Der Rabbi von Bacherach
Roman von Heinrich Heine (1840)
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Der Rabbi von Bacherach[1] ist der Titel des Fragments einer historischen Erzählung bzw. Romans von Heinrich Heine, die er 1824 begonnen hat. 1840 wurde das Fragment als erster Teil des 4. Bandes des Heineschen Sammelwerks Der Salon bei Hoffmann und Campe in Hamburg veröffentlicht. Der titelgebende Rabbi Abraham von Bacherach flieht darin mit seiner Frau Sara vor einem judenfeindlichen Anschlag in das jüdische Ghetto in Frankfurt am Main, wo er nach dem Besuch der Synagoge seinen spanischen Freund Don Isaak Abarbanel trifft.
Handlung
Das Fragment besteht aus 3 Kapiteln.
Im ersten Kapitel entwirft Heine zunächst das Bild der am Rhein gelegenen Stadt Bacherach, die als verfallen und verödet beschrieben wird. Er spricht dann von der dort seit Römerzeiten ansässigen kleinen Judengemeinde und den Verfolgungen der Juden in diesen Gegenden, insbesondere während der Großen Pest. Er erwähnt die Ritualmordlügen, mit denen die Pogrome gerechtfertigt wurden und insbesondere die des Werner von Oberwesel, zu dessen Andenken auch in Bacherach eine Sankt-Werners-Kirche erbaut worden sei.
Dann folgt die Beschreibung eines Sederabends, des Vorabends des Pessachfests im Haus des Rabbi Abraham, geschildert aus der Sicht seiner Frau Sara. Während der Rabbi den zahlreichen Familienmitgliedern Geschichten aus der Bibel erzählt oder vorliest, kommen plötzlich zwei Fremde herein, die sich als reisende Juden ausgeben. Abraham lädt sie zu Tisch. Während er weiterspricht, beobachtet Sara plötzlich ein grausiges Entsetzen in Abrahams Gesicht, doch sofort spricht er unnatürlich fröhlich und ausgelassen weiter. Als Sara ihm, wie den anderen Gästen, das Wasserbecken reicht, gibt er ihr ein Zeichen und geht hinaus, sie folgt ihm, er greift sie beim Arm und flieht mit ihr in großer Eile aus der Stadt, hinauf auf einen Felsen oberhalb des Rheins. Dort berichtet er: Er habe zufällig unterm Tisch eine Kinderleiche erblickt und sofort erkannt, dass die beiden Fremden gekommen seien, um ihm einen Kindermord in die Schuhe zu schieben und ihn dann zu töten. Er läuft mit Sara zum Rheinufer hinunter und auf die Landstraße nach Bingen. Nun setzt Heine alle Stilmittel der Schauerromantik ein, um eine düstere und bedrohliche Stimmung zu vermitteln:
- Es war eine jener Frühlingsnächte, die zwar lau genug und hellgestirnt sind, aber doch die Seele mit seltsamen Schauern erfüllen. Leichenhaft dufteten die Blumen; schadenfroh und zugleich selbstbeängstigt zwitscherten die Vögel; der Mond warf heimtückisch gelbe Streiflichter über den dunkel hinmurmelnden Strom; die hohen Felsenmassen des Ufers schienen bedrohlich wackelnde Riesenhäupter; der Thurmwächter auf Burg-Strahleck blies eine melancholische Weise; und dazwischen läutete, eifrig gellend, das Sterbeglöckchen der Sankt-Wernerskirche.[2.1]
Schließlich lassen sie sich vom „stillen Wilhelm“, einem stummen Fischer, in seinem Boot nach Frankfurt am Main rudern.
