Natalia Ginzburg

italienische Autorin From Wikipedia, the free encyclopedia

Natalia Ginzburg, geborene Levi (* 14. Juli 1916 in Palermo; † 8. Oktober 1991 in Rom), war eine italienische Schriftstellerin, Essayistin, Dramatikerin, Verlagslektorin und Politikerin.[1] Sie zählt zu den bedeutenden literarischen Vertreterinnen Italiens im 20. Jahrhundert; ihr Werk nähert sich Familiengeschichte durch Alltagssprache und baut auf den Erfahrungen von Faschismus, Krieg und moralischer Verantwortung auf.[2]

Natalia Ginzburg (1956)
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Leben

Die 1916 als Natalia Levi geborene Schriftstellerin entstammte väterlicherseits einer jüdischen Familie aus Triest und mütterlicherseits einer katholischen Familie aus Mailand. Ginzburg wuchs in Turin im antifaschistisch geprägten Umfeld der Familie des Mediziners Giuseppe Levi auf.[3] Ihr Vater, ein anerkannter Arzt und Professor, und ihre drei Brüder wurden wegen ihres antifaschistischen Widerstandes angeklagt und zeitweise inhaftiert. Als jüngstes von fünf Kindern wurde sie zunächst zu Hause unterrichtet, weil ihr Vater ihr den Schulbesuch aus gesundheitlichen Gründen untersagte; ein später begonnenes Hochschulstudium brach sie ab.[4]

Ihre Kindheit und Jugend verbrachte Ginzburg in Turin, während sie bald im Schreiben von Erzählungen Trost fand. 1933 erschien ihre erste Erzählung I bambini in der Zeitschrift Solaria. 1938 heiratete sie den Dozenten für russische Literatur, Schriftsteller und Antifaschisten Leone Ginzburg, der zu den führenden Organisatoren der Turiner Gruppe der antifaschistischen Bewegung Giustizia e Libertà gehörte und wegen seiner politischen Tätigkeit seine Universitätsstelle verloren hatte.[4] Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor; der älteste Sohn war der 2026 verstorbene Historiker Carlo Ginzburg.[4][5] In denselben Jahren trat Natalia Ginzburg mit wichtigen Vertretern des Turiner Widerstandes in Kontakt, vor allem mit den Intellektuellen des Verlages Einaudi wie Cesare Pavese; Leone Ginzburg war 1933 am Aufbau des Verlages beteiligt gewesen.[4]

Natalia und Leone Ginzburg

Natalia Ginzburg folgte 1940 ihrem Ehemann in die Verbannung nach Pizzoli, einem Dorf in den Abruzzen, wo die Familie aufgrund der politischen und rassistischen Verfolgung bis 1943 lebte.[4][6] Die Jahre in den Abruzzen gingen später in ihre autobiografisch grundierte Prosa ein; das dortige Familienleben war von alltäglichen Verrichtungen ebenso geprägt wie von der Erfahrung politischer Bedrohung.[7] Der 1944 entstandene Essay Inverno in Abruzzo ist eine genaue und teilweise heitere Darstellung des dörflichen Alltags bei gleizeitigem Wissen um den späteren Tod ihres Mannes und gilt als besonders prägnantes Beispiel für Ginzburgs zurückhaltenden Umgang mit persönlichem Leid.[4]

Nach dem Sturz Mussolinis 1943 ging Leone Ginzburg nach Rom, um die Herausgabe einer Untergrundzeitung im nun von den Deutschen besetzten Italien zu leiten; Natalia gelangte wenig später mit den drei Kindern ebenfalls dorthin, doch bereits nach wenigen gemeinsamen Wochen wurde er erneut von der Polizei verhaftet.[4] Die Verfolgung bedrohte auch die Kinder unmittelbar; Carlo Ginzburg musste seine jüdische Herkunft verbergen und zeitweise untertauchen.[5] Leone Ginzburg wurde im römischen Gefängnis Regina Coeli von der Gestapo gefoltert und starb dort 1944 infolge der Misshandlungen, sodass Natalia Ginzburg mit drei kleinen Kindern verwitwet war.[4][6][5][8]

