Ediths Tagebuch (Roman)

Roman von Patricia Highsmith From Wikipedia, the free encyclopedia

Ediths Tagebuch (Originaltitel Edith’s Diary) ist ein Roman der amerikanischen Schriftstellerin Patricia Highsmith. Er wurde 1977 im New Yorker Verlag Simon & Schuster und im Londoner Verlag William Heinemann veröffentlicht. Eine gekürzte Übersetzung von Anne Uhde erschien 1978 im Züricher Diogenes Verlag. Die vollständige Neuübersetzung von Irene Rumler aus dem Jahr 2003 folgte der amerikanischen Erstausgabe.[1]

Edith Howland, die Titelfigur des Romans, zieht mit Mann und Sohn aus der Großstadt aufs Land. Doch der Traum von einem besseren Leben erfüllt sich nicht. Ihr Mann verlässt sie, der Sohn entwickelt sich zu einem Taugenichts, die Pflege eines kranken Verwandten reibt sie auf. Zuflucht findet sie in ihrem Tagebuch, in dem sie ein glückliches Leben entwirft. In zunehmender Vereinsamung und Isolation gelingt es ihr immer weniger, zwischen Phantasie und Wirklichkeit zu unterscheiden.

Ediths Tagebuch gilt als besonders literarisches Werk im Gesamtwerk Patricia Highsmiths. Es ist eher ein psychologischer Roman als dass es sich dem Genre der Kriminalliteratur zurechnen ließe. Zwar geschieht ein Verbrechen, doch tritt es in den Hintergrund gegenüber der Entwicklung der Figuren. Für Highsmith ungewöhnlich ist die weibliche Protagonistin und der starke politische Einschlag. Über die Titelfigur kommentiert Highsmith die amerikanische Politik und Gesellschaft der 1950er bis 1970er Jahre.

Inhalt

Mitte der 1950er Jahre zieht Edith Howland mit ihrem Mann Brett, einem Journalisten, und dem zehnjährigen Sohn Cliffie von New York nach Brunswick Corner in Pennsylvania um. Sie hoffen, dass die ländliche Umgebung dem Jungen guttut, dessen Antriebslosigkeit sich mit Momenten von Bösartigkeit paart, etwa, als er am Tag vor dem Umzug die Hauskatze zu ersticken versucht, um seine Eltern zu bestrafen. Die sind hilflos im Umgang mit dem missratenen Nachwuchs, und so bleibt auch diese Tat ohne Konsequenzen. Brett arbeitet bei einer regionalen Tageszeitung, Edith schreibt Tagebuch und politische Artikel, die sie unregelmäßig verkauft. Zusätzlich stellen sie mit dem Bugle eine eigene Lokalzeitung auf die Beine, die bei Einzelhändlern am Ort ausgelegt wird. Bald zieht Bretts alleinstehender Onkel George ins Haus, der wegen undefinierbarer Rückenschmerzen kaum sein Zimmer verlässt.

Vor allem Edith leidet unter der häuslichen Situation. In der Pflege des undankbaren Onkels bleibt sie auf sich alleine gestellt. Cliffie reift zu einem faulen Versager heran. Wegen versuchtem Betrugs fällt er durch die Aufnahmeprüfung am College. Eine feste Arbeit sucht er gar nicht erst, sondern treibt sich lieber mit fragwürdigen Freunden herum, trinkt und vergammelt den Tag. Schließlich eröffnet Brett seiner Frau, dass er sich in eine Arbeitskollegin verliebt hat, und verlässt sie. In dieser Situation beginnen sich erstmals Ediths Tagebucheinträge von der Realität zu entfernen. Sie träumt von den College-Erfolgen ihres Sohnes, von einer netten Freundin, während Cliffie in der Realität keinen Erfolg bei Frauen hat, von seiner Hochzeit und Enkelkindern, denen sie Pullover strickt. Bretts Kind mit seiner neuen Frau hingegen verschweigt sie ihrem Tagebuch. Nachdem ihre schriftstellerischen Ambitionen stocken, hat sie die Bildhauerei als neue Ausdrucksform entdeckt, schafft Büsten von ihrem Sohn und ihren erfundenen Enkelkindern.

