Ferrer Center
Schule in den Vereinigten Staaten
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Das Ferrer Center war ein anarchistisches Kulturzentrum in Manhattan, das eine nach dem Vorbild der Escuela Moderna gegründete und durch Francisco Ferrer inspirierte Schule beherbegte. Diese Schule, die New York Modern School, wurde 1910 in New York gegründet und zog 1915 nach Stelton im Bundesstaat New Jersey um, wo sie bis 1953 den Mittelpunkt einer anarchistischen Siedlung, der Ferrer Colony, darstellte.

Hintergrund

Im Jahr 1909 wurde der Freidenker, Pädagoge und Anarchist Francisco Ferrer, der als Gründer der Escuela Moderna und der International League for the Rational Education of Children berühmt geworden war, während der sogenannten Tragischen Woche in Barcelona festgenommen und hingerichtet. Seine letzten Worte vor dem Hinrichtungskommando waren angeblich: „Zielt gut, Freunde. Ihr seid nicht verantwortlich. Ich bin unschuldig. Lang lebe die Moderne Schule.“ Die Hinrichtung löste einen weltweiten Sturm der Empörung aus, der nicht nur Anarchisten wie Pjotr Kropotkin oder Errico Malatesta ergriff, sondern auch Liberale und Sozialisten wie H. G. Wells, Anatole France und Arthur Conan Doyle. Schnell wurden zu Ferrers Gedenken an vielen Orten Statuen errichtet. Die daraus resultierende Ferrer-Bewegung führte zur Gründung antiklerikaler Privatschulen nach dem Modell seiner Escuela Moderna auf der ganzen Welt.[1.1] Zwischen 1910 und 1960 gab es in den Vereinigten Staaten 22 Ferrer-Schulen sowie zwölf der Bewegung nahestehende Schulen.[2] In Deutschland verfasste Gustav Landauer in der Münchner Räterepublik 1919 einen durch Ferrer inspirierten Entwurf für ein Bildungsprogramm.[1.1] Neben Ferrer bildeten Leo Tolstoi und seine Schule in Jasnaja Poljana einen wichtigen Bezugspunkt anarchistischer Diskussionen um Erziehungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.[3]
Geschichte
Gründung
Auch die amerikanische Anarchistin Emma Goldman zeigte sich von Ferrers Tod bewegt und widmete sich in Vorträgen und Texten seinem Leben und seinen Ideen. Gemeinsam mit Alexander Berkman, der schon 1905 während seiner Inhaftierung eine Schulgründung vorgeschlagen hatte, um den anarchistischen Nachwuchs auszubilden, trieb sie das Projekt einer Schulgründung in Andenken an und inspiriert durch Ferrer voran.[4.1]
Am 3. Juni 1910 gründete eine Gruppe von New Yorker Anarchisten und Sympathisanten die Francisco Ferrer Association in New York City, mit anfänglich 22 Mitgliedern, darunter neben Goldman und Berkman auch Hutchins Hapgood, Upton Sinclair, Jack London, Charles Edward Russel.[1.2] Der Verein hatte drei Ziele: die Verbreitung von Ferrers Schriften, die Organisation von Treffen zum Jahrestag seines Todes und die Gründung von Schulen nach seinem Vorbild in den Vereinigten Staaten.[5] Alle Mitglieder, unabhängig von ihren durchaus unterschiedlichen politischen Ansichten und Biografien, teilten den Glauben an Bildung und Erziehung als zentrales Instrument sozialer und politischer Veränderung.[1.3] Viele der Gründungsmitglieder waren zugleich Mitglied der Free Speach League, einer Vorläuferorganisation der American Civil Liberties Union (ACLU).[1.4]
Das Ferrer Center

