Else Wegener

deutsche Übersetzerin, Herausgeberin, Autorin und Lehrerin, Frau von Alfred Wegener From Wikipedia, the free encyclopedia

Elisabeth (Else) Natalie Wegener, geb. Köppen (* 1. Februar 1892 in Hamburg; † 27. August 1992 in Sindelfingen), war eine deutsche Übersetzerin, Herausgeberin, Autorin und Lehrerin. Sie war von 1913 bis zu seinem Tod im Jahre 1930 die Ehefrau Alfred Wegeners.

Else und Alfred Wegener (1913)

Herkunft

Else Köppen wurde 1892 in Hamburg geboren. Ihre Eltern waren der Klimatologe leitende Meteorologe der Deutschen Seewarte Wladimir Köppen und dessen Frau Marie geborene Wehmeyer (1855–1939). Sie entstammte einer angesehenen deutsch-russischen Gelehrtenfamilie. Ihr Großvater, der Ethnograf Peter von Köppen, war Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften. Else war das vierte von fünf Kindern. Ihre drei Brüder verstarben früh. Ihre Schwester Aline (1884–1976) heiratete 1910 den Schiffbauingenieur Paul Knipping (1881–1942), einen Sohn des Meteorologen Erwin Knipping, der ein Kollege ihres Vaters an der Seewarte war.[1]

Ausbildung

Else Köppen wuchs in Hamburg-Eimsbüttel auf, bis ihr Vater 1903 ein Haus in Groß Borstel in der heutigen Köppenstraße (damals Violastraße) kaufte, in dessen Nachbarschaft er zuvor die Drachenstation der Seewarte eingerichtet hatte. Nach dem Ende ihrer Schulzeit besuchte Else Köppen das Lehrerinnenseminar, das sie 1911 erfolgreich abschloss. Von April 1911 bis März 1912 arbeitete sie als Lehrerin an einer Hamburger Schule. Anschließend vermittelte sie ihr Vater als Hauslehrerin an seinen norwegischen Kollegen Vilhelm Bjerknes. Bjerknes hatte einen Ruf an die Universität Leipzig erhalten und wollte, dass seine Söhne vor dem Umzug Deutsch lernen. Else Köppen blieb elf Monate in Kristiania, dem heutigen Oslo, und besuchte während dieser Zeit zoologische Vorlesungen von Kristine Bonnevie an der Universität.[2] Sie lernte Norwegisch und Dänisch.[1]

Ehe mit Alfred Wegener

Alfred, Kurt, Else und Tony Wegener bei ihrer Ballonfahrt (1912)

Nach seiner Teilnahme an der von 1906 bis 1908 dauernden Danmark-Expedition nach Grönland stellte Alfred Wegener im September 1908 erste Ergebnisse seiner Forschung auf der Tagung der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft in Hamburg vor. Köppen hatte die Veranstaltung organisiert, und seine 16-jährige Tochter ließ sich vom Lehrerinnenseminar freistellen, um Wegeners Vortrag anzuhören. Beim abendlichen Festessen war sie seine Tischdame. Als Wegener zwei Jahre später nach Hamburg kam, um mit Köppen sein Manuskript zur Thermodynamik der Atmosphäre zu besprechen, begegnete er Else erneut. An Pfingsten 1911 verlobte sich das Paar. Im April 1912 unternahm Else mit Alfred und seinen Geschwistern Kurt und Tony (1873–1934) eine Fahrt mit dem Gasballon, die von Göttingen ins ostfriesische Leer führte.[1]

Wegener plante, sich 1912/13 erneut an einer dänischen Polarexpedition zu beteiligen. Mit Johan Peter Koch wollte er das Inlandeis Grönlands an seiner breitesten Stelle durchqueren und meteorologische und glaziologische Beobachtungen und Messungen vornehmen. Der Hochzeitstermin wurde deshalb in die Zeit nach Wegeners Rückkehr festgesetzt. Else begleitete Alfred Wegener nach Kopenhagen und half beim Verpacken der Ausrüstung. Nach dem erfolgreichen Ende der Expedition heiratete das Paar am 16. November 1913 in Hamburg.[1] Elses neuer Wohnort war Marburg, wo Wegener Privatdozent war. 1913 erschien Kochs populärer Reisebericht von der Expedition, den Else Wegener ins Deutsche übersetzte.[3.1] Diese Übersetzung erschien erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs unter dem Titel Durch die weiße Wüste. Die dänische Forschungsreise quer durch Nordgrönland, 1912–13 im Verlag von Julius Springer in Berlin.

