Integralismus
Weltanschauung, in deren Mittelpunkt eine religiös motivierte Deutung der komplexen Lebensrealität der gegenwärtigen Zivilisation steht
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Integralismus (seltener: Integrismus) bezeichnet im Kontext des Katholizismus verschiedene Strömungen und Bewegungen, die fordern, dass das gesellschaftliche und politische Leben der Autorität der Kirche unterstellt werden müsse. Der Begriff wurde geprägt als Selbstbezeichnung antimodernistischer Katholiken Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts und wird seither sowohl als historische Kategorie als auch – kritisch – als Beschreibung einer bestimmten Art des Katholisch-Seins verwendet. Oswald von Nell-Breuning definierte ihn als „religiösen Totalitarismus“ innerhalb des Katholizismus.[1][2]
In der Forschung werden mehrere Phasen des Integralismus unterschieden: der „klassische“ Integralismus[3.1] um die Wende zum 20. Jahrhundert, dessen bekanntester Ausdruck der Denunziantenkreis Sodalitium Pianum unter Umberto Benigni war; das Nachwirken dieser Strömung in politischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts, etwa im portugiesischen Integralismo Lusitano oder im Brasilianischen Integralismus; ein nachkonziliarer Integralismus, der nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in traditionalistischen Gruppen wie der Piusbruderschaft fortlebte; sowie schließlich der seit den 2010er Jahren vor allem in den USA aufgekommene Neo-Integralismus, eine intellektuelle Bewegung innerhalb der Neuen Rechten, die eine Unterordnung des Staates unter die Kirche in Fragen des übernatürlichen Gemeinwohls anstrebt.
Klassischer Integralismus
Die Wurzeln des „klassischen“ Integralismus liegen im mittelalterlichen Gregorianischen Reformpapsttum, im Zuge dessen auch die Gesellschaft radikal verkirchlicht wurde.[4] James Patterson nennt als Beispiel die Bulle Unam Sanctam (1302), in der Papst Bonifatius VIII. das Recht beanspruchte, stets intervenieren zu können, wenn politische Führer die Lehre der Kirche verletzten.[5.1]
Auf die im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert folgende Entkirchlichung der Gesellschaft reagierte eine Gruppe von Katholiken mit einem Antimodernismus,[4] der die erneute Verkirchlichung forderte. Im Kontext des Streits zwischen diesen Antimodernisten und den „Modernisten“ bezeichneten sich insbesondere nach Veröffentlichung der päpstlichen Enzyklika Pascendi Dominici Gregis (1907)[6.1] jene Antimodernisten, die sich als dem katholischen Glauben besonders treu verstanden,[3.2] und die einen nicht nur theologischen, sondern direkt gesellschaftlich wirksamen Antimodernismus vertraten,[7] als „integrale Katholiken“ (frz.: „Catholiques intégraux“).[3.3]
Wichtig war vor allem ein kleiner Kreis von Denunzianten um Umberto Benigni, der bekannt wurde unter dem Namen Sodalitium Pianum. Die Angehörigen beschrieben sich selbst als „cattolici integrali“;[8] auch im Deutschen verwendeten sie „Integralismus“ als Selbstbezeichnung.[9] Anfang des 20. Jahrhunderts ging der Benigni-Kreis vor gegen „Liberalismus“, worunter nach dem radikalen Verständnis dieser Gruppe auch diverse katholische Ansätze fielen, sich in Politik und Gesellschaft den Verhältnissen der Zeit anzupassen.[10] Zu diesem Zweck sammelte der Kreis mit Billigung und Unterstützung von Papst Pius X.