Das goldene Notizbuch
Roman von Doris Lessing
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Das goldene Notizbuch (Originaltitel: The Golden Notebook) ist der Titel eines 1962 publizierten Romans von Doris Lessing. Im Mittelpunkt des Werks stehen Anna Wulf, eine politisch engagierte, intellektuelle und emanzipierte Frau, ihre Freundin Molly Jacobs und deren Liebhaber und Kinder. Die Handlung spielt in Rhodesien bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, im Milieu der Kommunistischen Partei im England der 1950er Jahre sowie unter Intellektuellen in London. Das Buch hat sowohl fiktionale als auch autobiografische Elemente, die in einer experimentellen Form subjektiv und nicht-linear erzählt werden. In der Literaturwissenschaft gilt das Goldene Notizbuch als Lessings Hauptwerk, bei der Verleihung des Literaturnobelpreises von 2007 an Lessing wurde das Werk entsprechend gewürdigt.

Inhalt
Das Goldene Notizbuch erzählt von der Identitätssuche der Schriftstellerin Anna Wulf in den 1950er Jahren in London. 1922 als Anna Freeman geboren, lebt sie von 1939 bis 1945 in Zentralafrika, heiratet 1945 Max Wulf (Scheidung 1947) und gebärt ein Jahr später ihre Tochter Janet.
Lessings Buch ist eine Textsammlung und besteht aus einer Rahmenhandlung und in sie eingeschobenen Auszügen aus Annas vier Notizbüchern, die sich thematisch aufeinander beziehen:
Ungebundene Frauen
Die fünf Abschnitte der Rahmenhandlung mit dem Titel Ungebundene Frauen spielen ca. 1957 in London und können als Fortsetzung gelesen werden. Sie handeln von Anna Wulf, ihrer Freundin, der Schauspielerin Molly Jacobs, sowie deren Kinder Janet Wulf und Tommy Portmain, den Ex-Ehemännern und Liebhabern der Frauen, v. a. Richard Portmain, Mollys Ex-Mann und dem Amerikaner Milt/Saul. Anna hat sich vor Kurzem von ihrem Partner Michael getrennt und wohnt mit ihrer 11-jährigen Tochter Janet in der Nähe ihrer Freundin Molly.
- 1. Anna besucht ihre Freundin Molly und erlebt deren Diskussion mit ihrem geschiedenen Mann Richard Portmain über die Zukunft ihres vierundzwanzigjährigen Sohnes Tommy. Dieser ist von den kommunistischen Ideen seiner Mutter beeinflusst, kritisiert deren Passivität, bewundert den geschäftstüchtigen Pragmatismus seines Vaters, lehnt jedoch dessen Lebensstil ab und bemitleidet dessen psychisch kranke zweite Frau Marion.
- 2. Tommy spricht mit Anna über seine Orientierungslosigkeit, für die er seinen Eltern und Anna die Mitschuld gibt, und den Sinn des Lebens und liest in ihren Notizbüchern. Kurz darauf versucht er, sich zu erschießen.
- 3. Tommy überlebt den Suizid, aber er erblindet. Anna versucht, ihr Leben neu zu organisieren und zieht in eine neue Wohnung.
- 4. Marion trennt sich nach 20-jähriger Ehe von Richard, befreundet sich mit Tommy und engagiert sich mit ihm bei Demonstrationen gegen die Rassendiskriminierung in Afrika. Anna berät sie mit ihren Erfahrungen.
- 5. Während Janets Internatsaufenthalt fühlt sich Anna in einem psychischen Grenzzustand. Sie füllt ihre Zimmerwände mit Zeitungsnachrichten und hat verschiedene verwirrende Affären, v. a. dem Amerikaner Milt/Saul, und traumatische Erfahrungen, die sie in ihrem blauen Buch detailliert schildert.
Am Ende befreien sich die Hauptfiguren aus ihren Konfliktsituationen und -beziehungen: Anna gibt ihre Schreibprojekte auf, sucht eine Arbeit in einer Eheberatung und plant, der Labour-Party beizutreten und eine Abendklasse krimineller Jugendlicher zu unterrichten. Molly heiratet einen Geschäftsmann. Tommy lebt mit Marion, die eine Boutique gekauft hat, zusammen und engagiert sich in Unternehmungen seines Vaters, allerdings mit progressiver Ausrichtung.