George stirbt an einer Überdosis Kodein, die ihm Cliffie in seiner typischen Mischung aus Grausamkeit und Gleichgültigkeit verabreicht hat. Edith bleibt allein mit ihrem Sohn zurück und vertuscht die Tat vor Brett, der misstrauisch Nachforschungen anstellt. Ihre politischen Ansichten werden immer radikaler. Sie eckt damit gleichermaßen bei der konservativen Landbevölkerung wie ihren linksliberalen Freunden an, so bei Gert Johnson, die inzwischen den Bugle mit herausgibt und ihre Leitartikel moniert. Richard Nixon und der Vietnamkrieg machen Edith so wütend, dass sich auch Gleichgesinnte kaum noch auf Diskussionen mit ihr einlassen. Zwischen der Realität und den Erfindungen in ihrem Tagebuch kann sie immer weniger unterscheiden, und sie vergisst wiederholt vergangene Ereignisse, was unangenehme Folgen hat. Der alarmierte Brett möchte sie von einem Psychiater untersuchen lassen. Doch bei dessen Besuch kommt es zu einem tödlichen Unfall, als Edith, die ihre Arbeiten vorzeigen soll, mit Cliffies Büste die Treppe hinunterstürzt.

Cliffie bleibt allein zurück und will sich der Realität seiner toten Mutter nicht stellen. Er nimmt ihr Tagebuch an sich, möchte aber das Urteil, das sich seine Mutter über ihn gebildet hat, nicht lesen, und auch niemand anderen lesen lassen, was sich gegen ihn verwenden ließe. Er bringt aber auch nicht die Kraft auf, das Tagebuch zu zerstören. So nimmt er sich vor, es sein ganzes Leben über zu verstecken und vor allen Menschen geheim zu halten.

Entstehung

Die Planungen für den Roman Ediths Tagebuch lassen sich in Patrica Highsmiths Notizbüchern (im Unterschied zu den privaten Tagebüchern sammelte sie in den Notizbüchern literarische Ideen sowie Gedanken zu Literatur, Gesellschaft und Politik) seit 1974 feststellen. Am 2. August des Jahres lautet ein Eintrag: „Roman über eine mittelalte Frau, die langsam verrückt wird.“ In den nächsten vier Monaten folgen weitere Ausgestaltungen der Grundidee. Die tatsächliche Arbeit am Roman kann aber nicht genau bestimmt werden. Vor der Veröffentlichung lagen noch die beiden Erzählbände Kleine Mordgeschichten für Tierfreunde (1975, deutsch 1976) und Kleine Geschichten für Weiberfeinde (deutsch 1975, englisch 1977).[2]

Die Handlung des Romans umfasst die Jahre 1954 bis 1974 (Nixons Rücktritt). Für Ediths Gedanken und Notizen zur amerikanischen Politik, zu Literatur und zum Tagebuchschreiben griff Highway auf eigene Aufzeichnungen aus ihren Notizbüchern zurück. Im Schweizerischen Literaturarchiv wird ein 353-seitiges Typoskript des Romans aufbewahrt, das zahlreiche Streichungen und Änderungen in mehreren Farben enthält und so den Entstehungsprozess nachvollziehbar macht. Es entspricht weitgehend der Druckfassung. Highsmiths amerikanischer Verlag Alfred A. Knopf lehnte die Publikation ab, weil der Roman weder ins Verkaufsprofil eines Thrillers noch eines psychologischen Romans passte. Daher wechselte Highsmith zu ihrem früheren Lektor bei Doubleday Larry Ashmead, der inzwischen bei Simon & Schuster arbeitete. Fast zeitgleich zur amerikanischen erschien die britische Erstausgabe bei William Heinemann.[1]

Die Widmung „To Marion“ („Für Marion“) bezieht sich auf die französische Autorin und Übersetzerin Marion Aboudaram, mit der Highsmith in den 1970er Jahren eine Beziehung führte. Diese erinnerte sich: „Pat fiel niemand ein, dem sie Edith hätte widmen können […] also sagte ich, warum widmest du es nicht mir?“[3]

