Carl Michael Bellman
schwedischer Dichter und Komponist
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Carl Michael Bellman (* 4. Februarjul. / 15. Februar 1740greg. in Stockholm; † 11. Februar 1795 ebenda) war ein schwedischer Dichter, Musiker und Entertainer. Er gilt den Schweden noch heute als ihr Nationaldichter (riks-skalden), geehrt als der „schwedische Anakreon“[1] und als der „Troubadour des Nordens“, dessen Werk seit zwei Jahrhunderten gepflegt wurde und lebendig geblieben ist.

Leben

Carl Michael Bellman wurde 1740 als erstes Kind eines Sekretärs in der Schlosskanzlei, Johan Arendt Bellman d. J.(1707–1765), und der Catharina Hermonia, Tochter des Pfarrers Michael Hermonius, im Stockholmer Stadtviertel Mariaberget auf Södermalm geboren. Er war ein Enkel von Johan Arndt Bellman d. Ä. (1664–1709), dem Sohn eines Einwanderers aus der Gegend um Bremen, der Professor für lateinische Rhetorik an der Universität Uppsala gewesen war.
In Stockholm verbrachte Carl Michael Bellman fast sein gesamtes Leben. Er wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf und erhielt durch Privatunterricht eine sorgfältige religiöse und königstreue Ausbildung. Sein Studium an der Universität Uppsala brach er jedoch, sehr zum Leidwesen seines Vaters, schon nach einem Semester ab, um sein Leben fortan ganz der Entwicklung seiner künstlerischen Talente zu widmen.

Der junge Dichter Bellman konnte nicht mit Geld umgehen. Er erhielt 1759 nur eine unvergütete Anstellung bei der Reichsbank, lebte aber trotzdem über seine Verhältnisse. Er besuchte, um Anregungen für seine Lyrik zu finden, Kneipen und Gesellschaften und nahm hohe Kredite auf. Daher wurde er ständig von Gläubigern bedrängt, die er später in seinen Liedern verspottete, zum Beispiel in Liedern N:o 11, N:o 19 und N:o 20. Anfang 1764 musste er dann Konkurs anmelden. Erst als König Gustav III., ein großer Förderer schöner Künste, 1772 durch das huldigende Lied Gustafs Skål (ein Trinkspruch) auf ihn aufmerksam wurde, änderte sich Bellmans Lage. Der König ließ ihm aus seiner Privatschatulle großzügige finanzielle Unterstützungen zukommen und sorgte nach einer gereimten Bittschrift Bellmans auch dafür, dass dieser 1776 mit dem Titel eines Hofsekretärs und einem Jahresgehalt von 1000 Talern bei der Königlichen Lotterie angestellt wurde. Dies ermöglichte Bellman am 19. Dezember 1777 die Heirat mit Lovisa Frederica Grönlund (* 16. Oktober 1755), der Tochter eines Gewürzhändlers, die ihm vier Söhne schenkte.

Bellman hatte ein erstaunliches Talent, leicht und schnell aus dem Stegreif zu dichten. Schon als Vierzehnjähriger hatte er während einer schweren Erkrankung im Fieberwahn in Versen gesprochen. Durch seine Vortragskunst als Sänger, Imitator unterschiedlichster Instrumente und als humorvoller Conférencier wurde er rasch zu einem der beliebtesten Gesellschafter und Unterhalter der reichen Gesellschaft Stockholms. Er begleitete sich auf der Cister (zu sehen auf dem Gemälde von Per Krafft dem Älteren) oder auf dem Hamburger Citrinchen, einer kleineren Cister mit glockenförmigem Korpus. Dieses trug er stets griffbereit am Gürtel unter dem Mantel.
