Californian-Affäre
Skandal um die Californian, 1912
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In der Californian-Affäre geht es um den britischen Frachtdampfer Californian, der sich in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 in der Nähe der sinkenden Titanic befand. Besatzungsmitglieder beider Schiffe haben das jeweils andere Schiff gesehen. Die Titanic hat Notruf-Raketen abgefeuert, die auf der Californian beobachtet wurden. Trotzdem hat der Kapitän der Californian keine angemessenen Schritte eingeleitet, um dem Schiff in Not zu helfen.

Die beiden offiziellen Untersuchungen zum Schiffsunglück warfen Kapitän Stanley Lord unterlassene Hilfeleistung vor. Es entstand eine Kontroverse, weil Lord und später einzelne Autoren bestritten haben, dass die Californian überhaupt in der Nähe der Titanic gewesen sei.
Heute wird in der Forschung großteils angenommen, dass die Californian die Schiffslichter und die Raketen der Titanic gesehen hat. Es wurde nicht angemessen auf die Sichtung reagiert. Allerdings bleibt es umstritten und spekulativ, ob die Californian, selbst wenn sie zeitig losgefahren wäre, tatsächlich früh genug an der Unglücksstelle hätte sein können, um Menschenleben zu retten.
Fahrt der Californian in der Übersicht

Der Frachtdampfer Californian hatte London am 5. April 1912 mit 55 Besatzungsmitgliedern verlassen. Passagiere nahm er auf dieser Fahrt nicht mit, obwohl er auch Kabinen für Passagiere hatte. Zielort war Boston in den USA. Kapitän Stanley Lord (1877–1962) fuhr nun auf seiner sechsten Atlantiküberquerung mit diesem Schiff.[1]
Am Abend des Unglücks, am Sonntag, den 14. April, machte die Californian wegen eines Eisfeldes Halt. Bald darauf fuhr die Titanic in die Gegend, wo sie um 23:40 Uhr gegen einen Eisberg stieß. Aus Sicht der Californian lag die sinkende Titanic im Südosten. Männer auf der Californian haben die Titanic am Abend herbeifahren gesehen und später in der Nacht auch die Notruf-Raketen beobachtet. Trotzdem haben sie nur versucht, mit der Morselampe Kontakt aufzunehmen (vergeblich). Kein anderes Schiff war der sinkenden Titanic so nahe wie dieses. Nur weil Besatzungsmitglieder der Titanic das unbekannte Schiff im Nordwesten gesehen haben, haben sie überhaupt die Notruf-Raketen abgefeuert.
Am Morgen des 15. April weckte ein Offizier den Funker der Californian. Man erfuhr vom Unglück der Titanic und steuerte bei Tageslicht die Californian zunächst vorsichtig durch das Eisfeld nach Westen. Im Notruf der Titanic war nämlich irrtümlich eine falsche Positionsangabe verwendet worden. Die Californian sah jedoch die Carpathia und fuhr schließlich zu ihr. Lord ließ die Californian, in Absprache mit der Carpathia, an jener Stelle kreisen, um eventuell noch Überlebende aufzuspüren. Erfolglos verließ die Californian die Gegend um 11:20 Uhr.[2]
Am 19. April erreichte die Californian ihren Zielhafen Boston. Kapitän Lord behauptete gegenüber der Presse, dass die Californian die Titanic nicht gesehen habe, da sie sich auf der anderen Seite des Eisfeldes befunden habe. Er weigerte sich zunächst, die Position seines Schiffes in der Unglücksnacht bekannt zu machen.[3][4]
Doch ein Besatzungsmitglied der Californian, Ernest Gill, behauptete in der Presse, er habe in der Unglücksnacht Raketen eines Schiffes am Horizont gesehen. Dies brachte den Stein ins Rollen. Lord und andere Besatzungsmitglieder wurden vor die beiden Untersuchungsausschüsse geladen, welche die Umstände des Unglücks aufklären sollten. Lord machte wechselnde und widersprüchliche Angaben, zum Beispiel zur Position seines Schiffes und der Meldungen. Beide Untersuchungsausschüsse befanden, dass die gesichteten Raketen die der sinkenden Titanic waren und dass Lord nicht angemessen auf die Meldung reagiert habe.