Im zweiten Kapitel erreichen Rabbi Abraham und Sara Frankfurt und begehren am Tor der Judengasse Einlass. Dort gibt es einen witzigen Dialog zwischen dem ängstlichen Türschließer Nasenstern und Jäkel dem Narren, ehe Nasenstern das Tor öffnet. Jäkel der Narr singt dem Rabbi und seiner Frau das Chad gadja, das letzte Lied der Haggada vor, das bei Heine mit der vorletzten Strophe endet:
- „Es kam ein Todesenglein und schlachtete das Schlächterlein, das geschlachtet das Oechslein, das gesoffen das Wässerlein, das gelöscht das Feuerlein, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwey Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein!“
Hier wird der unterbrochene Sederabend von Bacherach gewissermaßen abgeschlossen und Jäckel der Narr fügt eine Deutung als Ankündigung einer einstigen Rache für das vergossene Blut der ermordeten Juden hinzu
- „Ja, schöne Frau […] einst kommt der Tag, wo der Engel des Todes den Schlächter schlachten wird, und all unser Blut kommt über Edom; denn Gott ist ein rächender Gott — — —“[2.2]
Abraham muss erklären, wieso er am Feiertag reist, und erklärt es mit einer Flucht aus Lebensgefahr. „Gefahr vertreibt den Sabbath“, wie es im Talmud hieße.[2.3] Durch die wegen des Feiertags stille Judengasse gehen die beiden zur Synagoge, wo sie sich trennen müssen, weil die Männer unten und die Frauen oben auf der Galerie beten. Sara lernt dort die sehr gesprächige Schnapper-Elle kennen, die mit einer anderen Jüdin in Streit gerät. Der Streit endet, als Sara in Ohnmacht fällt und die anderen Frauen ihr helfen. Sara hatte ihren Mann unten sprechen gehört. Er hatte, wie es Sitte war, das Wort ergriffen, um Gott für die Rettung aus großer Gefahr zu danken, dann aber das Totengebet für alle mutmaßlich totgeschlagenen Angehörigen gesprochen. Erst dadurch war Sara klar geworden, dass ihre ganze Familie in Bacharach wohl einem Pogrom zum Opfer gefallen war.
Das dritte Kapitel spielt nach dem Gottesdienst auf der belebten Frankfurter Judengasse. Abraham und Sara treffen dort den Ritter Don Isaak Abarbanel, der sogleich der schönen Sara seine treuen Dienste anbietet. Abraham erkennt in ihm einen Jugendfreund wieder, den er sieben Jahre zuvor in Toledo kennen gelernt und den er damals vor dem Ertrinken im Fluss Tajo gerettet hatte. Im Gespräch mit Abraham bekennt sich Don Isaak, der ebenfalls jüdischer Abstammung ist, zu Abrahams Entsetzen zum Heidentum. Allerdings verehre er nach wie vor die jüdische Kochkunst, speziell die von Schnapper-Elles Garküche, und lädt die beiden hungrigen Flüchtlinge nach dort zum Essen ein. Dort angekommen, überschüttet er die verwitwete Wirtin mit Komplimenten. Damit endet der Text.
