Ecocriticism

Interdisziplinärer Ansatz aus den Literaturwissenschaften From Wikipedia, the free encyclopedia

Ecocriticism (selten: Ökokritik) ist ein interdisziplinärer Ansatz, der sich in der Literaturwissenschaft herausgebildet hat und der literarische Texte im Zusammenhang mit ökologischen Aspekten untersucht. Er hat sich seit den 1970ern in den USA herausgebildet und ist seit der Publikation von The Ecocriticism Reader (Hg. Cheryll Glotfelty und Harold Fromm, 1996) und von Laurence Buells The Environmental Imagination (1995) zu einem der produktivsten und am schnellsten wachsenden Zweige der internationalen Literaturwissenschaft geworden. In Europa hat er sich spätestens mit der Gründung der European Association for the Study of Literature, Culture, and Environment im Jahr 2004 etabliert (siehe Gersdorf/Mayer 2005, 2006).

Definition

Der Begriff geht wahrscheinlich auf William Rueckerts Essay „Literature and Ecology: An Experiment in Ecocriticism“ zurück, der 1978 erstmals veröffentlicht wurde. Ein weiteres Pionierwerk ist Joseph Meekers The Comedy of Survival (1974), das die Idee des Anthropozentrismus als zentrales Argument des Ecocriticism einführt: Die ökologische Krise, so Meeker, sei auf die Trennung von Natur und Kultur sowie die damit einhergehende Abwertung von Natur zurückzuführen, die sich in der westlichen Welt herausgeprägt hat.

Nach einer neueren Definition von Simon C. Estok zeichnet sich Ecocriticism einerseits durch sein ethisches Bekenntnis zur primären Bedeutung der natürlichen Umwelt aus, andererseits durch sein Bekenntnis zu Verbindung und Komplexität als bevorzugte Organisationsprinzipien natürlicher und kultureller Prozesse (Estok 2001: 220).

In Deutschland hat sich eine starke kulturökologische Variante des Ecocriticism etabliert. Unter Bezug auf Vorläufer wie Gregory Bateson (1973) und Peter Finke (1995) hat insbesondere Hubert Zapf ein Modell von „Literatur als kultureller Ökologie“ entwickelt, das nicht nur Analogien zwischen literarischen Texten und ökologischen Strukturen aufzeigt, sondern Literatur darüber hinaus als ökologische (regenerative, revitalisierende) Kraft im kulturellen System betrachtet (Zapf 2002, 2008).

Ausprägungen

Im Ecocriticism werden vor allem umweltbezogene Werte und Krisen wie die globale Erwärmung und der Verlust der Artenvielfalt, aber auch die Dialektik von menschlicher und nichtmenschlicher Natur aufgegriffen. Des Weiteren wird untersucht, inwieweit literarische Repräsentationen dabei helfen können, die problematischen Aspekte unserer Beziehung zur natürlichen Welt zu beleuchten. Im Fokus steht vor allem die Art und Weise, wie Natur, Landschaften oder nichtmenschliche Lebewesen in literarischen Werken repräsentiert werden.

Hierbei können zwei Ausrichtungen unterschieden werden, die „Environmentalists“ und die Tiefenökologie. Die Environmentalists greifen konkrete Umweltprobleme auf und versuchen, diese in einem öffentlichen Diskurs zu artikulieren. Ziel des Diskurses soll eine nachhaltige Bewusstseinsänderung sein, die das konkrete „falsche“ Verhalten korrigiert. Der Mensch ist und bleibt dabei die zentrale wertsetzende Instanz, von der allein die (Neu-)Gestaltung der eigenen Beziehung zur Umwelt ausgehen kann. Die Tiefenökologie hingegen kritisiert die zentrale Stellung des menschlichen Wesens als Wertungsinstanz und setzt dieser Haltung ein radikales ökologisches Wertesystem entgegen, in welchem jedes natürliche Ökosystem seinen Wert unabhängig von der Wertschätzung des Menschen behält. Die Tiefenökologie fordert demnach ein grundlegendes Umdenken und eine radikale Umwertung aller bestehenden Werte. Zusammengefasst geht es den „Environmentalists“ um die vernunftgeleitete Erweiterung und Aktualisierung des gesellschaftlichen Problembewusstseins, den Tiefenökologen um die Verbreitung einer neuen Weltanschauung.