Im Februar 1944 kehrte Ginzburg nach Turin zurück und begann nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ab 1945 ihre Mitarbeit beim Einaudi-Verlag. Um ihre Kinder zu versorgen, arbeitete sie dort nach dem Krieg nicht nur als Autorin, sondern auch als Lektorin und Übersetzerin.[7] Nach 1945 war sie in Rom und Turin für Einaudi tätig und gehörte damit zu dem von Giulio Einaudi und Leone Ginzburg aufgebauten intellektuellen Umfeld des Verlages.[9] Zu ihren Kollegen bei Einaudi gehörten neben Pavese auch Italo Calvino.[10]

Im Jahr 1950 heiratete sie Gabriele Baldini, einen Professor für englische Literatur an der Universität Rom, der später das Italienische Kulturinstitut in London leitete.[4] Im Jahr 1959 zog sie nach London, wo sie zwei Jahre lang mit ihrem Ehemann lebte.[11] Nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes im Jahr 1969 widmete sich Ginzburg verstärkt dem Schreiben.

Natalia Ginzburg starb 1991 im Alter von 75 Jahren in Rom und fand ihre letzte Ruhestätte auf dem Campo Verano.

Literarisches Wirken

Wegen der faschistischen Rassengesetze, die Juden die Veröffentlichung von Büchern untersagten, veröffentlichte Ginzburg ihren ersten Roman La strada che va in città 1942 unter dem Pseudonym Alessandra Tornimparte; 1945 erschien der Roman unter ihrem eigenen Namen.[12][1] Im Jahr 1947 erschien ihr zweiter Roman È stato così, welcher den Literaturpreis „Tempo“ gewann.

Mit dem Roman Tutti i nostri ieri begann 1952 die produktivste Phase ihres literarischen Schaffens, das sich vorwiegend mit menschlicher Erinnerung, familiären Beziehungen und der psychologischen Beobachtung des Alltags befasste. Der Roman wurde mit dem Premio Veillon ausgezeichnet. In Tutti i nostri ieri beschrieb Ginzburg das Familienleben, den Antifaschismus und Krieg und warf die Frage auf, wie moralische Überzeugungen unter politischem Druck praktisch gelebt werden können.[2] Die Familie bildete den zentralen Erfahrungs- und Konfliktraum ihres Werks, während der Krieg darin weniger als abgeschlossenes historisches Thema denn als dauerhaft wirksame Grundsituation von Zufall, Verlust und fehlender Auflösung erscheint.[12]

Ginzburg bezeichnete sich später selbst als Vertreterin des Neorealismus, den sie als Möglichkeit verstand, dem Leben und der Wirklichkeit möglichst nahe zu kommen; zugleich entwickelte sie eine eigenständige, besonders auf das Familienleben und die weibliche Erfahrung gerichtete literarische Position.[10] Ihre autobiografisch grundierte Prosa ist von Zurückhaltung, sprachliche Schlichtheit und ein Weniger-Sagen, um mehr zu sagen, durchzogen.[13] Kennzeichnend für ihr Schreiben wurden eine genaue Beobachtung des Alltags und die literarische Verdichtung auch scheinbar kleiner Begebenheiten.[7] Ihre Prosa ist von knappen Sätzen, sparsamen und alltäglichen Metaphern sowie einem zugleich distanzierten, humorvollen und melancholischen Ton gekennzeichnet.[12] Ginzburg führte die Kürze und Direktheit ihres Stils auch auf den lauten Familientisch ihrer Kindheit zurück, an dem sie als jüngstes Kind schnell sprechen musste, bevor sie unterbrochen wurde.[4][12]