Hintergrund und Entstehung
Namen von Personen und Orten in der Erzählung sind durchgängig verfremdet. So ist der Handlungsort des 1. Kapitels offenbar Bacharach am Rhein, was als Bacherach erscheint, die dortige Wernerkapelle wird auch in der Erzählung erwähnt. Über Bacharach liegt die Burg Stahleck, die hier Burg Sareck heißt. Der im 3. Kapitel erscheinenden Figur des jugendlichen spanischen Ritters Don Isaak Abarbanel entspricht der jüdische Philosoph Isaak Abrabanel. Der Erzähler erwähnt anfangs, dass seit der Judenverfolgung von 1287 nach dem Tod des Werner von Oberwesel über 200 Jahre vergangen seien[2.4], also das Ende des 15. Jahrhunderts der Zeitpunkt der Handlung ist. Zu dieser Zeit war allerdings der historische Isaak Abrabanel schon über 50 Jahre alt. Heines Vorbild für den vom Judentum abtrünnigen jungen Mann war daher vermutlich Abrabanels dritter Sohn Samuel.[3.1]
Die Idee einer historischen Erzählung aus der jüdischen Geschichte entstand im Kontext des Vereins für Cultur und Wissenschaft der Juden der sich nach den antisemitischen Ausschreitungen der Hep-Hep-Krawallen von 1819 gegründet hatte und in den Heine am 4. August 1822 auf Antrag seines Freundes, des liberalen Hegelianers Eduard Gans aufgenommen worden war. Der Verein verfolgte Gans zufolge das Ziel, „die jüdische Welt sich selbst vorstellig zu machen“, also einen wissenschaftlichen Zugang zu jüdischer Religion und Geschichte als Grundlage einer modernen jüdischen Identität zu erarbeiten.[3.2]
Neben Gans gehörten mit Leopold Zunz und Moses Moser weiter Freunde Heines dem Verein an, deren Hilfe er bei den Vorarbeiten zum Rabbi immer wieder in Anspruch nehmen würde. Der Verlauf dieser Vorarbeiten und Recherchen Heines ist anhand von Heines Briefen an die Freunde und der von Heine aus der Bibliothek der Universität Göttingen entliehenen Bücher nachvollziehbar und datierbar. Zu den von Heine entliehenen Titeln gehören Handbuch für Reisende am Rhein von Schafhausen bis Holland von Aloys Wilhelm Schreiber, die Jüdischen Merkwürdigkeiten von Johann Jacob Schudt (1714–1718), die Frankfurt-Chronik des Achilles August von Lersner (Der Weitberühmten freyen Reichs- Wahl- und Handels-Stadt Franckfurt am Mayn Chronica, 1734) und vor allem die 15-bändige jüdische Geschichte von Jacques Basnage (Histoire des juifs, depuis Jesus Christ jusqu’à présent) in der erweiterten Ausgabe von 1716.[4]
Die eigentliche Arbeit an der Erzählung begann Heine wahrscheinlich im Mai 1824, nachdem er von einem Besuch in Berlin nach Göttingen zurückgekehrt war. Am 24. Mai schreibt er an seinen Studienfreund Rudolf Christiani: „[…] doch bin ich jetzt an einer großen Novelle, die mir sehr sauer wird.“ Anhand der Ausleihlisten zeigt sich, dass Heine die Arbeit am Rabbi wohl bis zum Beginn der Harzreise im September fortgeführt hat. Am 24. Juni schreibt er an Moser:
- „Außerdem treibe ich viel Chronikenstudium und ganz besonders viel historia judaica. Letztere wegen Berührung mit dem Rabbi, und vielleicht auch wegen inneren Bedürfnisses. Ganz eigene Gefühle bewegen mich wenn ich jene traurige Analen durchblättre; eine Fülle der Belehrung und des Schmerzes. Der Geist der jüdischen Geschichte offenbart sich mir immer mehr und mehr, und diese geistige Rüstung wird mir gewiß in der Folge sehr zu statten kommen. An meinen Rabbi habe ich erst 1/3 geschrieben, meine Schmerzen haben mich auf schlimme Weise daran unterbrochen, und Gott weiß ob ich ihn bald und gut vollende. Bey dieser Gelegenheit merkte ich auch daß mir das Talent des Erzählens ganz fehlt; vielleicht thue ich mir auch Unrecht und es ist bloß die Sprödigkeit des Stoffes. Die Paschafeyer ist mir gelungen, ich bin Dir für die Mitheilung der Agode Dank schuldig[.]“[3.3]