Das Hauptquartier des Vereins, das Ferrer Center, war anfangs an der Adresse 6 St. Marks Place zwischen East Village und Greenwich Village zu finden und veranstaltete eine Vielzahl von Kulturveranstaltungen: Vorträge über Literatur, Debatten über aktuelle Themen, avantgardistische Kunst und Aufführungen wie „Parfümkonzerte“ von Sadakichi Hartmann, Tanzveranstaltungen und Kurse.[5][1.5] Auch wenn viele Lehrer eine Anti-Establishment-Haltung vertraten, wurden relativ klassische Themen unterrichtet. Einige Kurse wurden von angesehenen Personen unterrichtet: Die Maler Robert Henri und George Wesley Bellows unterrichteten Aktzeichnen, der Sohn von Hjalmar Hjorth Boyesen, Bayard Boyesen, unterrichtete vergleichende Literatur und Will Durant unterrichtete die Geschichte der Philosophie. Das Zentrum veranstaltete auch einen Abendkurs für Englisch, dessen Themen oft die Geschichte des Proletariats und aktuelle Angelegenheiten umfassten. Eine Gruppe studierte Esperanto. Vorträge behandelten freies Denken, Religion, Sexualität und Hygiene. Margaret Sanger schlug Müttertreffen zur Geburtenkontrolle vor. An Wochenenden veranstaltete das Zentrum Diskussionsrunden mit Rednern wie dem Journalisten Hutchins Hapgood, dem Dichter Edwin Markham und dem Reporter Lincoln Steffens;[5] an einigen Sonntagen wurden auch Kurse für Kinder angeboten.[1] Leonard Abbott, ein anarchistisches Mitglied der Ferrer Association, beschrieb das Ferrer Center als „Klassenzimmer, Sitzungssaal, Garderobe, Hörsaal und Bibliothek in einem“.[1.6] Moritz Jagendorf, der eine Theatergruppe im Center leitete, beschrieb es als „durch Aktivität und Vitalität pulsierend“, als „brodelnden Ozean der Gedanken und Aktivitäten, wo alle arbeiteten und kreativ waren“.[1.7]

1914 hatte die Ferrer Association bereits mehrere hundert Mitglieder.[5.1] Das Center zog Anarchisten und Sozialisten, Gewerkschafter, Avantgarde-Künstler, Bohemiens und Feministinnen aus aller Welt an. Während die meisten Unterrichtenden der amerikanischen Mittelschicht entstammten, bestand ein Großteil der Mitglieder aus eingewanderten Arbeitern, darunter überwiegend osteuropäischen Juden, aber auch Franzosen, Deutschen, Italienern, Spaniern, Engländern, Iren, Russen, Rumänen und anderen. Das Center bot außerdem Raum für aufstrebende und bereits etablierte Künstler und Autoren wie Mike Gold, Max Weber, Man Ray, Lola Ridge oder Eugene O’Neill, Edwin Markham, Robert Henri und George Bellows.[1.7] Das Center trug somit insgesamt dazu bei, eine Brücke zwischen anti-autoritär und freiheitlich eingestellten Angehörigen der Mittelschicht und eingewanderten Radikalen aus der Arbeiterklasse herzustellen.[6.1]
Die Arbeiterin Minnie Lowensohn, die das Center regelmäßig besuchte, schilderte ihre Erfahrungen dort wie folgt:
„Es bedarf wenig Fantasie, um sich vorzustellen, welchen Eindruck die Damen der Modern School auf die berufstätigen Frauen in Amerika machten, die bis zur Zeit der Ferrer Association dachten, Maler und Dozenten gehörten auf einen anderen Planeten, und die sich plötzlich als Teil einer Gruppe fühlten, die nicht nur aus kreativen Künstlern, sondern auch aus großen Menschenfreunden bestand“