Das Ehepaar Wegener mit der Tochter Hilde (1916)

Alfred Wegener wurde im August 1914 zum Kriegsdienst eingezogen, wenige Wochen bevor Else die Tochter Hilde (1914–1936) zur Welt brachte. Nach zwei Verwundungen und der Diagnostizierung eines Herzfehlers wurde Wegener felddienstuntauglich geschrieben und bekam ein halbes Jahr Genesungsurlaub.[3.2] Ab dem 1. September 1915 wurde er als Ausbilder an wechselnden Standorten eingesetzt. In dieser Zeit übersetzte Else für die Zeitschrift für Gletscherkunde eine glaziologische Arbeit Kochs aus dem Dänischen ins Deutsche. Im März 1918 wurde die zweite Tochter Katharina (Käte, 1918–2012) geboren. Nach Wegeners Berufung als Nachfolger seines Schwiegervaters zog Else mit ihrer Familie 1919 wieder in das elterliche Haus in Groß Borstel ein. Ein Jahr später kam die dritte Tochter Charlotte (Lotte, 1920–1986) zur Welt. Als Wegener 1923 an die Universität Graz berufen wurde, erwarb die Familie das Haus Blumengasse 9 (heute Wegenergasse) und zog gemeinsam mit Elses Eltern nach Graz. Else Wegener unterstützte ihren Mann auch bei der Organisation seiner Grönlandexpeditionen 1929 und 1930. Sie übernahm die Sekretariatsarbeiten und lernte dazu das Maschineschreiben.[1] Alfred Wegener starb im November 1930 auf dem Inlandeis.

Weiteres Leben

Das Familiengrab der Wegeners in Zechlinerhütte

Nachdem ihr Mann nach Grönland abgereist war, übersetzte Else Wegener eine von Vilhelm Bjerknes herausgegebene, von seinem Vater Carl Anton Bjerknes verfasste Biographie des norwegischen Mathematikers Niels Henrik Abel. Kurz darauf übersetzte sie ein zweites Buch von Vilhelm Bjerknes, diesmal eine Biographie seines Vaters.[1]

Im Mai 1931 erfuhr Else Wegener vom Tod ihres Mannes. Ihrem Wunsch entsprechend wurde der Leichnam an seinem Fundort auf dem Inlandeis belassen.[4] Mit Unterstützung des Expeditionsteilnehmers Fritz Löwe gab Else Wegener den allgemeinen Expeditionsbericht heraus. Er enthält Alfred WegenersTagebuchaufzeichnungen und Beiträge anderer an der Expedition beteiligter Wissenschaftler und Techniker. Alfred Wegeners letzte Grönlandfahrt. Die Erlebnisse der deutschen Grönlandexpedition 1930/1931 erschien bereits 1932 und wurde als Klassiker der Polarliteratur bis in die Gegenwart immer wieder neu aufgelegt. Schon in den 1930er Jahren gab es Übersetzungen ins Englische und Dänische. Das Buch machte Alfred Wegener populär und ein breites Publikum mit der deutschen Grönland-Expedition vertraut.[5]