Kontroverse

Im Jahr 1958 erschien ein Film über die Titanic, A Night To Remember. Der ehemalige Kapitän Stanley Lord erfuhr davon erst über die Zeitungen. Er suchte das Büro der MMSA auf, einer Gewerkschaft für Seeleute, und traf dessen Sekretär Leslie Harrison. Harrison nahm sich seiner Sache an. Eine Klage gegen das Filmunternehmen erschien aussichtslos, und Stanley Lord wollte auch kein öffentliches Interesse erregen.[5] Doch nach Lords Tod 1962 veröffentlichten Harrison und dann auch weitere Autoren Verteidigungsschriften für Stanley Lord.[6]
Mit erfolglosen Petitionen versuchten sie, die britische Marinebehörde zu einer Neuaufnahme der Untersuchung zu bewegen. Doch erst das Auffinden des Wracks 1985 galt als ein neues Beweisstück. P. B. Marriot, chief inspector of accidents des Marine Accident Investigation Branch (MAIB), beauftragte zuerst Kapitän Tom W. Barnett mit der Untersuchung. Weil Marriott mit dem Ergebnis nicht zufrieden war, gab er die Aufgabe anschließend an seinen eigenen Stellvertreter, Kapitän J. de Coverly. Der Abschlussbericht wurde dann 1992 publiziert.[7]
Barnett und de Coverly waren sich einig, dass die Californian die Notraketen der Titanic gesehen und trotzdem keine angemessenen Schritte eingeleitet hatte. De Coverly schloss mit der Einschätzung, dass der Bericht keine der beiden Seiten zufriedenstellen werde, wobei es in dieser Geschichte keine Bösewichte, nur Menschen mit menschlichen Eigenschaften gebe.[7]
Die Lordites, wie Lords Anhänger genannt werden, wollen nicht nur Kapitän Lord rehabilitieren, sondern auch die Ehre der britischen Seefahrt von einem dunklen Schatten befreien. Robert J. Strange vermutet: Der britische Untersuchungsausschuss war darauf aus, in einer konzertierten Aktion möglichst viel Schuld von sich weg und stattdessen auf den unglückseligen Kapitän Lord zu lenken.[8]
Lords Unterstützer thematisieren unter anderem:
- Die genaue Position der beiden Schiffe und folglich den Abstand zwischen ihnen;
- die gemachten Beobachtungen auf beiden Schiffen und ob sie mit den Ereignissen übereinstimmen;
- die Rekonstruktion der Ereignisse auf der Californian;
- ob die Besatzung der Titanic die richtigen Raketen richtig verwendet habe bzw. ob es für die Männer auf der Californian erkennbar war, dass es sich um Notruf-Signale gehandelt hat;
- andere Schiffe in der Nähe;
- ob die Besatzung der Californian angemessen gehandelt hat
- und schließlich, ob sie Menschen der Titanic hätte retten können.
Der Sachbuchautor Walter Lord hatte eine sehr negative Meinung über die Lordites, die sich sehr selektiv die Einzelheiten herauspicken würden, welche ihre Thesen unterstützen.[9] George Behe gesteht den Lordites zu, dass es bei der Vielzahl der Zeugenaussagen wichtig sei, eine Auswahl zu treffen. Ein cherry-picking of evidence sei nie ganz vermeidbar. Es sei auch legitim, Ungereimtheiten in Zeugenaussagen zu entlarven und die Motive der Beteiligten in Frage zu stellen. Er findet es aber problematisch, dass sie die Aussagen von Stanley Lord nicht genauso kritisch überprüfen.[10]
Denis Smith, Managementwissenschaftler an der Universität Liverpool, hat zwei Bücher zum Thema rezensiert. Leslie Harrisons A Titanic Myth von 1992 habe an sich eine glaubwürdige Argumentation, doch er hält wenig von der Bedeutung, die Harrison Zeitangaben zuschreibt. Die Männer hätten damals eben nicht ständig auf die Uhr geschaut. Smith sieht auch keinen Beweis für die Existenz eines mysteriösen dritten Schiffes.[11] Bei The Ship that stood still (1993) der beiden anti-Lordites Leslie Reade und Edward P. de Groot stört Smith sich an den häufigen Schmähungen gegenüber Stanley Lord, welche die Behauptung der Autoren unterminieren, sich der Angelegenheit objektiv und ausgewogen nähern zu wollen. Sie unterstellten Lord, dass er systematisch eine Lügengeschichte fabriziert habe und nur zur Unglücksstelle gefahren sei, um an der Bergung zu verdienen.[12]
Abläufe auf der Californian
Funkkontakte
Vor dem Unglück hatten die Funker der Titanic mehrere Warnungen über Feldeis und Eisberge erhalten. Eine davon stammte von der Californian. Sie war zwar langsamer als die Titanic, war aber früher losgefahren und damit der Titanic ein gutes Stück voraus. Am Sonntag, gegen 18:30 Uhr (Bordzeit der Californian, 18:42 Uhr Bordzeit auf der Titanic), meldete die Californian drei Eisberge südlich von ihr. Die Funker der Titanic erfuhren davon, aber es bleibt undeutlich, ob die Brücke diese Nachricht erhalten hat.[13]

Als Kapitän Lord am Abend Feldeis auf dem Weg sah, ließ er die Californian stoppen (um 22:21 Uhr, Bordzeit der Californian). Funker Cyril Evans sagte später aus, dass Lord ihn gefragt habe, welche Schiffe in der Nähe seien, und Evans informierte ihn über die Titanic. Lord habe ihn angewiesen, sie per Funk zu informieren. Dies versuchte Evans um 22:55 Uhr, doch der Funker der Titanic war mit dem Versenden von kommerziellen Nachrichten an Cape Race beschäftigt. Evans wartete noch einige Zeit und ging schließlich schlafen. Besser wäre es gewesen, wenn Kapitän Lord seine Botschaft mit dem offiziellen Kürzel MSG versehen hätte. Erst dadurch hätte die Nachricht im Funkverkehr die Bedeutung erhalten, dass ein Schiffsführer einem anderen eine wichtige Nachricht zur Navigation übermitteln will.[14]