Die Zeitschrift The Modern School

1910 und 1911 hatte die Ferrer Association einen News Letter herausgegeben. Dieser stellte die Grundlage für das Magazin The Modern School dar, das von 1912 bis 1922 von der Association herausgegeben wurde. Die Idee für die Zeitschrift kam von Lola Ridge, die sie anfangs auch redigierte, druckte und verteilte. Nachdem Ridge und ihr Partner und Mitarbeiter David Lawson kurz darauf New York verließen, wechselten die Herausgeber. In den zehn Erscheinungsjahren waren nacheinander Leonard Abbott, Harry Kelly, William Thurston Brown, Carl Zigrosser und Frank V. Anderson als Chefredakteure verantwortlich. Texte stammten von Autoren wie Hart Crane, Wallace Stevens und Maxwell Bodenheim, Mike Gold, Konrad Bercovici, Rabindranath Tagore und Padraic Colum und Illustrationen wurden unter anderem von Rockwell Kent, Max Weber, Man Ray und Raoul Dufy beigesteuert.
Neben literarischen Texten enthielt die Zeitschrift auch viele pädagogische Beiträge und empfahl den Lesern entsprechende Werke von zum Beispiel Jean-Jacques Rousseau, Johann Heinrich Pestalozzi, Friedrich Fröbel, John Dewey oder Alexander Sutherland Neill. Ein wiederkehrendes Thema war die Kritik öffentlicher Schulen.[1.8] Der Historiker Paul Avrich bezeichnet das Magazin als „eine der schönsten Kulturzeitschriften, die jemals in Amerika veröffentlicht wurden, inhaltlich und gestalterisch reichhaltig.“[1.9] Carl Zigrosser, der das Magazin in seiner Blütezeit führte, schrieb darüber: „Ich habe versucht, daraus ein schönes Ding zu machen, ein Medium, in dem sich kreative Denker und Künstler ausdrücken können. Es beschäftigt sich mit radikalen Ideen zu Erziehung, und mit Erziehung meine ich jegliche Aktivität, die das Leben erweitert und verbessert.“[5.2]
Die New York Modern School
Die am St. Mark’s Place genutzten Räumlichkeiten waren für das eigentlich geplante Unterrichten von Kindern ungeeignet, sodass die Ferrer Association Spenden sammelte und am 1. Oktober 1911 an einen neuen Standort, 104 East Twelfth Street, umziehen konnte. Am 13. Oktober begann der reguläre Schulbetrieb.[1.10] Dieser verlief allerdings ungeplant und chaotisch und es kam zu häufigen Wechseln von Lehrern und Schulleitern.[4] Nur wenige der involvierten Erwachsenen hatten Erfahrungen mit pädagogischer Arbeit, sodass die Anarchistin Voltairine de Cleyre, die selbst an Modern Schools in Philadelphia und Chicago gearbeitet hatte, die kritische Frage stellte: „What do people like Emma Goldman […] know about running a school?“[1.11] Einige Mitglieder der Ferrer Association sahen in ihrer Planlosigkeit aber einen Ausdruck eines „libertären Impulses“.[5.3]

Nachdem sich schnell zeigte, dass die neuen Räumlichkeiten wegen ihrer Entfernung zu den Wohnorten der Schüler ungeeignet waren, zog die Schule in ein Gebäude in Harlem, nicht weit entfernt vom Central Park, um.[5.4] Beim Betreten des Gebäudes zog das Gemälde The Path of Progress des sozialistischen Karikaturisten Baljour Ker die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich, die Räume waren mit Gemälden und Porträts berühmter Anarchisten und Vordenker wie Tolstoi, Ibsen, Whitman, William Morris und Kropotkin geschmückt.[8.1] Der erste Schulleiter der Schule, Bayard Boyesen, war der Sohn eines berühmten norwegischen Professors, räumte seinen Posten aber nach wenigen Monaten wieder. Auf ihn folgte John Coryell, ein Autor von Groschenromanen, der nach dem Suizidversuchs eines Schülers das Amt an seine Frau Abby übergab.[5.5] Auf sie folgte für ein Jahr (1912–1913) der 26 Jahre alte Will Durant, der sein Theologiestudium abgebrochen und sich dem Anarchismus zugewandt hatte. Nachdem dieser sich in die vierzehnjährige Schülerin Ida Kaufmann, mit der er bis zum Ende seines Lebens verheiratet bleiben sollte, verliebt hatte, gab er den Lehrerberuf auf.[1.12] Von 1913 bis 1914 war die eher traditionelle Cora Bennet Stephenson Schulleiterin, auf die von 1914 bis 1915 Robert H. Hutchinson folgte. Nachdem Hutchinson und seine Frau Delia beschlossen hatten, eine noch radikalere libertäre Schule zu gründen, empfahlen sie Henry T. Schnittkind als ihren Nachfolger, der die Schulleitung aber nur im Herbst 1915 innehatte.[5.5]

