den Städten Prag und Budapest (damals beide zu Österreich-Ungarn).[74]

Rezeption

Zeitgenössische Kritik an den Völkerschauen

Laut Anne Dreesbach gab es während der Hochphase der Völkerschauen eine „fast durchweg positive Reaktion“ der Zuschauer: „Einer kleinen Zahl von kritischen, ablehnenden oder auch nur hinterfragenden Stimmen stehen Tausende und Abertausende von begeisterten Zuschauern gegenüber“.[5.5] Auch Nicolas Bancel, Pascal Blanchard und Sandrine Lemaire stellten in ihrem Artikel von 2000 in der Le Monde diplomatique fest: „Am erstaunlichsten war bei dieser rücksichtslosen Animalisierung gewiss die Reaktion des Publikums. In all den Jahren mit tagtäglichen Ausstellungen empörte sich kaum ein Journalist, Politiker oder Wissenschaftler über die vielfach katastrophalen sanitären Bedingungen, unter denen die ‚Eingeborenen‘ auf engem Raum zusammengepfercht waren.“[10]

Vereinzelt sind aber auch kritische Stimmen überliefert. Bereits 1872 wurde von der Münchener Polizeidirektion die Ausstellung eines „Indianers“ auf dem Oktoberfest untersagt, weil „derartige Schaustellungen […] der Menschenwürde zuwiderlaufen“.[75] Anlässlich Hagenbecks Völkerschau der Eskimos erschien im Oktober 1880 in der Magdeburger Zeitung eine der wenigen dezidiert kritischen Stellungnahmen gegen die Völkerschauen:

„Man sehe sich doch die Leutchen nur ein wenig genauer, ein wenig mehr im eigentlichen Sinne ‚anthropologisch‘ an, und man wird deß sofort inne werden, daß namentlich auf den Mienen der Eskimo-Frauen ein melancholischer Zug haftet. Sie wissen es ganz gut, daß sie ausgestellt werden, preisgegeben den neugierigen, zudringlichen Blicken von Alt und Jung. […] Für unser Empfinden hat dies Menschenausstellungsgeschäft an sich etwas außerordentlich Abstoßendes. Wir können den Gedanken an den Menschenhandel hierbei nicht los werden. Dem mag nun gewiß nicht so sein. Allein diese Menschenkinder, diese Ebenbilder Gottes, wenn’s erlaubt ist zu sagen, so mitten hinein in die zoologischen Gärten als Ausstellungsobjekte zu bringen, das scheint uns der Anthropologie, wie wir uns den Begriff auszugestalten erlauben, daß scheint uns der Wissenschaft und der Lehre vom Menschen und seinem eigentlichen Wesen ganz und gar nicht zu entsprechen.“[76]

Als 1892 eine Darstellerin der Varieté-Schau „Amazonen aus Dahomey“ starb, wurde ihr Tod in einer Zeitung Münchener Post als Folge von „Geldmacherei“ in Völkerschauen kritisiert. Anlässlich ihrer Beisetzung kam es zu Tumulten.[77] Bei der Weltausstellung 1897 in der Nähe von Brüssel starben sieben der Kongolesen an Lungenentzündung. Als sich die Bevölkerung eines nahegelegenen Dorfes weigerte, sie auf dem dortigen Friedhof beerdigen zu lassen, kam es zu einem öffentlich ausgetragenen Streit und es fanden für mehrere Jahre keine Völkerschauen mehr in Belgien statt.[1.2] In Japan löste die erste Zurschaustellung von Menschen aus den japanischen Kolonien 1903 bei einer Industrieausstellung in Osaka große Proteste aus.[73.2] Und anlässlich einer großen Indienschau 1926 im Berliner Zoo protestierte der „Verein der Inder in Zentral-Europa“ in einem Brief an die Reichskanzlei, auf der Ausstellung werde der Anschein erweckt, „das ganze indische Volk befinde sich auf dem Niveau von Tieren“.[78]

