Digital Gardening

Praxis des persönlichen Wissensmanagements, bei der Inhalte in vernetzten digitalen Notizsystemen gesammelt, verknüpft und fortlaufend überarbeitet werden From Wikipedia, the free encyclopedia

Digital Gardening ist eine Praxis des persönlichen Wissensmanagements, bei der Inhalte in vernetzten digitalen Notizsystemen gesammelt, verknüpft und fortlaufend überarbeitet werden. Anders als bei Blogs, Notizbüchern oder Tagebüchern, die meist chronologisch oder kategorienorientiert geordnet sind, gibt es beim Digital Gardening keine vorgegebene Reihenfolge, Struktur oder Taxonomie: Notizen sind untereinander verlinkt, haben eine unterschiedliche Reife und werden mit der Zeit ergänzt.[1] Die Garten-Metapher verweist darauf, dass Ideen „gepflanzt“, „gepflegt“, kuratiert und weiterentwickelt werden, statt als fertige Texte sofort veröffentlicht zu werden.[2]

Geschichte

Vorläufer ist Vannevar Bushs Memex-Konzept von 1945, das Dokumente über assoziative Verknüpfungen verbinden sollte.[3] Mark Bernstein übertrug 1998 in Hypertext Gardens die Garten-Metapher auf Hypertext-Strukturen.[4] Mike Caulfield stellte 2015 den „Garten“ dem chronologischen „Stream“ sozialer Medien gegenüber und argumentierte, dass der Stream vertieftes Nachdenken erschwere.[2] Ab 2020 verbreitete sich der Begriff durch Maggie Appletons Systematisierung[1] und Tanya Basus Bericht im MIT Technology Review.[5]

Merkmale

Typisch für Digital Gardening sind nicht-lineare Verknüpfungen zwischen Notizen, die Kennzeichnung von Reifegraden (etwa Seedling, Budding, Evergreen) und bidirektionale Links, die Zusammenhänge in beide Richtungen sichtbar machen.[1][6] Ebenso werden auch unfertige Gedanken veröffentlicht; die Gesamtstruktur wächst aus den angelegten Verknüpfungen heraus. Digital Gardening als Ausprägung des persönlichen Wissensmanagements steht letztlich in der Tradition der Zettelkasten-Methode Niklas Luhmanns.[7] Sönke Ahrens übertrug diesen Ansatz 2022 auf den digitalen Kontext.[8]

Tools for Thought

Tools for Thought (TfT) sind allgemein Hilfsmittel, die das menschliche Denken durch eine Externalisierung von Gedanken unterstützen, strukturieren oder erweitern können. Digitale TfT reichen von einfachen Notizsystemen bis zu komplexen Anwendungen und zielen darauf ab, Ideen bidirektional zu verlinken, multimediale Artefakte zu sammeln, einen persönlichen Wissensspeicher anzulegen sowie kognitive Prozesse wie Problemlösen, Kreativität und Wissensorganisation zu verbessern.[9] Gebräuchliche digitale Werkzeuge sind Obsidian, Roam Research, Logseq und Tana – Markdown-basierte Notizsysteme mit Verlinkungsfunktionen, in der Fachliteratur als Tools for Thought (TfT) bezeichnet.[9] Tiago Forte von Fortelabs hat den damit verbundenen Ansatz des „Second Brains“ als digitale Notizapp salonfähig gemacht.[10]

TfT unterscheiden sich von klassischen Lernmanagementsystemen durch ihren Fokus auf die Entwicklung von Personal Knowledge Networks (PKN) – persönlichen, sich kontinuierlich entwickelnden Wissensnetzwerken.[11] Verschiedene andere Überlegungen erweitern die Idee von PKNs auf die Entwicklung einer Infrastruktur für die wissenschaftliche Synthese (Scholarly Synthesis). Chan und andere schlagen 2024 eine diskursbasierte Wissensinfrastruktur (Discourse Graph) vor, in der wissenschaftliche Erkenntnisse nicht als abgeschlossene Dokumente, sondern als vernetzte Einheiten aus Behauptungen, Evidenz und deren Beziehungen organisiert werden – ein Prinzip, das den Kernmechanismen des Digital Gardening (bidirektionale Verlinkung, atomare Notizen, fortlaufende Wissenssynthese) entspricht und sowohl Lehre als auch Forschung miteinander in Beziehung setzen kann.[12]