[11] Informationen über vermeintliche „Modernisten“, spielte diese zum einen vermengt mit Desinformation dem Papst zu und veröffentlichte sie zum anderen in Form von Pressekampagnen über eine Reihe ihm nahestehender Zeitschriften in der Öffentlichkeit – darunter Benignis eigenes Blatt Correspondance de Rome und im deutschen Sprachraum die Trierer Petrus-Blätter, das Österreichische katholische Sonntagsblatt, die Wochenschrift Klarheit und Wahrheit,[12] außerdem bis 1945 die Schweizer Schildwache.[13] Ziele waren zum Beispiel zu progressive Akademiker[3.1] oder im deutschen Sprachraum die Deutsche Zentrumspartei und christliche Gewerkschaften,[1] die in den Augen Roms und romtreuer Katholiken gar zu unabhängig von der Kurie agierten, verdächtig mit Protestanten kooperierten und daher als Vorboten einer neuen Glaubensspaltung bewertet wurden.[14] Unter dem Nachfolger von Pius X., Papst Benedikt XV., wurde das Sodalitium um 1921 förmlich aufgelöst.[12]
Nachwirken des klassischen Integralismus
Auch nach Auflösung des Sodalitium wirkte der Integralismus an verschiedenen Orten fort. In Portugal hatte er die 1914 gegründete monarchistische und kirchennahe Bewegung Integralismo Lusitano inspiriert,[6.2] Wurzel und Vorgänger des portugiesischen Faschismus unter António de Oliveira Salazar,[15] der bei seinem Umbau des Staats in den 1930ern integralistische Ideen jedoch nur eingeschränkt umsetzte.[5.2] Nach dem Vorbild des portugiesischen Integralismus wiederum[16] gründete außerdem 1932 Plínio Salgado in Brasilien die Partei Ação Integralista Brasileira,[6.2] in der sich die rechtsextreme Bewegung des Brasilianischen Integralismus formierte, darunter auch die meisten Deutsch-Brasilianer, die diese Partei der brasilianischen Nazi-Partei vorzogen. Nach einem erfolglosen Putsch-Versuch wurde sie 1938 verboten.[17] Integralistische Ideen wirken in Brasilien jedoch fort und werden weitergepflegt in der rechtschristlichen Bewegung Sociedade Brasileira de Defesa da Tradição, Família e Propriedade (TFP).[18]
Auch in Deutschland flackerte der Integralismus nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf, nun oft bezeichnet als „Rechtskatholizismus“.[1][19] Ab 1945 versuchten Rechtskatholiken, vor allem mit Hilfe der Christlich Demokratische Union Deutschlands „Gedanken und Vorstellungen eines christlichen Staates in die Verfassungen und die grundlegenden Gesetze einzubringen“.[20] Die Unionsparteien entzogen sich diesen Bestrebungen nur teilweise.[21]
Integralismus nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil
Das Zweiten Vatikanischen Konzil, geprägt vom Gedanken des Aggiornamento und vorbereitet durch Texte wie Jacques Maritains Antimoderne (1922), markierte eine Abkehr des katholischen Lehramts vom integralistischen Denken.[22] Die Erklärung Dignitatis humanae entwickelte eine Kirchenlehre, in der die Kirche nicht mehr als Akteur mit Herrschaftsanspruch verstanden wurde,[23.1] sondern die Religionsfreiheit zu achten habe und nicht länger beanspruchte, Individuen in religiösen Belangen Zwang unterwerfen zu können.[24]