Rezeption in der Literatur

Die Völkerschauen haben verschiedentlich Spuren in der zeitgenössischen Literatur hinterlassen. Julius Stinde verfasste 1884 eine Reportage über die „Aborgines“ in Berlin.[60.2] Peter Altenberg verarbeitete die Völkerschau des Aschanti-Dorfes 1896 in Wien in seinen 1897 erschienenen Prosaskizzen unter dem Titel „Ashantee“.[5.24] Zur gleichen Völkerschau verfasste Rainer Maria Rilke sein Gedicht „Die Aschanti“ von 1902.[5.25] Franz Kafka veröffentlichte 1917 die Erzählung Ein Bericht für eine Akademie – geschrieben aus der Perspektive eines von der Firma Hagenbeck zur Schau gestellten Affen und rückt seine „menschlichen Peiniger und Bewunderer, ihre neugierigen Blicke, ihre Lockrufe, ihr verächtliches Getue vor den Gitterstäben“ in den Fokus. Laut des Literaturwissenschaftlers Alexander Honold spielt der Affe in Kafkas Erzählung auf die „faktische Kooperation zoologischer und ethnologischer Schaustellungen“ an.[60.3]

Debatten zu den Völkerschauen und das Koloniale Erbe

2017 eingeweihter Gedenkstein für die 1885 in Elberfeld (heute Wuppertal) verstorbene Tagarah („Sussy Dakaro“), Friedhof Sonnborn (Foto von 2022)

Obwohl Völkerschauen ein Massenphänomen waren, haben sie nur wenige materielle Überlieferungen hinterlassen, wie beispielsweise das Eingangstor im Tierpark Hagenbeck, auf dem zwei kriegerisch inszenierte Menschenfiguren Bezug auf die Völkerschauen nehmen. Im Zuge der Debatten um das koloniale Erbe und den Postkolonialismus wurde seit den 2010er Jahren in Deutschland in verschiedenen lokalen Kontexten über die Völkerschauen debattiert.

So geriet zum Beispiel der Augsburger Zoo im Juni 2005 in die öffentliche Kritik, nachdem er eine viertägige Veranstaltung mit dem Titel „African Village“ angekündigt hatte.[79] In mehreren Städten wurde die Entfernung von Denkmälern und Statuen, die Streichung von Straßen- und Schulnamen namensgebender Personen diskutiert. In Hamburg beispielsweise wurde 2020 eine Petition zur Entfernung der Carl-Hagenbeck-Statue und der Umbenennung der Hagenbeckstraße gestartet.[80] Außerdem gab es Initiativen, der zur Schau gestellten Menschen zu erinnern. Beispielsweise veranlasste die Universität Zürich 2010 die Überführung von fünf Skeletten der 1882 verstorbenen „Feuerländer“, die im dortigen Anthropologischen Institut lagerten.[81] 2017 wurde für Tagarah ein Gedenkstein auf dem Friedhof in Wuppertal-Sonnborn eingeweiht, die dort am 23. Juni 1885 während Cunninghams Völkerschau der Aborigines 1883–1888 verstarb. Der Berliner Zoo setzt sich in einer kleinen Dauerausstellung im Antilopenhaus kritisch mit den Völkerschauen und der Rolle Ludwig Hecks, der von 1888 bis 1931 Berliner Zoodirektor war, auseinander.[82]

Museen und Ausstellungen

2014 fand im Münchner Museum Fünf Kontinente die Ausstellung „From Samoa with Love? Samoa-Völkerschauen im Deutschen Kaiserreich, 1895–1911. Eine Spurensuche“ statt.[83] Die Ausstellung „zurückGESCHAUT“ über die Kolonialausstellung 1896 wurde 2017 im Museum Treptow in Berlin eröffnet und ist „eine der ersten Dauerausstellungen zur deutschen Geschichte von Kolonialismus, Rassismus und Widerstand“.[39] Im Jahr 2021 zeigte das Königliche Museum für Zentral-Afrika in Tervuren bei Brüssel die Sonderausstellung „Zoo Humain“. Zwischen November 2023 und Juli 2024 wurde im Stadtmuseum Dresden die Ausstellung „Menschen(an)Schauen“ gezeigt.[84]