Bellman war bekannt dafür, dass er stundenlang improvisieren konnte. Seine Gedichte waren oft Schöpfungen des Augenblicks, wurden aber von ihm danach kontinuierlich überarbeitet und innig mit Musik verflochten. Dazu nutzte er bekannte Opernarien und Themen aus der klassischen Musik, aber auch Volkslieder aus ganz Europa, sowie eigene Kompositionen (siehe die umfassende Analyse[2] der Musik in seinen Liedern). Seine Veröffentlichungen in Zeitungen und mit handschriftlichen Kopien von Notenblättern verschafften ihm bald große Popularität. Seine Lieder wurden nicht nur in Stockholm wie Gassenhauer von Mund zu Mund weitergegeben.

Nach vielen vergeblichen Bemühungen gelang es Bellman dann, dank neuer Drucktechnik für den Notensatz, sein Hauptwerk zu veröffentlichen: 1790 erschienen Fredmans epistlar (Fredmans Episteln), zu denen der angesehene Dichter Johan Henrik Kellgren ein Vorwort schrieb, und für die Bellman 1793 die Lundblad-Preismedaille der schwedischen Akademie erhielt. 1791 folgte Fredmans sånger (Fredmans Lieder). Die insgesamt etwa 1800 überlieferten Dichtungen Bellmans stellten vermutlich nur einen Teil seines Schaffens dar.
Nachdem der König, dem er sein Epitheton als „schwedischer Anakreon“ verdankte, nach einer Adelsverschwörung 1792 einem Attentat zum Opfer gefallen war, verlor Bellman seinen finanziellen Rückhalt. Von seinen Gläubigern mit Prozessen verfolgt, kam er schließlich 1794 wegen einer Bagatelle für zwei Monate in das Schuldgefängnis. Dort verschlimmerte sich die Lungentuberkulose, an der er 1795 starb. Begraben wurde er auf dem Stockholmer Clara-Kirchhof, das Grab ist nicht mehr auffindbar. Bellmans Witwe überlebte ihn um mehr als 50 Jahre und starb 1847 mit 91 Jahren.
Ergänzende biografische Details
Bellman wurde im Haus seiner Urgroßmutter, dem Großen Daurerschen Haus, Hornsgatan 29 A, geboren. Auf Carl Michael folgten noch 14 weitere Geschwister, von denen sieben im Kindesalter starben. 1743 zog die Familie in das Kleine Daurersche Haus im Björngårdsbrunngränd (heute: Bellmansgatan 24) um.
Seine Schulden waren bis 1763 auf den enormen Betrag von 18.000 Reichstalern angewachsen, so dass er vor seinen Gläubigern nach Norwegen fliehen musste. Er konnte zwar einen Monat später mit einem schützenden königlichen Geleitbrief zurückkehren, verlor aber seine Stelle bei der Reichsbank. Nachdem er einige Monate auf dem Landgut seiner Familie, Visbohammar in Södermanland, zugebracht hatte, fand er auf Empfehlung eines Freundes eine Anstellung im Manufakturkontor bis zu dessen Auflösung Ende 1766 und kam schließlich in der Kanzlei der Königlichen Generalzolldirektion unter. Als auch diese 1772 aufgelöst wurde, erhielt Bellman sein dortiges Gehalt weiter. Von 1770 bis 1774 lebte er im Haus Urvädersgränd 3 in Södermalm.
Am 19. Dezember 1777 heiratete er Lovisa Frederica Grönlund, mit der er die Söhne Gustav (* 1781), Carl (* 1787) und Adolf (* 1790) hatte; ein weiterer Sohn, Elis (* 1785), starb kurz nach seinem zweiten Geburtstag an den Pocken. Die Söhne Gustav und Carl wurden Soldaten und sind in jungen Jahren verschollen, Adolf wurde Seidenhändler in Stockholm und starb kinderlos 1834. Seine nach Gustavs III. Ermordung zunehmende finanzielle Misere machte es ihm immer schwerer, seine Familie zu unterhalten, die deshalb mehrmals in immer schlechtere Wohnungen umziehen musste und nach seinem Tod völlig mittellos zurückblieb.
