Cranach-Triegel-Retabel

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Das Cranach-Triegel-Retabel ist ein Flügelaltar, der ursprünglich als Retabel für den Westchor des Naumburger Doms konzipiert wurde.[1] Das Werk besteht aus zwei erhaltenen Originalflügeln von Lucas Cranach dem Älteren aus dem Jahr 1519 und einem im Jahr 2022 von Michael Triegel neu geschaffenen Mittelteil sowie einer Predella.[2] Seit seiner Aufstellung ist das Kunstwerk Gegenstand einer anhaltenden Kontroverse zwischen kirchlichen Stellen und Denkmalschutzbehörden. Seit November 2025 befindet es sich als Leihgabe im Vatikan.[3]

Schnelle Fakten
Cranach-Triegel-Retabel (Lucas Cranach der Ältere und Michael Triegel)
Cranach-Triegel-Retabel
Lucas Cranach der Ältere und Michael Triegel, 1519 und 2022
Öl und Gold auf Holz (Flügel) bzw. Faserplatte (Mittelteil)
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Geschichte und Beschreibung

Das ursprüngliche Cranach-Retabel (1519)

Das ursprüngliche Altarwerk wurde zwischen 1517 und 1519 in der Wittenberger Werkstatt von Lucas Cranach dem Älteren geschaffen. Es entstand im Rahmen einer umfassenden Neugestaltung des Westchors als Grablege für den verstorbenen Bischof Johann III. von Schönberg. Im Jahr 1519 wurde es geweiht und auf dem Westchoraltar aufgestellt. Die Komposition des ursprünglichen Mittelfeldes ist nicht überliefert, jedoch deuten historische Forschungen auf eine Darstellung der Jungfrau Maria hin. Die erhaltenen Seitenflügel zeigen auf den Innenseiten die Apostel Jakobus der Ältere und Philippus (links) sowie Maria Magdalena und Jakobus der Jüngere (rechts). Als Stifter sind die Bischöfe Johann III. von Schönberg und Philipp von der Pfalz abgebildet. Die Außenseiten zeigen die Heiligen Katharina von Alexandrien und Barbara von Nikomedien. Im Zuge der Reformation erlangte der evangelische Superintendent Nikolaus Medler am 11. September 1541 gewaltsam Zugang zum Dom. Im Auftrag des Kurfürsten Johann Friedrich I. ließ er das Marienbild des Mittelteils als Symbol katholischer Heiligenverehrung zerstören. Die Seitenflügel blieben erhalten und wurden später im Ostchor ausgestellt und schließlich eingelagert.[4]

Ergänzung durch Michael Triegel (2022)

Im Jahr 2019 beauftragten die Vereinigten Domstifter den Leipziger Maler Michael Triegel mit der Rekonstruktion des Triptychons. Triegel schuf zwischen 2020 und 2022 das fehlende Mittelstück sowie eine Predella in seinem Atelier in der Leipziger Baumwollspinnerei. Das neue Mittelfeld ist als Sacra Conversazione gestaltet: Die thronende Madonna ist umgeben von den Heiligen Elisabeth von Thüringen und Anna sowie dem protestantischen Theologen und Märtyrer Dietrich Bonhoeffer; am rechten oberen Bildrand sind die Dompatrone Paulus (als Rabbiner mit schwarzem Hut und Buch) und Petrus (mit Schlüssel und roter Baseballmütze) zu sehen. Petrus gab Triegel das Aussehen des deutschen Bettlers Burkhard Scheffler, der im November 2022 am Petersplatz erfroren und auf Geheiß von Papst Franziskus auf dem Campo Santo Teutonico beigesetzt worden war – unmittelbar neben dem Ort, an dem der Altar heute steht.[5] Für Paulus nahm Triegel das Portrait eines Rabbiners, den er an der Klagemauer in Jerusalem getroffen hatte. Für Anna nahm Triegel seine Frau als Vorlage und für ihre Tochter Maria, die Mutter Jesu stand die gemeinsame Tochter von Triegel und seiner Frau Modell. Des Weiteren ist auf dem Bild die heilige Agnes zu sehen, die ein Lamm in den Händen hält.

Eine kindliche Figur links neben Maria hält ein Schriftband mit dem Magnificat. Die Rückseite des Mittelteils zeigt den auferstandenen Christus als Salvator mundi. Die Predella zeigt eucharistische Motive auf der Vorderseite und das leere Grab Jesu auf der Rückseite.[6]

Standort und Reise des Altars

Das kombinierte Cranach-Triegel-Retabel wurde am 2. Juli 2022 in einem ökumenischen Gottesdienst geweiht. Aufgrund der Denkmalschutz-Kontroverse wurde es bereits im Dezember 2022 vorübergehend entfernt und auf eine Ausstellungstournee (u. a. im Diözesanmuseum Paderborn) geschickt.[7] Nach einer Rückkehr nach Naumburg im Dezember 2023 wurde es im November 2025 erneut abgebaut. Derzeit befindet es sich in der Kirche Santa Maria am Campo Santo Teutonico im Vatikan.[8]

Kontroverse

Die Aufstellung im Westchor des Naumburger Doms wird von der UNESCO und dem Fachbeirat ICOMOS kritisch gesehen.[9] Zentraler Kritikpunkt ist die Beeinträchtigung der Sichtachsen auf die zwölf Naumburger Stifterfiguren des Naumburger Meisters, die als Hauptwerk der Hochgotik zum Welterbe gehören. ICOMOS argumentierte, der Altar störe das Ensemble und gefährde den Welterbestatus des Doms.[10] Die Vereinigten Domstifter hielten dagegen, dass der Westchor ein liturgischer Raum sei und die Stifterfiguren architektonisch auf ein zentrales Altarbild hin ausgerichtet seien. Ohne Altar blickten die Figuren „ins Leere“.[11] Zudem wurde auf die Charta von Venedig verwiesen, die die Rückführung von Kunst an ihren Bestimmungsort befürworte. Trotz Kompromissvorschlägen (wie der zeitweisen Schließung der Altarflügel) hielt ICOMOS 2025 an der Ablehnung fest, was zur vorläufigen Überführung nach Rom führte.[12][13]

Rezeption

Das Projekt wurde von der Organisation Future for Religious Heritage als „Religious Heritage Innovator of the Year 2023“ ausgezeichnet.[14]

Literatur

Einzelnachweise

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