1914 waren bereits 30 Schüler eingeschrieben und einige Bewerbungen mussten sogar abgelehnt werden. Die meisten Schüler waren Kinder von in der Textilindustrie angestellten radikalen Arbeitern.[5.6] Auch die Aktivistin Margaret Sanger schickte ihre Kinder auf die Modern School.[1.13] Die Schule war von einem freiheitlichen Geist geprägt. Unter Schulleiter Will Durant gab es keine feste Anwesenheitszeiten oder gar eine Anwesenheitspflicht. Die Schüler wurden in Handarbeit, Schreiben, Singen, Klavierspiel und Zeichnen unterrichtet und konnten selbst bestimmen, ob und wann sie ihre Aufgaben erledigten. Nachmittags verbrachten die Schüler viel Zeit in der schuleigenen Holzwerkstatt oder auf Ausflügen in den nahegelegnen Stuyvesant Park. Durant schilderte seine Ausflüge begeistert:
„Verblüffte Passanten fragten sich, was das wohl für ein Mann sei, der ohne Hut und Mantel mit einem Dutzend Kindern auf sich herumtollte und sich dann plötzlich in wissenschaftliche oder historische Themen vertiefte. Manchmal blieben diejenigen, die gekommen waren, um zu spotten, stehen, um diesen Geschichten zuzuhören. Auch Eltern schlossen sich uns an, wenn sie konnten; einfache, schüchterne Mütter, die in der Armut und Unterdrückung ihrer Heimatländer kaum Zeit für Bildung gehabt hatten. Was für glückliche Stunden wir gemeinsam verbrachten, wir großen und kleinen Kinder, an diesen sonnigen Nachmittagen!“
Rion Bercovici, der nach seinem Besuch der New York Modern School auf eine staatliche Schule geschickt wurde, beschwerte sich schnell über diese: „Die Banalität dieses Orts ekelte mich an. Keine Diskussionen über Sex und die Revolution, kein Aufruhr, keine Aufregung.“[1.15] Eine andere Schülerin erinnerte sich vor allem an den Lärm, der in der New York Modern School herrschte: „Ich war nur vier Jahre alt, aber ich erinnere mich an Chaos, Lärm. Es war nicht einengend, sondern spontan, leicht, freizügig.“[1.16] Trotzdem wurden auch klassische Inhalte vermittelt; die Schulleiterin Cora Stephenson unterrichtete die Mädchen in der Nutzung eines Handfächers, weil sie der Meinung war, dass sich anarchistische Ideen und gute Manieren nicht widersprechen müssen.[1.17]
Umzug nach Stelton