Werk
Als Autor debütierte Bellman 1757 mit einer Übersetzung der Evangelischen Todesgedanken von David von Schweinitz ins Schwedische. Es folgten weitere religiöse, aber auch satirische Schriften wie die Tankar om flickors ostadighet (Gedanken über die Unbeständigkeit der Mädchen, 1758) oder die Gesellschaftssatire in Versen Månan (Der Mond, 1760). Bellmans Hauptwerke sind die beiden Liedersammlungen Fredmans epistlar (Fredmans Episteln) mit 82 Liedern und Fredmans sånger (Fredmans Lieder) mit 65 Liedern. Ursprünglich plante Bellman, sein Hauptwerk in einem einzigen Liederbuch zu veröffentlichen. Doch die noch unausgereifte neue Drucktechnik für die Notenschrift zwang ihn zur Teilung in zwei Bände. Seine übrigen Werke (religiöse und patriotische Lyrik, Satiren, Schauspiele, Gelegenheitsdichtung und Übersetzungen, u. a. von Gellerts Fabeln) treten in ihrer Bedeutung dahinter zurück.

Der Name „Fredmans Episteln“[3] knüpft an die Episteln des Apostels Paulus an. In den 82 Episteln sind jedoch – aus Rücksicht auf bigotte Zeitgenossen – keine Bibelparodien enthalten. Erst im Folgeband Fredmans Lieder hat Bellman dann 8 Parodien auf biblische Gestalten[2] aufgenommen. Anstatt auf Bibelfiguren wird in den Episteln häufig Bezug auf mythologische Gestalten der Antike genommen, so auf den Weingott Bacchus, auf die Göttin Venus und ihr nordisches Pendant Fröja sowie auf den Fährmann Charon. Bellmans Protagonisten artikulieren häufig auch Bellmans Kritik an der Oberschicht. Dabei lässt er, wie in den griechischen Dramen, diese von Personen des untersten Standes äußern, um Zensur oder Strafmaßnahmen gegen den Autor zu vermeiden – ein dramatischer Kunstgriff, den schon William Shakespeare zur Meisterschaft gebracht hatte.
Die Versform seiner Lieder ist überaus kunstvoll und vielfältig. Ihr Inhalt ist teils lyrisch und emotional, dann wieder derb, lustvoll und aus dem prallen Leben gegriffen. Sie handeln sowohl von fröhlicher Geselligkeit als auch von alltäglichen Abenteuern seiner Protagonisten, enthalten aber immer wieder ganz unerwartete Klagen über die Vergänglichkeit von Schönheit und Liebe und elegische Betrachtungen über den Tod. Einige davon sind wie ein dramatisches Memento mori (Episteln 27, 30, und 81), andere behandeln zwar auch den Tod, aber augenzwinkernd, und nur zur Belustigung des Publikums (Episteln 52, 65, 82).

Die Texte schildern kleine Dramen aus der Lebenswelt der Unterschicht, wobei ein fester Kreis von Personen auftritt.[4] Bellman projizierte seine eigenen Stärken und Schwächen in drei Hauptakteure der Episteln. Der schönheitsdurstige, aber versoffene Uhrmacher Fredman ist Bellmans Sprachrohr, einst ein bekannter Uhrmacher, nun aber ohne Uhr, Werkstatt und Geschäft. Der Tapetenmaler und stadtbekannte Virtuose auf mehreren Instrumenten, namens Vater Berg, ist im ersten Teil der Episteln die Hauptperson. Movitz, der schwindsüchtige Trinker und Musiker, übernimmt diese Rolle ab der Epistel 27. Er wird in den späteren Episteln zum Alter Ego Bellmans, so dass er sogar seine Briefe mehrmals mit "Movitz" signierte. So wie Bellman leidet Movitz auch an Tuberkulose, in der Epistel N:o 30 von Bellman berührend geschildert. Häufig kommt auch der abgedankte Korporal Mollberg vor, erst ein reicher Hausbesitzer, dann gescheiterter Unternehmer, nun Ritter ohne Haus, Pferd und Schabracke. Er spielt Harfe in Stockholms Kneipen und bezog dabei in Epistel N:o 45 Prügel. Alle in den Liedern agierenden, namentlich genannten Ritter des von Fredman gegründeten "Ordens des Bacchus" sind Gescheiterte und stadtbekannte Trinker.

