Über Polen
Aufsatz Heinrich Heines über eine Reise nach Polen
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Über Polen ist ein Aufsatz Heinrich Heines über eine Reise nach Polen, die Heine zwischen dem 7. August und dem 25. oder 28. September 1822 unternommen hatte. Der Bericht erschien als Serie von 8 Artikeln vom 17. bis 29. Januar 1823 in der Berliner Zeitschrift Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz.[1] Heine vergleicht darin die polnischen und deutschen „Nationaalcharaktere“, findet die Polen zwar barbarisch und rückständig, dafür aber unverdorbener und authentischer als die Deutschen. Heines Schrift ist daher weniger eine Beschreibung Polens als eine Kritik an Deutschland.

Hintergrund
Heine besuchte das Großherzogtum Posen, den preußisch besetzten Teil Polens, das nach der Aufteilung zwischen Russland und Preußen im Wiener Kongress seine selbständige Staatlichkeit eingebüßt hatte. Hauptziele Heines waren die Städte Gnesen und Posen. Berlin war für die Bewohner der preußischen Provinz Posen auch Universitätsstadt und zahlreiche junge Polen kamen an die Berliner Universität, namentlich, um die Vorlesungen Hegels zu hören. Heine hatte unter diesen zahlreiche Freunde und Bekannte und hatte bereits in den Briefen aus Berlin über diese Studenten berichtet und war genau informiert über deren Umtriebe und die gegen diese gerichteten obrigkeitlichen Aktionen zu denen auch Relegationen, Verhaftungen und Ausweisungen gehörten.
Zu den hier Betroffenen gehörte auch Graf Eugen(iusz) von Breza (1802–1869), der im März 1822 gezwungen war, sich durch Flucht einer drohenden Verhaftung zu entziehen. In seinen Briefen aus Berlin hatte Heine auf heftigste bedauert, dass „mein köstlichster Freund, der Liebenswürdigste der Sterblichen, Eugen v. B. […] vorgestern abgereist“ ist.[2.1] Nun hatte Breza Heine eingeladen, ihn auf dem Gut seines Vaters bei Gnesen zu besuchen.[3.1][4]
Ein weiterer Grund für Heine, sich für Polen zu interessieren, waren die polnischen Juden. Heine war im August 1822 dem Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden beigetreten, der sich zum Ziel gesetzt hatte, einen wissenschaftlichen Zugang zu jüdischer Religion und Geschichte als Grundlage einer modernen jüdischen Identität zu erarbeiten. Zu den Mitgliedern des Vereins zählten nun auch eine ganze Reihe aus Polen eingewanderter Juden, darunter Isaac Levin Auerbach, Joel Abraham List, Elieser Sinai Kirschbaum, Josef Perl und andere.[5.1]
In einem Brief an seinen Freund Christian Sethe vom 21. Januar 1823 beklagt Heine sich, dass Professor Gubitz, der Herausgeber der Zeitung, den Text „auf schändliche Weise mit Surogatwitzen verändert“ habe und darüber hinaus die Zensur ihn „tüchtig zusammengestrichen“ habe.[6.1] Da kein Manuskript des Originaltextes erhalten ist, können Eingriffe und Veränderungen nicht mehr nachvollzogen werden. Heine hat 1825/26 beabsichtigt, eine erweiterte Fassung im 2. Teil der Reisebilder zu veröffentlichen und wollte 1852 eine wiederhergestellte und gekürzte Fassung im Band 13 der damals geplanten Gesamtausgabe aufnehmen. „Ein sehr frühjugendlicher und sehr vergubitzter Aufsatz aus dem ‚Gesellschafter‘, der stark restaurirt werden muß; der Schwanz, welcher von altdeutschen Gedichten handelt, muß ganz abgeschnitten werden!“ schrieb Heine damals.[7] Dazu ist es nicht gekommen.[3.2]
Inhalt
Der Aufsatz ist in zwei Teile gegliedert.
