Erdölleitung Freundschaft

Erdölleitung aus Kasachstan durch Russland und Polen nach Schwedt (Brandenburg) From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Erdölleitung Freundschaft oder Druschba-Pipeline (nach dem russischen Wort Дружба, transliteriert Družba) ist eine Pipeline für Rohöl, die die russischen Ölfelder mit Raffinerien in Ost- und Mitteleuropa verbindet. Die Pipeline wurde von 1959 bis 1964 von den damaligen RGW-Staaten errichtet. Sie beginnt in Almetjewsk in Tatarstan und gabelt sich bei Masyr in Belarus in einen Nordstrang, der über Polen bis nach Deutschland reicht, und einen Südstrang („II“), der über die Ukraine die Slowakei, Tschechien und Ungarn erreicht. Später wurde die Leitung eingangsseitig weiter nach Osten bis zu den westsibirischen Erdölquellen in der Oblast Tjumen verlängert. Damit erreichte ihre Länge bis zur deutschen Grenzstadt Schwedt 5327 Kilometer. Die Gesamtlänge des Systems (I+II) ist 8900 km.

Existierende und geplante Erdölleitungen in Europa

Im Laufe des Ukraine-Krieges wurde der Betrieb im Nordstrang nach Polen und Deutschland ab 2023 weitgehend eingestellt; Ungarn und die Slowakei werden hingegen trotz der Kampfhandlungen und Sanktionen weiter über den Südstrang versorgt.

Verlauf und Nutzung

Die Erdölleitung transportiert das Erdöl aus Russland über drei Stränge nach West- und Mitteleuropa. In Masyr in Belarus teilt sich die Leitung in einen nördlichen und einen südlichen Strang. Der Nordstrang verläuft durch Polen bis nach Deutschland in die Nähe von Schwedt/Oder zur heutigen PCK-Raffinerie und besteht aus zwei parallel verlaufenden Rohren. Der Südstrang verzweigt sich in der Ukraine nahe dem Dreiländereck Ukraine/Ungarn/Slowakei nochmals,[1] wobei der Nordzweig durch die Slowakei nach Tschechien führt und der Südzweig über Ungarn Verbindung zur Adria-Pipeline hat.[2] Damit erreichte ihre Länge bis zur deutschen Grenzstadt Schwedt 5327 Kilometer. Die Gesamtlänge des Systems (I+II) ist 8900 km.[3] Die Pipeline hat eine Transportkapazität von etwa 1,2–1,4 Mio. Barrel pro Tag;[4][5] laut anderen Quellen betrugen tägliche Lieferungen bis zu 1,9 Mio. Barrel pro Tag.[2] Die Pipeline wird vom Unternehmen Transneft betrieben, in Belarus durch Gomel Transneft, in Polen durch PERN.[6]

An der Pipeline sind in Belarus die Raffinerien Mozyr und Naftan angeschlossen, in Polen die Raffinerien in Płock und Danzig, in der Slowakei die Slovnaft-Raffinerie in Bratislava und in Tschechien die Raffinerien Litvínov und Kralupy, sowie die Duna-Raffinerie in Ungarn.[2] Bei Unetscha in Russland ist der Druschba-Abzweig BTS-2 nach dem russischen Ostseehafen Ust-Luga.

Geschichte

Erdölförderung in der Sowjetunion 1962

Am 11. Dezember 1958 wurde auf der X. Tagung des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) in Prag der Bau einer Erdölleitung beschlossen. Am 17. Juli 1963 erreichte die Erdölleitung das EVW (Erdölverarbeitungswerk, die heutige PCK-Raffinerie) in Schwedt an der Oder (damals DDR). Am 18. Dezember 1963 eröffnete Walter Ulbricht die Leitung offiziell. Fünf Jahre später war die Pipeline an ihrer Kapazitätsgrenze; daher wurde die größere Družba-2 mit bis zu 1220 Millimeter Innendurchmesser geplant und 1974 parallel zur Družba-1 verlegt. Die letzte Strecke in der DDR wurde 1981 in Betrieb genommen.[3] Heutige Abnehmer in Deutschland sind Unternehmen in Schwedt, Böhlen und Leuna. Das Erdöl aus der Sowjetunion wurde mittels Tauschhandel bezahlt, während die DDR auf dem Weltmarkt gegen Devisen daraus hergestellte Erdölprodukte verkaufte. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre, nach der ersten Ölpreiskrise, erhöhte die Sowjetunion den Ölpreis für ihre osteuropäischen Abnehmer; Anfang der 1980er Jahre senkte sie die jährlich in die DDR gelieferte Rohölmenge von 19 auf 17 Millionen Tonnen.