Nach der Harzreise jedoch gerät die Arbeit ins Stocken. Am 25. Oktober schreibt er an Moser:
- „Blut wenig habe ich diesen Sommer geschrieben. Ein paar Bogen an den Memoiren. Verse gar keine. Am Rabbi wenig, so daß kaum 1/3 davon geschrieben ist. Er wird aber sehr groß, wohl ein dicker Band, und mit unsäglicher Liebe trage ich das ganze Werk in der Brust. Ist es ja doch ganz aus der Liebe hervorgehend, nicht aus eitel Ruhmgier. Im Gegentheil wenn ich der Stimme der äußern Klugheit Gehör geben wollte so würde ich es gar nicht schreiben. Ich sehe voraus wie viel ich dadurch verschütte und feindseeliges herbeyrufe. Aber eben auch weil es aus der Liebe hervorgeht wird es ein unsterbliches Buch werden, eine ewige Lampe im Dome Gottes, kein verpraßlendes Theaterlicht. Ich habe viel Geschriebenes in diesem Buche wieder ausgelöscht, jetzt erst ist es mir gelungen das Ganze zu fassen, und ich bitte nur Gott mir gesunde Stunden zu geben es ruhig nieder zu schreiben.“[3.4]
In den folgenden Monaten betrieb er weiteres Quellenstudium, schrieb aber nur wenig, da das Examen und die Vorbereitung auf die seine Taufe anstanden und Heine zudem wieder stark unter Kopfschmerzen litt. Am 1. Juli 1825 schreibt er an Moser:
- „[Der Rabbi] schreitet nur langsam vorwärts, jede Zeile wird abgekämpft, doch drängts mich unverdrossen weiter indem ich das Bewußtseyn in mir trage daß nur Ich dieses Buch schreiben kann, und daß das Schreiben desselben eine nützliche, gottgefällige Handlung ist. Doch ich breche hiervon ab, indem dieses Thema mich leicht dazu bringen kann von der eignen Seelengröße selbstbespiegelnd zu renomiren. […] Es wird ein Buch seyn das von den Zunzen aller Jahrhunderte als Quelle genannt werden wird.“
1826 plante Heine, den Rabbi – zumindest in gekürzter Form – im 2. Band der Reisebilder erscheinen zu lassen und schreibt in dieser Hinsicht an verschiedene Freunde. Bekanntlich geschah das nicht. Wie viel oder wie wenig von dem schließlich veröffentlichten Fragment oder sogar darüber hinaus damals und in den folgenden Jahren existierte, ist unklar und bleibt umstritten. Am 30. März 1837 erwähnt Heine in einem Brief an seinen Verleger Campe den Rabbi im Zusammenhang mit einer geplanten Gesamtausgabe: „So ist mir diese Tage zufällig unter alten Papieren das Broullion[5] des 1ten und 2ten Buches eines Romans, genannt der Rabbi, welcher bey meiner Mutter verbrannt ist, in die Hände gekommen, und drgl Dinge aus dem Broullion wieder heraus zu schreiben ist Höllenarbeit.“ Der von Heine erwähnte Brand ist der im Haus Betty Heines am 3. November 1833, bei dem auch Familienpapiere Heines vernichtet wurden.[3.5]
Der Rabbi sollte aber weitere Jahre liegen bleiben und seine Überarbeitung und sein Erscheinen erst durch äußere Ereignisse induziert werden, nämlich die sogenannte Damaskusaffäre von 1840, eine Ritualmordanklage gegen die Juden von Damaskus, gefolgt von Übergriffen der osmanischen Behörden, Pogromen im Nahen Osten und Protesten seitens westlicher Diplomaten und Vertretern der Presse, darunter Heinrich Heine. Der schrieb in der Augsburger Allgemeinen Zeitung vom 7. Mai 1840[6]:
- „Die heutigen Pariser Blätter bringen einen Bericht des k. k. österreichischen Consuls zu Damascus an den k. k. österreichischen Generalconsul in Alexandria, in Bezug der Damascener Juden, deren Martyrthum an die dunkelsten Zeiten des Mittelalters erinnert. Während wir in Europa die Märchen desselben als poetischen Stoff bearbeiten und uns an jenen schauerlich naiven Sagen ergötzen, womit unsere Vorfahren sich nicht wenig ängstigten; während bei uns nur noch in Gedichten und Romanen von jenen Hexen, Wehrwölfen und Juden die Rede ist, die zu ihrem Satansdienst das Blut frommer Christenkinder nöthig haben; während wir lachen und vergessen, fängt man an im Morgenlande sich sehr betrübsam des alten Aberglaubens zu erinnern und gar ernsthafte Gesichter zu schneiden, Gesichter des düstersten Grimms und der verzweifelnden Todesqual! Unterdessen foltert der Henker, und auf der Marterbank gesteht der Jude, daß er bei dem herannahenden Paschafeste etwas Christenblut brauchte zum Eintunken für seine trockenen Osterbröde, und daß er zu diesem Behufe einen alten Kapuziner abgeschlachtet habe!“[7]
Heine verfasste in der Folge ein Halbdutzend weiterer Artikel und machte sich darüber hinaus daran, den Rabbi zumindest in Fragmentform fertig für den Druck zu machen. Im Juli sendet er die Reinschriften an Campe und schreibt im Begleitbrief:
- „Ich habe dieses mittelalterliche Sittengemälde vor etwa 15 Jahren geschrieben und was ich hier gebe ist nur die Exposizion des Buches, das bey meiner Mutter verbrannt ist — vielleicht zu meinem Beste[n]. Denn im Verfolg traten die ketzerischsten Ansichten hervor, die sowohl bey Juden wie Christen viel Zetergeschrey hervorgerufen hätten.“[3.6]
Die Novelle erschien dann als 1. Teil im 4. Band des Heineschen Sammelwerks Der Salon, am Ende versehen mit dem Hinweis „Der Schluß und die folgenden Kapitel sind, ohne Verschulden des Autors, verloren gegangen.“[2.5] Zu Lebzeiten Heines wurde sie nicht nachgedruckt und es erschien auch keine französische Übersetzung.
Rezeption
Verglichen mit anderen Werken Heines war der Widerhall bei den Zeitgenossen ausgesprochen gering. So finden sich in Heinrich Heines Werk im Urteil seiner Zeitgenossen, der 13-bändigen erschöpfenden Quellensammlung zur Heine-Rezeption lediglich 4 Nachweise zum Rabbi von Bacherach und keiner davon ist eine Rezension oder eigentliche Darstellung des Textes, sondern es sind 2 Zeitungsartikel, in denen der Rabbi beiläufig erwähnt wird, sowie 2 Literaturgeschichten aus den 1850er Jahren.[8]
Auch das Interesse der Forschung am Rabbi sowie den beiden anderen Versuchen Heines im Bereich der erzählenden Prosa, nämlich Memoiren des Herren von Schnabelewopski und Florentinische Nächte, war relativ gering und die Bewertungen negativ bis bestenfalls ambivalent, wie Gerhard Höhn feststellt.[9.1] Spezielle Aufmerksamkeit fand das Rabbi-Fragment erst mit der Dissertation Lion Feuchtwangers von 1907. Feuchtwanger wie auch spätere Germanisten, die sich mit dem Fragment befassten, mussten versuchen, eine Erklärung für die offensichtlichen Brüche in Handlung und Stil zu finden und außerdem die Frage untersuchen, welcher Teil wann geschrieben wurde und ob es jemals eine umfangreichere oder gar eine vollständige Fassung gegeben hat.
Letztlich müssen diese Fragen jedoch unbeantwortet bleiben, will man sich nicht im Spekulativen verlieren. Jeffrey L. Sammons wählte daher einen anderen Ansatz, indem er die strukturellen Gegensätze untersuchte, die im Fragment manifest sind. Er fand deren vier[10.1], nämlich erstens den Gegensatz zwischen dem jüdischen Volk und der christlichen Umgebung. Hier gibt es mit dem Rabbi Abraham einen klar gezeichneten Protagonisten. Der Antagonist in Gestalt der beiden beim Seder auftauchenden Männer bleibt jedoch namenlos und gesichtslos, wodurch ein dramatisches Moment gar nicht erst entstehen könne.