Im Jahr 1914 spielten das Ferrer Center und die dort aktiven Anarchisten eine große Rolle bei der Organisation und Durchführung von Demonstrationen für Arbeitslose. Nach dem Ludlow-Massaker, bei dem streikende Bergarbeiter angegriffen worden waren, intensivierten die Anarchisten ihre Kampagne. Eine Gruppe junger Anarchisten, die sich im Ferrer Center getroffen hatten, plante ein Bombenattentat auf John D. Rockefeller, Jr., aber das dafür gehortete Dynamit explodierte am 4. Juli in einer Wohnung und tötete drei der an der Planung Beteiligten und eine weitere Hausbewohnerin.[4.2] Zwar distanzierten sich Vertreter der Ferrer Association von der geplanten Gewalttat, der verstorbenen Planer wurde aber intensiv gedacht. Die Urne mit ihren sterblichen Überresten wurde im Auditorium der Schule aufgestellt. Die Assoziation des Centers mit dem geplanten Attentat führte zu einer stark gesteigerten öffentlichen und polizeilichen Wahrnehmung und Beobachtung. Spender wie der Mäzen Alden Freeman und auch dem Center zuvor zugewandte Liberale und Sozialisten wandten sich in der Folge ab. Trotz verschiedener Benefizveranstaltungen und einer leichten Schulgelderhöhung war die finanzielle Situation angespannt. Außerdem führte die regelmäßige Anwesenheit von Spitzeln und Provokateuren zu Störungen bei den Veranstaltungen. Intern wurde außerdem diskutiert, inwiefern die politische Agitation den pädagogischen Alltag der Schule beeinflusse. Aus diesem Grund wurde eine Verlegung des Centers in Betracht gezogen.[1.18][5.7]

Nach längeren Diskussionen über die Vorzüge und Nachteile des Lebens auf dem Land entschied sich die Association, in Stelton im Middlesex County (New Jersey) eine Siedlung und eine Schule zu errichten.[5.8] Sie erwarb ein Stück Land zum Preis von 100 Dollar pro Acre, das dann an die Siedler für 150 Dollar weiterverkauft wurde. Der so erzielte Überschuss wurde für die Infrastruktur und den Bau der Schule einbehalten. Im Mai 1915 kamen die ersten Familien in Stelton an und begannen, das weitestgehend brachliegende Landstück zu bebauen.[9] Die Anfangsmonate in der Siedlung waren hart. Es fehlte an Geld, Werkzeug und Baumaterialien. Zwar unterstützten sich die Siedler gegenseitig stark, aber insbesondere im ersten Winter, als die meisten Gebäude unbeheizt blieben, stellte das Aufgeben eine realistische Option dar. Erst im Sommer entspannte sich die Lage und ab 1916 wuchs die Siedlung kontinuierlich bis in die 1920er Jahre. Im September 1918 gab es 51 Wohngebäude und zwanzig Familien lebten ganzjährig in Stelton. 1920 wurde ein neues großes Schulgebäude fertiggestellt, in dem fortan die meisten Unterrichtsstunden stattfanden.[5.9]
Das New Yorker Ferrer Center stand weiter unter behördlicher Beobachtung, die sich im Laufe des Ersten Weltkriegs und des pazifistischen Engagements der Ferrer-Anarchisten weiter intensivierte. Im April 1918 wurde das Gebäude geschlossen und die Vortragstätigkeit eingestellt; im Juni 1919 stellte die Ferrer Association ihre Aktivitäten vollständig ein.[8.2] Ihre Nachfolgeorganisation war die Modern School Association. Sie organisierte jährlich am Labor Day Konferenzen, gab Bücher und Zeitschriften heraus und warb Geld für die Schule ein.[1.19]
Schule und Siedlung in Stelton

Die Siedlung in Stelton war weder kollektivistisch noch subsistzenzwirtschaftlich organisiert, sondern viele Siedler pendelten zum Arbeiten nach New York. Die Grundstücke gehörten den einzelnen Siedlern und nur das Land, auf dem die Schule stand, war gemeinsames Eigentum. Es kam immer wieder zu Konflikten, sodass ein Mitglied der Ferrer Association, Harry Kelly, festhielt: „Anarchismus ist ein erstrebenswertes Ideal, aber es zu leben bedarf einer unheimlichen Menge an Geduld und innerer Stärke.“[1.20] Die Siedler führten weiterhin ausgiebige politische Diskussionen, hörten Vorträge und hielten verschiedene kulturelle Veranstaltungen ab; das Interesse an ökonomischen Themen nahm in der Siedlung aber ab. Besucher bemängelten zwar den Zustand der Siedlung und der Gebäude, bewunderten aber den Idealismus der Siedler.[5.10] Die auf den Höfen in der Umgebung lebenden Bauern waren ob der neuen Nachbarn skeptisch und unterstellten diesen (fälschlicherweise), sie seien Nudisten, und (zutreffenderweise), sie seien Befürworter der freien Liebe. Es hielt sich das Gerücht, die Schulglocke, die üblicherweise zu speziellen Anlässen wie abendlichen Vorführungen oder Reden geläutet wurde, sei eine Einladung für Ehemänner, das Bett zu wechseln.[10.1]
Die Modern School in Stelton