Einschätzung des fremden Schiffes

Nach Lords Aussage sah er ein Schiff am Horizont erscheinen, angeblich kurz bevor er Evans aufgesucht hat. Erst habe er Mastleuchten, dann weitere Beleuchtung erkannt. Gegen 23:30 Uhr habe das Schiff augenscheinlich gestoppt. Es sei rund fünf Seemeilen entfernt gewesen. Er hielt es für einen Frachter mittlerer Größe. Etwa zu dieser Zeit sah der Dritte Offizier Charles Groves ebenfalls das Schiff, von einem höheren Deck aus. Wegen der vielen Lichter hielt er das Schiff für ein Passagierschiff; seinem ersten Eindruck nach habe es sich zehn bis 12 Seemeilen entfernt befunden.[15]
Charles Groves erhielt von Lord den Auftrag, das fremde Schiff mit Morselampe zu kontaktieren. Das erwies sich als erfolglos. Groves hatte den Eindruck, dass das Schiff endgültig gestoppt hatte und dass viele der Lichter nun ausgeschaltet waren; vermutlich wollte die Schiffsführung die Passagiere dazu bringen, schlafen zu gehen. Als Lord auf der Brücke war, unterhielten sie sich über das Schiff. Lord hielt es für einen Frachter ähnlich der Californian. Das einzige Passagierschiff in der Nähe sei die Titanic, sagte Lord zu Groves. Beide waren sich nun einig, dass das fremde Schiff fünf Seemeilen von ihnen entfernt war.[16]
Groves wurde um Mitternacht vom Zweiten Offizier Herbert Stone abgelöst; er informierte Stone über die Situation, ließ ihn das Morsen per Lampe übernehmen und ging noch zur Kabine des Funkers. Er fragte, welche Schiffe in der Nähe seien, und Evans nannte nur die Titanic. Um 00:20 Uhr nahm Groves den Kopfhörer und lauschte eine halbe Minute lang. Weil er nichts hörte, gab er es enttäuscht auf und begab sich zu seiner eigenen Kabine. Der Grund dafür, dass er nichts gehört hatte, lag am Magnetdetektor des Apparates, der zu diesem Zeitpunkt abgeschaltet war. Fünf Minuten später begann die Titanic, ihren Notruf zu senden.[17]
Die middle watch
Wachhabender Offizier auf der Brücke war von Mitternacht bis vier Uhr morgens Herbert Stone. Gegen 00:45 Uhr sah er eine Rakete fern am Horizont. Da habe er noch gemeint, wie er später aussagte, es habe sich vielleicht um eine Sternschnuppe gehandelt. Danach wurde deutlich, dass es weiße Raketen waren, die nach und nach von einem Schiff aus abgefeuert wurden. Später sahen Stone und der Apprentice James Gibson weitere Raketen. Insgesamt waren es laut Stone acht.[18]
Stone informierte Kapitän Lord per Sprechanlage über fünf Raketen, die er bis dahin gesehen hatte. Lord sagte später aus, ihm sei nur eine Rakete gemeldet worden. Jedenfalls antwortete Lord: Die Männer sollten es weiterhin mit der Morselampe versuchen und beobachten, was passiert. Auf Lords Frage, ob es company signals waren, konnte Stone nichts sagen. Lord meinte damit Leuchtsignale, mit denen Schiffe derselben Reederei einander begrüßen. Keiner kam auf die Idee, den Funker Evans zu wecken, damit dieser nach relevanten Nachrichten sucht.[19]
Gegen 02:05 Uhr war das Schiff am Horizont nicht mehr zu sehen. (Drei Minuten später versank die Titanic endgültig im Ozean.) Stone schickte Gibson nach unten, um Lord zu informieren. Stone informierte Lord noch einmal, 40 Minuten später, über die gesichteten acht Raketen. Lord konnte sich im Nachhinein nicht daran erinnern.[20][21]
Um 03:20 Uhr sahen Stone und Gibson drei weitere Raketen am Horizont. Nach heutigem Wissen handelte es sich um Raketen der Carpathia, die damit der sinkenden Titanic ihr Kommen signalisieren wollte. Dies war eigentlich verboten, da nur Schiffe in Not Raketen abfeuern sollten. Stone und Gibson versäumten es jedenfalls, diese Sichtung dem Kapitän zu melden.[22]
Ereignisse am Morgen
Um 04:00 Uhr löste Chief Officer Stewart den wachhabenden Offizier Stone ab. Stewart wurde von Stone über die Raketensichtungen und das Schiff am Horizont informiert und darüber, welche Reaktion Stone von Lord erhalten hatte. Zudem sah Stewart im Süden die Lichter eines Schiffes (der Carpathia), die Stone gar nicht bemerkt hatte. Stone glaubte nicht, dass dies dasselbe Schiff wie in der Nacht sei. Um 04:30 Uhr weckte Stewart den Kapitän, der sagte, dass ihm eine Rakete gemeldet worden sei, aber nicht das Verschwinden des Schiffes. Lord wollte nun weiterfahren und überlegte noch, ob und wie er durch das Eisfeld fährt.[23]
Gegen 05:00 Uhr, bei Anbruch des Tageslichts, sahen Lord und Stewart einen Dampfer im Südwesten (die Mount Temple, die zur Position im Notruf fuhr). Sie hielten diesen Dampfer für das Schiff aus der Nacht; offensichtlich war er nicht in Not. Stewart ging nun den Funker Evans wecken, damit dieser das Schiff im Südwesten kontaktiere. Um 05:15 Uhr erfuhr Evans von der Mount Temple, dass die Titanic sich nach letzten Berichten im Sinken befand.[24] Bald darauf machte die Californian sich auf den Weg zur Unglücksstelle, wo sie der Carpathia begegnete.