Zweitens die Schuld, die der Rabbi auf sich lädt, indem er Familie und Gemeinde im Stich lässt. Er erklärt zwar seiner Frau auf der Flucht, dass der Anschlag nur auf ihn ziele und die Anderen in relativer Sicherheit seien, widerlegt sich dann aber im 2. Kapitel selbst, indem er die Namen der Familie und Gemeinde im Totengebet rezitiert, erweist sich also nicht nur als Feigling, sondern auch als Lügner. Nun ist laut Sammons ein Autor nicht verpflichtet, nur edle Charaktere zu zeichnen, „wir erwarten jedoch, dass diese Vorgänge dem Rabbi ein gewisses Maß an Qual abfordern würden.“[10.2] Nichts dergleichen ist zu vermerken. Zu Beginn des 3. Kapitels zeigt sich der Rabbi „mit heiterem Antlitz“[2.6] und scherzt später munter mit Don Isaak. Wurde die Frage der Schuld vom Autor beiseite geschoben, wäre dies ein unaufhebbarer Makel des Texts. Sollte das Problem an späterer Stelle behandelt werden, so kann nichts darüber gesagt werden, ohne sich in Spekulation zu verlieren.
Drittens Anspruch und Wirklichkeit jüdischen Lebens und jüdischer Tradition und die Spannung zwischen „auserwähltem Volk“ und dem elenden Leben im Ghetto. Diese sieht Sammons ausgeführt in der Gestalt des Rabbi als Vertreter der Orthodoxie und dem Ritual des Seder-Abends einerseits und der satirischen Schilderung der Wächter am Ghettotor andererseits, über welche der Rabbi zu seiner Frau sagt: „Sieh, schöne Sara […] wie schlecht geschützt ist Israel! Falsche Freunde hüten seine Thore von außen, und drinnen sind seine Hüter Narrheit und Furcht!“[2.7] Sammons meint, dass der Gegensatz zur Satire hier zu schwach sei und sein müsse, da es nicht Heines Naturell entsprochen habe, eine über Sentimentalität und Ästhetik hinausgehende Darstellung wahrer Frömmigkeit zu geben.[10.3]
Viertens der Gegensatz zwischen Rabbi Abraham und dem Apostaten Don Isaak Abarbanel als Verkörperungen von „Nazarenertum“ bzw. „Hellenentum“. Die Figur des Don Isaak wird im 3. Kapitel ganz unvermittelt eingeführt, ohne dass die Gegensätze und Probleme des vorhergehenden Textes aufgelöst worden wären oder dass eine Auflösung absehbar sei, den Eindruck vermittelnd, dass der Heine von 1840 das Interesse daran verloren habe und sich in eine ganz neue Richtung bewegen wolle. Darüber hinaus sei der Versuch Heines, einen romantischen Roman mit jüdischer Thematik zu schreiben, mit inhärenten Problemen behaftet. „Rheinromantik“ und jüdisches Ghette würden einfach nicht zusammen passen, so Sammons.[10.4]
Adaptionen
Der Fragmentcharakter des Werks hat mindestens zweimal zu Fortsetzung bzw. Vollendung Anreiz gegeben. 1894 hat Karl Weise unter dem Titel Rabbi David eine dramatische Bearbeitung veröffentlicht und zur Aufführung gebracht und 1913 erschien ein Rabbi von Bacharach, „fortgesetzt und vollendet von Max Viola“ in Prosa.[11] Beide Adaptionen gelten als künstlerisch unbedeutend.[9.2]
Im Jahr 1963 produzierte der SWF eine Hörspielfassung von Konrad Winkler unter dem Titel Der Rabbi von Bacharach. Die Erstsendung fand am 13. März 1963 statt. Die Abspieldauer beträgt 29'25 Minuten. Unter der Regie von Karlheinz Schilling sprachen Andrea Gabriel, Liselotte Kuschnitzky, Alwin Michael Rueffer und Robert Seibert.[12]
Ausgaben

Erstdruck:
- Der Rabbi von Bacherach. Ein Fragment. In: Der Salon von H. Heine. Vierter Band. Hoffmann & Campe, Hamburg 1840, S. 1–109.