Im Jahr 1957 veröffentlichte sie Valentino, eine Sammlung langer Erzählungen, welche den Premio Viareggio gewann, sowie den Roman Sagittario. 1961 erschien Le voci della sera; 1964 kamen alle bis dahin entstandenen Romane im Sammelband Cinque romanzi brevi heraus. Die Essaysammlung Le piccole virtù wurde 1962 veröffentlicht; gerade in diesen Essays zeigte sich Ginzburgs Fähigkeit, auch unscheinbare Gegenstände und Situationen des täglichen Lebens literarisch produktiv zu machen.[7] Die Sammlung zeichnet zugleich ein Bild der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit, das materielle Not und existenzielle Verunsicherung mit grundsätzlichen Überlegungen zu Erziehung, Verantwortung und menschlichen Beziehungen verknüpft.[10]

Mit Lessico famigliare gewann Ginzburg 1963 unter breiter Zustimmung der Kritik und des Publikums den Premio Strega. Obwohl die darin geschilderten Ereignisse nach Ginzburgs Aussage tatsächlich geschehen waren, sollte das Buch als Roman gelesen werden; die wiederkehrenden Redewendungen der Familie fungieren darin als Gedächtnis einer durch Faschismus und Krieg auseinandergerissenen Lebenswelt.[4][10] Das Werk porträtiert die Familie Levi über ihre wiederkehrenden Redewendungen und Stimmen und überführt damit eine private Sprachwelt in eine universell verständliche Erzählung.[3]

In den 1970er-Jahren erschienen die Erzähl- und Essaybände Mai devi domandarmi (1970) und Vita immaginaria (1974). Das Motiv des familiären Mikrokosmos vertiefte Ginzburg in den Briefromanen Caro Michele (1973) und La città e la casa (1984), in der Erzählung Famiglia (1977) und – aus einer essayistischen Perspektive – in La famiglia Manzoni (1983).[4] Mit La famiglia Manzoni rekonstruierte sie anhand von Briefen, Tagebüchern und biografischen Dokumenten Alessandro Manzonis häusliche Welt und zeigte den kanonisierten Autor in seiner widersprüchlichen Menschlichkeit.[14]

Neben Erzählprosa und Essays schrieb Ginzburg auch Dramen, darunter Ti ho sposato per allegria (1965), L’inserzione (1968) und Paese di mare (1972). Ihr erstes Theaterstück Ti ho sposato per allegria behandelt Liebe, Ehe, soziale Unterschiede und bürgerliche Konventionen in einer zugleich komischen und ernsten Dialogform.[15] Ihre Texte behandeln Einsamkeit und die Unfähigkeit der Menschen, miteinander zu kommunizieren. Sie befassen sich außerdem mit dem Spannungsverhältnis zwischen Schreiben, Familienleben und weiblicher Rolle.[7]

In ihrem Essay Il mio mestiere von 1949 setzte sich Ginzburg mit ihrem anfänglichen Wunsch auseinander, „wie ein Mann“ zu schreiben, und erklärte später die Erfahrung von Mutterschaft und häuslichem Alltag zu einer wesentlichen Grundlage ihres eigenen literarischen Blicks.[10] Schreiben verstand Ginzburg als ihren Beruf, der für sie auf Erinnerung und Fantasie beruhte und den sie bis zu ihrem Tod ausüben wollte.[7] Sie übersetzte außerdem den ersten Teil von Marcel Prousts Romanzyklus À la recherche du temps perdu, Du côté de chez Swann, ins Italienische.[4]

Politisches Wirken

1983 zog Ginzburg für die unabhängige Linke in die italienische Abgeordnetenkammer ein, nachdem der Politiker und Widerstandskämpfer Vittorio Foa sie zur Kandidatur bewegt hatte.[16] Sie wurde 1983 und 1987 als unabhängige Kandidatin über die Liste der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) in die Abgeordnetenkammer gewählt, wo sie sich der Fraktion Sinistra Indipendente anschloss. Im Parlament sprach sie unter anderem über sexuelle Gewalt, Abrüstung und die Zerstörung ländlicher Lebensformen.[10]