Ungefähr zeitgleich entwickelten mehrere Konzilstheologen Theologien, laut denen es sich beim Integralismus weniger um ein konkretes historisches Phänomen handle als um eine abzulehnende „Art, katholisch zu sein“. Yves Congar beispielsweise beschrieb ihn als „primär eine Mentalität oder Haltung, die eine bestimmte Art und Weise bestimmt, katholische Positionen einzunehmen.“[25] Wie Nell-Breuning[1] entdeckte auch Congar eine Nähe zwischen einer Neigung zum Integralismus und einer Neigung zu politisch rechten Gesinnungen; darüber hinaus sammelte er acht Merkmale, die seiner Ansicht nach diese Art und Weise des Katholisch-Seins bestimmten: (1) Pessimismus hinsichtlich der menschlichen Natur, (2) die Überzeugung von der Notwendigkeit starker Autorität, (3) Misstrauen gegenüber dem Begriff der Entwicklung, (4) Neigung zu einem rigoristischen Katholizismus, (5) Betonung dogmatischer Formeln gegenüber der subjektiven Glaubenswirklichkeit, (6) intellektuelle Leidenschaft für deduktives und Abneigung gegen induktives Denken, (7) Autoritarismus in der Kirche sowie (8) die Vorstellung, dass die Kirche durch eine Autoritätsstruktur geprägt sein solle.[26] Ähnlich bestimmte Karl Rahner den Integralismus als nicht nur ein historisches Phänomen, sondern eine nach wie vor nicht überwundene „bestimmte Deutung des Verhältnisses der Kirche zur Welt […], das jede Art von ‚Säkularisation‘ verwirft [… –] die theoretische oder (unreflex) praktische Haltung, derzufolge das Leben des Menschen von allgemeinen, von der Kirche verkündigten und in ihren Ausführungen überwachten Prinzipien aus eindeutig entworfen und manipuliert werden könne.“ Solcherart aber wolle die Kirche Rahner zufolge gar nicht sein; Integralismus sei „prinzipiell falsch“.[27] Hans Urs von Balthasar schließlich leitete aus den Schriften Maurice Blondels zwei verschiedene „Erkenntnistheorien“ ab: Die des „zeitaufgeschlossenen“ Christen, der in der Geschichte solidarisch tätig werde, versus der des Integralisten, der geleitet von anderen Prioritäten „mit allen Mitteln […] zuerst die politische und soziale Machtstellung der Kirche an[strebe], um dann von dieser errungenen Festung und Kanzel aus die Bergpredigt und Golgotha zu verkünden.“[28]
In diesem für integralistische Ideen nicht mehr günstigen Klima[29] wurden dieselben in einzelnen Bewegungen und Gruppen weitergepflegt. Hans Urs von Balthasar nennt als Beispiele die französische Gruppe La Cité Catholique mit der eigenen Zeitschrift Verbe und die bereits ältere Bewegung Opus Dei als „stärkste integralistische Machtballung in der Kirche“,[30] die laut Gabriela Arguedas-Ramírez den Integralismus ähnlich in die Gegenwart transportierte wie TFP in Brasilien.[31] Christopher van der Krogt trägt außerdem exemplarisch vier um diese Zeit entstandene Gruppen zusammen, die alle jeweils eigene Wege fanden, mit der kirchlichen Innovation umzugehen: die Piusbruderschaft, für die die Päpste seit Johannes XXIII. die Gläubigen fehlgeleitet haben, die Congregation of Mary Immaculate Queen, die als Sedisvakantisten davon ausgehen, seit dem „häretischen“ Johannes XXIII gebe es gar keinen ordentlichen Papst mehr, sowie die Palmarianisch-katholische Kirche, die von einem Gegenpapst geleitet wird.[3.4] Van der Krogt nennt außerdem Catholics United for the Faith, die sich zwar primär gegen Verhütung und für eine Beibehaltung der traditionellen Geschlechterrollen einsetzten,[32] für ihn aber ein Beispiel für eine kompromisslos innovationsfeindliche romtreue Linie darstellen.