Heine beginnt in seinem Bericht mit einer Art Landeskunde, kommt von der unromantisch flachen Landschaft zu den elenden Lehmhüttendörfern und von da zu den Bauern und ihrer Tracht, merkt an, dass die Polen es im Trinken „übermenschlich weit gebracht“ hätten, erwähnt den bei den Bauern weit verbreiteten Weichselzopf und schreibt, dass bei ihnen zur völligen Personifikation der Unterwürfigkeit „nur der wedelnde Hundeschweif“ fehle. Was die Befreiung der polnische Bauern aus der Leibeigenschaft angehe, so bezweifelt Heine, dass diese für die Betroffenen eine Verbesserung bringe, da sie damit neben der Knechtschaft auch die Hilfe des adeligen Herrn in den diversen Wechselfällen des Lebens verlieren würden, und er stellt fest, dass die „Vormundschaft von den meisten Edelleuten sehr gewissenhaft und liebreich ausgeübt wird.“[2.2]
Dann kommt Heine auf die Juden zu sprechen, die in Polen zwischen Adel und Bauern einen „dritten Stand“ bilden würden. Er beschreibt die von ihnen ausgeübten Handwerke und betriebenen Geschäfte und insbesondere das Faktorenwesen. Der Faktor sei derjenige, der dem Adeligen alles beschaffe, was dieser wolle. „Eine originelle Einrichtung, welche ganz die Bequemlichkeitsliebe der polnischen Edelleute zeigt.“ Was das Äußere und die Sprache der polnischen Juden – er beschreibt das Jiddische, den „Juden-Jargon“, als „ein mit Hebräisch durchwirktes und mit Polnisch faconnirtes Deutsch“ – so zeigt Heine sich angewidert, bekennt aber dennoch, er „schätze […] den polnischen Juden weit höher als so manchen deutschen Juden. […] Der polnische Jude mit seinem schmutzigen Pelze, mit seinem bevölkerten Barte und Knoblauchgeruch und Gemauschel ist mir noch immer lieber als [m]ancher [deutsche Jude] in all seiner staatspapiernen Herrlichkeit.“[2.3]
Nach den Juden ist der polnische Adel an der Reihe, dem Heine die Adjektive „gastfrei, stolz, muthig, geschmeidig, falsch (dieses gelbe Steinchen darf nicht fehlen), reizbar, enthusiastisch, spielsüchtig, lebenslustig, edelmüthig und übermüthig“ zuweist. Und von dem dünkelfreien und volksverbundenen Adel kommt Heine auf den polnischen Nationalcharakter, der durch die Vaterlandsliebe bestimmt ist: „Die Vaterlandsliebe ist bei den Polen das große Gefühl, worin alle anderen Gefühle wie der Strom in das Weltmeer zusammenfließen.“[2.4]
Am Ende des ersten Teils widmet sich Heine ausführlich einem Hymnus auf die polnische Frau: „Jetzt aber knien Sie nieder, oder wenigstens ziehen Sie den Hut ab – ich spreche von Polens Weibern.“[2.5] Wie häufig bei Heine, wird der enthusiastische Frauenpreis dann bald eingeschränkt und ironisch gemildert:
„Ich will hier nicht sagen, die Weiber hätten gar keinen Charakter. Beileibe nicht! Sie haben vielmehr jeden Tag einen andern. […] Jeden Tag wechseln sie ihre Weltansichten, meistens ohne sich dessen bewußt zu seyn. Sie stehen des Morgens auf wie unbefangene Kinder, bauen des Mittags ein Gedankensystem, das wie ein Kartenhaus des Abends wieder zusammenfällt. Haben sie heute schlechte Grundsätze, so wette ich darauf, haben sie morgen die allerbesten. Sie wechseln ihre Meinungen so oft wie ihre Kleider. Wenn in ihrem Geiste just kein herrschender Gedanke steht, so zeigt sich das Allererfreulichste, das Interregnum des Gemüths. Und dieses ist bey den Frauen am reinsten und am stärksten und führt sie sicherer als die Verstandes-Abstraktions-Laternen, die uns Männer so oft irre leiten.“[2.6]
Anschließend macht Heine sich dann an einen detaillierten Vergleich der polnischen und der deutschen „Weiber“ und untersucht, in welcher Lebenssituation welche Nationalität zu empfehlen ist.
Im zweiten Teil entwickelt Heine dann die Theorie, dass, da den Polen nun der Dienst in einem polnischen Heer nicht mehr möglich sei, die Polen sich nun auf die Wissenschaften verlegen würden., wodurch im Lauf der folgenden Jahrzehnte der ganze Volkscharakter eine neue Gestalt annehmen würde. Den Versuch der Polen, gewissermaßen aus dem Stand eine Nationalliteratur zu schaffen, betrachtet er mit Skepsis, würdigt jedoch den guten Willen. Er ist zuversichtlich: „Der Pole wird die Feder eben so gut führen wie die Lanze und wird sich ebenso tapfer zeigen auf dem Gebiete des Wissens als auf den bekannten Schlachtfeldern.“ Ein Vorteil der Polen dabei sei, dass die, die sich jetzt auf die Wissenschaft werfen, meist Adelige und von Haus aus vermögend seien und daher nicht wie die Deutschen gezwungen seien, die Wissenschaft um des Broterwerbs willen zu betreiben, wie oft in Deutschland der Fall.[2.7]
Abschließend kommt Heine auf Posen und die dortigen kulturellen Einrichtungen, namentlich das Theater, wobei er ins Einzelne gehend diesen Schauspieler oder jene Schauspielerin würdigt und die Stücke benennt, in denen sie aufgetreten sind.