Die weibliche Hauptperson ist Ulla Winblad, eine Nymphe und Inkarnation der Liebesgöttin. Wie fast alle Figuren Bellmans ist sie eine poetisch erhöhte, aber reale Person aus dem Stockholm des 18. Jahrhunderts. Maria Kristina Kiellström inspirierte Bellman zu seiner Schöpfung Ulla Winblad. Als Mädchen von einem Edelmann verführt, wurde sie, von der Familie verstoßen, nach dem Tod ihres Kindes eine Nobelprostituierte. Sie wurde von den Sittenwächtern verfolgt (wie Ulla in Epistel N:o 36), dann aber, auf Bellmans Intervention, durch eine arrangierte Heirat mit dem realen Zollinspektor Norström (Ullas Verlobter in Epistel N:o 48) wieder gesellschaftsfähig gemacht. Sie und ihre Freundinnen nutzt Bellman zur Kritik an der Doppelmoral und der Unterdrückung der Frauen seiner Epoche. Seine männlichen Protagonisten artikulierten Bellmans mit Humor camouflierte Kritik an allzu lockerem Liebesleben und übermäßigem Alkoholkonsum.
Dazu findet sich gleich in der ersten Epistel N:o 1 ein bemerkenswertes Beispiel. Sie beginnt mit einem ermunternden Rezitativ Fredmans an seine ermatteten Saufkumpane, doch wieder den Humpen zu heben. "Wie viele sind wir?" frägt er in der zweiten Strophe und antwortet selbst: "Legio, denn wir sind unser viele" ("Legio, ty vi äro många").[5] Exakt die gleiche Antwort "Legio, förty wij äro månge"[6] gibt in Markus 5, Vers 9,[7] der von Dämonen Besessene[8], nachdem ihn Jesus fragte: "Wer bist Du?" Bellman lässt somit Fredman seine sieben Zechgefährten, die dieser danach namentlich aufzählt, als vom Dämon Alkohol Besessene ansprechen, die, genau wie die Schweine am See Genezaret, erst als arme Schweine ihr lasterhaftes Leben erleiden müssen und sich dann selbst zerstören werden.
Trotz solcher zeitgebundener und versteckter Anspielungen, die unübersetzbar sind, und der bewusst übertriebenen Metaphorik wirken die Lieder heute noch und auch im Deutschen lebendig durch ihren persönlichen Ton, ihre unmittelbare Frische und durch Bellmans Empfinden für die Schönheit des Lebens und der Natur. Das Zusammenspiel von realistischen Berichten mit humoristischen und satirischen Überzeichnungen und die eigenartige Mischung aus einerseits überbordender Lebensfreude mit andererseits düsterer Todesahnung wirken zeitlos und werden durch die innige Verknüpfung von Wort und Musik emotional verstärkt.
Bellman griff für die Vertonung seiner Lieder gern auf Melodien populärer zeitgenössischer Kammermusik, auf Opern und Singspiele zurück, passte sie aber meist seinen Ideen an. So stammt die Melodie von Lied № 21 aus Fredmans sånger (Fredmans Lieder), genannt Måltids-Sång, aus Johann Gottlieb Naumanns Oper Gustav Vasa, und die von Epistel N:o 44 Movitz helt allena entnahm Bellman dem beliebten Singspiel Le devin du village von Jean-Jacques Rousseau. Viele Lieder stammen aus dem europäischen Volksliederschatz Frankreichs, Deutschlands und Skandinaviens. Für etwa ein Drittel der musikalischen Themen fanden die schwedischen Bellman-Forscher bisher keine Quellen, so dass es sich möglicherweise auch um Kompositionen von Bellman selbst handeln könnte. Entsprechend dem barocken Spielraum betrachtete Bellman seine gedruckten Noten lediglich als Vorlage für die eigenständige Variation durch den Interpreten und ließ Umspielungen des Originals weg.