Neo-Integralismus
Der Neo-Integralismus ist eine intellektuelle Bewegung[5.3] und Strömung innerhalb des „Postliberalismus“,[33] die wiederum eine eigene Strömung innerhalb der US-amerikanischen Neuen Rechten ist.[34]
Integralistische Gedanken kursierten bereits ab den 1980ern wieder in Form des sogenannten „integralistischen Einwands“ unter US-amerikanischen rechtschristlichen Intellektuellen, zu dieser Zeit aber noch individualistisch gedacht und unter evangelikalen Religionsphilosophen: Beginnend mit Alvin Plantingas Advice to Christian Philosophers gingen diese davon aus, dass es für manche Christen unmöglich sei, sich auch in Bereichen wie der Politik oder der Wissenschaft von anderen Maßstäben als den christlichen leiten zu lassen.[35]
Als eigentliches Gründungsmoment betrachtet die Theologin Michaela Quast-Neulinger eine 2012 unter dem Titel „The Idea of Christendom“ veranstaltete wissenschaftliche Tagung an der Katholischen Hochschule ITI im österreichischen Trumau, bei der mehrere Denker zusammenkamen, die später als Hauptvertreter dieser Bewegung gelten sollten.[36] Unter diesen war der an dieser Hochschule und der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. lehrende österreichisch-amerikanische Zisterzienser-Pater Edmund Waldstein, der sich zunächst um 2013 über soziale Medien mit Gleichgesinnten vernetzte[23.2] und dann im folgenden Jahr die Website The Josias startete, die sich zum Zentralorgan des dominanten Flügels der Bewegung entwickelte.[37]
Besonders verbreitet ist der Neo-Integralismus unter US-amerikanischen Katholiken, die – so beobachtete Julian Waller um 2024 – zunehmend „Neo-Integralismus“ als Wechselbegriff für konservativen politischen Katholizismus verwenden.[38.1]
Von mehreren Neo-Integralisten wird der Neo-Integralismus auch schlicht als „Integralismus“ bezeichnet; ebenfalls gebräuchlich ist unter anderem der Begriff „Integrismus“.[5.4]
Neo-integralistische Denker und Medien
Der Politikwissenschaftler Julian Waller untergliedert die zentralen Autoren in drei Teilgruppen;[38.2] Kevin Vallier bezeichnet die erste als die der „Theoretiker“ und die zweite als die der „Strategen“, die konkret einen Umbau des Staatswesens überdächten.[23.3]
- The Josias wird bespielt von Theologen und Philosophen wie Waldstein, dem Theologen und Dominikaner-Pater Thomas Crean (Holy Apostles College and Seminary, USA), dem Theologen und Historiker Alan Fimister (ebendort) und Waldsteins Ideengeber, dem seit 2022 emeritierten Philosophen Thomas Pink (King’s College London), der ebenfalls an der 2012er Tagung teilgenommen hatte. Bei The Josias erschienene Essays veröffentlichte Waldstein außerdem gesammelt in den beiden Bänden Integralism and the Common Good. Selected Essays from The Josias.[39]
- Ins Politische gewendet werden neo-integralistische Ideen von den Rechtswissenschaftlern Adam Vermeule (Harvard Law School, USA) und Conor Casey (University of Surrey, England) als Vertreter des „Gemeinwohl-Konstitutionalismus“ sowie von dem Politikwissenschaftler Gladden Pappin (seit 2021 an der Denkfabrik Mathias Corvinus Collegium, Ungarn), außerdem von dem auf semiduplex.com bloggenden Juristen Patrick Smith. Dieser Gruppe nahe stehen außerdem zwei weitere Postliberalisten, der Theologe Chad Pecknold (Katholische Universität von Amerika) und der Politikwissenschaftler Patrick J. Deneen (University of Notre Dame, USA).
- Eine dritte Gruppe formierte sich um das Magazin New Polity. Dazu gehören der Historiker und Theologe Andrew Jones (Franciscan University of Steubenville, USA), der Herausgeber Marc Barnes (ebenfalls tätig in Steubenville) sowie der Theologe David Christopher („D. C.“) Schindler (Katholische Universität von Amerika). Diese Gruppe unterscheidet sich im Wesentlichen darin von der zweiten Gruppe, dass sie einen anderen Ansatz verfolgt, um neo-integralistische Ideen zu realisieren.[40]
