Elamische Strichschrift
Schriftsystem für die elamische Sprache
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Die elamische Strichschrift (auch Linearschrift, englisch Linear Elamite, kurz: LE) ist ein Schriftsystem für die elamische Sprache. Dabei handelt es sich um die ausgestorbene Sprache der Elamer, eines altorientalischen Volkes im Südwesten des heutigen Iran.
Bekannte Fundstellen elamischer Strichschrift, Stand 2021[1] |

Geschichte
Die elamische Strichschrift ist neben den ägyptischen Hieroglyphen und der mesopotamischen Keilschrift eines der ältesten bekannten Schriftsysteme der Menschheitsgeschichte.[2] Sie wurde in der Bronzezeit etwa zwischen 2300 v. Chr. und 1880 v. Chr. verwendet.[3]
Danach geriet sie für nahezu 3800 Jahre in Vergessenheit.
Erforschung


20. Jahrhundert
Erst 1901 wurde die elamische Strichschrift wiederentdeckt, als französische Ausgräber auf dem Akropolishügel von Susa Inschriften fanden, die in einer unbekannten Schrift verfasst waren.
Im Jahr 1905 untersuchte der deutsche Altorientalist Ferdinand Bork (1871–1962) die „Löwentafel“ (Bild), eine akkadisch-elamische Bilingue, die Texte in Keilschrift und in LE aufweist. Da er in der Lage war, die Keilschrift zu lesen, schloss er daraus, was der elamische Text beschrieb. Insbesondere fielen ihm zwei Eigennamen auf: „Inšušinak“, der Gott von Susa, und „Puzur-šušinak“, ein elamischer Herrscher. Beide Namen enden auf „šušinak“. Nun suchte er im elamischen Text nach zwei identischen Zeichenfolgen, die für diese Lautfolge „šu-ši-na-k“ stehen konnten, und wurde fündig (siehe die letzten vier Zeichen im Bild oben). Diese Interpretation wurde allerdings nicht von allen Fachleuten anerkannt.
Es wurden 64 unterschiedliche Schriftzeichen gezählt (Bild), aber es gelang keine allgemein anerkannte Entzifferung. Die Strichschrift blieb insgesamt weiterhin unverständlich. Dies lag vor allem an der geringen Zahl der zur Verfügung stehenden Schriftstücke.[4]
Anfang der 1960er-Jahre wurde die Schrift vom Göttinger Iranisten und Elamisten Walther Hinz (1906–1992) als eigenständiges Schriftsystem erkannt und als elamische Strichschrift bezeichnet.[5][6]
21. Jahrhundert
Noch im Jahr 2001 waren Texte in der elamischen Strichschrift spärlich und im Wesentlichen auf die Regierungszeit Puzur-šušinaks (Ende des 23. Jahrhunderts v. Chr.) beschränkt. Dabei handelte es sich um einige Steintafeln sowie um Skulpturen wie die des Puzur-Inšušinak, die im Louvre aufbewahrt wird. Gefunden wurden bis dahin etwa vierzig Stein- und Ziegelinschriften, eine auf einer angeblich in der Nähe von Persepolis (Marvdascht) gefundenen Silbervase.[7]


Erst die Zuordnung des Namens Napiriša (Bild) und anderer Eigennamen brachte neue Erkenntnisse und führte 2019 zur Entzifferung von mehr als dreißig weiteren Zeichen durch den französischen Archäologen François Desset (* 1982), der dann am 27. November 2020 den Durchbruch bei der Lösung bekannt geben konnte.[8][9][10][4] Im Jahr 2022 schließlich legte Desset mit seiner Veröffentlichung The Decipherment of Linear Elamite Writing eine umfassende Deutung der elamischen Strichschrift vor. Dabei stützte er sich auf acht beschriftete Silberbecher (siehe auch: Foto und Artikel unter Weblinks), die er neu als wichtige Textquellen für seine Forschungen nutzen konnte.[4] Inhaltlich handelt es sich bei den Strichinschriften meist um Weihinschriften.
In den Jahren 2020 und 2021 fand Michael Mäder (unterstützt von François Desset 2022) heraus, dass es einen fließenden Übergang zwischen Proto-Elamisch und Linear-Elamisch gab inklusiver einer Übergangsphase. Inschriften, die zuvor als LE angesehen wurden, erwiesen sich als deutlich älter als die Texte auf Stein (von Puzur-Inshushinak) oder auf Silbervasen. Bei der Forschung wurden mathematische Methoden angewandt (Jaccard-Index und Levenshtein-Distanz), um die Verwandtschaft der beiden Schriftsysteme zu beweisen. Konkret ergab sich, dass 50,5 % der Zeichenformen identisch und weitere 16,8 % ähnlich sind (daher sie unterscheiden sich nur in einem Merkmal).[11][12] Mit den Resultaten sind in der Fachwelt nicht alle Forscher einverstanden. So kritisiert Jacob L. Dahl die Unterteilung in eine Frühphase «Early-LE/Intermediate Phase» (2600–2200 v. Chr.) und eine Hauptphase (2200–1900 v. Chr.). Stattdessen geht er davon aus, dass die Linear-Elamische Schrift erst 2200 erfunden wurde.[13] Mit dem Vorschlag von Mäder[11] und Desset[3], die Lautwerte aus der Entzifferung des Linear-Elamischen direkt für Entzifferungsversuche des Proto-Elamischen zu verwenden, ist Dahl ebenso wenig einverstanden.[13]


Die Schrift besitzt mindestens 103 Grapheme, von denen vierzig jeweils nur ein einziges Mal belegt sind. Es zeigte sich, dass die Strichschrift phonetisch ist, die einzelnen Symbole also Laute beziehungsweise Silben repräsentieren (Bild). Die elamische Strichschrift ist damit die früheste bekannte reine phonographische Schrift,[14] also eine allein auf Lautdarstellung, nie auf Wortzeichen beruhende Schrift. Damit ist sie mehr als sechs Jahrhunderte älter als die protosinaitische Schrift, die bis dahin als früheste galt und auf etwa 1700 v. Chr. datiert wird. Allerdings gilt die protosinaitische Schrift weiterhin als die älteste reine Alphabetschrift, bei der ein Zeichen immer nur einen Laut repräsentiert; die elamische Strichschrift ist im Gegensatz dazu eine gemischte Laut- und Silbenschrift, siehe Abugida.
- Die Löwentafel mit zweisprachigen Inschriften (links: LE, rechts: Keilschrift) und farbiger Hervorhebung der Eigennamen (1905)
- Silberbecher mit elamischer Widmung
- Die „Dame vom Palast“
- Tontafel mit LE (Louvre, Sb 9382)
- Tonkegel mit LE, datiert auf die Regierungszeit von Puzur-Inšušinak (Louvre, Sb 17830)
- Skulptur von Puzur-Inšušinak mit Namensinschrift
- Durchgebrochener Stein mit LE (Louvre, Sb 6 & Sb 177)
- Durchgebrochener Stein mit LE und einer vorgeschlagenen Lesart (Frank, 1912)
Online-Textsammlung (OCLEI)

Die Alice Kober Gesellschaft für die Entzifferung antiker Schriften (GEAS) verwaltet auf ihrer Webseite eine Unicode-basierte und stets aktualisierte Textsammlung namens «Online Corpus of Linear Elamite Inscriptions» (OCLEI) der Universität Bern. Diese bietet einen einfachen Zugang zu den Texten inkl. Fotografien, Abzeichnungen sowie Quellenangaben für jede einzelne Inschrift. Die Texte sind mit RegEx durchsuchbar und die Linear-elamischen Zeichen können automatisiert durch die vermuteten Lautwerte ersetzt werden. So können schnell die Suchresultate sowie die Transliteration der Texte kopiert werden und es stehen zahlreiche statistische Tools zur Verfügung. Der zugehörige Truetype-Font «Elamicon» ist kostenlos und copyright-frei erhältlich.[15]
Siehe auch
- Kuschana-Schrift – ab 2022/23 entziffert; beide Entzifferungen sind die ersten seit der Entschlüsselung der Linearschrift B (1940er–50er Jahre) und der Maya-Schrift (1950er–80er Jahre).
Literatur
- François Desset, Kambiz Tabibzadeh, Matthieu Kervran, Gian Pietro Basello, Gianni Marchesi: The Decipherment of Linear Elamite Writing. In: Zeitschrift für Assyriologie und Vorderasiatische Archäologie. Band 112, Nr. 1. De Gruyter, Berlin 1. Juli 2022, ResearchGate:361675439, S. 11–60, doi:10.1515/za-2022-0003 (englisch).
- François Desset: On The Decipherment Of Linear Elamite Writing. 2021 (englisch, Online).
- Jacob L. Dahl: Proto-Elamite and Linear Elamite, a Misunderstood Relationship? In: Zeitschrift für Assyriologie und Vorderasiatische Archäologie. Band 112, Nr. 1. , University of Oxford, Oxford, Faculty of Asian and Middle Eastern Studies 2023 (englisch, Online).
- Michael Mäder: Proto- und Linear-Elamisch: Formaler Vergleich, Berechnung des Jaccard-Index und Identifikation einer Übergangsphase. In: Begleitpapiere zum Entzifferungstool. Band 2021, Nr. 1. Alice Kober Gesellschaft für die Entzifferung antiker Schriftsysteme, 2021 (Online [PDF; abgerufen am 10. April 2026]).
- Michael Mäder, Stephan Balmer, Simon Plachtzik, Nicolai Rawyler: Sequenzanalysen zur elamischen Strichschrift. Institut für Sprachwissenschaft der Universität Bern, Bern Mai 2017 (Online).
- Simon Plachtzik, Michael Mäder, Nicolai Rawyler: Das Syllabar der elamischen Strichschrift: Eine Zeichenanalyse. Sprachwissenschaftliches Institut der Universität Bern, 25. Januar 2017 (Academia:33206579.).
Weblinks
Fotos
- Foto eines der acht Silberbecher.
- OCLEI, aktualisierte Online Textsammlung und Font "Elamicon", kostenlos downloadbar.
Artikel
- Andrew Lawler: Have Scholars Finally Deciphered a Mysterious Ancient Script? mit Foto eines der der acht Silberbecher im unteren Drittel des Artikels. In: Smithsonian Magazine. 1. August 2022 (englisch).
- Klaus Schmeh: Elamische Strichschrift aus der Bronzezeit entschlüsselt. In: Cipherbrain. 17. August 2022.
Videos
- François Desset: A New History of Writing on the Iranian Plateau. In: YouTube-Video. 16. Dezember 2020 (englisch, 55′).
- Auf den Spuren einer verlorenen Schrift. In: Arte. 2024 (53′).