Wirkung

Besonders in Schweden und auch im übrigen Skandinavien sind Bellmans Lieder bis heute weithin bekannt und beliebt. Schon 1824 wurde in Stockholm eine Bellman-Gesellschaft gegründet. Die heutige Bellmanssällskapet (Bellman-Gesellschaft), deren Mitglieder seither sein Werk gründlich erforscht haben,[9] wurde 1919 gegründet. Sie hat sich vor allem durch die Herausgabe der großen Werkausgabe verdient gemacht hat. Auch in anderen Ländern wurden Bellman-Gesellschaften gegründet, zum Beispiel in Deutschland.[10] Vorbild dieser "Ordensgründungen" war der von Bellman erfundene "Orden des Bacchus", dem alle seine Protragonisten als Ritter angehörten, die er dann in Episteln und Liedern besungen hat. Bellman war aber auch Mitbegründer eines realen Ordens namens Par Bricole. Dessen Satzung hat die Förderung von Lyrik und Musik zum Ziel. Diese Gesellschaft wirkt in Schweden heute noch aktiver denn je und betreibt Zweige des Ordens in mehreren schwedischen Städten, noch immer gemäß den von Bellman gesetzten Zielen.[11] Am 26. Juli 1829 wurde im Stockholmer Djurgården eine Bronzebüste Bellmans von Johan Niclas Byström feierlich enthüllt. Seitdem wird in ganz Schweden, vor allem aber in Stockholm, der 26. Juli als Bellman-Tag gefeiert. Auf der Stockholmer Insel Långholmen (Stora Henriksvik) und im Schlosshotel Aspa am Vättersee gibt es Bellman-Museen.
Viele schwedische Dichter, etwa Gunnar Wennerberg, Birger Sjöberg, Dan Andersson und Evert Taube, knüpften an die von Bellman geschaffene Liederdichtung an und setzten sich mit ihrem großen Vorbild auseinander. Birger Sjöbergs Lied Fjärilen på Haga spielt raffiniert mit Bellmans Fjäriln vingad syns på Haga, während Evert Taube in seiner Balladen om Bellman (Ballade von Bellman) dem schwedischen Nationaldichter huldigt. Auf Bellman geht auch eine spezifisch schwedische Tradition von modernen Troubadouren zurück, zu deren wichtigsten Repräsentanten Fred Åkerström (1937–1985) und Cornelis Vreeswijk (1937–1987) gehören. Zu den jüngeren Interpreten gehören Thord Lindé und der Liedermacher und Rock-Musiker Stefan Sundström, der 1991 mit dem Bellman-Preis der Stadt Stockholm ausgezeichnet wurde.[12] Für seine innigen Interpretationen Bellmans war der verstorbene Bernt Törnblom bekannt. Neue Wege geht der vom Svenska Kulturfonden geförderte finnische Sänger und Gitarrist Matteus Blad.
Außerhalb von Skandinavien wurde Bellmans Werk weitaus weniger, als in seiner Heimat gewürdigt. Dies lag vor allem in der Schwierigkeit, Bellmans Doppelbödigkeit, seine Anspielungen und die komplizierten Versstrukturen gereimt und singbar zu übersetzen[13]. Resonanz hat er vor allem in Deutschland gefunden. Ernst Moritz Arndt, der als deutscher Nationalist vor der französischen Armee nach Schweden floh und sich dort länger aufhielt, pries Bellman schon 1810 als bedeutenden europäischen Lyriker. 1856 erschien die erste Übersetzung ins Deutsche von Adolf von Winterfeld, danach 1909 die der Episteln vom Übersetzer der Edda, Felix Niedner, sowie das Bellman Brevier von Hanns von Gumppenberg, Untertitel Eine Auswahl von Fredmans Episteln und Liedern. Ihnen folgten bis heute mehr als dreißig weitere Übersetzungen. Jürgen Thelen veröffentlichte 2016 eine Analyse, die fast 30 Übersetzer aufzählt.[14] Im Durchschnitt wurden von jedem etwa 20 Lieder publiziert. Nur drei Autoren haben alle Episteln und sämtliche Lieder Bellmans ins Deutsche übertragen. Einer von ihnen ist Klaus-Rüdiger Utschick, von dem die „werkgetreuesten“ Übersetzungen (seit 1998) stammen. Er zählt mit Fritz Graßhoff (1966 und 1995) sowie H. C. Artmann und Michael Korth (1976) zu den meistgelesenen modernen Übersetzern. Die bekannteste, teilweise sehr freie Nachdichtung stammt von Carl Zuckmayer, der 1938 auch das Theaterstück Ulla Winblad herausbrachte, von dem er eine Neufassung 1953 veröffentlichte. In der DDR wurde Bellmann vor allem durch die 1965 im Reclam-Verlag Leipzig erschienenen Nachdichtungen von Fredmans Episteln durch Peter Hacks, Heinz Kahlau, Hartmut Lange und Hubert Witt sowie durch deren Interpretation in der CD von Manfred Krug bekannt.