Aufdeckung des Skandals
Nachdem die Californian in Boston angekommen war (19. April), ahnte noch niemand vom anstehenden Skandal. Am selben Tag fand in New York eine erste Anhörung des Untersuchungsausschusses statt, den US-Senator William Alden Smith einberufen hatte. Alfred Crawford, ein überlebender Titanic-Steward, sagte an diesem Tag aus, er habe im Rettungsboot ein Schiffslicht am Horizont gesehen. Man sei in Richtung des unbekannten Schiffes gerudert, habe es aber nicht erreicht. Am 22. April berichtete die Countess of Rothes, sie habe in drei Seemeilen (5,6 Kilometer) Abstand ein Schiff gesehen und Kapitän Smith habe ihr aufgetragen, dorthin rudern zu lassen.[25]

Doch Aufsehen erregte erst die Aussage von Joseph Boxhall am selben Tag. Der Vierte Offizier der Titanic berichtete dem Senatsausschuss von einem Schiff, das er und Kapitän Smith gesehen hätten. Erst nutzte Boxhall ergebnislos die Morselampe, dann feuerte er Raketen in die Luft. Das andere Schiff habe aber nicht reagiert, obwohl es vielleicht nur fünf Seemeilen entfernt gewesen sei und Morselampe und Raketen hätte sehen müssen.[26]
Am 23. April erschien eine Meldung in einer Bostoner Zeitung, dass ein Besatzungsmitglied der Californian Raketen in der Nacht gesehen habe. Am 25. April erschien im Boston American die vor einem Notar abgegebene Erklärung eines Ernest Gill. Er war second donkeyman auf der Californian gewesen, also im Maschinenraum tätig. Gill bestätigte seine Erklärung am 26. April vor dem Senatsausschuss.[27]
Gill habe gegen Mitternacht seine Kabine aufgesucht. Vorher beobachtete er eine Minute lang vom Deck aus ein Schiff am Horizont, etwa 10 Seemeilen entfernt, vermutlich ein großes deutsches Schiff. Nachdem er eine halbe Stunde lang versucht hatte einzuschlafen, suchte er wieder das Deck auf, um dort zu rauchen. Nach zehn Minuten habe er Raketen vom Schiff aufsteigen sehen. Er sei aber davon ausgegangen, dass man auf der Brücke die Raketen erst recht gesehen habe, so dass er die Sichtung nicht gemeldet habe. Am Morgen nach dem Aufwachen erfuhr er von anderen auf dem Schiff von den Ereignissen und war empört, dass niemand den Funker geweckt hatte. Er wollte die anderen zum Protest gegen das Verhalten des Kapitäns anstacheln, aber aus Angst um den Arbeitsplatz habe niemand ihn unterstützt.[28]
Kapitän Lord selbst meinte gegenüber der Presse, Gill habe für seine Lügen 500 Pfund von einer Zeitung erhalten, und überhaupt würde doch wohl niemand Raketen beobachten, ohne sie der Brücke zu melden.[29] Funker Evans von der Californian sagte später aus, dass Gill ihm erzählt habe, 500 Pfund mit der Sache zu machen.[30]
Ferner fielen Widersprüche in Gills Aussagen auf. Zum Beispiel sagte er in der Bostoner Erklärung, dass das fremde Schiff sich rasch fortbewegt habe und er die Raketen als Notsignal erkannt habe. Später vor dem britischen Untersuchungsausschuss hingegen konnte er sich an eine Bewegung des Schiffes nicht mehr erinnern und behauptete, die Raketen seien ihm nicht bedeutsam vorgekommen.[31] Samuel Halpern nennt Gills Bostoner Aussage daher eine klare Lüge voller Unwahrscheinlichkeiten und Ungereimtheiten.[32] Gill sei wahrscheinlich erst gegen 06:40 Uhr wie alle anderen Männer geweckt worden, habe die Gespräche an Bord mitbekommen und daraus seine Story konstruiert.[33]
Dennoch war Gills Aussage folgenreich: Nach ihm verhörte der Senatsausschuss Stanley Lord, der nun auf eine frühere Behauptung festgenagelt wurde, dass die Männer der Californian in jener Nacht keinerlei Signale gesehen hätten. Lord gab zu: Von einer Rakete sei ihm berichtet worden, das sei aber kein Notsignal gewesen.[34]
Im Londoner Untersuchungsausschuss danach wurden weitere Besatzungsmitglieder befragt. Hier sagten Stone und Gibson über die Raketensichtungen aus, wollten aber nicht eingestehen, dass es sich um Notruf-Signale gehandelt habe. Stone gab zu, dass man Raketen nachts auf hoher See nicht so einfach zum Spaß hochschieße und dass er zunächst tatsächlich gedacht habe, das fremde Schiff befinde sich in Schwierigkeiten.[35] Die Männer der Californian blieben dabei, nicht die Titanic, sondern ein anderes, unbekanntes Schiff gesehen zu haben.
Positionen und Beobachtungen
Für die Beantwortung der Frage, ob die beiden Schiffe einander sehen konnten, sind die damaligen Schiffspositionen von entscheidender Bedeutung. Nach dem Unglück war man lange Zeit von einer falschen Position der gesunkenen Titanic ausgegangen: Der Vierte Offizier Boxhall hatte sie fehlerhaft berechnet und den Funkern für den Notruf mitgeteilt. Doch im Jahr 1985 wurde das Wrack gefunden. So stellte sich heraus: Das Wrack lag 13 Seemeilen weiter westlich als die Position aus dem Notruf. Wenn man berücksichtigt, dass die sinkende Titanic noch ein wenig von der Strömung mitgenommen wurde, kann man die ungefähre Position beim Zusammenstoß mit dem Eisberg ermitteln.
Die Position der abwartenden Californian blieb umstritten. Lord wollte die Position in der Unglücksnacht erst gar nicht preisgeben und hat später verschiedene Angaben gemacht. Ein Anhaltspunkt für ihre Fahrt war die Eiswarnung um 18:30 Uhr mit der Position der Californian. Später am Abend stieß sie auf das Eisfeld, deren genaue Lage durch die damaligen Berichte nur unzureichend rekonstruiert werden kann.