Die älteste Tochter Hilde starb 1936. Lotte wurde Geodätin[5] und heiratete im Dezember 1938 den bekannten Bergsteiger Heinrich Harrer, kurz bevor dieser zu seiner Expedition nach Tibet aufbrach. Die Ehe, aus der der Sohn Peter Harrer stammt, wurde noch während seines Asienaufenthalts geschieden. Käte ehelichte 1939 den Gauleiter der Steiermark, Sigfried Uiberreither, mit dem sie vier Söhne hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Käte am 26. Mai 1945 im Auftrag des amerikanischen Geheimdienstes CIC verhaftet und erst ein Jahr später wieder entlassen. Uiberreither, dem wegen seiner Kriegsverbrechen die Todesstrafe drohte, floh 1947 aus dem Internierungslager Dachau nach Kleinsölk in der Steiermark,[6] wo seine Familie einschließlich der Schwiegermutter Else Wegener lebte.[6] Es wurde spekuliert, ob Uiberreithers Flucht dadurch ermöglicht wurde, dass seine Frau den Amerikanern Dokumente aus dem Nachlass ihres Vaters übergeben habe. Nachdem Uiberreither sich einer Strafverfolgung in Österreich durch erneute Flucht entzogen hatte, wurde Käte vom Volksgericht Graz am 13. Juli 1948 wegen Verbrechen der illegalen Mitgliedschaft in einer nationalsozialistischen Organisation und Registrierungsbetrug zu 21 Monaten schweren Kerkers verurteilt.[7] Später tauchte die Familie unter dem Namen Schönharting in Sindelfingen unter, gedeckt von Bürgermeister und Pfarrer. Käte war dort als Musiklehrerin tätig.[6]

Else Wegener ließ sich später in Seefeld in Tirol nieder.[8] 1955 veröffentlichte sie eine Biographie ihres Vaters unter dem Titel Wladimir Köppen – ein Gelehrtenleben für die Meteorologie. Sie verwendete dazu Köppens selbst niedergeschriebene Erinnerungen. Fachliche Hilfe holte sie sich bei Erich Kuhlbrodt, dem späteren Leiter des Seewetteramtes in Hamburg. Fünf Jahre später gab sie eine Biographie Alfred Wegeners heraus (Alfred Wegener – Tagebücher, Briefe, Erinnerungen). 1961 folgten Wegeners Tagebücher, die er während der Grönlanddurchquerung geführt hatte (Alfred Wegener: Tagebuch eines Abenteuers. Mit Pferdeschlitten quer durch Grönland). Else Wegener übergab die Tagebücher aller Grönlandexpeditionen ihres Mannes sowie den Briefwechsel zwischen Alfred Wegener und Wladimir Köppen 1968 an das Deutsche Museum in München. Dem Archiv für Deutsche Polarforschung am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven hinterließ Else Wegener Fotos und Dokumente, darunter eine Abschrift des während der Danmark-Expedition geführten Tagebuchs.[9] Schon in den 1960er Jahren unterstützte sie die Alfred-Wegener-Gedenkstätte im früheren Wohnhaus der Familie in Zechlinerhütte bei Rheinsberg durch die Schenkung zahlreicher persönlicher Erinnerungsgegenstände, besonders aus Alfred Wegeners Jugend.[5]

Else Wegener wohnte ab 1980 in München bei ihrer Tochter Charlotte und zog nach deren Tod 1989 nach Sindelfingen zu ihrer Tochter Käte um.[8] Anlässlich ihres 100. Geburtstags wurde sie zum Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Polarforschung ernannt. Sie starb ein halbes Jahr später am 27. August 1992. Sie wurde im Familiengrab der Wegeners auf dem Friedhof in Zechlinerhütte bestattet.

Auf ihrer Mitgliederversammlung am 18. September 2024 beschloss die Gesellschaft für Polarforschung die künftige Vergabe einer Else-Wegener-Medaille. Mit ihr werden Persönlichkeiten ausgezeichnet, „die sich in besonderer Weise für den aktiven Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft engagiert haben, speziell im Bereich Öffentlichkeitsarbeit, Wissenstransfer und Nachwuchsförderung“.[10]

Literatur

  • Diedrich Fritzsche: Else Wegener – die Frau an Alfred Wegeners Seite. In: Polarforschung. Band 93, 13. Juni 2025, S. 3–9, doi:10.5194/polf-93-3-2025.

Einzelnachweise

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