Bellmans Lieder wurden und werden von zahlreichen deutschen Künstlern gesungen. Am bekanntesten sind die Aufnahmen von Karl Wolfram (etwa 1957), Carl Raddatz (1965), Manfred Krug (1968/1997), Harald Juhnke (1976/1996), Hans-Erich Halberstadt (1987), Dieter Süverkrüp (1996), Hannes Wader (mit Klaus Hoffmann und Reinhard Mey, 1996), Andreas Frye (1997), Günter Gall (2003), der gelegentlich auch mit dem schwedischen Bellman-Interpreten Martin Bagge auftrat,[15] sowie Jürgen Thelen und Andreas Krall (2010). Die Zusammenarbeit des bayerischen Kabarettisten, studierten Skandinavisten und Kenner Schwedens und Bellmans, Gerhard Polt, mit dem Ensemble Mehlprimeln machte Bellman besonders im süddeutschen Raum bekannt.
Gesamtausgabe und Übersetzungen
- Maßgebliche schwedische Gesamtausgabe: Carl Michael Bellman. Standardupplaga utgiven av Bellmanssällskapet. 21 Bände, Stockholm 1921–2004.
- Carl Michael Bellman: Fredmans Episteln an diese und jene, aber hauptsächlich an Ulla Winblad. Übersetzung: Peter Hacks u. a.; Illustrationen: Werner Klemke. Philipp Reclam jun., Leipzig 1965.
- Fritz Graßhoff: Durch alle Himmel alle Gossen. Ein Bündel Fredmannscher Episteln und Songs aus dem Schwedischen singbar ins Deutsche gebracht und mit Bildern versehen von Fritz Graßhoff, mit einem Vorwort von Klabund und einem Nachwort Grasshoffs (Über Carl Michael Bellman. Leben, Werk, Zeit). Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin 1966.
- Carl Michael Bellman: Der Lieb zu gefallen. Eine Auswahl seiner Lieder. Zweisprachig. Die schwedischen Text wurden singbar verdeutscht durch H. C. Artmann und Michael Korth. Musikalische Bearbeitung von Johannes Heimrath. Heimeran, München 1976 (schwedisch/deutsch, mit Noten).
- Michael Korg (Hrsg.): Carl Michael Bellmann: Sauf-, Liebs- und Sterbelieder. Frankfurt am Main 1980.
- Hein Hoop: Carl Michael Bellman – Der Tod ist doch ein böser Bär. Ausgewählte Lieder in hoch- und niederdeutschen Nachdichtungen. Verlag Davids Drucke, Celle 1978, ISBN 3-921860-04-0.
- Carl Michael Bellman: Fredmans Episteln. Reclam, Stuttgart 1994, ISBN 3-15-008962-X (Lieder mit Noten).
- Fritz Graßhoff: Bellman auf Deutsch. Fredmans Episteln; (aus dem Schwedischen des XVIII. Jahrhunderts singbar ins Deutsche gerückt nebst dem Lebenslauf des Dichters Carl Michael Bellman, den Zeitumständen, einer Auslegung des Werkes und Vignetten). Verlag für Berlin-Brandenburg, 1995, ISBN 3-930850-10-9.