Vielfach wurden die Beobachtungen der Menschen auf den beiden Schiffen analysiert und mit den Ereignissen verglichen. Die Zeugenaussagen konnten jedoch fehlerhaft sein, und Uhrzeiten konnten im Nachhinein oft nur geschätzt oder rekonstruiert werden. Zudem ist die Titanic langsam gesunken, was Einfluss darauf hatte, wie ihre Lichter gesehen wurden. Die Menschen haben auch die Größe und Entfernung des anderen Schiffes falsch eingeschätzt, weil sie in der Nacht nur Schiffslichter und nicht die Schiffe selbst sehen konnten. All dies macht es schwierig, die berichteten Beobachtungen über rote und grüne Positionslichter bzw. weiße Mastlichter des jeweils anderen Schiffs zu bestimmten Zeitpunkten zu interpretieren.
| Ausgangspunkt/Grund | minimal | Abstand | maximal |
|---|---|---|---|
| Pitmans Einschätzung von einem Rettungsboot aus[36] | 3 | ||
| Boxhalls Einschätzung von der Titanic aus[37] | 5 | ||
| Lightollers Einschätzung von der Titanic aus[38] | 5 | ||
| Position der Californian, wegen einer starken Strömung weit südlicher als von Lord gedacht, laut Thomas Barbett (MAIB) 1992[39] | 5 | 7 | |
| Ergebnis des britischen Untersuchungsausschusses; ausgehend von der falschen Position der Titanic[40] | 8 | 10 | |
| (Stone und Gibson haben Boxhalls grünes Licht im Rettungsboot nicht gesehen, mit dem Boxhall die Carpathia herbeigerufen hat.)[41] | 10 | ||
| (Sichtbarkeit einer Morselampe; laut Stanley Lee im Senatsausschuss)[42] | 10 | ||
| Groves anfängliche Einschätzung von der Californian aus[43] | 10 | 12 | |
| Die Sichtbarkeit der Mastlichter der Californian, von einem Rettungsboot der Titanic aus gesehen[44] | 14,3 | ||
| Position der Californian nach Berechnung ihres vorherigen Kurses, laut Samuel Halpern[45] | 12,5 | 14,5 | |
| Abstand laut Beobachtungen, nach Berechnung mit geographic range und Berücksichtigung der Schieflage der sinkenden Titanic, laut Samuel Halpern[46] | 10 | 12,8 | 15 |
| Analyse der beobachteten Schiffslichter, von Paul Lee[47] | 13,9 | 16,8 | |
| (Die maximale Sichtbarkeit der Schiffslichter wegen der Krümmung der Erdoberfläche, mit Berücksichtigung der Höhe der beiden Schiffe, laut Paul Lee)[48] | 16,9 | ||
| Ergebnis des Senatsausschusses, dass die Californian weniger weit entfernt als von ihr behauptet war; ausgehend von der falschen Position der Titanic[49] | weniger als 19 | ||
| Position der Californian, wegen einer starken Strömung südlicher als von Lord gedacht, laut James de Coverly (MAIB) 1992[50] | 17 | 20 | |
| Lords Einschätzung laut Zeitung am 25. April 1912 (aufgrund seiner Positionsangabe); ausgehend von der falschen Position der Titanic[51] | 18 | ||
| Position laut Lords Positionsangabe gegenüber der Leyland Line; ausgehend von der falschen Position der Titanic[52] | 19 | ||
| Lords erste Einschätzung laut Zeitung am 19. April 1912; ausgehend von der falschen Position der Titanic[53] | 30 | ||
| (Die maximale Sichtbarkeit der Raketen, mit Berücksichtigung der Höhe der Brücke der Californian, laut Paul Lee) | 36 |
Kapitän Lord könnte die Strömung von Norden her unterschätzt haben, so dass sein Schiff etwa sechs Seemeilen südlicher lag als von ihm berechnet, so Samuel Halpern.[54] Lord schätzte das fremde Schiff außerdem als eher kleinen Frachter ein. Das sei nachvollziehbar, weil die Titanic in einem bestimmten Winkel nach Norden zeigte und darum vielleicht kleiner wirkte. Und weil die Californian sich selbst gedreht haben müsste, sei es auch nachvollziehbar gewesen, dass es so aussah, als würde die Titanic wieder wegfahren.[55]
Die Entfernung war für die damaligen Morselampen zu groß, darum scheiterten diese Kontaktversuche. Eine eigene These dazu hat Tim Maltin: Ihm zufolge hat eine besondere Luftspiegelung in der Unglücksnacht dazu geführt, dass der Eisberg zu spät gesehen wurde, aber auch dazu, dass die beiden Schiffe die Morselampen-Signale des jeweils anderen nicht erkennen konnten. Auch die Tatsache, dass beide Schiffe nur fünf Meilen voneinander entfernt schienen, lasse sich so erklären.[56]
| Titanic | Californian |
|---|---|
| Die Titanic kollidiert mit dem Eisberg. 23:40 Uhr Titanic-Bordzeit. | Groves informiert den Kapitän über einen herannahenden Passagierdampfer. 23:42 Uhr Titanic-Bordzeit. 23:30 Uhr Californian-Bordzeit. |
| In den Heizräumen geht temporär das Licht aus. 23:52 Uhr Titanic-Bordzeit. | Groves zufolge hat das fremde Schiff gestoppt und einen Großteil der Lichter ausgeschaltet. 23:52 Uhr Titanic-Bordzeit. 23:40 Uhr Californian-Bordzeit. |
| Boxhall feuert die erste Rakete ab. 00:47 Uhr Titanic-Bordzeit. | Stone sieht die erste der Raketen. 00:57 Uhr Titanic-Bordzeit (00:45 Uhr Californian-Bordzeit). |
| Rowe feuert die letzte Rakete ab. 01:50 Uhr Titanic-Bordzeit. | Stone sieht die letzte der Raketen. 01:52 Uhr Titanic-Bordzeit. (01:40 Uhr Californian-Bordzeit). |
| Lookout Symons in Boot 1 sieht die Lichter der Titanic ausgehen. 02:17 Uhr Titanic-Bordzeit. (Kurz darauf sinkt das Schiff.) | Gibson sieht, wie die Lichter des Schiffes am Horizont verschwinden. Er wird zum Kapitän geschickt. 02:17 Uhr Titanic-Bordzeit. (02:05 Uhr Californian-Bordzeit). |