Personen
• Anna (Freeman) Wulf: Schriftstellerin, Autorin der Notizbücher. • Max Wulf: Annas Ex-Mann • Janet Wulf: Annas und Max’ Tochter • Molly Jacobs: Schauspielerin, Annas Freundin. • Richard Portmain: Mollys Ex-Mann • Tommy Portmain: Mollys und Richards Sohn • Marion Portmain: Richards zweite Ehefrau • Michael: Annas ehemaliger Liebhaber • Milt: Amerikanischer Schriftsteller (= Saul Green im blauen und goldenen Notizbuch) • Tom Mathlong: Afrikanischer politischer Aktivist • Charlie Themba: Gewerkschaftsführerin, Freund von Tom Mathlong
Die Notizbücher
Die einzelnen Abschnitte der vier von der Rahmenhandlung unterbrochenen Bücher sind thematisch und z. T. in der Chronologie als Fortsetzung angelegt und geben die Vorgeschichten der Rahmenhandlung wieder.
Das schwarze Notizbuch
- 1. Anna schreibt über ihre Erfahrungen in Südafrika während des Zweiten Weltkriegs: Nach der Trennung von ihrem Mann, einem Farmer, lebt sie mit ihrem Freund Willi Rodde zusammen, einem aus Deutschland emigrierten Kommunisten. An Wochenenden treffen sie sich mit ihren Freunden im Mashopi-Hotel der Familie Boothby zum Trinken, Tanzen und Diskutieren über die Rassendiskriminierung und eine Revolution der Schwarzen. Zu diesem Kreis gehören v. a. die im Camp zur Ausbildung stationierten Luftwaffenpiloten Paul, Ted und Jimmy, der LKW-Fahrer George und das Mannequin Maryrose. Anna beobachtet die komplizierten Homo- und heterosexuellen Beziehungen untereinander und mit Schwarzen und verarbeitet diese Erfahrungen in ihrem Roman „Frontiers of War“, der die Liebesbeziehung eines Weißen zu einer schwarzen Frau behandelt.
- 2. In der Fortführung verhandelt Anna über Fernsehbearbeitungen ihres zum Bestseller avancierten Romans, von dessen Tantiemen sie gut leben kann. Sie lehnt die Verlegung der Liebesgeschichte nach England und die Eliminierung des Rassenthemas ab.
- 3. Der dritte Teil (geschrieben 1955, 1956) enthält Annas Erinnerung an eine Taubenjagd in Afrika mit dem Piloten Paul und Ameisenbär-Experimenten Jimmys sowie literarische Arbeiten: Tagebuch über eine Europareise eines fiktiven amerikanischen Schriftstellers, Dialog „Blut auf den Bananenblättern“, Rezensionen zu Frontiers of War
- 4. Textsammlung: Traum von einer Romanverfilmung in Afrika. Zeitungsartikel aus den Jahren 1955 bis 1957.
Personen
• Willi (Wilhelm) Rodde: Annas Freund, Flüchtling aus Deutschland – Max Wulf in der Rahmenhandlung. • Paul Blackenhurst, Ted Brown, Jimmy McGrath: Pilot der Royal Air Force. • George Hounslow: LKW-Fahrer beim Straßenbau. • Maryrose: Mannequin • Mr und Mrs Boothby: Besitzer des Mashopi Hotels • June Boothby: ihre Tochter • Jackson: schwarzer Koch im Mashopi Hotel. • Marie: seine Frau. Sie hat eine Affäre mit George.
Das rote Notizbuch
Im roten Buch beschreibt Anna ihre Diskussionen mit Michael, Molly und anderen Freunden über die Kommunistische Partei.
- 1. Während viele ihrer Freunde zwischen 1950, 1953 (Stalins Tod) und der Phase danach (1954) wegen der Prozesse und Hinrichtungen in der stalinistischen Zeit aus der Partei austreten, tritt sie 1950 ein, in einer vagen Hoffnung auf eine Erneuerung, und arbeitet ehrenamtlich im Büro der Partei (Literaturbewertung, Beantwortung von Briefen).
- 2. Nach Diskussionen der Schriftstellergruppe (George, Dick, Rex) und mit ihren Genossen (Ted) im Büro tritt sie Ende 1954 aus der Partei aus.
- 3. November 1955: Annas ehemaligen KP-Genossen verstehen sich jetzt als Sozialisten und kritisieren die Abhängigkeit des Parteiapparats von Moskau.
- 4. Sammlung von Zeitungsartikel aus den Jahren 1956 und 1957 und Harrys desillusionierender Moskaubesuch.
Das gelbe Notizbuch
Das gelbe Buch enthält Entwürfe für einen Roman „Der Schatten der Dritten“, in dem Anna offenbar ihre Beziehungsprobleme literarisch verarbeitet, und Kurzgeschichten.
- 1. Darin erzählt Anna die fünfjährige Liebesbeziehung der Schriftstellerin Ella zu dem verheirateten Arzt Paul Tanner und denkt über die Motive ihrer Figuren, ihre Schattenseiten und den Unterschied zwischen selbst Erlebtem und reflektierender Literatur nach.
