Edmund Waldstein
römisch-katholischer Priester und Moraltheologe
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Edmund Thomas Waldstein OCist (* 27. November 1983 in Rom)[1] ist ein römisch-katholischer österreichischer Ordenspriester und Moraltheologe.
Familiärer Hintergrund
Die Theologen Susan und Michael Waldstein sind seit 1978 verheiratet. Ihre acht Kinder zogen sie im Homeschooling-System auf.[2] Sohn Thomas,[3] dessen Muttersprache Englisch ist, immatrikulierte sich am privaten katholischen Thomas Aquinas College im kalifornischen Santa Paula und erwarb dort 2006 den Grad eines Bachelor in Liberal Arts & Sciences.[4] Schon während seines Studiums in Kalifornien kam Thomas Waldstein in Kontakt zum Zisterzienserkloster Stift Heiligenkreuz, da sein Vater Gründungspräsident der im niederösterreichischen Schloss Trumau beheimateten Katholischen Hochschule ITI war. Er verbrachte seine Semesterferien und die Feiertage im Kloster und setzte nach Studienabschluss seinen Plan um, Zisterzienser zu werden.[5]
Klösterlicher und kirchlicher Bildungsweg
Im Jahr 2006 begann Thomas Waldstein sein Noviziat im Stift Heiligenkreuz nahe Wien. Er verband dies mit dem Studium der Katholischen Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule des Stifts, die 2007 von Benedikt XVI. zur Päpstlichen Hochschule erhoben worden war. Mit einer Arbeit über die Apologia John Henry Newmans erlangte Waldstein 2010 den Magistergrad im Fach Systematische Theologie. Ebenfalls 2010 legte Waldstein die Ewigen Gelübde ab und nahm den Ordensnamen Edmund an.[6]
Am 19. Juni 2011 empfing er in deren Stiftsbasilika Heiligenkreuz durch Kardinal Christoph Schönborn die Priesterweihe. Er war bis 2015 Studentenpfarrer an der Ordenshochschule und arbeitete 2015/2016 als Kaplan in den Pfarreien Pfaffstätten und Trumau der Erzdiözese Wien.[7][8]
Seit 2016 ist Waldstein Dozent für Moraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Von 2016 bis 2019 war er Vizerektor des dortigen Priesterseminars Leopoldinum. Seit 2018 unterrichtet Waldstein an der Katholischen Hochschule ITI Antike Ethik, Katholische Soziallehre, Philosophische Anthropologie, Naturphilosophie und Liturgik. Von 2016 bis 2022 arbeitete Waldstein als Gemeindepfarrer in Gaaden. Seitdem ist Waldstein Direktor des neugebauten Heiligenkreuzer Studentenwohnheims János-Brenner-Haus.[9][10]
Im Jahr 2019 promovierte Waldstein an der Universität Wien mit einer von Sigrid Müller betreuten Arbeit: The Double-Bind of Loneliness: David Foster Wallace from the Perspective of Theological Ethics.[11]
Lehre
Waldstein gilt als wichtigster Vertreter des katholischen Neo-Integralismus im deutschsprachigen Raum[12] und Schlüsselfigur des US-amerikanischen Neo-Integralismus.[13] Beim Neo-Integralismus handelt es sich um einen jungen Flügel innerhalb der US-amerikanischen Neuen Rechten, der vor allem von katholischen Intellektuellen getragen wird und der zu unterscheiden ist vom christlichen Nationalismus, den überwiegend evangelikale Christen vertreten.[14]
Waldstein gab den Anstoß zur Vernetzung der späteren Neo-Integralisten über soziale Medien ab 2013[15] und gründete 2014 die Webseite The Josias als das zentrale Organ der Bewegung.[16] Autoren bei The Josias wollen nach eigenen Angaben einen „authentisch katholischen Standpunkt“ beziehen, um ihren Glauben im öffentlichen Raum zu artikulieren und den kirchenschädigenden Kräften von Liberalismus, Modernismus und Traditionsvergessenheit zu begegnen.[17] Waldstein kommuniziert außerdem die politischen Anliegen des Neo-Integralismus durch zahlreiche Publikationen, Medienkontakte und eine starke Internetpräsenz.[13] Julian Waller sieht Waldstein dabei als den Neo-Integralisten, der die am differenziertesten ausgearbeiteten Überlegungen zu Fragen von Demokratie und Repräsentation formuliert hat.[18]
Feindbild von Neo-Integralisten wie Waldstein ist der Liberalismus, der von der Möglichkeit ausgehe, es könne von der Religion geschiedene Gesellschaftsbereiche geben.[19] Dagegen entwerfen sie das Bild einer „wohlgeordneten“ Gesellschaft, in der alles auf Jesus Christus hingeordnet ist – in den Worten von Waldstein: in der die Welt inklusive der politischen Institutionen von Sünde gereinigt, vollständig konvertiert und exorziert ist.[20]
