Carlo Ginzburg

italienischer Historiker und Kulturwissenschaftler From Wikipedia, the free encyclopedia

Carlo Ginzburg (* 15. April 1939 in Turin; † 17. Juni 2026[1] in Bologna) war ein italienischer Historiker und Kulturwissenschaftler. Er zählt zu den Protagonisten des Konzepts der Mikrogeschichte.

Carlo Ginzburg (2013)
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Leben und Wirken

Carlo Ginzburg, Sohn von Leone und Natalia Ginzburg, wuchs im literarischen Milieu Turins in einer jüdischen Intellektuellenfamilie auf, pflegte persönliche Beziehungen zu Schriftstellern wie Italo Calvino[2.1] und wurde maßgeblich von Erich Auerbach beeinflusst.[3.1] Während der faschistischen Herrschaft lebte seine Familie zeitweise in einem süditalienischen Verbannungsort; nach der Folterung und Ermordung seines Vaters im Jahr 1944 verbrachte Ginzburg den Rest des Krieges unter dem Schutz seiner Großmutter mütterlicherseits in einem Dorf und benutzte deren Mädchennamen als Decknamen „Carlo Tanzi“.[1] Seine spätere Aufmerksamkeit für Verfolgte und Marginalisierte erklärte er auch mit der eigenen Erfahrung, als jüdisches Kind bedroht gewesen zu sein.[1] Er führte sein Interesse an Hexen, Werwölfen und bäuerlichen Glaubenswelten zudem auf Erzählungen einer bäuerlichen Kinderfrau zurück, die ihn als Kind mit lokalen Sagen vertraut machte.[1]

1961 machte er seinen Universitätsabschluss an der Universität Pisa.[4] Er studierte außerdem an der Scuola Normale Superiore und am Warburg Institute in London.[5] Ein Seminar, in dem er über eine Woche hinweg zehn Zeilen eines Textes analysieren sollte, bildete den Ausgangspunkt für sein Verständnis historischer Nahlektüre.[1] 1970 schrieb er für das Organ der linksradikalen Spontibewegung Lotta Continua.[2.2] Kurz nach seinem Abschluss erhielt er einen Ruf an die Universität Bologna, wo er bis 1988 unterrichtete. Anschließend ging er in die Vereinigten Staaten an die UCLA, wo er Neuere Geschichte lehrte. Im Laufe seiner Karriere unterrichtete er zudem an Universitäten wie Harvard, Yale und Princeton.[5] Er war Professore emerito an der Scuola Normale Superiore in Pisa, an der er seit 2006 lehrte. Aus seiner Ehe mit der Historikerin Anna Rossi-Doria, die 2017 starb, hatte er zwei Töchter; später war er mit der Kunsthistorikerin, Kuratorin und Museumsleiterin Luisa Ciammitti verheiratet.[1]

Ginzburgs Fachgebiet erstreckt sich von der italienischen Renaissance bis zur frühen Moderne Europas. Er war außerdem führender Vertreter der Mikrogeschichte und der Neuen Kulturgeschichte. Die kleinräumige Perspektive verstand er als Gegenentwurf zu einer Geschichtsschreibung, die vor allem von Herrschaft, Eliten und großen Ereignissen ausgeht.[6] Seine Arbeitsweise überschritt dabei die Grenzen zu den Fächern Anthropologie, Literaturtheorie, Kunstkritik und Psychoanalyse.[1]

1979 verkündete Ginzburg zusammen mit Carlo Poni von der Universität Bologna auf einer Konferenz in Rom das Programm der Mikrogeschichte. Später erschien die Publikation The Name and the Game dazu. Ginzburg und Poni erklärten, dass die italienischen Historiker dem französischen Vorbild, Geschichte zu schreiben (der Annales-Schule), ohne angemessene Finanzierung nicht folgen konnten. Zudem sollten sie dies aufgrund der aufgekommenen Kritiken an quantitativer Geschichtsschreibung ohnehin nicht tun.[7.1] Die Annales-Schule betone Strukturen von langer Dauer und gebe eine abstrakt-anonyme, die Wirklichkeit verzerrende Ordnung wieder. Es kämen lediglich die Weltbilder von Eliten in den Blick der Historiker.[2.3] Anstelle der Sozialgeschichte der Annales-Schule schlugen sie vor, Analysen aus nächster Nähe von hochgradig umschriebenen, stark begrenzten Phänomenen wie einem Dorf oder Individuum zu machen. Durch die genaue Beleuchtung des sozialen Netzwerks entstehe eine Geschichtsschreibung, die näher an der Anthropologie stehe. Ihr Ziel sollte es sein, Rückschlüsse auf „größere historische Fragen“ und generelle Schlussfolgerungen zu ermöglichen. Die Geschichtsschreibung sollte sich so auch für marginalisierte Gruppen öffnen, die in anderen Methoden ausgelassen würden.[7.1]