- 2. In der Fortführung versucht Ella ihre Erinnerungen an die Beziehung mit Paul durch kurze Affären, z. B. mit dem amerikanischen Chirurgen Cy Maitland, zu vergessen.
- 3. Ella spricht mit ihrer Freundin Julia über die Unterschiede zwischen den Affären der ungebundenen Frauen und denen der verheirateten Männer.
- 4. Entwürfe zu Kurzgeschichten.
Personen
• Ella: Schriftstellerin. Als Journalistin eines Frauenmagazins beantwortet sie an Dr. Allsop gerichtete Leserbriefe. • Julia: Ellas Freundin, eine Schauspielerin, in deren Haus sie eine Wohnung hat. • Dr. West: Arzt, der für ein Frauenmagazin unter dem Namen Dr. Allsop eine medizinische Kolumne schreibt und Leserbriefe beantwortet • Patricia Brent: Chefredakteurin des Frauenmagazins • George: Ellas geschiedener Mann • Michael: Ellas und Georges Sohn • Paul Tanner: Arzt, Ellas Geliebter
Das blaue Notizbuch
- 1. Im ersten Abschnitt notiert Anna 1950 ihre Erinnerungen an ihre einjährige Ehe mit Max (1946) in Südafrika. In der Gegenwartshandlung beschreibt sie ihre Liebesbeziehung mit Michael und ihr Leben mit ihrer Tochter Janet, ihre Träume und ihr Gefühlsleben, das sie mit ihrer Psychotherapeutin Mrs. Marks bespricht. Der zweite Abschnitt ist eine Sammlung von Zeitungsartikeln von 1950 bis April 1954 über den Koreakrieg, Atombombenversuche und Aufstände in Osteuropa gegen die kommunistischen Regierungen, Stalins Tod.
- 2. Die Fortführung spielt im September 1954 und endet mit Annas Austritt aus der Kommunistischen Partei und der Trennung von Michael.
- 3. Anna schreibt über ihre Erfahrungen mit der Psychoanalytikerin Mrs. Marks (Mother Sugar), mit der Traumdeutung und ihrem Schritt, den Schutz der Mythen zu verlassen. Sie sieht sich nach Zusammenbrüchen, literarischen Fehlschlägen und Alpträumen von Zerstörungen auf einer neuen Stufe ihrer Persönlichkeitsentwicklung und bezieht eine andere Wohnung. Dann verstrickt sie sich durch zwei Affären in Nelsons Ehekrieg und in de Silvas „Freude-am-Schmerz-Zufügen-Prinzip“.
- 4. Diese Beziehungskonflikte steigern sich in der Affäre mit dem amerikanischen Sozialisten und Schriftsteller Saul Green[1] in eine labyrinthische, sadomasochistische Verstrickung. Beide leiden an Persönlichkeitsspaltung und suchen nach ihrer Identität, ihrem Lebensweg, und tragen zwischen Bindungszwang und Freiheitsbedürfnis einen Geschlechterkampf aus.
Das goldene Notizbuch
Im goldenen Notizbuch setzt Anna die detaillierte Beschreibung der Auseinandersetzungen, Bindungen, Trennungen und Versöhnungen mit Saul fort. In Träumen vermischen sich Filmsequenzen über ihre Leben mit ihren Verarbeitungen der Erlebnisse in den Notizbüchern. Anna und Saul überstehen beide gestärkt die Auseinandersetzungen. Bei seinem Abschied in ein noch zielloses Leben schenkt Anna Saul das goldene Notizbuch mit dem ersten Satz für seine Novelle, die er später veröffentlicht.
Themen
Die beiden Protagonistinnen – Anna Wulf und Molly Jacobs – gehören zu Beginn der Handlung der Kommunistischen Partei an. Geschildert wird die dort vorherrschende Doppelzüngigkeit zwischen den Polen von Organisationsdisziplin und der freien, auch zynischen Rede über die stalinistischen Verbrechen. Im weiteren Verlauf der Handlung schildert das Werk die politische Auseinandersetzung, die innere Zerrissenheit und die langsame Ablösung der beiden Frauen von der Kommunistischen Partei. Ein weiterer, kürzerer Erzählstrang befasst sich mit dem Rassismus in Rhodesien.