Literatur

  • David-Christopher Assmann, Norbert Otto Eke, Eva Geulen (Hrsg.): Entsorgungsprobleme. Müll in der Literatur. (= Zeitschrift für deutsche Philologie, Sonderheft zu Band 133). Schmidt, Berlin 2015, ISBN 978-3-503-15558-3, Inhaltsverzeichnis.[1]
  • Karla Armbruster, Kathleen R. Wallace (Hrsg.): Beyond Nature Writing. Expanding the Boundaries of Ecocriticism. University of Virginia Press, Charlottesville 2001, ISBN 978-0-8139-2014-6.
  • Gregory Bateson: Steps to an Ecology of Mind. Collected Essays in Anthropology, Psychiatry, Evolution and Epistemology. Paladin, London 1973, ISBN 978-0-58608147-1.
    • Deutsche Übersetzung: Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven. Mit einer Einleitung von Helm Stierlin, einem Vorwort sowie einer Einführung des Verfassers Gregory Bateson. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Hans Günter Holl. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983, ISBN 978-3-518-07539-5.
  • Benjamin Bühler: Ecocriticism. Grundlagen – Theorien – Interpretationen. Metzler, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-47602567-8.
  • Lawrence Buell: The Environmental Imagination. Thoreau, Nature Writing, and the Formation of American Culture. Harvard University Press, Cambridge 1995, Inhaltsverzeichnis.[2]
  • Gabriele Dürbeck, Urte Stobbe (Hrsg.): Ecocriticism. Eine Einführung. Böhlau, Köln / Weimar / Wien 2015, ISBN 978-3-41250165-5.
  • Gabriele Dürbeck, Urte Stobbe, Hubert Zapf, Evi Zemanek (Hrsg.): Ecological Thought in German Literature and Culture. (= Ecocritical Theory and Practice, Band 39). Lexington Books, Lanham (Maryland) 2017, ISBN 978-1-4985-1494-1.
  • Maren Ermisch, Ulrike Kruse, Urte Stobbe (Hrsg.): Ökologische Transformationen und literarische Repräsentationen. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2010, ISBN 978-3-94187586-9.
  • Peter Finke: Die Evolutionäre Kulturökologie. Hintergründe, Prinzipien und Perspektiven einer neuen Theorie der Kultur. In: Anglia, 124.1 (2006), S. 175–217.
  • Catrin Gersdorf, Sylvia Mayer (Hrsg.): Natur – Kultur – Text. Beiträge zu Ökologie und Literaturwissenschaft. Winter, Heidelberg 2005, ISBN 978-3-8253-5011-6, Rezension.[3]
  • Catrin Gersdorf, Sylvia Mayer (Hrsg.): Nature in Literary and Cultural Studies: Transatlantic Conversations on Ecocriticism. Rodopi, Amsterdam 2006.
  • Cherryl Glotfelty, Harold Fromm, (Hrsg.): The Ecocriticism Reader: Landmarks in Literary Ecology. University of Georgia Press, Athens, GA 1996.
  • Axel Goodbody: Nature, Technology and Cultural Change in Twentieth Century German Literature: The Challenge of Ecocriticism. Palgrave Macmillan, Basingstoke 2007.
  • Vernon W. Gras: “Why the Humanities Need a New Paradigm which Ecology Can Provide.” Anglistik. Mitteilungen des Deutschen Anglistenverbandes 14.2 (2003): 45–61.
  • Ursula Heise: Sense of Place and Sense of Planet: The Environmental Imagination of the Global. Oxford University Press, 2008.
  • Stefan Hofer: Die Ökologie der Literatur. Eine systemtheoretische Annäherung. Mit einer Studie zu Werken Peter Handkes. Transcript Bielefeld 2007.
  • Sean Ireton: Verschmutzung/Pollution. Peter Lang, Frankfurt am Main et al. 2014.
  • Karl. Kroeber, Ecological Literary Criticism: Romantic Imagining and the Biology of Mind. Columbia UP, New York 1994.
  • Joseph W. Meeker, The Comedy of Survival: Studies in Literary Ecology. Scribner’s, New York 1974.
  • William. Rueckert: “Literature and Ecology. An Experiment in Ecocriticism.” In: Cherryl Glotfelty und Harold Fromm (Hrsg.): The Ecocriticism Reader: Landmarks in Literary Ecology. University of Georgia Press, Athens, GA 1996. 105–111.
  • Claudia Schmitt, Christiane Solte-Gresser: Literatur und Ökologie. Neue literatur-und kulturwissenschaftliche Perspektiven. Aisthesis, Bielefeld 2017, ISBN 978-3-8498-1102-0, Inhalt.[4]
  • Hubert Zapf: Literatur als kulturelle Ökologie: Zur kulturellen Funktion imaginativer Texte an Beispielen des amerikanischen Romans. Niemeyer, Tübingen 2002.
  • Hubert Zapf (Hrsg.): Kulturökologie und Literatur: Beiträge zu einem transdisziplinären Paradigma der Literaturwissenschaft. Winter, Heidelberg 2008.
  • Evi Zemanek (Hrsg.): Ökologische Genres: Naturästhetik – Umweltethik – Wissenspoetik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017.

Einzelnachweise

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