Einsatz in der Hochschuldidaktik

Im hochschuldidaktischen Diskurs wird Digital Gardening als Methode genutzt, die Lehrende bei der Reflexion über die eigene Praxis unterstützen kann.[9] Gabi Reinmann wies bereits 2008 darauf hin, dass Lehre als Wissensarbeit zu verstehen sei und persönliches Wissensmanagement mit Weblogs die Professionalitätsentwicklung von Lehrenden im Hochschulbereich fördern könne.[13] Siegel, Krummenauer-Grasser und Stahl entwickelten 2021 mit dem LeWiMa-Instrument ein Reflexionswerkzeug, das Lehrende dabei unterstützt, ihre eigenen Wissenspraktiken systematisch zu entwickeln, zu analysieren.[14]

Kritik

Aus postkolonialer Perspektive wird die Garten-Metapher hinterfragt, weil sie historische Muster des Ordnens und Kultivierens mitführt. Westerlaken, Gabrys und Urzedo wiesen 2022 im Kontext eines partizipativen Waldatlas-Projekts darauf hin, dass die Bezeichnung „Digital Garden“ koloniale Genealogien des Anlegens und Kontrollierens von Natur reproduzieren kann und eine kritische Auseinandersetzung mit der Metapher erfordert.[15] Kritisiert wird auch die Abhängigkeit von proprietärer Software: Viele Tools for Thought gewährleisten nur eingeschränkte Datenportabilität. Shawn Wang formulierte 2020 „Digital Garden Terms of Service“, die unter anderem das Recht auf Widerruf und Überarbeitung von Gedanken betonen und die Verantwortung sowohl der Gärtnernden als auch der Lesenden thematisieren.[16] Populäre Unterscheidungen, wie z. B. die von Tiago Forte zwischen „Gärtner“, „Architekten“, „Bibliothekar“ und „Student“[10] gelten als zu vereinfachend und überholt. In der Praxis wechseln Nutzende je nach Arbeitsstand, Arbeitsthema und Zielstellung zwischen divergierenden und konvergenten Strategien.[8]

Siehe auch

Literatur

  • Sönke Ahrens: How to Take Smart Notes. One Simple Technique to Boost Writing, Learning and Thinking. 2. Auflage. CreateSpace Independent Publishing Platform, 2022, ISBN 978-1-5428-6650-7.
  • Maggie Appleton: A Brief History & Ethos of the Digital Garden. 2020, abgerufen am 26. Februar 2026.
  • Chayanin Archiwaranguprok, Malisa Toahchoodee: On Digital Gardening: A Feral Hypertext in Practice. In: ACM Hypertext '24. 2024, S. 197–202, doi:10.1145/3648188.3675138.
  • Mark Bernstein: Hypertext Gardens: Delightful Vistas. Eastgate Systems, 1998, abgerufen am 26. Februar 2026.
  • Vannevar Bush: As We May Think. In: The Atlantic. Juli 1945 (theatlantic.com [abgerufen am 25. Februar 2026]).
  • Mike Caulfield: The Garden and the Stream: A Technopastoral. 17. Oktober 2015, abgerufen am 26. Februar 2026.
  • Niklas Luhmann: Kommunikation mit Zettelkästen: Ein Erfahrungsbericht. In: Horst Baier, Hans Mathias Kepplinger, Kurt Reumann (Hrsg.): Öffentliche Meinung und sozialer Wandel / Public Opinion and Social Change: Für Elisabeth Noelle-Neumann. Westdeutscher Verlag, Opladen 1981, ISBN 978-3-531-11533-7, S. 222–228.
  • Gail Reinmann: Lehren als Wissensarbeit? Persönliches Wissensmanagement mit Weblogs. In: Information – Wissenschaft und Praxis. Band 59, Nr. 1, 2008, S. 49–57.
  • Stefan T. Siegel, Astrid Krummenauer-Grasser, Christine Stahl: Lehrbezogenes Wissensmanagement in der Hochschullehre: Entwicklung, Beschreibung und Einsatzmöglichkeiten des Reflexionsinstruments LeWiMa. In: Der pädagogische Blick. Band 29, Nr. 2, 2021, S. 129–139 (researchgate.net [PDF; abgerufen am 25. Februar 2026]).
  • Stefan T. Siegel, David Lohner: Wissensmanagement von Lehrenden mit „Digital Tools for Thought“. In: Neues Handbuch Hochschullehre. Franz Steiner Verlag, 2024, S. 1–20.
  • Shawn Wang: Digital Garden Terms of Service. 25. Februar 2020, abgerufen am 26. Februar 2026.
  • Michelle Westerlaken, Jennifer Gabrys, Danilo Urzedo: Digital Gardening with a Forest Atlas: Designing a Pluralistic and Participatory Open-Data Platform. In: Proceedings of the Participatory Design Conference 2022. ACM, 2022, S. 25–32, doi:10.1145/3537797.3537804.

Einzelnachweise

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