Ein anderes zentrales Thema ist der Umgang mit Männern, die – zumeist verheiratet – zu Liebhabern der Protagonistinnen werden. In diesen Beziehungen trennen die Frauen Liebe und Sexualität nicht voneinander, während dies den Männern gelingt. Lessing beschreibt das innere und äußere Erleben der Protagonistinnen, das Relative ihrer Überzeugungen und die psychologischen Aspekte ihrer Handlungsweisen. Doris Lessing schrieb, dass sie zeigen wolle, dass jede Generation von Intellektuellen in der Jugend ähnliche Fehler macht und nicht in der Lage ist, die Vergangenheit als Lehrbeispiel zu betrachten.
Der Roman verbindet die Geschichte Annas mit dem Titel „Ungebundene Frauen (Free Women)“, als Rahmenerzählung, auf kunstvolle Weise mit den vier Notizbüchern. Die Ich-Erzählerin grenzt die Notizbücher folgendermaßen voneinander ab: „Ich führe vier Notizbücher, ein schwarzes Notizbuch, das von Anna Wulf“ (der Protagonistin) „der Schriftstellerin handelt; ein rotes Notizbuch, das Politik betrifft; ein gelbes Notizbuch, in dem ich aus dem, was ich erlebt habe, Geschichten mache; und ein blaues Notizbuch, das den Versuch eines Tagebuchs vorstellt.“[2] Die einzelnen Lebensbereiche werden in eigenen Fragmenten oder Notizen erzählt. Die Erzählerin schildert weibliche Erfahrungen, wie den weiblichen Orgasmus und die Menstruation, die aus dieser Perspektive vorher noch nicht erzählt worden sind. Hinzu kommt die Auseinandersetzung mit der Verantwortung, die beide Frauen für ihr jeweiliges Kind tragen.
Rezeption
Das Werk wurde häufig als Klassiker des Feminismus bezeichnet; 1982 distanzierte sich Doris Lessing jedoch von dieser Sichtweise in einem Interview mit der New York Times.[3]
Der Literaturkritiker Harold Bloom nannte 2003 das Goldene Notizbuch „Lessings eine, unzweifelhafte Errungenschaft“, die gleichzeitig „immens einflussreich“ bleibe. Bloom sieht darin eine gewisse Ironie, da das Goldene Notizbuch ein weitgehend konventioneller Roman sei, der weder ihrem frühen Sozialrealismus ähnele noch ihren späteren Ausflügen in die düstere Welt der Phantastik. Zwar habe Lessings Werk „ganze Heerscharen von feministischen Romanen“ hervorgebracht, sei jedoch selbst kaum dem Feminismus zuzuordnen. Bloom sieht Lessing nicht auf einer Ebene mit George Eliot; ihr (Haupt-)Werk sei am ehesten mit Iris Murdoch zu vergleichen.[4]
1976 erhielt das Werk in französischer Übersetzung den französischen Literaturpreis Prix Médicis. 2005 nahm das Time Magazine das Goldene Notizbuch in eine Liste der hundert besten englischsprachigen Romane auf, die seit 1923 veröffentlicht wurden.[5] 2015 gab der Guardian eine Liste der 100 besten englischsprachigen Romane heraus, in der Lessings Roman ebenfalls enthalten war. Auch in der entsprechenden BBC-Liste ist das Goldene Notizbuch zu finden. Bei der Verleihung des Literaturnobelpreises an Lessing 2007 wurde das Goldene Notizbuch als einziges ihrer mehr als 50 Werke namentlich in der offiziellen Begründung genannt:
„Her most experimental novel, 'The Golden Notebook', from 1962, is a study of a woman's psyche and life situation, the lot of writers, sexuality, political ideas, and everyday life.“
Seit 2008 gibt es ein Webprojekt zum Buch, thegoldennotebook.org, bei dem eingeladene Leute sich Seite für Seite zum Text von The Golden Notebook äußern. Ergänzt wird das Projekt, für das der Arts Council England den Löwenanteil der Mittel beisteuerte, durch ein Forum für weitere Kommentare.
Ausgaben
- Doris Lessing: The Golden Notebook. Simon & Schuster, New York 1962, ISBN 978-0-553127591. (Erstausgabe)
- Doris Lessing: The Golden Notebook. Harper Perennial Modern Classics, New York 1999, ISBN 978-0061582486. (Aktuelle Taschenbuchausgabe)
- Doris Lessing: Das goldene Notizbuch, aus dem Englischen von Iris Wagner. Goverts, Frankfurt am Main 1978, ISBN 978-3-7740-0485-6. (Deutschsprachige Erstausgabe, Hardcover)
- Doris Lessing: Das goldene Notizbuch, aus dem Englischen von Iris Wagner. Fischer, Frankfurt am Main 1995, ISBN 978-3-596-25396-8. (Aktuelle deutschsprachige Taschenbuchausgabe)
Weblinks
- Website des Golden Notebook Project (mit Volltext des Romans auf Englisch)