- Carl Michael Bellman: Fredmans Episteln. „Von Liebeslust und Qual und dem vollen Pokal“ (Bellman-Ausgabe Band 1). Übersetzt von Klaus-Rüdiger Utschick. Anacreon, München 1998, ISBN 3-932759-01-X (mit Faksimile der Originalnoten).
- Carl Michael Bellman: Fredmans Gesänge. „Venus meine Herzmonarchin, Bacchus Kehlenfürst!“ (Bellman-Ausgabe Band 2). Übersetzt von Klaus-Rüdiger Utschick. Anacreon, München 1998, ISBN 3-932759-02-8 (mit Faksimile der Originalnoten).
- Carl Michael Bellman: Religiöse Dichtung. „Komm, Kind der Erde!“ (Bellman-Ausgabe Band 3). Übersetzt von Klaus-Rüdiger Utschick. Anacreon, München 1998, ISBN 3-932759-03-6 (mit Noten zu einem Kirchenlied).
- Carl Michael Bellman: Bellman – der Beginn der modernen Dichtung in Schweden. Übersetzt und beschrieben von Gerold Wallner. GWEV geroldwallnereigenverlag, Wien 2017.
- Carl Michael Bellman. Der Troubadour des Nordens. Eine Auswahl aus Fredmans Episteln und Liedern. Übersetzt und kommentiert von Gernot Henning. tredition, Hamburg 2021, ISBN 978-3-347-30301-0 (mit zeitgenössischen Illustrationen, Originalnoten und Gitarrebegleitungen).
Tonträger (Auswahl)
- Wolfram singt Carl Michael Bellmann-Lieder. Wolfram (Gesang und Laute). 30 cm LP stereo. Polydor #237705, 1965. Bürgerlich: Karl Wolfram.
- Weile an dieser Quelle – Lieder von Carl Michael Bellmann. Carl Raddatz. LP, Telefunken, 1965 (deutsch von Carl Zuckmayer, Hanns von Gumppenberg und Felix Niedner).
- Manfred Krug spricht und singt Carl Michael Bellman – Friedmans Episteln an diese und jene aber hauptsächlich an Ulla Winblad. LP, Litera, 1968 (Wiederveröffentlichung: CD, Amiga 1997).
- Carl Michael Bellman. Hai & Topsy. Happy Bird, 1975.
- Harald Juhnke singt Lieder von Carl Michael Bellman. Happy Bird, 1976. Wiederveröffentlichung: CD. Membran, 2003.
- Der Lieb zu gefallen. Bärengässlin. LP, pläne, Dortmund 1978. Wiederveröffentlichung: CD, pläne, Dortmund 2001.
- Brüder, es zieht ein Geruch über’s Land. Fiede Kay singt Carl Michael Bellmann. LP, Polydor International GmbH, 1981.
- Trauben und Violen – Die Lieder des Carl Michael Bellman. Hans Peter Treichler. LP, Gold Records, 1981.
- Einzelne Lieder auf den Alben „Lästerliches und Liederliches“ (1990) und „Laßt die Lästerzungen schmoren!“ (1993) von Holger Hoffmann. Verlag der Spielleute.
- Carl Michael Bellman. Die Mehlprimeln singen Bellman, übersetzt von H. C. Artmann, Michael Korth und anderen. CD, Mehlprimel-Records, 1993 und 2019.
- Liebe, Schnaps, Tod – Wader singt Bellman. Hannes Wader, Klaus Hoffmann, Reinhard Mey. Pläne, 1996.
- Vivat Bellman! Andreas Frye. Lyrix. CD 1997
- Süverkrüp singt Graßhoffs Bellman. Dieter Süverkrüp. CD, Conträr Musik, 1996.
- Durch alle Himmel, alle Gossen – Carl Michael Bellman (1740–1795). Günter Gall, Artychoke, 2003.
- Carl Michael Bellman – Lieder von Liebe, Wein und Tod. Petter Udland Johansen, Ensemble Pratum Musicum. 2 CDs, 2005.