Rezeption
Die Reaktionen aus dem Umfeld Heines, insbesondere aus dem Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden, waren weitgehend positiv, wie Heine selbst schreibt, der wiederum mit seinem Aufsatz weniger zufrieden war. Am 7. April 1823 schrieb er an Immanuel Wohlwill, einen Freund aus dem Verein:
„Daß Dir mein Memoir über Polen gefallen, das ist sehr edel von Dir. Von allen Seiten hat man meiner scharfen Auffassung Polens großes Lob gezollt; nur ich selbst kann in dieses Lob nicht einstimmen. Ich war diesen Winter, und bin noch jetzt, in einem so elenden Zustande, um etwas Gutes zu Tag zu fördern. Dieser Aufsatz hat das ganze Großh[erzogtum] Posen in Bewegung gesetzt, in den Posener Blättern ist schon 3 mahl so viel als der Aufsatz beträgt darüber geschrieben, d. h. geschimpft worden, und zwar von den dortigen Deutschen, die es mir nicht verzeihen wollen daß ich sie so treu geschildert und die Juden zum tiers etat Polens erhoben.“[6.2]
Mit der ärgerlichen Reaktion in den Posener Blättern beztieht sich Heine auf eine umfangreiche Artikelserie in der Zeitung des Großherzogthums Posen, in welcher deren Redakteur Idzi Stefan Raabski unter dem Titel Quoasque tandem … anonym über den Heineschen Aufsatz herzieht, recht kleinlich diese und jene Ungenauigkeit und Unrichtigkeit anprangert und dabei völlig verkennt, dass es Heine in seinem Text nicht darum ging, eine getreuliche Landesbeschreibung zu liefern, sondern den Deutschen anhand der Polen den Spiegel vorzuhalten, so wie Tacitus in seiner Germania den Römern den Spiegel anhand der Germanen vorhielt.[8.1] Diese Tirade ergänzte Raabski noch durch einen mit „F.“ gezeichneten Beitrag im Gesellschafter, der kürzer war und in die gleiche Richtung ging.[8.2] Heine schrieb in Bezug darauf am 4. Mai 1823 an Julius Maximilian Schottky:
„Ich habe mit lachender Gleichgültigkeit den dummen Brief gelesen der im Gesellschafter gegen mein Memoir über Polen abgedruckt war; daß in den Posener Zeitungsblättern noch fischweibrigere Schimpfreden gegen mich geführt worden, hörte ich bald darauf, und habe mir diese Tage jene Blätter zu verschaffen gewußt. Daß ich hierbey ebenfals nur die Achsel zuckte, können Sie sich wohl vorstellen[.]“[6.3]
Jost Hermand behandelt den Angriff Raabskis und dessen Hintergründe ausführlich im Anhang zu Über Polen in der Düsseldorfer Heine-Ausgabe.
Positive Stimmen finden sich auch in den folgenden Jahren, so von Friedrich Steinmann 1828[9] und Heinrich Laube schreibt 1837 in seinen Reisenovellen:
„Dieser Artikel ist bescheiden und schüchtern mit …e unterzeichnet, trägt aber alle Keime der Reisebilder, sogar die artigsten Knospen derselben, und wo es an der späteren springenden Genialität fehlt, da entschuldigt eine noch jugendlich-sorgfältige Ordnung im Stoffe, ein komisch-würdevolles Trachten nach ernsthafter Gründlichkeit […] Auch Censurstriche finden sich schon vor, obwohl sich der junge Heine sehr sorgsam und bedächtig anstellt; Genies kommen immer mit Oppositionszähnen auf die Welt.“[10]
Ausgaben
Erstdruck: Über Polen. Geschrieben im Herbst 1822. In: Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz. Jg. 1823 Nr. 10–17 (17.–29. Januar). Die Artikel erschienen anonym, unterzeichnet mit „…e“.