Übersetzung:
- Le rabbin de Bacharach. In: Drames et fantaisies. Michel Livy freres, Paris 1864, S. 299–582.
Einzelausgaben:
- Der Rabbi von Bacherach. Ein Fragment. Mit Zeichnungen von Ludwig Schwerin. Mit den zugehörigen Briefen Heines und mit einem Nachwort von Erich Loewenthal. Schocken, Berlin 1937.
- Der Rabbi von Bacherach. Mit 17 Lithographien von Max Liebermann. Propyläen, Berlin 1923. Neuausgabe: Mit einem Nachwort von Gotthard Erler. Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar 1971.
- Der Rabbi von Bacherach. Ein Fragment. Mit elf Faksimiles nach Farblithographien von El Lissitzky zum „Chad Gadya“. Buchverlag der Morgen, Berlin, 1978.
- Der Rabbi von Bacherach. Ein Fragment. Hrsg. mit einem Nachwort von Hartmut Kircher. Universal-Bibliothek 2350. Reclam Verlag, Stuttgart 1983, ISBN 3-15-002350-5.
- Lästerliche Schriften. Der Rabbi von Bacherach. Bibliothek der verbotenen Bücher. Herausgegeben und eingeleitet von Heinz-Joachim Fischer. Marixverlag, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-86539-220-6.
Werkausgaben:
- Der Rabbi von Bacherach. In: Düsseldorfer Heine-Ausgabe. Band 5. Hoffmann & Campe, Hamburg 1994, S. 107–145.
- Der Rabbi von Bacherach. In: Heine-Säkularausgabe Band 9. Prosa 1836-1840. Hrsg. von Fritz Mende. Akademie Verlag, Berlin 1979, ISBN 3-05-005314-3, S. 54–87.
Hörbuch:
- Rainer Schepper liest Heinrich Heine, Der Rabbi von Bacherach. 2 CDs. Longinus Audio, Coesfeld 2017, ISBN 978-3-945113-23-3.
Literatur
- Barbara Bauer: Nicht alle Hebräer sind dürr und freudlos. Heinrich Heines Ideen zur Reform des Judentums in der Erzählung „Der Rabbi von Bacherach“. In: Heine-Jahrbuch 1996.
- Alfred Bodenheimer: „Die Engel sehen sich alle ähnlich“. Heines Rabbi von Bacherach als Entwurf einer jüdischen Historiographie. In: Ferdinand Schlingensiepen, Manfred Windfuhr (Hrsg.): Heinrich Heine und die Religion, ein kritischer Rückblick. Ein Symposium der Evangelischen Kirche im Rheinland vom 27.–30. 10. 1997. Düsseldorf, 1998, S. 49–64.
- Rainer Feldmann: Heinrich Heine. Der Rabbi von Bacherach. Dissertation Paderborn 1984.
- Lion Feuchtwanger: Heinrich Heines „Rabbi von Bacherach“. Dissertation München 1907. Nachdruck: Heinrich Heines Rabbi von Bacherach. Mit Heines Erzählfragment. Eine kritische Studie. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-596-25868-5.
- Franz Finke: Zur Datierung des „Rabbi von Bacherach“. In: Heine-Jahrbuch 1965, S. 26–32.
- Gerhard Höhn: Heine-Handbuch : Zeit, Person, Werk. Metzler, 2004, ISBN 3-476-01965-9, S. 436–445.