| Die Carpathia informiert über Funk, dass sie Raketen abfeuert. 03:27 Uhr Titanic-Bordzeit. | Stone und Gibson beobachten Raketen. 03:32 Uhr Titanic-Bordzeit; 03:20 Uhr Californian-Bordzeit.[58] |
Für Anhänger von Kapitän Lord gab es viele Ungereimtheiten, die ihre These unterstützten, dass die beiden Schiffe nicht einander, sondern unbekannte dritte Schiffe gesehen haben. Halpern hingegen meint, die kleinen Unterschiede könne man meist leicht erklären. Sie lägen vor allem an der Drehbewegung der ruhenden Schiffe, welche den Beteiligten nicht immer bewusst gewesen seien. Es sei also nicht nötig, eine Flottille an mysteriösen Schiffen, Spiegelungen, Magnetwirkungen oder plötzlich auftretende Strömungen heraufzubeschwören.[59]
Halpern: Hätten Californian und Titanic einander tatsächlich nicht gesehen, dann hätten beide Schiffe ein jeweils unterschiedliches mystery ship sehen müssen, aber jedes eben nur eines. Es hätte also gleich zwei mysteriöse Schiffe geben müssen.[60] Auch Fitch, Layton und Wormstedt halten die Wahrscheinlichkeit für astronomisch gering, dass es ein oder mehrere mystery ships gegeben hat. Für die Existenz solcher Schiffe bestünde keinerlei Beweis.[61]
Paul Lee weist darauf hin, dass Stone und Gibson später in der Nacht ja auch drei Raketen der herbeieilenden Carpathia gesehen haben. Dabei war dieses Schiff von ihnen aus noch weiter als die Titanic entfernt (nämlich 25 Seemeilen bis 32,5 Seemeilen). Mit umso größerer Wahrscheinlichkeit müssten die beiden Männer auch die Raketen der Titanic gesehen haben.[62]
Rettung von Menschenleben

Die amerikanische Untersuchung schlussfolgerte in deutlichen Worten, dass die Californian es versäumt habe, einem Schiff in Not zu Hilfe zu eilen – aus Gleichgültigkeit oder Sorglosigkeit, wie sie der Menschlichkeit, den internationalen Gebräuchen und dem Recht widersprach. Trotz Diskussionen zwischen Besatzungsmitgliedern sei der Funker zu spät geweckt worden. Die Californian hätte die Ehre einstreichen können, die Passagiere und Besatzungsmitglieder der Titanic zu retten.[63] Ähnlich befand die britische Untersuchung: Wenn die Californian bei der Sichtung der ersten Raketen vorsichtig durch das Eis gefahren wäre, hätte sie viele, wenn nicht alle Menschenleben retten können.[64]
Es muss jedoch offen bleiben, ob die Californian in der Unglücksnacht überhaupt dazu hätte beitragen können, mehr Menschen zu retten, als dies schließlich der Carpathia gelungen ist.[65] Samuel Halpern hat sich ein fiktives Szenario überlegt, in dem Stone nach Sichtung der zweiten Rakete (ca. 00:50 Uhr Bordzeit) Kapitän Lord herbeigerufen hätte. Lord hätte vielleicht den Funker geweckt und so vom Schicksal der sinkenden Titanic erfahren. Dann hätte Lord sich von der Titanic bestätigen lassen, dass er in Richtung der Raketen fahren soll (also nach Südosten, und nicht in Richtung der Positionsangabe im Notruf, die sich südwestlich der Californian befand).[66]
Halpern vermutet, dass die Californian frühestens zum Zeitpunkt des Sinkens bei der Titanic eingetroffen wäre. Eventuell hätten Menschen noch lebend aus dem kalten Wasser geholt werden können, vielleicht hundert. Dazu hätten jedoch alle Faktoren günstig ausfallen müssen; so hätte die herbeieilende Californian beispielsweise selbst keinen Eisberg rammen dürfen. Halpern betont, dass Rettungsoperationen auf offener See in einer mondlosen Nacht außerordentlich schwierig seien. Er meint aber, Kapitän Lord hätte Initiative ergreifen müssen. Stattdessen hätten die Menschen auf der Californian einfach nur Rakete nach Rakete beobachtet.[67]
Kapitän P. B. Marriott traf in der offiziellen neuen Untersuchung des Unglücks 1992 eine ähnliche Schlussfolgerung: „Ich glaube nicht, dass eine vernünftigerweise denkbare Handlung von Kapitän Lord zu einem anderen Ergebnis der Tragödie geführt hätte. Dies ändert natürlich nicht die Tatsache, dass der Versuch hätte gemacht werden sollen.“[68] So schreiben auch Fitch, Layton und Wormstedt, dass die Besatzung der Californian von Raketen eines Schiffes gewusst und nichts unternommen hat.[69]
In fiktiven Szenarien wird danach gefragt, ob die Californian schneller als die Carpathia am Unglücksort hätte sein können. Von der Carpathia wussten die Männer auf der Californian jedoch nichts. Sie kannten das Schiff am Horizont nicht und wussten daher auch nicht, ob es überhaupt eine Funkstation hatte. Es hätte daher sein können, dass die Raketen das einzige Notsignal waren, und dass die Männer auf der Californian die einzigen Menschen waren, die das Signal gesehen haben. (Tatsächlich war das Funkgerät der Titanic am Vortag ausgefallen und musste repariert werden.[70]) Hätte zudem die Carpathia den Funkruf der Titanic nicht erhalten, oder wäre sie selbst gegen einen Eisberg gestoßen, dann wäre es fraglich gewesen, ob und wann die Rettungsboote der Titanic gefunden worden wären.