Sein erstes Buch Die Benandanti. Feldkulte und Hexenwesen im 16. und 17. Jahrhundert ging aus der Arbeit mit Inquisitionsakten hervor und rekonstruierte einen friaulischen Fruchtbarkeitskult, dessen Mitglieder in Visionen gegen Hexen gekämpft haben sollen.[5] Unter dem Druck von Gegenreformation und Inquisition wandelte sich diese Selbstdeutung in den Prozessakten zunehmend in Richtung jener dämonischen Muster, die Ginzburg später für seine Forschungen zur Hexenverfolgung auswertete.[5]

Sein 1976 erschienenes Werk Der Käse und die Würmer – Die Welt eines Müllers um 1600 handelt von dem friaulischen Müller Menocchio, der wegen seiner von der kirchlichen Lehre abweichenden Kosmologie von der Inquisition verfolgt und 1599 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.[1] Ginzburg rekonstruierte daran nicht nur die Lebensgeschichte eines gewöhnlichen Menschen, sondern eine Vorstellungswelt, in der gedruckte Texte, mündliche Überlieferungen und lokale Mythen zu einer eigenständigen Kosmologie verschmolzen.[1][6] Das Buch machte ihn international bekannt und wurde über die Fachwelt hinaus gelesen.[6] In seinen Werken über die Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit, zum Beispiel Hexensabbat, verfolgt er die Idee eines europäischen Schamanismus.

Ginzburg interessierte sich ebenso für den Prozess des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns: In Spurensicherung (1979) vergleicht er die Arbeitsmethoden von Sigmund Freud und Sherlock Holmes mit denjenigen des Kunsthistorikers Giovanni Morelli, der als Erster nebensächliche Details für die Zuschreibung von Gemälden heranzog. Vor dem Hintergrund des 19. Jahrhunderts beschreibt Ginzburg die jeweils epochentypischen Formen der Spurensicherung. Mit Indagini su Piero über Piero della Francesca eröffnete Ginzburg 1981 die von Einaudi herausgegebene Reihe Microstorie.[5]

Er beteiligte sich an der Diskussion um Adriano Sofri und stellte seinen Fall 1991 in einem Buch dar.[4] Das Buch führte nicht zu einem neuen Verfahren für Sofri, wurde aber für seine Überlegungen zum Verhältnis von Beweisführung, Urteil und historischer Rekonstruktion rezipiert.[1]

1996/1997 war Ginzburg Mitglied des Wissenschaftskollegs zu Berlin mit dem Forschungsthema Verfremdung und die Rhetorik der Aufklärung im Werk von Voltaire.[8] Am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin war Ginzburg Ehrenmitglied. 2002 wurde er als korrespondierendes Mitglied in die British Academy gewählt.[9] 2008 erhielt er auf Vorschlag des ZfL den Humboldt-Forschungspreis.[10] 2009 wurde er zum Mitglied der Academia Europaea gewählt.[11] Seit 2013 war er Mitglied der American Philosophical Society.[12]

Ginzburg starb am 17. Juni 2026 im Alter von 87 Jahren in seinem Haus in Bologna.[1]

Rezeption

Sowohl Thomas Kroll wie Gianna Pomata von der Johns Hopkins University lobten Ginzburgs Schreibstil. Laut Pomata könne Ginzburg bei Lesenden denselben Effekt hervorrufen wie Novellisten und ihnen die Begeisterung seiner detektivischen Arbeit durch seine Narration vermitteln.[7.2] Nach Kroll hebt sich Ginzburgs literarische Gestaltung seiner Werke erheblich von den üblichen akademischen Präsentationsformen ab.[2.1]

Sue Peabody[13.1], Francesca Trivellato[14.1] und Szijártó bezeichneten Ginzburg als den berühmtesten Mikrohistoriker neben Poni, Giovanni Levi und Edoardo Gredi. Er ist laut István Szijártó die führende Persönlichkeit des Zweigs der microstoria (der italienischen Mikrogeschichte).[7.3] Nach Thomas Kroll beeinflusste Ginzburg die geschichtswissenschaftlichen Diskussionen im westlichen Europa, in den USA und auch in Lateinamerika maßgeblich.[2.4] Der Historiker Robert Darnton sah Ginzburgs Leistung darin, gezeigt zu haben, dass auch Nicht-Intellektuelle ein intellektuelles Leben hatten, und damit viele weitere Forschungen angeregt zu haben.[1]

Laut Edward Wallace Muir wurde die Erfassung von Interaktionen der Elite- und Populärkultur durch Inquisitionsaufzeichnungen zum Leitprinzip von Ginzburgs Werken.[7.4]

Nach Sigurður Gylfi Magnússon ebne Ginzburg den Weg für die Analyse von Materialien, die von konventionellen Historikern oft marginalisiert und als trivial abgetan wurden. Er habe einen Schwerpunkt darauf gelegt, eine interessante Geschichte zu erzählen. Er mache den Leser zu einem direkten Teilnehmer an der Analyse des Themas. Ginzburg habe Ansätze angewandt, die als unkonventionell gelten. Er habe sich in die narrativen Hinweise und Methoden der Literaturkritik eingelesen. Aus diesem Grund würde Ginzburg oft mit der Postmoderne identifiziert. Trygve Riiser Gundersen merkte an, Ginzburg sei in einer Serie von Artikeln als leidenschaftlicher Verteidiger des Konzepts der historischen Wahrheit und als überraschend heftiger Kritiker der postmodernen Geschichtstheorie aufgetreten.[7.5] Auch Magnússon bezeichnet Ginzburg als einen der lautstärksten Kritiker der traditionellen Geschichtsschreibung.[7.6]