Mitgliedschaft

Rezeption

Ende der 2010er Jahre erfuhr Ginzburgs Werk im englischsprachigen Raum eine deutliche Wiederentdeckung, nachdem unter anderem Family Lexicon, The Dry Heart, Happiness, as Such, The Little Virtues und Voices in the Evening neu übersetzt oder wiederveröffentlicht worden waren.[4][12][10] Kritiken brachten das erneute Interesse teilweise mit dem internationalen Erfolg von Elena Ferrante in Verbindung, betonten zugleich jedoch Ginzburgs unverwechselbaren Stil und ihre in Italien bereits seit Langem anerkannte Stellung innerhalb der Nachkriegsliteratur.[4][12][10]

Das Album The Ginzburg Geography der Band Charming Hostess beschreibt musikalisch das Leben und die Arbeit von Natalia und Leone Ginzburg. Es erschien 2022.[17][18]

Jochen Schimmang verfasste das Hörspiel Die erleuchtete Stadt gehört den anderen. Es wurde 2016 im WDR ausgestrahlt und ist in der ARD-Hörspieldatenbank abrufbar.[19]

Werke (Auswahl)

  • La strada che va in città. Einaudi, Turin 1942.
    • Deutsche Ausgabe: Die Straße in die Stadt. Aus dem Italienischen übersetzt von Maja Pflug. Wagenbach, Berlin 1997, ISBN 978-3-803-11166-1.
  • È stato così. Einaudi, Turin 1947.
    • So ist es gewesen. Aus dem Italienischen übersetzt von Maja Pflug. Wagenbach, Berlin 1992.
  • Tutti i nostri ieri. Einaudi, Turin 1952.
    • Deutsche Ausgabe: All unsere Gestern. Rütten & Loening, München 1969.
    • Neuübersetzung: All unsere Gestern. Aus dem Italienischen übersetzt von Maja Pflug. Wagenbach, Berlin 2025, ISBN 978-3-8031-3375-5.
  • Valentino (Erzählungen, 1957; dt. 1960)
  • Sagittario (1957; Schütze 1994)
  • Le voci della sera (Roman, 1961; Die Stimmen des Abends 1964)
  • Le piccole virtù (1962; Die kleinen Tugenden 2016)
  • Lessico famigliare (autobiografischer Roman, 1963; Mein Familien-Lexikon 1965)
  • Ti ho sposato per allegria (Drama, 1965)
  • L’inserzione (Drama, 1968)
  • Mai devi domandarmi (Essays, 1970; Nie sollst du mich befragen 1991)
  • Caro Michele (Roman, 1973; dt. 1974)
  • Vita immaginaria (1974; Das imaginäre Leben 1995)
  • Famiglia (1977; Ein Mann und eine Frau 1980)
  • La famiglia Manzoni (1983; Die Familie Manzoni 1988)
  • La città e la casa (1984; Die Stadt und das Haus 1986)

Literatur

  • Maike Albath: Der Geist von Turin. Pavese, Ginzburg, Einaudi und die Wiedergeburt Italiens nach 1943. Berenberg, Berlin 2010, ISBN 978-3-937834-37-5.
  • Sandra Petrignani: Die Freibeuterin. Das Leben der Natalia Ginzburg. Aus dem Italienischen übersetzt von Stefanie Römer. btb-Verlag, München 2020, ISBN 978-3-442-75863-0.
  • Maja Pflug: Natalia Ginzburg: Eine Biographie. Wagenbach, Berlin 1995, ISBN 3-8031-3582-6.
  • Hans Raimund: Die Selbstbeschränkung. Über Natalia Ginzburg. In: Hans Raimund: Das Raue in Mir. Aufsätze zur Literatur und Autobiografisches 1981–2001. Literaturedition Niederösterreich, St. Pölten 2001, ISBN 3-901117-53-9.
  • Domenico Scarpa: Levi, Natalia. In: Mario Caravale (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 64: Latilla–Levi Montalcini. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2005.

Einzelnachweise

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