Polnische Übersetzung: Henryk Heine: O Polsce. Übersetzt von Stanisław Rossowski. Biblioteka Powszechna Bd. 935. Księgarnia Wilhelma Zukerkandla, Lviv / Złoczów 1924.[11]
Werkausgaben:
- Über Polen. In: Düsseldorfer Heine-Ausgabe. Band 6. Hoffmann & Campe, Hamburg 1973, ISBN 3-455-03006-8, S. 55–80.
- Über Polen. In: Heine-Säkularausgabe. Band 4: Tragödien. Frühe Prosa 1820–1831. Hrsg. von Karl Wolfgang Becker. Akademie Verlag, Berlin 1981, ISBN 3-05-005304-6, S. 171–193.
Literatur
- Eberhard Galley: Heinrich Heines Werk im Urteil seiner Zeitgenossen. Band 1.1: Rezensionen und Notizen zu Heines Werken von 1821 bis 1831. Hoffmann & Campe, Hamburg 1981, ISBN 3-455-09902-5, Nr. 30, 31, 33 (S. 55–89, 90–93).
- Maria Grabowska: Heine und Polen – die erste Begegnung. In: Internationaler Heine-Kongreß 1972. Referate und Diskussionen. Hrsg. von Manfred Windfuhr. Hamburg 1973, S. 549–569.
- William W. Hagen: Von „heidnischer Nazionalität“ zu „christlicher Fraternität“ und „allgemeiner Völkerliebe“. Heines Überlegungen zur polnischen Frage und zum europäischen Nationalismus. In: Aufklärung und Skepsis. Internationaler Heine-Kongreß 1997 zum 200. Geburtstag. Hrsg. von Joseph A. Kruse, Bernd Witte und Karin Füllner. Stuttgart u. a. 1999, S. 210–225.
- Jost Hermand: Über Polen [Anhang mit Erläuterungen und Lesarten]. In: Düsseldorfer Heine-Ausgabe. Band 6. Hoffmann & Campe, Hamburg 1973, ISBN 3-455-03006-8, S. 476–517.
- Gerhard Höhn: Heine-Handbuch. Zeit, Person, Werk. Metzler, 2004, ISBN 3-476-01965-9, S. 175–180.
- Maria Kofta: Heinrich Heine und die polnische Frage. In: Weimarer Beiträge. Band 6 (i960), S. 506–531.
- Ernst Josef Krzywon: Heinrich Heine und Polen. Dissertation Universität München 1971.
- Waclaw Kubacki: Heinrich Heine und Polen. In: Heine-Jahrbuch. 1966, S. 90–106.
- Anna Milska: Heine über Polen. In: Sinn und Form. Band 8 (1956), S. 66–77.
- Jan Papiór: Zu Heines Polenmotiven (im Kontext seiner „pacifiken Mission“ der Völkerannäherung). In: Differenz und Identität. Heinrich Heine (1797–1856). Europäische Perspektiven im 19. Jahrhundert. Tagungsakten des internationalen Kolloquiums zum Heine-Gedenkjahr. Lissabon 4.–5.12.1997 (= Schriftenreihe Literaturwissenschaft. Band 41). Hrsg. von Alfred Opitz. WVT, Wiss. Verlag Trier, Trier 1998, ISBN 3-88476-307-5, S. 211–223.
- Elke Richter: Heinrich Heine Säkularausgabe. Band 4: Tragödien. Frühe Prosa 1820–1831. Kommentar. Akademie Verlag, Berlin 1996, ISBN 3-05-005305-4, S. 227–269.
- Jost Schneider: Widersprüche in Heines Werk und Inkonsequenzen in der Heine-Forschung. Methodologische Überlegungen am Beispiel von „Ueber Polen“ und „Zwey Ritter“. In: Heine-Jahrbuch. 1998, S. 87–106.
- Martha K. Wallach: Konstruktion und Dekonstruktion des Bildes einer Region: Talvj und Heine über Polen. In: Literatur und Regionalität. Hrsg. von Anselm Maler. Frankfurt a. M. u. a. 1997, S. 101–115.
- Adolf Warschauer: Heinrich Heine in Posen. Festgabe der Königlichen Akademie zu Posen an die Germanistische Sektion des 51. Philologentages. Joseph Jolowicz, Posen 1911.
- Hans-Georg Werner: Zum Quellenwert von Heines Schrift „Über Polen“. In: Boris I. Krasnobaev u. a. (Hrsg.): Reisen und Reisebeschreibungen im 18. und 19. Jahrhundert als Quellen der Kulturbeziehungsforschung. Hobbing, Essen 1987, S. 215–224.
Weblinks
- Über Polen bei Zeno.org.