Politisches Druckmittel und technische Vorfälle

Im russisch-belarussischen Energiestreit sperrte der Betreiber Transneft am 8. Januar 2007 vorübergehend den Beginn der Pipeline, um die Regierung von Belarus zur Aufgabe der geplanten Transitsteuer in den Westen zu zwingen. Unter den Erdöl-Abnehmern waren davon vor allem Polen, Tschechien, Ungarn und Deutschland betroffen. Für die deutsche Bundesregierung (Kabinett Merkel I) war dies ein neuerlicher Anlass, die Abhängigkeit von Russland (ein Fünftel des Bedarfs) zu verringern, das die Energiecharta von 1994 nicht ratifiziert hatte. Nach zwei Tagen nahm Belarus die Transitsteuer für russisches Öl wieder zurück[7] und am nächsten Morgen erreichte Deutschland wieder Öl durch die Pipeline.[8] Utz Claassen, damals Vorstandschef von EnBW, sagte: „Dieser Konflikt um Weltmarktpreise zwischen Russland und Belarus hat keine spürbaren Auswirkungen auf Deutschland. Anders als beim Gas haben wir beim Öl viele alternative Bezugsquellen und vielfältige Lager- und Transportmöglichkeiten.“[9] Wegen des Kalistreits 2013 zwischen Uralkali (Russland) und Belaruskali (Belarus) um die plötzliche Auflösung eines Kartells kürzte Russland die Lieferungen durch die Pipeline um ein Viertel (400.000 t/Monat ?), was mit Wartungsarbeiten begründet wurde.[10][11] Im April 2019 wurden die Lieferungen gestoppt,[12] da die Grenzwerte für organisches Chlor(id) zehnfach überschritten waren. Dieses wird bei der Ölförderung zugesetzt und muss vor dem Transport wieder herausgefiltert werden.[13]

Am 12. Oktober 2022 wurde 70 km entfernt von der zentralpolnischen Stadt Płock in der nach Deutschland führenden Hauptleitung ein Leck entdeckt. Die Durchleitung wurde gestoppt; ausgetretenes Öl wurde aus einer Mulde entfernt.[14][15] PERN meldete, dass am 5. August 2023 in der Nähe von Chodecz (Zentralpolen) ein Leck entdeckt und der Öltransport abgestellt wurde.[16]

Objekt im Krieg in der Ukraine

Am 24. Februar 2022 begannen russische Streitkräfte einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine, was zu Sanktionen gegen Russland führte. Die deutschen Hauptnutzer der Pipeline waren die PCK-Raffinerie in Schwedt und die Total Raffinerie Mitteldeutschland in Leuna, die über eine Pipeline der Mineralölverbundleitung Schwedt angeschlossen ist. Transportiert wurden bis 2022 nach Schwedt jährlich ca. 22 Millionen Tonnen westsibirisches Erdöl, wobei PCK etwa 12 Millionen Tonnen davon verarbeitete. Mit dem Importstopp von russischem Erdöl ab Januar 2023 wurde die Einfuhr russischen Öls nach Deutschland und Polen über die Pipeline beendet;[17][18] dennoch erlaubte Russland ab Mitte 2023 die Durchleitung von Öl aus Kasachstan nach Deutschland (993.000 Tonnen 2023 und 1,5 Millionen Tonnen 2024).[19][20] Ungarn und Slowakei wurden aufgrund einer Ausnahmeregelung von den Sanktionen und trotz der Kampfhandlungen weiter über den durch die Ukraine verlaufenden Südstrang versorgt.