Interpretation

In ihrem Werkstattbericht Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt fasste Highsmith Ediths Tagebuch zusammen: „Ein Ehepaar der Mittelklasse mit einem zehnjährigen Sohn zieht von New York in eine Kleinstadt in Pennsylvania, wo sie sich ein glücklicheres Leben erhoffen. Als der Sohn etwa zwanzig ist, verläßt der Mann seine Frau um einer jungen Sekretärin willen. Der Sohn ist ein Versager, und die Mutter hat ihn nun zu Hause allein auf dem Hals.“ Die Handlung sei „so unsensationell wie möglich“, erst „die Variationen und das Unerwartete in den Figuren“ machten die Qualität der Erzählung aus. In den ersten Entwürfen zu dem Roman führte sie die Charaktere aus: Die Mutter sei „eine moderne Intellektuelle mit beträchtlichem geistigen Horizont“, der Sohn dagegen „das Produkt des unbeteiligten Zeitalters (‚the spectator age‘)“, der seinen Mangel an Idealen und Ambitionen hinter Sarkasmus verberge. Ihr Fazit lautete: „Der Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist die Essenz des Buches.“[2]

Hinter der vordergründigen Handlung macht Paul Ingendaay die Motive aus, die den Roman eigentlich bestimmen: missratene Liebesbeziehungen (bei Mutter und Sohn), der Schmerz der Verlassenen, Einsamkeit und wachsende Isolation, die zunehmende Selbsttäuschung Ediths und schließlich die in ihrem Sohn verkörperte „Atmosphäre gedankenloser Grausamkeit“. Daneben behandele Highsmith jene Themen, die sich durch ihr gesamtes Werk ziehen: Ethik, Sexualität, Alkohol und Kunst. Auffällig sei insbesondere der veränderte Ton, wenn es um Ediths künstlerische Tätigkeiten gehe, die ernst genommen werden, obwohl sie in ihrem Umfeld lediglich als „Hirngespinste“ abgetan und am Ende auf ihren Beweischarakter für Ediths Verrücktheit reduziert werden. Er sieht den Roman somit auch als „Parabel über die gesellschaftliche Isolierung der Kunst“.[2] Auch in Ediths Tagebuch kommt ein Mord vor, doch anders als in Highsmiths sonstigem Werk spielt er kaum eine Rolle, ist vernachlässigbar für den Fortgang der Handlung und die Entwicklung der Figuren.[4] Für signifikant hält Joan Schenkar hingegen die Todesart der Protagonistin, die in Highsmiths Werk häufig am deutlichsten Gefühle ausdrücke, „einen langen, schrecklichen Sturz“.[5]

Laut Schenkar ist Edith Howland – neben den Liebenden in Salz und sein Preis – die einzige Frauenfigur in Highsmiths Werk mit Tiefe.[6] Der Roman wird aus den Perspektiven Ediths und Cliffies erzählt. Der Leser hat keine neutrale Außensicht auf die Personen, er kann sie nicht analysieren wie ihr Umfeld, verurteilen oder gar entmündigen. Ingendaay formuliert: „Weil der Roman sich mit der Hauptfigur und zeitweise auch mit Cliffie verbündet, sind die Leser mitgefangen.“[2] Highsmith war selbst eine exzessive Autorin von Tage- und Notizbüchern, die sie als therapeutischen Prozess und Grundlage für ihr Werk nutzte.[7] Auch Ediths Tagebuch hat die Autorin eigene Erfahrungen eingeschrieben: die schwierige Liebesbeziehung zu einer verheirateten Freundin, das Siechtum ihrer Mutter in einem Pflegeheim (beide Frauen hat sie wie häufig in ihrem Werk in Männerfiguren überführt), die Gefühle einer älter werdenden Frau und ihre eigene politisch-intellektuelle Haltung, die in dem Roman so offen ausgebreitet wird, wie in keinem anderen Werk. Indem sie Edith am Ende seelisch zerbrechen lässt, führe Highsmith auch das Scheitern ihres eigenen Idealismus vor.[2] Highsmith erweiterte dies auf eine gesellschaftspolitische Dimension, in dem sie angab, „über den Zusammenbruch des amerikanischen Idealismus“ geschrieben zu haben.[8]