Weitere Folgen
Schließlich ist nicht zu vergessen, dass allein die Anwesenheit der Californian mit ihren Lichtern Einfluss auf die Ereignisse des Abends gehabt hat. Ihretwegen setzte die Titanic Raketen ein. Einige Rettungsboote, wie das Rettungsboot Nr. 8, ruderten in Richtung des Schiffes am Horizont. Diesen Versuch gaben sie erst auf, als sie von Süden her die Lichter der Carpathia sahen.[71] Der Anblick der Raketen mag den Passagieren auf der Titanic den letzten Zweifel genommen haben, dass die Lage ernst war. Und Lee äußert die Befürchtung, dass, wenn die Californian sich zur Titanic aufgemacht hätte, vielleicht Passagiere geglaubt hätten, Rettung sei nahe. Sie hätten sich womöglich um so mehr dagegen gesträubt, ein kleines Rettungsboot zu besteigen.[72]
Die problematischen Aussagen der Californian führten zu einer Empfehlung des amerikanischen Untersuchungsausschusses, dass Raketen auf See ausschließlich als Notsignale abgefeuert werden dürfen. Beide Ausschüsse waren der Meinung, dass Schiffe rund um die Uhr drahtlose Telegrafie betreiben sollen, so dass sie keine Notrufe verpassen.[73]
Verhalten von Stanley Lord
Im Mittelpunkt der Kritik steht Stanley Lord, weil er der verantwortliche Schiffsführer der Californian gewesen und von seinen Untergebenen durchaus über die Situation informiert worden war. Zudem machte er sich dadurch verdächtig, dass er sich unterschiedlich und widersprüchlich äußerte. Außerdem hat er Druck auf die Besatzungsmitglieder ausgeübt, in seinem Sinne auszusagen.
Lords Verteidigung für sein Verhalten in der Unglücksnacht beruhte auf folgenden Gedanken. Das fremde Schiff am Horizont habe wohl aus demselben Grund gehalten wie die Californian: wegen des Eisfeldes, das den Weg nach Amerika versperrte. Stone habe ihm von nur einer einzigen Rakete berichtet, während ein Notsignal aus einem Intervall mehrerer Raketen bestünde. Ihm sei auch kein Geräusch als Notsignal gemeldet worden, und das hätte man bei einer Notfallrakete hören müssen, wenn das fremde Schiff (wie Lord geschätzt hatte) nur fünf Seemeilen entfernt lag. Außerdem hätte es ein company signal sein können, das bei manchen Schifffahrtunternehmen weiß sein könne. Schließlich habe Stone berichtet, dass das fremde Schiff sich davon bewege, und das würde nicht zu einem Schiff in Not passen.[74]
Wie weit die Schiffe voneinander lagen, das war aber bloß eine Einschätzung von Lord. Stone und Gibson sagten beide aus, dass Lord von mehr als einer Rakete berichtet worden sei, und mehr als nur einmal. Lord unterließ es aus unbekannten Gründen, sich wenigstens auf die Brücke zu begeben und sich die Angelegenheit mit eigenen Augen anzusehen. Lord hatte sogar zugegeben, dass er mit Stones Antworten nicht zufrieden war.[75]
In der Literatur wurden verschiedene Erklärungen für Lords Verhalten diskutiert. Halpern hätte von Stone erwartet, darauf zu bestehen, dass der Kapitän auf die Brücke kommt, dem Maschinenraum standby zu signalisieren und den Funker zu wecken. Stattdessen hat Stone nur gewartet, bis das Schiff verschwand und dann den Apprentice Gibson nach unten geschickt. Von Lord hätte Halpern erwartet, zu einem gegebenen Zeitpunkt zu verstehen, dass es sich um Notsignale handelt (vor allem, wenn ihm tatsächlich von mehr als einer Rakete berichtet worden ist). Lords Fehlverhalten hätte danach darin bestanden, das Geschehene verschleiern zu wollen. Er setzte sich die Aufgabe, nicht nur sein, sondern auch das Verhalten seiner Untergebenen zu rechtfertigen.[76]
So fragt auch Paul Lee, warum Stone den Kapitän in der Nacht nicht eindringlicher wegen der Raketensichtungen informiert habe. Laut einer späteren Aussage von Groves, gegenüber dem Sachbuchautor Walter Lord, habe Stone sich vor Kapitän Stanley Lord gefürchtet. Stone habe daher den Kapitän nur kurz informiert und diesem die Entscheidungen überlassen, während Kapitän Lord sich auf den Wachhabenden Offizier Stone verlassen habe.[77][78]
Andere Autoren unterstellen Lord, dass er die Situation wohl richtig erkannt habe, aber dem fremden Schiff bewusst nicht habe helfen wollen. Butler zum Beispiel schätzt Kapitän Lord als aggressiv und manipulativ ein. Er unterstellt, dass Lord den Funker absichtlich nicht geweckt habe, damit er nicht zur Hilfeleistung in gefährlichen Gewässern gezwungen wäre. Lord habe sein Leben nicht riskieren wollen, um einen Unbekannten zu retten, der wahnsinnigerweise ins Eis gefahren wäre.[79] So erklärt sich Butler auch die Fahrt der Californian am Morgen mit einer Manipulation Lords: Dieser habe die Californian absichtlich so manövriert, dass sie nicht möglichst schnell zur Unglücksstelle führe, damit es so schien, dass die Strecke zwischen Californian und Titanic länger und komplizierter wäre als in Wirklichkeit.[80]