- Gustav Skål! Lieder von Carl Michael Bellman. Jürgen Thelen und Andreas Krall. CD, 2010.
- Venus följer – med Bacchus jag flyr. Thord Lindé. Thermopilum boreale, CD, 2013.
- Bellman. Matteus Blad. CD. ncb, 2023.
Literatur
- Paul Britten Austin: Carl Michael Bellman – Sein Leben und seine Lieder. Anacreon, München 1998, ISBN 3-932759-00-1 (Biographie). Übersetzt von Ursula Menn-Utschick.
- Carl Larsson, Magdalena Hellquist: Dikter av Carl Michael Bellman. Tredje Delen: Fredmans Epistlar. Ordbok. Svenska Vitterhetssamfundet, Lund 1967.
- Beiträge zu Bellman. Heft 1. Anacreon, München 2001, ISBN 3-932759-41-9.
- Ernst Brunner: Ich lebte von Liebe und Wein. Ein Roman über den Liedermacher Carl Michael Bellman. Aus dem Schwedischen von Klaus-Rüdiger Utschick, Ursula Menn-Utschick. Ullstein, Berlin 2004, ISBN 3-550-08608-3.
- Lars-Göran Eriksson (Hrsg.): Kring Bellman. Wahlstöm & Widstrand, Stockholm 1982, ISBN 91-46-14135-9.
- Fritz Graßhoff: Carl Michael Bellman. In: Freia und Baccus. Hommage an den schwedischen Dichter Carl Michael Bellman. Seltmann & Hein, Köln 1996, ISBN 3-9804960-0-7.
- Lars Huldén: Carl Michael Bellman. Natur och Kultur, Stockholm 1994, ISBN 91-27-03767-3 (Biographie).
- Jacques Outin: Graßhoff, Bellman und Schweden. In: Muschelhaufen. Jahresschrift für Literatur und Grafik, Nr. 44. Viersen 2004, ISSN 0085-3593.
- Peter Rühmkorf: Bellman und ich. In: Susanne Fischer, Stephan Opitz (Hrsg.): In meinen Kopf passen viele Widersprüche – Über Kollegen. Wallstein, Göttingen 2012, ISBN 978-3-8353-1171-8, S. 11–18.
- Achim Maas und Klaus-Rüdiger Utschick: Bellman-Liederbuch. Deutsche Bellman-Gesellschaft e. V. UHR-Verlag, Kaarst, 2011. ISBN 978-3-936606-30-0
Weblinks
- Literatur von und über Carl Michael Bellman im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Bellman-net (deutsch; mit vollständiger deutscher Bibliographie und Diskographie, Veranstaltungskalender mit allen Bellman-Konzerten und -Lesungen in Deutschland und umfangreicher Linkliste)
- Deutsche Bellman-Gesellschaft e. V. (Werkübersicht, alle „Fredmans Epistlar“ und „Fredmans Sånger“, parallel zur Übersetzung, Glossar, Textrecherche, Bellman-Postille, Suchfunktion, Mitgliederportal)
- Bellman.net (schwedisch; umfassende schwedischsprachige Seite mit Texten, Noten und MIDI-Daten aller Lieder der Fredman-Dichtung)
- Schwedische und deutsche Texte, Hörproben u. a. auf der Website des Anacreon-Verlags
- www.bellman.ch – Bellman auf Deutsch mit historischen Instrumenten: Die Website des Schweizer Ensembles Pratum Musicum mit Hörproben
- Ausführliche biographische Würdigung in englischer Sprache auf Sweden.se ( vom 3. Mai 2006 im Internet Archive)
- Schwedische Bellman-Gesellschaft (schwedisch)
- Bellman-Haus, Stockholm (1770–1774 Bellmans Wohnhaus, heute Museum) (schwedisch)
- Christiane Kopka: Stichtag 04. Februar 1740: Der Geburtstag des schwedischen Dichters und Komponisten Carl Michael NDR Info ZeitZeichen vom 4. Februar 2010. (Podcast)