Irene Quenzler Brown von der University of Connecticut kritisiert Ginzburg und die Historiker der Mikrogeschichte dafür, dass ihre Arbeit oft unvorsichtig und dürftig sei. Sie hätten eine Tendenz, ihre Verallgemeinerungen weit über das Material hinaus zu erweitern, mit dem sie arbeiten. Magnússon fügt hinzu, wenn dies geschehe, gingen oft genau die Tugenden des mikrohistorischen Fokus verloren. So werde der Blick vom eigentlichen Forschungsgegenstand und wahrgenommenen Kontext abgelenkt.[7.7]

Laut Trivellato bestreiten Simona Cerutti und Ginzburg die Existenz einer Teilung der Mikrogeschichte in Kultur- und Sozialgeschichte. Ginzburg weise auf die gemeinsame theoretische Basis beider Ansätze hin. Auch wenn mehrere Ausgaben von Quaderni Storici (ein akademisches Journal in Italien) in den 1990er Jahren versuchten, neue Schnittpunkte zwischen sozial- und kulturgeschichtlichen Ansätzen der Mikrogeschichte aufzuzeigen, reflektiert Ginzburgs Innenansicht nach Trivellato das Bild der Mikrogeschichte von außen nicht.[14.2] Szijártó bezeichnet Ginzburg als Kulturwissenschaftler, auch wenn dieser sich selbst nicht eindeutig positioniert.[7.3]

In seinem Nachruf urteilte Patrick Bahners, dass Ginzburg mit seinem wissenschaftlichen Wirken „die Welt, die er verlassen hat, zum Besseren verändert“ habe.[15]

Auszeichnungen

Werke (Auswahl)

Ginzburgs Werke wurden hauptsächlich in dem von seinem Vater mitgegründeten Verlag Einaudi herausgegeben. Deutsche Ausgaben erschienen unter anderem in den Verlagen Syndikat und Wagenbach.

Il formaggio e i vermi (1976)

Übersetzungen

  • Der Käse und die Würmer: Die Welt eines Müllers um 1600, übers. v. Karl F. Hauber. Syndikat, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-8108-0118-6.
  • Die Benandanti. Feldkulte und Hexenwesen im 16. und 17. Jahrhundert, übers. v. Karl F. Hauber. Syndikat, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-8108-0160-7.
  • Erkundungen über Piero: Piero della Francesca, ein Maler der frühen Renaissance, übers. v. Karl F. Hauber. Wagenbach, Berlin 1981, ISBN 3-8031-3500-1.
  • Spurensicherungen: über verborgene Geschichte, Kunst und soziales Gedächtnis, übers. v. Karl F. Hauber. Wagenbach, Berlin 1983, ISBN 3-8031-3514-1.
  • Hexensabbat: Entzifferung einer nächtlichen Geschichte, übers. v. Martina Kempter. Wagenbach, Berlin 1990, ISBN 3-8031-3549-4.
  • Der Richter und der Historiker: Überlegungen zum Fall Sofri, übers. v. Walter Kögler. Wagenbach, Berlin 1991, ISBN 3-8031-2189-2.
  • Die Venus von Giorgione, übers. v. Catharina Berents. Akademie-Verlag, Berlin 1998, ISBN 3-05-003217-0.
  • Holzaugen: über Nähe und Distanz, übers. v. Renate Heimbucher. Wagenbach, Berlin 1999, ISBN 3-8031-3599-0.
  • Das Schwert und die Glühbirne: eine neue Lektüre von Picassos Guernica, übers. v. Reinhard Kaiser. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-518-12103-0.
  • Die Wahrheit der Geschichte: Rhetorik und Beweis, übers. v. Wolfgang Kaiser. Wagenbach, Berlin 2001, ISBN 3-8031-5165-1.
  • Faden und Fährten: wahr, falsch, fiktiv, übers v. Victoria Lorini. Wagenbach, Berlin 2013, ISBN 978-3-8031-5184-1

Literatur

  • Cora Presezzi (Hrsg.): Streghe, sciamani, visionari: In margine a 'Storia Notturna' di Carlo Ginzburg. Viella, Rom 2019, ISBN 978-8-83313212-9.
  • Alexander Schnickmann: Unter einem anderen Mond. Carlo Ginzburg und die Hermeneutik der Risse. In: Weimarer Beiträge. Bd. 66/1 (2020), S. 19–35. ().
  • An Interview with Carlo Ginzburg by Yehuda Safran and Daniel Sherer. In: Potlatch. 5 (2022), S. 1–55.

Einzelnachweise

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