Dokumentarfilm und Podcast

Dokumentarfilm

  • „Die Wilden“ in den Menschenzoos. 92 Minuten. Regie: Bruno Victor-Pujebet, Pascal Blanchard. Produktion: Arte. Frankreich 2017.[85]
  • Menschen ausgestellt im Zoo – Das dunkle Kapitel Völkerschauen. Produktion: NDR. Deutschland 2021.[86]

Podcast

Literatur

Überblicksdarstellungen

  • Eric Ames: Carl Hagenbeck’s Empire of Entertainments. University of Washington Press, Seattle 2009, ISBN 978-0-295-98833-7.
  • Pascal Blanchard u. a. (Hrsg.): MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit. Les éditions du Crieur Public, Hamburg 2012, ISBN 978-3-9815062-0-4.
  • Rea Brändle: „Wilde, die sich hier sehen lassen“. Jahrmarkt, frühe Völkerschauen und Schaustellerei. Verlag Chronos, Zürich 2023, ISBN 978-3-0340-1707-7.
  • Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung „exotischer“ Menschen in Deutschland 1870–1940. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-593-37732-2.
  • Stefan Goldmann: Wilde in Europa. Aspekte und Orte ihrer Zurschaustellung. In: Thomas Theye (Hrsg.): Wir und die Wilden. Einblick in eine kannibalische Beziehung. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1985, ISBN 3-499-17851-6, S. 243–269.
  • Alexander Honold: Ausstellung des Fremden – Menschen- und Völkerschau um 1900. Zwischen Anpassung und Verfremdung. Der Exot und sein Publikum. In: Sebastian Conrad, Jürgen Osterhammel (Hrsg.): Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt 1871–1914. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, ISBN 978-3-525-36733-9, S. 170–190.
  • Nigel Rothfels: Savages and Beasts. The Birth of modern Zoo. Johns Hopkins University Press, Baltimore 2025 (Revised Edition), ISBN 978-1-4214-5088-9.
  • Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Die Hagenbeckschen Völkerschauen. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-593-34071-2.
  • Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Völkerschauen zwischen Schaugeschäft, Wissenschaft und Kolonialpolitik. In: Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Bd. 38 (2017), S. 143–166.
  • Vanessa Toulmin: Abnormitäten und Exotik. Ein Überblick über die Präsenz von Völkerschauen im Europa und Amerika des 19. Jahrhunderts. In: Frank Kessler, Sabine Lenk, Martin Loiperdinger (Hrsg.): Grüße aus Viktoria. Film-Ansichten aus der Ferne (=Kintop Schriften 7). Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-87877-876-7, S. 34–59.
  • Stefanie Wolter: Die Vermarktung des Fremden. Exotismus und die Anfängen des Massenkonsums. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-593-37850-3.
  • Helmut Zedelmaier: Das Geschäft mit dem Fremden. Völkerschauen im Kaiserreich. In: Nils Freytag, Dominik Petzold (Hrsg.): Das „lange“ 19. Jahrhundert. Alte Fragen und neue Perspektiven. Herbert Utz Verlag, München 2007, ISBN 978-3-593-37850-3, S. 183–200.