Manche Autoren rechnen außerdem zu den Neo-Integralisten auch die Herausgeber von Zeitschriften und die Betreiber von Websites, in und auf denen neo-integralistische Texte für gewöhnlich erscheinen: James Patterson ergänzt den iranisch-amerikanischen Sohrab Ahmari als Gründer des US-amerikanischen Magazins Compact und den französischen Philosophen Guillaume de Thieulloy als Herausgeber der rechtsextremen Zeitschrift Les 4 Vérités Hebdo,[5.5] mit dem gemeinsam außerdem Pappin das Institut Pro Civitate Dei („Für den Gottesstaat“) gründete.[41] Nilay Saiya ergänzt außerdem Russell Ronald („R. R.“) Reno als Herausgeber von First Things.[42] In diese Reihe neo-integralistischer Diskursforen gehören neben The Josias, Sancrucensis, Semiduplex und New Polity weiterhin die von Pappin und Julius Krein gestartete[43] Zeitschrift American Affairs.[42]
Neo-integralistische Ideen
„Post-Liberalismus“ als die fundierende Theorie überschneidet sich in vielen Punkten mit dem bereits älteren Kommunitarismus; die meisten Post-Liberalisten sind Kommunitaristen.[44] Grundgedanke des Post-Liberalismus ist es ähnlich wie im Kommunitarismus, dass der Liberalismus mit seiner Betonung des Individualismus und einer falsch verstandenen Freiheit[45] negativ zu sehen ist. Ein wichtiger Grundtext ist Deneens Buch Why Liberalism Failed, der dies einleitend formuliert wie folgt:
„[Die Philosphie des Liberalismus] erzeugt in der Praxis titanische Ungleichheit, erzwingt Uniformität und Homogenität, fördert materiellen und geistigen Verfall und untergräbt die Freiheit. […] Wir können dies heute besonders in vier verschiedenen, aber miteinander verbundenen Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens beobachten: Politik und Regierung, Wirtschaft, Bildung, außerdem Wissenschaft und Technologie. In jedem dieser Bereiche hat der Liberalismus menschliche Institutionen im Namen der Ausweitung von Freiheit und der Steigerung unserer Herrschaft über unser Schicksal umgestaltet. Und in jedem Fall sind weitverbreiteter Zorn und wachsende Unzufriedenheit aus der sich um sich greifenden Erkenntnis entstanden, dass die Vehikel unserer Befreiung [tatächlich stattdessen] zu eisernen Käfigen unserer Gefangenschaft geworden sind.“
Eine Strömung des Post-Liberalismus ist der „Gemeinwohl-Konstitutionalismus“, der dieser liberalistischen Freiheit als obersten Wert das Gemeinwohl gegenüberstellt. Dieses Gemeinwohl soll gesichert werden durch einen starken Staat, in dem alles auf die Realisierung dieses Gemeinwohls hingeordnet ist. Vermeule, der prominenteste Vertreter dieser Strömung, beruft sich dabei auf die Theorie des ius commune, wie sie von Thomas von Aquin formuliert wurde.[47] Vermeule selbst vertritt in anderen Texten eine neo-integralistische Lesart dieses Gemeinwohl-Konstitutionalismus. Sein Grundwerk Common Good Constitutionalism ist jedoch nicht auf diese Lesart festgelegt, und andere Gemeinwohl-Konstitutionalisten vertreten ausdrücklich eine nicht-neo-integralistische Position.[48]
Der Gemeinwohl-Konstitutionalismus wiederum ist konstitutiv für den Neo-Integralismus.[49] Dort wird unterschieden zwischen einem „intrinsischen“ und einem „extrinsischen Gemeinwohl“. Ersteres meint wie im Gemeinwohl-Konstitutionalismus die „wohlgeordnete Gesellschaft“, letzteres – das ungleich wichtigere – dagegen das „letzte Ziel“ des Christen, laut dem Neo-Integralisten Jon Tveit nämlich „Erlösung, die selige Schau Gottes im Himmel“.[50]
Von diesem Gedanken aus definiert Edmund Waldstein den Neo-Integralismus in drei Sätzen: (1) Dem menschlichen Leben eignen ein zeitliches und ein ewiges Ziel; ersteres ist letzterem untergeordnet. (2) Der Mensch untersteht einer weltlichen und einer geistlichen Gewalt, nämlich Staat und Kirche. (3) Die Trennung von Politik und der „Sorge um das Ziel des menschlichen Lebens“ ist abzulehnen. Weil das zeitliche dem ewigen Ziel untergeordnet ist, muss auch die weltliche der geistlichen Gewalt untergeordnet sein.[51][52] Letzteres ist die zentrale Idee jeder neo-integralistischen Theorie: Staaten sollen die Welt gemeinsam mit der Kirche regieren und sind dieser teilweise – immer dann nämlich, wenn Fragen der Religion berührt sind – untergeordnet.[23.4]
Als Feindbild gelten auch hier „Liberale“, die einen falsch verstandenen Individualismus über ein christlich verstandenes Gemeinwohl stellen[53] (weitere Feindbilder sind Sozialisten und Protestanten).[23.5] Diesem Individualismus entspricht die Erklärung Dignitatis humanae, die sich – nicht-neo-integralistisch gelesen – zur Religionsfreiheit bekennt. Neo-integralistisch gelesen dagegen ist die katholische Kirche als überirdische Institution nicht auf Religionsfreiheit verpflichtet; diese schränkt nur Staaten ein.[54] In einer neo-integralistischen Gesellschaft regeln daher Staaten weiterhin irdische Belange, für überirdische Belange jedoch ist die Kirche zuständig und kann den Staat gegebenenfalls zur Durchsetzung von Maßnahmen für das übernatürliche Gemeinwohl verpflichten,[23.6] auch gegen menschliche Einwände. Konkret würde ein neo-integralistischer Staat zum Beispiel eine strikte Einhaltung der Sonntagsruhe durchsetzen, Dogmen-Unterricht an Schulen einrichten oder Verbote von Empfängnisverhütung, Pornographie und nicht-katholischen religiösen Schriften erlassen.[55] Aufsehen erregte,[56] als Waldstein auf seinem Blog Sancrucensis die später zurückgezogene[57] These vertrat, ein neo-integralistischer Staat könne auch die Todesstrafe über Häretiker verhängen.[58]
Vermeule entwickelte in Auseinandersetzung mit dem für Neo-Integralisten konstitutiven[38.3] Buch Why Liberalism Failed von Deneen eine Theorie, wie ein Übergang hin zu neo-integralistischen Staaten vonstattengehen könne, und bezeichnete diese als „Integration von innen“:[59] Integralisten sollen im nach Deneen ohnehin kollabierenden liberalen Staat strategisch Ämter besetzen. Die neo-integralistische Vokabel dafür ist „Ralliement“, ein Konzept, mit dem Papst Leo XIII. Katholiken aufrief, mit der feindseligen Dritten Französischen Republik zu kooperieren, um diese so zu christianisieren.[60] Mittels dieser Kooperation sollen Christen in einer Art „Marsch durch die Institutionen“ den Staat schrittweise von innen auf das vollständige Gemeinwohl ausrichten. Um dieses Ziel zu erreichen, dürften Katholiken nach Vermeule nicht vor politischer Macht zurückschrecken.[61] Die New Polity-Gruppe entwickelte eine weitere Transitionstheorie. Im Unterschied zum Vermeule-Flügel, der stark vom Freund-Feind-Denken Carl Schmitts geprägt ist, nimmt ihr Ansatz seinen Ausgang beim „freundlichen“ Nahraum: Katholische Christen sollen damit beginnen, auf dieser gesellschaftlichen Ebene „einander im Wachstum in den Tugenden zu unterstützen“ und so das Ihre zu einem Umbau der Gesellschaft beitragen; von diesem Naheraum aus sollen dann bottom up auf den jeweils nächsthöheren Ebenen entsprechende Strukturen etabliert werden.[62]
Neo-Integralismus, Integralismus und Politik
Neo-Integralismus und Politik
Vernetzung von Neo-Integralisten mit Politikern werden vor allem bei drei Ländern diskutiert: Ungarn, die USA und Deutschland.
Jamie Whyte hält Ministerpräsident Viktor Orbán für den Politiker außerhalb der USA, der dem Postliberalismus am nähesten steht.[63] Dieser hatte zur Parlamentswahl in Ungarn 2018 begonnen, sein 2014 vorgetragenes Konzept einer „illiberalen Demokratie“[64] darzustellen als Konzept einer „christlichen Demokratie“[65] und forcierte danach seinen bereits in den frühen 2010ern begonnenen Umbau des Staats.[66] Ungarn gilt daher in den entsprechenden Kreisen als „Vorbild eines postliberalen, neo-integralistischen Staats“.[67]
Im Zuge dieser Reformen wurden auch mehrere staatsnahe Denkfabriken entweder neu als GONGOs gegründet oder in staatliche Strukturen eingebunden, darunter ab 2018 das Danube Institute,[68] um 2023 das Hungarian Institute of International Affairs[69] und vor allem ab 2020 das Mathias Corvinus Collegium.[70] Nach Ausrufung der „christlichen Demokratie Ungarn“ reisten mehrere Neo-Integralisten und Postliberalisten dorthin und nahmen eine aktive Rolle bei der internationalen Legitimierung und Verbreitung des ungarischen Modells ein:[71] Gladden Pappin zog 2021 nach Ungarn und arbeitete zunächst am Mathias Corvinus Collegium, ab 2023 wurde er zum Präsident des Hungarian Institute of International Affairs[72] und verteidigte dort Orbáns Politik mit dem katholischen Glauben.[73] Auch der Postliberale[74] Rod Dreher reiste ab 2021 dreimal nach Ungarn und blieb zuletzt dort. Auch er war Fellow am Corvinus Collegium, außerdem am Danube Institute,[75] und auch er war in englischsprachigen Medien äußerst aktiv als Orban-Apologet.[76] Ahmari,[77] Vermeule und Deneen unternahmen ebenfalls Ungarn-Reisen;[78] Deneen tauschte sich dabei mit Orban aus, gab eine Lesung am Corvinus Collegium[79] und stellte danach Ungarn dar als alternatives Modell zum Liberalismus.[80]
Der US-amerikanische Vizepräsident JD Vance bezeichnet sich selbst als „postliberalen Rechten“[81] – nach dem Urteil von Dermot Roantree einen Postliberalen am neo-integralistischen Ende des Spektrums[82] – und nahm auch schon selbst an einer Tagung von Neo-Integralisten teil.[83] Er ist mit mehreren führenden Integralisten befreundet,[83] darunter Dreher[84] und Reno;[85] Deneen bezeichnet er als wichtigen intellektuellen Einfluss.[81] James Patterson und Raphaël Demias-Morisset beobachten, dass entsprechend Deneen, Vermeule und Pecknold konsequent die Politik von J. D. Vance verteidigen.[86] Auf neo-integralistischen oder postliberalen Einfluss zurückgeführt werden von verschiedenen Autoren zum Beispiel Vance Rede auf der 61. Münchner Sicherheitskonferenz,[87] die Nationale Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten[88] und seine Bezugnahme auf den Ordo amoris[89] im Zusammenhang mit Migration und Deportation.[90] Der Religionswissenschaftler Mathew Schmalz sieht auch grundsätzlich in Vance Position zum Thema Migration Nähen zum Neo-Integralismus, ebenso bei seiner Haltung zum Thema Gender.[91] Noch grundsätzlicher urteilte Blandine Chelini-Pont um 2025, der Postliberalismus habe aktuell erheblichen Einfluss auf die US-amerikanische Außenpolitik.[92]
Auch mit diesem Einfluss und einem neo-integralistischen Postliberalen als Vizepräsidenten ist die Zahl der zentralen Neo-Integralisten in den USA insgesamt klein.[93] Bei diesen Vertretern jedoch handelt es sich um etablierte Akademiker, die vorwiegend junge Katholiken von ihren Ideen überzeugen.[94] Kevin Vallier, der Autor der ersten Monographie über die neo-integralistische Bewegung, berichtete 2024, unter katholischen Universitätsabgängern sei der Neo-Integralismus mittlerweile ausgesprochen populär, insbesondere unter jungen Priestern.[83]