Auch Halpern führte in einem neueren Werk ins Feld, dass Lord in Amerika zugegeben hat, dass dies seine erste Begegnung mit einem Eisfeld gewesen sei. Hätte er zur Titanic fahren wollen, hätte er sein Schiff in der mondlosen Nacht zumindest ein Stück weit durch Eis fahren lassen müssen. Auf eine Frage im britischen Untersuchungsausschuss, ob Lord sich auf den Weg gemacht hätte, hätte er von einem Notfall erfahren, antwortete der Kapitän zunächst, dass eine Fahrt durch Eis extrem gefährlich sei. Er fügte aber auf eine Nachfrage hin hinzu, er hätte sich selbstverständlich auf den Weg gemacht. Halpern stellt vorsichtig in den Raum, ob Lord eventuell, der Gefahr wegen, unwillig gewesen sei, sein Schiff zu bewegen. Es bleibe aber Spekulation, was den Kapitän dazu bewogen hat, trotz gemeldeter Raketen nicht auf die Brücke zu kommen.[81]
Verschiedene Autoren haben darauf hingewiesen, dass man Lord kritisieren könne, dass man aber dennoch seine Rolle in der Gesamtkatastrophe vernünftig einordnen müsse. Lords Rolle war nur die eines potenziellen Rettenden. Für das Unglück selbst, also für den Untergang der Titanic, waren allenfalls Besatzungsmitglieder der Titanic verantwortlich.[82][83] Oder wie Robert J. Strange es ausdrückt: Die Opfer der Titanic seien letzten Endes gestorben, weil die Anzahl der Rettungsboote nicht ausgereicht hat.[84]
Spielfilme
Die Californian erscheint in mehreren Titanic-Filmen. Schon im nationalsozialistischen Propagandafilm von 1943 sieht man das Schiff mit einem Kapitän und einem Offizier auf der Brücke. Der Kapitän wurde wegen der Raketen gerufen. Er urteilt, dass sie wegen der weißen Farbe keine Notsignale sein könnten. Wegen der Position könne es sich nur um die Titanic handeln, die wohl ihre baldige Ankunft in New York feiere. Die Californian solle ihren Kurs beibehalten.
Im Hollywood-Film von 1953 kommt die Californian gar nicht vor. Es gibt keine Erklärung dafür, warum Raketen abgefeuert werden. Ganz anders ist es wiederum im britischen Film A Night To Remember von 1958. Er basiert teilweise auf Walter Lords Sachbuch gleichen Titels, in dem der Californian-Skandal ausführlich beleuchtet wird. Öfter wird im Film zwischen den Ereignissen auf der Titanic und denen auf der Californian gewechselt. Kapitän Smith sieht das fremde Schiff am Horizont und lässt daher Raketen abfeuern. Auf der Californian liegt es an tragischen Zufällen, dass die Notlage der Titanic nicht erkannt wird. Kapitän Lord schätzt die ihm berichteten Raketen als company signals ein; oben auf der Brücke versteht der Offizier dies so, dass das Schiff andere Schiffe mit Raketen vor dem Eis warnen wolle.
Im Fernsehfilm von 1979 (S.O.S. Titanic) kommt der Schiffsname Californian nicht vor. Smith redet aber mit einem Offizier über ein fremdes Schiff am Horizont, weswegen der Offizier Raketen abfeuern und auch die Morselampe verwenden soll.
Der Hollywood-Film von 1997, unter der Regie von James Cameron, beinhaltete ursprünglich eine kurze Szene über den gescheiterten Funkkontakt am Abend: In der Funkkabine der Titanic ärgert man sich über das Morsen der Californian, durch das man sich bei der Arbeit gestört fühlt. Auf der Californian hingegen meint der Funker empört zu einem Offizier, dass er die Titanic nur wegen des Eises habe warnen wollen. Er mache nun Feierabend. Der Offizier geht daraufhin an Deck und betrachtet das Eisfeld. Cameron hat die Szene herausschneiden lassen, damit der Film sich stärker auf die Menschen auf der Titanic konzentriert. Auch in diesem Film werden die Raketen ohne weitere Begründung abgefeuert.[85]
Literatur
- Daniel Allen Butler: The Other Side Of The Night: The Carpathia, the Californian, and the Night the Titanic was Lost. Casemate Publishers 2009
- Samuel Halpern: Strangers on the Horizon. Titanic and Californian – A Forensic Approach. Halpern 2021 (2019)
- Paul Lee: The Titanic and the Indifferent Stranger. The Complete Story of the Titanic and the Californian. Lee 2012
- Leslie Reade: The Ship That Stood Still: The Californian and Her Mysterious Role in the Titanic Disaster. New York: Norton and Company 1993