Rezeption

Rolf Becker hielt Ediths Tagebuch 1978 für „das bisher reifste Highsmith-Buch“. Zwar lasse es sich nicht mehr in das Genre des Kriminalromans einordnen, sondern zeige ein sehr alltägliches Drama, doch wie fein dosiert die Autorin das Unheil wachsen lasse und seine Vorzeichen andeute, ganz im Sinne Graham Greenes, der sie „eine Dichterin der unbestimmten Beklemmung“ genannt habe, das zeige „die Kunst der Krimi-Meisterin“: „Selten war eine so triste, so alltagsgraue Geschichte so spannend.“[8] Magnus Klaue sah den Roman als „Neuanfang und eine literaturgeschichtliche Rückwendung“, die er mit Gustave Flauberts Madame Bovary verglich.[9]

In der amerikanischen Kritik wurde Ediths Tagebuch als „Highsmiths literarischster Roman“ bezeichnet.[1] Newsweek sprach von einer „schönen und erschreckenden Charakterstudie“ („fine and chilling character study“), der New Yorker von „ihrem stärksten, einfallsreichsten und bei weitem gehaltvollsten Roman“ („Her strongest, her most imaginative, and by far her most substantial novel“). Die Times beschrieb „ein meisterhaftes Buch, ein eindringliches Buch, das lange im Gedächtnis bleibt und immer wieder verstört und beglückt“ („It is a masterly book, a haunting book, a book that lingers long in the memory and constantly disturbs and delights“), The Times Literary Supplement nannte es ein „Meisterwerk“ („a masterpiece“).[10] Highsmith selbst zählte es – neben Das Zittern des Fälschers – zu ihren Favoriten in ihrem Werk.[11]

Übersetzung

Auf ein Kuriosum in der Übersetzung von Anne Uhde wies Rolf Becker bei seiner Rezension im Spiegel hin: Aus den Deutschkenntnissen von Bretts Geliebter Carol, die sie befähigten, Günter Grass und Heinrich Böll im Original zu lesen, wurde in der Diogenes-Ausgabe: „konnte Deutsch und las Böll und Andersch im Original“. Alfred Andersch war, anders als Grass, ein Diogenes-Autor.[8] In der Neuübersetzung von Irene Rumler werden Grass und Böll korrekt benannt.

Adaptionen

Nach Patricia Highsmiths Roman entstand 1983 der deutsche Spielfilm Ediths Tagebuch von Hans W. Geißendörfer, der die Handlung ins Deutschland der ausgehenden 1970er Jahre versetzte. Neben Angela Winkler in der Rolle der Edith Baumeister spielten unter anderem Vadim Glowna (Paul Baumeister), Leopold von Verschuer (Chris Baumeister) und Hans Madin (Onkel Georg).[12] Highsmith, die zuvor von Geißendörfers Verfilmung Die gläserne Zelle sehr angetan gewesen war, verließ die Vorabpremiere des Films vorzeitig, weil sie sich mit den inzestuösen Umdeutungen nicht anfreunden konnte, die den Film „vorhersehbar und ein wenig ordinär“ machten.[13] In einem Interview mit Gerald Peary wurde sie deutlich: „Es ist furchtbar! […] Den Sohn sich in die Mutter verlieben zu lassen, ist ödipaler Schwachsinn.“[14]

1990 produzierte der Rundfunk der DDR eine Hörspielbearbeitung von Matthias Pfennig und Hans Bräunlich. Regie führte Hans Knötzsch. Die Hauptrollen sprachen Renate Geißler (Edith), Klaus Piontek (Brett), Frank Matthus (Cliff) und Wolfgang Brunecker (George).[15] Hartwig Tegeler nannte die Produktion „von einer behäbigen Langatmigkeit bis zur Langeweile, dass es wehtut“,[16] und für Martin Z. Schröder hat die „dümmliche“ und stark gekürzte Bearbeitung außer dem Titel nichts mehr mit Highsmiths faszinierenderer Buchvorlage gemein.[17]

Miriam Japp las Ediths Tagebuch im Jahr 2021 als Hörbuch ein.[18]

Ausgaben

  • Patricia Highsmith: Edith’s Diary. Simon & Schuster, New York 1977.
  • Patricia Highsmith: Edith’s Diary. Heinemann, London 1977.
  • Patricia Highsmith: Ediths Tagebuch. Übersetzung: Anne Uhde. Diogenes, Zürich 1978, ISBN 3-257-01563-1.
  • Patricia Highsmith: Ediths Tagebuch. Übersetzung: Irene Rumler. Diogenes, Zürich 2003, ISBN 3-257-06417-9.

Einzelnachweise

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