Enantiodromie
Vorstellung vom ständigen Gegeneinanderwirken der Kräfte
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Enantiodromie (griechisch ἐναντιοδρομία „Gegenlauf“) ist die von Heraklit aus Ephesos (etwa 535–475 v. Chr.) entwickelte Vorstellung vom stetigen Gegeneinanderwirken der Kräfte, die allem Lebendigen als Grundgesetz des Seins und des kosmischen Rhythmus innewohnt.
Heraklit formulierte: Panta rhei = „Alles fließt, wandelt und verwandelt sich in sein Gegenteil.“ Aus warm wird kalt, aus Tag Nacht, aus Sommer Winter, aus Leben Tod. Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben; wir sind es, und wir sind es nicht. Danach sei es auch unmöglich, endgültig zu bestimmen, was gut und böse sei. Und jedes Urteil darüber sei lediglich ein Wähnen.
Rezeption
Die Coincidentia oppositorum bei Nikolaus Cusanus (1401–1564) betont den Übergang von Gegensätzen bis hin zur Übereinstimmung. Sie findet nach Giordano Bruno (1581–1600) überall in der Wirklichkeit statt.[1.1]
Friedrich Hegel (1770–1831) setzte die Diskussion um die Dialektik weiter fort mit seiner Lehre von der Dialektischen Aufhebung. Hegels Beitrag blieb nicht unwidersprochen. Karl Marx behauptete, dessen Philosophie „vom Kopf auf die Füße“ gestellt zu haben.[1.2]
Der Begründer der Analytischen Psychologie, Carl Gustav Jung (1875–1961), diskutierte das Konzept der Enantiodromie in seinen Schriften.[2] Jung greift auf das Modell von Heraklit zurück, wenn er eigene Modelle von Entwicklungsprozessen, wie etwa der Individuation beschreibt. Er benutzt dafür auch die Gegensatzbegriffe Animus und Anima, Persona und Seelenbild. Jung weist selbst nicht auf diesen Sachverhalt hin, er spricht nur vom Hervortreten unbewusster Gegensätze, „namentlich in zeitlicher Reihenfolge“. Er beschreibt jedoch die Psychologie des Apostels Paules und seine Bekehrung zum Christentum, ebenso wie den umgekehrten Prozess der Verhimmlung von Richard Wagner durch Friedrich Nietzsche und die danach sich ergebene Gegnerschaft zu ihm.[3.1]
Der Kommunikationswissenschaftler und Psychotherapeut Paul Watzlawick (1921–2007) griff den Gedanken Heraklits auf und wies darauf hin, dass ein Zuviel des Guten stets ins Böse umschlage. Zu viel Patriotismus erzeuge Chauvinismus, zu viel Sicherheit Zwang oder zu viel Buttercremetorte Übelkeit.[4] Watzlawick ist Schüler von C. G. Jung gewesen.
Nach Clifford A. Pickover (* 1957) ist Enantiodromie darüber hinaus der Prozess, in dem sich ein Glaube in sein Gegenteil verwandelt. Pickover nennt als Beispiel das Damaskuserlebnis des Apostels Paulus von Tarsus.
Es erscheint daher heute wie eine Ironie, dass die These von Heraklit: >Alles fließt< selbst Gegenstand dialektischer Auseinandersetzungen wurde. Die Schule von Elea vertrat die entgegengesetzte Auffassung vom Sein als dem unverändert Fortbestehenden.[1.3]
Siehe auch
- chinesisches Yin und Yang
- Antinomie
- Enantiotropie
- Dialektik bei Marx und Engels