Die raschen Wechsel an der Spitze der Schule setzten sich auch in Stelton fort. Auf Schnittkind folgte der Interimsschulleiter Joseph Cohen und dann im Frühjahr 1916 William Thurston Brown. Er folgte den in New York etablierten Grundsätzen, sodass die Schüler weiterhin in gemischten Gruppen unterrichtet wurden, nicht zur Unterrichtsteilnahme verpflichtet waren und nicht durch die Lehrer bestraft wurden. Die neue Umgebung der Schule wurde genutzt, viel Unterricht im Freien abzuhalten und draußen zu schwimmen, spielen und zu wandern. Außerdem wurde Wert auf Handarbeit gelegt. Unter der Aufsicht des Druckers und Schriftsetzers Joseph Ishills gaben die Kinder ein monatliches Magazin, The Path of Joy, heraus.[1.21] Ungefähr die Hälfte der Schüler, die 1916 die Schule in Stelton besuchten, lebte bei ihren Eltern in der Siedlung, der Rest der Schüler übernachtete in einem zum Schlafsaal umfunktionierten Bauernhaus.[1.22] Joan Baez, deren Mutter Schülerin in Stelton gewesen war, beschreibt das Gefühl der Freiheit, das diese dort fühlte: „Es gab eine Schule, die sie liebte. Sie wurde dort alleingelassen und sie konnte an einem Bach sitzen, statt zum Unterricht zu gehen.“[10.2] 1918 erwirtschaftete die Schule ein Viertel ihres Einkommens durch Schulgeld; das restliche Geld wurde durch Spenden, unter anderem von Prynce Hopkins, und Benefizveranstaltungen eingeworben. Gewerkschaften und ihre Mitglieder unterstützten die Schule ebenfalls.[5.11][1.23] Die Siedlung wuchs beständig und hatte 1920 etwa 150 dauerhafte Bewohner. An den Wochenenden besuchten viele Interessierte die Siedlung, um an den Veranstaltungen teilzunehmen. Unter anderem John Reed, Emma Goldman, Art Young und John Dewey besuchten die Schule in dieser Zeit als Gäste.[1.22]
Im Jahr 1920 wurde ein gemeinschaftlich errichtetes neues Schulgebäude fertiggestellt. Außerdem übernahm in diesem Jahr das Ehepaar Elizabeth und Alexis Ferm die Schulleitung.[1.24]
Das Ehepaar Ferm
Die Schule befand sich 1919 in einem prekären Zustand, was vor allem auf die sehr starke Laissez-faire-Pädagogik und den häufigen Wechsel von Lehrern und Schulleitern zurückzuführen ist. Nachdem einige der Erzieher versucht hatten, den Nahrungsentzug zur Disziplinierung einzusetzen, entstand unter den Kindern eine feindselige Stimmung; es herrschte „eine allgemeine mürrische Missachtung aller außer sich selbst und ein organisiertes System von Kleindiebstählen, um sich das zu beschaffen, von dem die Kinder glaubten, es gehöre ihnen.“ Erst die Ankunft des Ehepaars Ferm brachte einen Wandel.[5.12] Die Ernährung der Kinder stellte ohnehin ein umstrittenes Thema dar; je nachdem, welche Erwachsenen zuständig waren, galt es unterschiedliche Richtlinien zu befolgen. Die meisten Erwachsenen waren Vegetarier, aber einige Erwachsene wollten, dass die Kinder nur Nüsse und Rosinen essen, andere wiederum boten ihnen ungeschältes und ungewaschenes Gemüse an, weil dieses noch alle Nährstoffe enthalte, und eine wieder andere Richtlinie sah vor, Obst erst gegen die Wand zu werfen, damit es weich werde.[10.3]