Fallstudien

  • Manuel Armbruster: „Völkerschauen“ um 1900 in Freiburg i. Br. – Kolonialer Exotismus im historischen Kontext. Online unter: Freiburg-postkolonial.de, 5. August 2011, abgerufen am 3. Februar 2024.
  • Katherine Arnold: Fashioning an Imperial Metropolis at the 1896 Berliner Gewerbeausstellung. In: The Historical Journal, Cambridge University Press, Band 65, Ausgabe 3 (Juni 2022), S. 685–706.
  • Marianne Bechhaus-Gerst: Inszenierte Exotik – Völkerschauen in Köln, in: dies., Anne Kathrin Horstmann (Hrsg.): Köln und der deutsche Kolonialismus. Böhlau, Köln, Weimar, Wien 2013, ISBN 978-3-412-21017-5, S. 149–155.
  • Rea Brändle: Wildfremd, hautnah. Völkerschauen und ihre Schauplätze in Zürich 1880–1960. Rotpunktverlag, Zürich 2013 (erweiterte Neuauflage), ISBN 978-3-85869-561-1.
  • Rea Brändle: Nayo Bruce. Geschichte einer afrikanischen Familie in Europa. Chronos, Zürich 2007, ISBN 978-3-0340-0868-6.
  • Anne Dreesbach: „Neu! Grösste Sehenswürdigkeit! Neu! Zum ersten Mal in München!“ Exotisches auf dem Münchner Oktoberfest zwischen 1890 und 1911. In: dies., Helmut Zedelmaier (Hrsg.): „Gleich hinterm Hofbrauhaus waschechte Amazonen“. Exotik in München um 1900. Döiing und Galitz Verlag, München, Hamburg 2003, ISBN 3-935549-77-6, S. 9–34.
  • Gabi Eissenberger: Entführt, verspottet und gestorben – Lateinamerikanische Völkerschauen in deutschen Zoos. Verlag für Interkulturelle Kommunikation, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-88939-185-0.
  • Christin Fleige: Die Völkerschauen im Westfälischen Zoologischen Garten Münster. Zur Inszenierung und Rezeption des „Fremden“ (1879–1928). Aschendorff Verlag Münster, 2023, ISBN 978-3-402-13123-7.
  • Viktor Fröhlicher: Senegal im Rosengarten. Eine senegalesische Völkertruppe in Solothurn. In: Jahrbuch für Solothurnische Geschichte, Bd. 95 (2022), S. 173–220.
  • Wolfgang Haberland: „Diese Indianer sind falsch“. Neun Bella Coola im Deutschen Reich 1885/86. In: Archiv für Völkerkunde Jg. 42 (1988), ISSN 0066-6513, S. 3–67.
  • Ursula Klös: Völkerschauen im Zoo Berlin zwischen 1878 und 1952. In: Bongo, Beiträge zur Tiergärtnerei und Jahresberichte aus dem Zoo Berlin, Bd. 30, Jg. 2000, S. 33–82.
  • Susann Lewerenz: Die Deutsche Afrika-Schau (1935–1940). Rassismus, Kolonialrevisionismus und postkoloniale Auseinandersetzungen im nationalsozialistischen Deutschland. Frankfurt/New York 2005, ISBN 3-593-37732-2.
  • Christina Ludwig, Andrea Rudolph, Thomas Steller, Völker Strähle (Hrsg.): Menschen anschauen. Selbst- und Fremdinszenierungen in Dresdner Menschenausstellungen. Sandstein Verlag, Dresden 2023, ISBN 978-3-95498-741-2.
  • Clemens Maier-Wolthausen, Franziska Jahn: Die Zurschaustellung von Menschen im Zoo Hannover 1878–1932. Ein Forschungsbericht im Spiegel zeitgenössischer Quellen. Broschüre des Zoo Hannover, Hannover 2024.
  • Roslyn Poignant: Professional Savages. Captive Lives and Western Spectacle. Yale University Press, New Haven, London 2004, ISBN 978-0-300-20847-4.
  • Roland Richter: Die erste deutsche Kolonialausstellung 1896. Der Amtliche Bericht in historischer Perspektive. In: Robert Debusmann, János Riesz (Hrsg.): Kolonialausstellungen – Begegnungen mit Afrika? IKO-Verlag für interkulturelle Kommunikation, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-88939-401-9, S. 25–42.
  • Werner Michael Schwarz: Anthropologische Spektakel. Zur Schaustellung „exotischer“ Menschen, Wien 1870–1910. Turia und Kant, Wien 2001, ISBN 3-85132-285-1.
  • Balthasar Staehelin: Völkerschauen im Zoologischen Garten Basel 1879–1935. Basler Afrika Bibliographien, Basel 1993, ISBN 3-905141-57-4.
  • Hilke Thode-Arora: (Hrsg.): From Samoa. With Love? Samoa Völkerschauen im Deutschen Kaiserreich. Eine Spurensuche. Hirmer-Verlag, München 2014, ISBN 978-3-7774-2237-4, S. 47–57.
  • Lino Weist: „Ei guckemol, die Kerl sein jo angestriche“. Völkerschauen im Frankfurter Zoologischen Garten 1878–1931. Frankfurt Academic Press, Frankfurt am Main 2022, ISBN 978-3-86638-393-7.
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Wiktionary: Völkerschau – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wiktionary: Menschenzoo – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Anmerkungen

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