Am 18. August 2025 griffen Streitkräfte der Ukraine mit Drohnen eine Pump-Station in Russland an, was dazu führte, dass die Öllieferungen durch die Druschba-Pipeline bis zum übernächsten Tag unterbrochen wurden. Der ungarische Außenminister Szijjártó nannte dies einen 'empörenden Schlag gegen die Energiesicherheit Ungarns',[21] bedankte sich später bei Russland für die schnelle Reparatur und ermahnte die Ukraine, Ungarn aus dem Krieg mit Russland herauszuhalten. Auch die Slowakei gab bekannt, dass wieder Öl fließt.[22] Die ukrainische Armee hat nach eigenen Angaben am 22. August 2025 ein weiteres Mal die Erdölpipeline Druschba angegriffen. Die Pumpstation Unetscha in der westrussischen Oblast Brjansk wurde mit Kampfdrohnen angegriffen. Nach Angaben des ungarischen Außenministers Péter Szijjártó wurde der Durchfluss von Erdöl nach Ungarn nach etwa 2 Tagen Betrieb erneut unterbrochen.[23][24] Ebenfalls im August 2025 kam es mehrfach zu Drohnenangriffen an den Ölverschiffungsanlagen in Ust-Luga und setzten diese zeitweise außer Funktion.[25][26] Aus diesem Ostseehafen startet die russische, von westlichen Medien genannte „Schattenflotte“, die etwa 20 Prozent (Stand: 2025) des russischen Rohöls zu Kunden verschifft, die es billig einkaufen und oft als Benzin und Diesel nach Europa liefern.

Anfang Dezember 2025 führte das ukrainische Militär nach eigenen Angaben erneut einen Angriff auf die Druschba-Erdöllinie aus. Die Pipeline wurde demnach in der russischen Region Tambow getroffen. Dabei wurden laut Medienberichten ferngesteuerte Sprengsätze und zusätzliche brennbare Mischungen eingesetzt. Reuters bezeichnete dies als den fünften Angriff auf die Leitung. Ungarn und die Slowakei reagierten mit scharfer Kritik.[27][28]

Im Januar 2026 wurde die Pipeline von Russland in einem von Russland nicht besetzten Gebiet der Ukraine angegriffen und beschädigt und stand danach still. Ungarn verlangte von der Ukraine, die Schäden zu reparieren (und blockierte EU-Hilfsgelder für die Ukraine im Rahmen einer umkämpften Parlamentswahl im April 2026 mit der Begründung, dass die Ukraine die Reparaturarbeiten verschleppe). Der ukrainische Präsident Selenskyj sagte im März 2026 zu, die Reparaturen sollen bis Ende Mai erfolgen, wobei Hilfe der EU in Form von Technikern in Anspruch genommen werden solle.[29] Am 22. April 2026 erklärte die Ukraine, die Pipeline sei repariert worden. Die ukrainische Regierung verbindet mit der Wiederinbetriebnahme auch politische Erwartungen: Die Regierung hofft, damit die letzte Hürde für den blockierten EU-Kredit auszuräumen. Das Hilfspaket war durch ein Veto von Ungarns scheidenden Ministerpräsidenten Viktor Orbán blockiert, der Vorbehalte gegen die Unterstützung für die Ukraine geäußert hatte.[30] Auch die Slowakei verhinderte die Bewilligung des EU-Kredites für die Ukraine. Orbán sowie der slowakische Ministerpräsident Fico äußerten Zweifel daran, dass die Pipeline überhaupt tatsächlich beschädigt gewesen sei. Am Morgen des 23. April erreichte das Öl wieder die Slowakei; diese sowie Ungarn gaben ihren Widerstand gegen den EU-Kredit für die Ukraine auf.[31]

Am 22. April 2026 kündigte Russland an, dass es die Durchleitung kasachischen Öls nach Deutschland auf dem Nordstrang der Pipeline ab Mai 2026 einstellen werde.[32]

Literatur

  • Roland Götz: Energietransit von Russland durch die Ukraine und Belarus. In: SWP-Studie. Dezember, 2006, ISSN 1611-6372 (PDF)
Commons: Erdölleitung Freundschaft – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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