Elizabeth Byrne Ferm, genannt „Aunty“, und ihr Ehemann Alexis Ferm, „Uncle“, hatten bereits seit 1901 verschiedene freie Schulen gegründet. Als sie im Mai 1920 in Stelton ankamen, war Elizabeth 62, Alexis 49 Jahre alt. Nachdem sie ursprünglich nur das Internat führen sollten, übernahmen sie schnell die Leitung der gesamten Schule und eines neu gegründeten Kindergartens. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Schulleitern machte das Ehepaar zu Beginn deutlich, dass ihm die „akademische Seite der Bildung“ deutlich unwichtiger sei als „konkrete Erfahrungen“. Aus diesem Grund begannen die beiden sofort mit dem Umbau des gerade fertiggestellten Schulgebäudes. Statt der ursprünglich geplanten Klassenzimmer sollte es nur unterschiedliche Bereiche für künstlerische Tätigkeiten und Handarbeit geben und die Schüler wurden davon abgehalten, sich mit Büchern zu beschäftigen. Unter der Anleitung von Paul Scott gaben die Schüler eine eigene Zeitschrift, The Voice of the Children, heraus. Das vorher „Boarding House“ genannte Gebäude benannten die Ferms zu „Living House“ um, um deutlich zu machen, dass es ein Ort des gemeinsamen Lebens sei.[5.13][1.25] Die Ferms betonten den Wert der Kindheit und widersetzten sich einer Instrumentalisierung der Erziehung. Alexis beschwerte sich: „Immer soll das Kind für die Gesellschaft, fürs Leben, für sein Land, für einen guten Zweck, für seine Kirche erzogen werden. Wann wird es endlich für sich selbst erzogen?“[1.26]

In Stelton genossen die Schüler die Freiheit und die vielen unterschiedlichen Aktivitäten, denen sie nachgehen durften. So berichtete ein ehemaliger Schüler:
„Es gab keine Noten, keine Bewertung, keinen Zwang, zum Unterricht zu kommen. Wir riefen die Lehrer beim Vornamen. Sie waren Freunde, nicht Vorgesetzte und alle waren in der Schule gleich. Wir hatten wöchentliche Versammlungen, in denen wir gleichberechtigt abstimmten. Es war ein Ort der Freiheit und Freude.“
Die einzige Veranstaltung, an der die Kinder teilnehmen mussten, war die morgendliche Versammlung, bei der gesungen und getanzt wurde.[5.14] Die Ferms waren zwar durchaus radikal in ihrem erzieherischen Anspruch, der viel Wert auf Selbstverantwortung und freie Entwicklung legte, folgten aber nicht unbedingt pädagogischen Trends der Zeit. Das bedeutet, dass ihre Vorbilder eher Friedrich Fröbel und Leo Tolstoi als John Dewey und Sigmund Freud waren, wodurch sich die Modern School in Stelton durchaus von ähnlichen freien Schulen der Zeit unterschied. Die wichtigsten Charaktereigenschaften, die die Ferms vermitteln wollten, waren „Eigeninitiative, Beharrlichkeit und die Fähigkeit, Entbehrungen zu ertragen.“ Auch in Bezug auf Sexualerziehung waren die Ferns konservativer als ihre Vorgänger und viele der Siedler.[5.15]

Diese Faktoren trugen zum Konflikt mit den Eltern bei, der 1925 eskalierte. Anders als das Schulleiterpaar waren viele davon der Ansicht, dass soziale und politische Fragen im Unterricht verhandelt werden sollten. Es fanden mehrere öffentliche Debatten zu diesem Thema statt, so zum Beispiel im Dezember 1924 zwischen Hippolyte Havel und Alexis Ferm zur Frage „Should Anarchism Be Taught to the Children?“. