Eliza Walker Dunbar
schottisch-britische Medizinerin und Frauenrechtlerin
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Eliza Walker Dunbar (* 4. November 1845 in Bombay, Britisch-Indien; † 25. August 1925 in Clifton, Bristol) war eine schottisch-britische Medizinerin und Frauenrechtlerin. Sie war eine der ersten Frauen im Vereinigten Köngireich, die als Krankenhausärztin angestellt wurde und die erste Frau, die eine Approbation nach Prüfung erhielt.



Leben
Dunbar wurde in Bombay, Britisch-Indienals Tochter von Eliza und Alexander Walker, einem Arzt aus Edinburgh, der für das Bombay Military Department tätig war, geboren. Ihr jüngerer Bruder, Archibald Dunbar Walker, wurde ebenfalls Mediziner.[1][2]
Dunbar besuchte das Cheltenham Ladies’ College (1856–1861), während der frühen Amtszeit von Dorothea Beale als Schulleiterin.[2] Beale, selbst Tochter eines Chirurgen, war eine prominente Frauenrechtlerin, die für Mädchen Unterricht in Naturwissenschaften und Deutsch gegenüber Geisteswissenschaften und Latein förderte.[3] Dunbar blieb Beale und dem College auch nach ihrem Weggang verbunden und gehörte 1884 zu den Gründungsmitgliedern des Komitees der Guild of Cheltenham Ladies’ College.[4][5]
Nach dem Abschluss in Cheltenham studierte Dunbar an einer privaten Schule in Frankfurt.[2] Bis 1867 studierte sie Medizin und erhielt eine medizinische Ausbildung in London an der St Mary’s Dispensary in Marylebone, die von Elizabeth Garrett Anderson geleitet wurde. Dunbars Hoffnung war, wie Garrett die Lizentiatsprüfung der Society of Apothecaries abzulegen und auf diesem Weg in das medizinische Register aufgenommen zu werden. Die Society of Apothecaries änderte jedoch 1867 ihre Regeln, um Bewerberinnen und Bewerber auszuschließen, die keine regulären medizinischen Schulen besucht hatten. Da keine englische medizinische Schule Frauen aufnahm, waren Frauen damit faktisch ausgeschlossen.[1]
Dunbar bewarb sich deshalb um ein Medizinstudium an der Universität Zürich. Diese hatte 1867 beschlossen, Frauen den Erwerb eines akademischen Grades zu erlauben. Sie studierte von 1868 bis 1872 in Zürich, gemeinsam mit zwei weiteren Britinnen, Frances Hoggan und Louisa Atkins. Dunbar war die jüngste der Gruppe, die als die Zurich Seven bekannt wurde – die ersten Frauen, die an dieser Universität einen medizinischen Abschluss erwarben.[6] Nach vierjährigem Studium reichte sie ihre Dissertation über Gefäßverschlüsse der Hirnarterien (Originaltitel: Ueber Verstopfung der Hirnarterien) ein und erhielt 1872 den Doktortitel der Medizin mit Auszeichnung. Während ihres Studiums wurde sie die erste weibliche Assistentin in der Frauenabteilung des Kantonsspitals Zürich. Anschließend absolvierte sie ein weiteres Jahr postgradualer Studien in Wien, bevor sie 1873 nach England zurückkehrte.[1]
Bei ihrer Rückkehr nach England im Jahr 1873 bewarb sich Dunbar erfolgreich um die Stelle einer House Surgeon am Bristol Hospital for Sick Children.[7] Das Krankenhaus befand sich damals in einem umgebauten Wohnhaus am St Michael's Hill.[8] Sie war die einzige Frau unter dreizehn Bewerbern.[2] Das damals tätige medizinische Personal erklärte dem Vorstand, es werde zurücktreten, falls sie ernannt würde. Nach ihrer Einstellung traten tatsächlich zwei Ärzte sofort zurück. Die Vorstandsmitglieder, allesamt wohlhabende Männer aus Bristol, hielten jedoch zu ihr; Presseberichte zeigen, dass auch breite öffentliche Unterstützung bestand, sowohl in Bristol als auch landesweit.[9] Fünf Wochen später führte ein Streit zwischen Dunbar und einem Kollegen über die Behandlung eines Patienten dazu, dass die übrigen Ärzte – allesamt Männer – geschlossen den Dienst quittierten.[1] Ein Teil des Konflikts lag darin, dass Dunbar die einzige besoldete Ärztin war und die Gesamtverantwortung für die Behandlung trug, während die männlichen Ärzte als unbezahlte Ehrenamtliche tätig waren und es ablehnten, dass ihre Entscheidungen von einer Frau infrage gestellt wurden.[10] Dunbar blieb nach dem Auszug noch fünf Tage als einzige Ärztin im Krankenhaus tätig und reichte schließlich am 25. Juli ihren Rücktritt ein, um weitere Einschränkungen für das Haus zu vermeiden.[11]
Nach ihrem Rücktritt eröffnete Dunbar eine Privatpraxis in Clifton, Bristol. 1874 fügte sie ihrem Namen den Mädchennamen ihrer Großmutter mütterlicherseits, Dunbar als weiteren Familiennamen hinzu und nannte sich fortan Walker Dunbar, woraus später nur Dunbar wurde.[12][13][14]


1876 gründete Dunbar mit Unterstützung von Lucy Read, einer Förderin der Frauenbewegung in Bristol, die Read Dispensary for Women and Children in Hotwells, Bristol.[1][15] Die Ambulanz befand sich in der St Georges Road und war zunächst an zwei Tagen pro Woche geöffnet.[16]
Am 11. August 1876 verabschiedete das Parlament den Medical Act 1876, auch Enabling Act genannt, der es britischen medizinischen Behörden erlaubte, qualifizierte Bewerber unabhängig vom Geschlecht zu lizenzieren. Das King and Queen’s College of Physicians in Irland war die erste Institution, die Frauen mit ausländischem Abschluss ab 1877 zur Lizentiatsprüfung zuließ. Dunbar legte diese Prüfung am 10. Januar 1877 in Dublin ab und wurde damit die erste Frau, die durch eine Prüfung an einer britischen medizinischen Institution eine medizinische Zulassung erlangte.[17][18] Die Verleihung eines medizinischen Grades an eine Frau wurde in der britischen Presse breit berichtet.[19][20][21] Am 12. September 1877 wurde Dunbar zusammen mit Louisa Atkins, Frances Hogan und Sophia Jex-Blake., die ebenfalls 1877 die Prüfung in Dublin ablegte, in das britische Ärzteverzeichnis eingetragen.[22] Es gab nur eine vorherige Eintragung einer Frau: Elizabeth Blackwell war seit dem 1. Januar 1859 registriert, jedoch aufgrund einer Sonderregelung von 1858 und ohne Prüfung.[23]
In den folgenden Jahren bekleidete Dunbar zahlreiche Positionen, unter anderem als ärztliche Gutachterin für Bildungseinrichtungen in Bristol, darunter das Red Lodge Reformatory for Girls, das Bristol Training College of Elementary Teachers sowie die Frauenabteilung der University of Bristol von deren Gründung 1892 an.[1][24] Sie übernahm auch Lehrtätigkeiten, hielt 1888 Vorlesungen an der London School of Medicine for Women[25] und bot Kurse zu „Hygiene“ (1888) sowie „Körperliche Erziehung für Mädchen“ (1891) an der neu gegründeten Redland High School for Girls an – letzteres galt selbst für eine liberal geführte Schule als ein „recht fortschrittliches Thema“.[26]
Im August 1878 beschloss die Irish Graduates Association for Medical Practitioners, die im Rahmen der Jahrestagung der British Medical Association (BMA) in Bath zusammentrat, Dunbar in ihre Vereinigung aufzunehmen.[27] Auf derselben Tagung entschied die BMA jedoch, Frauen, die kürzlich als Mitglieder aufgenommen worden waren – darunter Frances Hogan –, wieder auszuschließen, mit der Begründung, sie seien „unrechtmäßig gewählt“ und „irrtümlich in die Vereinigung aufgenommen“ worden.[28] Diese Entscheidung wurde erst 1892 auf der Jahrestagung der BMA in Nottinghamrückgängig gemacht, bei Dunbar sich gemeinsam mit Elizabeth Garrett Anderson und Sarah Gray für die Aufhebung des Aufnahmeverbots für Frauen einsetzten.[29][30]
Dunbar engagierte sich schon kurz nach ihrer Ankunft im Jahr 1873 in der Bristoler Frauenwahlrechtsbewegung[31] und war ab 1875 Mitglied des Komitees der Bristol & West of England Society for Women’s Suffrage.[32][33] Sie war ein führendes Mitglied der Bristol Working Women’s Union und eine der Gründerinnen der National Union of Working Women (NUWW), die in Bristol auf Anregung der Londoner Gewerkschafterin Emma Paterson gegründet wurde. Dunbar hielt die Ansprache auf der ersten Versammlung der NUWW am 3. August 1875.[34] 1878 war sie eine der drei Delegierten der NUWW bei der Jahrestagung des Trades Union Congress, die in diesem Jahr in Bristol stattfand.[35] Dort argumentierte sie, dass arbeitende Frauen bestrebt sein müssten sich „durch Zusammenschluss mit anderen Frauen jene Ziele zu verschaffen, von denen wir glauben, dass sie unseren wichtigsten Interessen nahe liegen. Der schwächste Punkt der Gewerkschaften scheint mir gegenwärtig zu sein, dass vergleichsweise wenige Frauen ihnen angehören.“[36]
Dunbar organisierte im späten 19. Jahrhundert eine Reihe von Konferenzen in Bristol zum Thema „Arbeiterinnen“, auf denen sie Positionen vertrat, die stärker linksgerichtet und kritischer gegenüber sozialdarwinistischen Auffassungen waren als die der meisten weiblichen Reformeliten Bristols.[33] Sie gehörte zu den wenigen Frauen in diesen Gruppen, die glaubten, dass der Sozialismus eine bessere Gesellschaft herbeiführen könne, und stimmte 1910 gegen einen Antrag, der diese Ideologie angriff.[37]
Im Jahr 1895 gründete Dunbar das Bristol Private Hospital for Women and Childrenam Berkeley Square in Clifton,[38] wo sie bis zu ihrem Tod das Amt der leitenden Chirurgin (Senior Surgeon) innehatte.[2] Der Standort ist heute Teil der School of Education der University of Bristol.[39] Ursprünglich verfügte das private Krankenhaus über Platz für zwölf Patientinnen und konzentrierte sich auf die Behandlung von Frauen durch Frauen.[2] Bis 1914 hatte sich das Krankenhaus auf einen zweiten Standort etwa 50 Meter entfernt in der Charlotte Street erweitert.[38] Das Krankenhaus war mit drei Ärztinnen besetzt – Dunbar, Marion S. Linton und Lilly A. Baker –, die alle drei zugleich die leitenden ärztlichen Betreuerinnen (Chief Medical Attendants) des Read Dispensary waren.[40] Sowohl das Krankenhaus als auch die Ambulanz wurden durch eine „Kombination aus freiwilligen Beiträgen und Bezahlung“ finanziert. Einer der Zwecke des Krankenhauses war es, Ausbildungsmöglichkeiten für Ärztinnen bereitzustellen. Wie in The Englishwoman’s Review, einer der ersten feministischen Zeitschriften, formuliert wurde:
„It is not only a hospital for women patients, it is a hospital for the women doctors of Bristol […] for this was the only hospital in England, outside London, for women, attended by a medical staff of women, and its value, therefore, was great, not only for the patients, but for the women doctors of Bristol.“
„Es ist nicht nur ein Krankenhaus für weibliche Patientinnen, es ist ein Krankenhaus für die Ärztinnen von Bristol […] denn dies war das einzige Krankenhaus in England außerhalb Londons für Frauen, das von einem ärztlichen Stab aus Frauen betreut wurde, und sein Wert war daher groß, nicht nur für die Patientinnen, sondern für die Ärztinnen von Bristol.“
Obwohl Dunbar eine Unterstützerin der Abstinenzbewegung war, übte sie Kritik sowohl am strikten Abstinenzlertum als auch an der weit verbreiteten Tendenz, die Armen für ihre Trinkgewohnheiten verantwortlich zu machen, was häufig als ererbter Mangel dargestellt wurde. Auf einer Konferenz von 1892 zur Temperance Question argumentierte sie:
„The dulness of the poor drives them to drink. How dull is the poor woman whose work for her family has no end and no relief of friendly aid! It is not so much drink she longs for as the contentment and cheerfulness which alcohol induces.[…]
If you think that by drinking a little wine you will ruin the whole world, then, for God’s sake, don’t do it! But be tolerant to those who see no harm in moderation, and cannot agree that the abstinence of the few will cure the inebriety of the world.“
„Die Eintönigkeit des Lebens der Armen treibt sie zum Trinken. Wie unerquicklich ist das Leben der armen Frau, deren Arbeit für ihre Familie kein Ende und keine Entlastung durch freundschaftliche Hilfe kennt! Es ist nicht so sehr der Alkohol, nach dem sie sich sehnt, als vielmehr nach der Zufriedenheit und Heiterkeit, die Alkohol hervorruft.[…]
Wenn ihr glaubt, dass ihr durch das Trinken eines kleinen Glases Wein die ganze Welt zugrunde richtet, dann tut es um Gottes willen nicht! Seid aber tolerant gegenüber denen, die in maßvollem Genuss keinen Schaden sehen und nicht zustimmen können, dass die Abstinenz der wenigen die Trunksucht der Welt heilen wird.“
Im Jahr 1898 war Dunbar die einzige Frau, die in der Rubrik Contemporary Biographies einer biographischen Enzyklopädie Bristols einen eigenständigen Eintrag erhielt.[14] 1906 veröffentlichte sie einen Artikel im Bristol Medico‑Chirurgical Journal unter dem Titel The new theory and prophylactic treatment of puerperal eclampsia.[2]
Nachleben


Nach ihrem Tod wurde Dunbars Stiftung in Walker Dunbar Hospital umbenannt und behielt diesen Namen bis in die 1960er‑Jahre als Teil der Southmead General Hospital Group.[42]
Dunbar setzte ihre Arbeit bis zu ihrem Tod 1925 fort, der durch einen Sturz in ihrem Haus verursacht wurde.[2] Entsprechend ihren schriftlichen Anweisungen wurden ihre sterblichen Überreste am 30. August im Golders Green Crematorium in London eingeäschert; ihre Asche wurde anschließend im Garden of Rest beigesetzt.[43]
In einem der Nachrufe wurde bemerkt:
„Dr Dunbar was essentially a pioneer, and to the end of her career she showed as outstanding qualities courage, perseverance and pluck. She gathered round her, and retained throughout her life, a devoted band of friends and supporters.“
„Dr. Dunbar war im Kern eine Pionierin, und bis zum Ende ihrer Laufbahn zeigte sie in herausragender Weise die Eigenschaften Mut, Ausdauer und Unerschrockenheit. Um sich versammelte sie, und behielt dies während ihres ganzen Lebens bei, einen ergebenen Kreis von Freundinnen und Unterstützerinnen.“
Obwohl sie zu Lebzeiten als Pionierin anerkannt war, wurde im 20. Jahrhundert wenig über Dunbar geforscht. Erst ein wachsendes Interesse an Frauen- und Geschlechtergeschichte führte dazu, dass Dunbar von Historikern im Zusammenhang mit ihrem politischen und sozialen Wirken thematisiert wurde.[1][33][44]
Im Jahr 2003 wurde zu Dunbars Ehren an ihrem Haus in Clifton durch die Clifton and Hotwells Improvement Society eine Gedenktafel angebracht.[45] Im Jahr 2023 veröffentlichte der Bristol Post einen zweiseitigen Artikel über Dunbar zur Erinnerung an den 150. Jahrestag ihrer Ernennung am Bristol Children’s Hospital.[9]