In Deutschland beobachtet die Theologin Sonja Strube Verbindungen zwischen neointegralistischen Christen und der Neuen Rechten: Eine frühe deutschsprachige Einführung in den Neointegralismus produzierte Moritz Scholtysik, der ehemalige Leiter der Jugendorganisation der Piusbrüder,[95] beim neurechten Projekt Gegenuni.[96] Scholtysik und auch Edmund Waldstein wirken außerdem mit an Europa Aeterna, einem weit rechten[97] Projekt, das sich selbst als „Akademie für politische Philosophie“ bezeichnet und neben Theologen wie Scholtysik und Waldstein auch Beiträge des TFP-nahen Christian Machek,[98] von diversen AfD-Politikern und der Identitären Caroline Sommerfeld veröffentlicht.[99] Nach Durchsicht der Europa-Aeterna-Texte ordnet Sonja Strube auch diese neurechte Plattform in den Kontext neo-integralistischer Ideologieproduktion ein.[100]
Integralismus und Politik
Neben den Neointegralisten existieren auch weiterhin Integralisten in den USA. Das Southern Poverty Law Center (SPLC) der Georgetown University beobachtet integralistische Hassgruppen unter der Bezeichnung „radikal-traditionalistische Katholiken“.[101] Dem SPLC zufolge vertritt diese Strömung in den USA außerdem „extrem konservative“ Ansichten über Frauen und stellt dort zudem die größte zusammenhängende Gruppe ernsthafter Antisemiten;[101] ihr Antisemitismus sei auch der Hintergrund für ihre Zurückweisung des Zweiten Vatikanischen Konzils.[102][103]
2023 wurde ihnen größere Aufmerksamkeit zuteil, nachdem eine Risikoeinschätzung des FBI zu radikaltraditionalistischen katholischen Extremisten[104] öffentlich bekannt wurde. Präsident Donald Trump warf daraufhin dem FBI vor, „überzeugte Katholiken“ ins Visier zu nehmen,[105] und initiierte später im Februar 2025 eine Task Force zur Untersuchung eines angeblichen „anti-christlichen Bias“ in den USA unter der Vorgängerregierung.[106] Diese Initiative wurde unter anderem von der Interfaith Alliance als politisch motiviert kritisiert; mit dem Konzept eines „anti-christlichen Bias“ würden tatsächlich Maßnahmen gegen Diskriminierung von LGBTQ-Personen, für die Durchsetzung von Impfpflichten sowie zum Schutz reproduktiver Gesundheitsversorgung zusammengefasst.[107] Eine Gruppe Sozialpsychologen hielt das Konzept für eine Variante der Vorstellung von einem „Rassismus gegen Weiße“.[108] Zwei Monate später forderte das Innenministerium Arbeitnehmer auf, Kollegen zu melden, die sich antichristlicher Diskriminierung am Arbeitsplatz schuldig gemacht hätten.[109] Die gegebenen Beispiele für solche Diskriminierung interpretierte der Journalist Joseph Gedeon als kaum verhohlene Verweise auf Regenbogenfahnen und Gendersprache; es zeichne sich ab, dass die Trump-Regierung mit besagter Task-Force gegen Antidiskriminierungsintiativen vorgehen wolle, die die Biden-Regierung angestoßen habe.[110]
Siehe auch
Literatur
- Paul VI et la modernité dans l’Église (= Collection de l'École française de Rome; 72). École française de Rome, Rom, 1984, ISBN 2-7283-0077-1.
- Émile Poulat: L’Église c’est un monde: l'ecclésiosphère. Cerf, Paris 1986, ISBN 2-204-02500-3.
- Philippe Levillain (Hrsg.): Dictionnaire historique de la papauté. Fayard, Paris 1994, ISBN 2-213-02537-1.
- Achille Ratti, Pape Pie XI : actes du colloque organisé par L’Ecole Française de Rome (= Collection de l'École française de Rome; 223). École française de Rome, Rom, 1996, ISBN 2-7283-0225-8.
- Jacques Maritain: Der Bauer von der Garonne. Ein alter Laie macht sich Gedanken. Kösel, München 1969 (Erstausgabe: Le Paysan de la Garonne, 1966), S. 163–164 (kritische Anmerkungen zum katholischen Integralismus).
Weblinks
- Steffen Zimmermann: Neo-Integralismus: Wie katholische Hardliner die Demokratie bekämpfen. In: katholisch.de. 1. Juli 2025 (Interview mit James M. Patterson).
- Claus Arnold: Integralismus. In: Staatslexikon. 8. Juni 2022.