Die am häufigsten zitierte Definition des Neo-Integralismus, in der auch die alternative neo-integralistische Gesellschaft grob umrissen wird, wurde ebenfalls von Waldstein formuliert:
„Der katholische Integralismus ist eine Denktradition, welche die liberale Trennung der Politik von der Sorge um das Ziel des menschlichen Lebens ablehnt und davon ausgeht, dass die politische Ordnung den Menschen zu seinem letzten Ziel führen muss. Da der Mensch jedoch sowohl ein zeitliches als auch ein ewiges Ziel hat, geht der Integralismus davon aus, dass es zwei Gewalten gibt, die ihn regieren: eine weltliche und eine geistliche Gewalt. Und da das weltliche Ziel des Menschen seinem ewigen Ziel untergeordnet ist, muss die weltliche Gewalt der geistlichen Gewalt untergeordnet werden.“
Entsprechend vertritt Waldstein in dem gemeinsam mit Peter A. Kwasniewski (St. Paul Center of Franciscan University of Steubenville, Ohio) herausgegebenen zweibändigen Werk Integralism and the Common Good eine Gesellschaftsvision, in der die zivile Autorität der religiösen Autorität, insbesondere dem Papst, untergeordnet ist.[13] Waldsteins Entwurf ist dabei radikaler als der anderer Neo-Integralisten.[22] Zu seiner Vision gehört, dass die Kirche auch Zwang auf Getaufte ausüben und der Kirche untergeordnete Staaten in ihrem Namen Strafen verhängen können. So vertritt er beispielsweise die Ansicht, die alte katholische Lehre, Protestanten sollten zum Katholizismus zwangskonvertiert werden, sei überdenkenswert.[23] Aufsehen erregte,[24] als Waldstein auf seinem Blog Sancrucensis die später zurückgezogene[25] These vertrat, ein neo-integralistischer Staat könne auch die Todesstrafe über Häretiker verhängen.[26]
Realisiert werden soll ein solcher Staat nach der Vorstellung des dominanten Flügels der Neo-Integralisten, zu dem Waldstein gehört,[27] mit der Strategie des „Ralliement“, einem Konzept, mit dem Papst Leo XIII. Katholiken aufrief, mit der feindseligen Dritten Französischen Republik zu kooperieren. Katholiken sollen demnach im liberalen Staat strategisch Ämter besetzen.[28] Waldstein sympathisiert dabei mit einer Variante des Ralliement, nach der die demokratischen Institutionen liberaler Staaten gegen diese selbst gewendet werden sollen, um auf diesem Weg eine „christliche Demokratie“ zu verwirklichen. Ob eine solche Strategie realistisch ist, bezweifelt er allerdings selbst.[29]
Laut Blandine Chelini-Pont ist das neo-integralistische Projekt insgesamt in den heutigen offenen Gesellschaften höchst unrealistisch, hat aber dennoch realpolitische Konsequenzen. „Die wichtigste ist, dass es der jungen Garde der Republikaner als positives Label dient, die sich mit einer Art von Neubekehrten-Stolz gerne als integralistisch bezeichnet, ohne die historische Tiefe hinter dieser integralistischen Perspektive ganz zu begreifen.“[13]
Mitgliedschaften
Waldstein ist Mitgründer des Vienna-Qom Circle for Catholic-Shi’a Dialogue on Religion, Philosophy and Political Theory (ViQo Circle), dem er seit 2016 angehört.[30][31]
Im Herbst 2024 ernannte Kardinal Schönborn Waldstein als eines von 18 Mitgliedern der Wiener Diözesankommission für ökumenische Fragen.[32]
Veröffentlichungen (Auswahl)
- (mit Peter A. Kwasniewski, Hrsg.): Integralism and the Common Good: Selected Essays from The Josias. 2 Bände. Angelico Press, New York 2021 und 2022.
- Contrasting Concepts of Freedom. In: Stefan Gugerel, Christian Machek, Clemens Egger (Hrsg.): Ordnungskonzeptionen für die Zukunft: Impulse aus schiitischer, orthodoxer und katholischer Tradition, Ethika Themen. Institut für Religion und Frieden, Wien 2018, S. 125–146.
- Theologische Ethik und Bioethik: eine christliche Perspektive. Zur Herrschaft des Menschen über den Menschen. In: Christoph Böhr, Markus Rothhaar (Hrsg.): Anthropologie und Ethik der Biomedizin: Grundlagen und Leitfragen. Springer, Wiesbaden 2022, S. 145–153.
- Hierarchy and Synodality: Ratzinger and the Antiauthoritarianism of Postwar German Theology. In: Pietro Luca Azzaro, Stephen M. Hildebrand (Hrsg.): Interpreting the Signs of the Times Church and Secularity in the Theology of Joseph Ratzinger/Pope Benedict XVI. Franciscan University of Steubenville Press, Steubenville 2025, S. 90–99.