- Anne Maximiliane Jäger: Bacherach – Frankfurt – Toledo. Heines Rabbi von Bacherach als literarisches Projekt der jüdischen Aufklärung. In: Aufklärung und Skepsis. Internationaler Heine-Kongreß 1997 zum 200. Geburtstag. Hg. von Joseph A. Kruse, Bernd Witte und Karin Füllner. Stuttgart u. a. 1999, S. 334–351.
- Gert Kaiser, Joachim Rickes: Die rätselhafte Flucht des Rabbi von Bacherach. Überlegungen zu einer Neudeutung von Figur und Fragment. In: Heine gehört auch uns. Tagungsband des Internationalen Heine-Symposiums '97 Beijing. Veranstaltet von der Peking-Universität und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Hg. von Zhang Yushu. Peking 1998, S. 119–142.
- Florian Krobb: ‚Mach die Augen zu, schöne Sara‘. Zur Gestaltung der jüdischen Assimilationsproblematik in Heines „Der Rabbi von Bacherach“. In: German Life and Letters, N. S., Bd. 47, Nr. 2, Oxford 1994, S. 167–181.
- Dorothy Lasher-Schlitt: Heine’s Unresolved Conflict and Der Rabbi von Bacherach. In: Germanic Review, 27 (1952), S. 173–187.
- Erich Ludwig Loewenthal: Der Rabbi von Bacherach. In: Heine-Jahrbuch 1964, S. 3–16 (zuerst erschienen in der Ausgabe des Rabbi von Bacherach bei Schocken, 1937).
- Fritz Mende, Christa Stöcker: Heinrich Heine Säkularausgabe Band 9. Prosa 1836-1840. Kommentar. Akademie Verlag, Berlin 1994, ISBN 3-05-005315-1, S. 101–155.
- Ludwig Rosenthal: Einige Glossen zu dem Notizblatt Heines für den „Rabbi von Bacherach“. In: Heine-Jahrbuch 1971, S. 20–25.
- Jeffrey L. Sammons: Heine’s „Rabbi von Bacherach“: The Unresolved Tensions. In: The German Quarterly Bd. XXXVII, Nr. 1 (1964), S. 26–38.
- Jeffrey L. Sammons: The Elusive Novel: „Der Rabbi von Bacherach“, „Schnabelewopski“, and „Florentinische Nächte“. In: (ders.): Heinrich Heine, the Elusive Poet. Yale University Press, New Haven 1969, S. 301–313.
- Giulio Schiavoni: Heine und die „Blutschuld“ der Juden. Über die Erzählung „Der Rabbi von Bacherach“. In: Der Deutschunterricht. 5/1997 (Heine in der Schule) S. 49–55.
- Jonathan Skolnik: Die seltsame Karriere der Familie Abarbanel. - In: Aufklärung und Skepsis. Internationaler Heine-Kongreß 1997 zum 200. Geburtstag. Hg. von Joseph A. Kruse, Bernd Witte und Karin Füllner. Stuttgart u. a. 1999, S. 322–333.
- Anthony Stephens: Von Schwellen und deren Überschreitung. Heines „Der Rabbi von Bacherach“. In: Günter Blamberger, Manfred Engel, Monika Ritzer (Hrsg.): Studien zur Literatur des Frührealismus. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1991, ISBN 3-631-43270-4, S. 192–222.
- Israel Tabak: Judaic Lore in Heine. The Heritage of a Poet. Johns Hopkins Press, Baltimore 1948, S. 83–92.
- Manfred Windfuhr: „Der Rabbi von Bacherach“. Zur Genese und Produktionsästhetik des zweiten Kapitels. In: Heine-Jahrbuch 1989, S. 88–117.
Weblinks
- Der Rabbi von Bacherach Digitalisat. Projekt Gutenberg (deutsch).
- Der Rabbi von Bacherach bei Zeno.org.
- Rheinromantik und Judenpogrome, Beitrag von Kirsten Serup-Bilfeldt im Deutschlandfunk vom 11. Oktober 2013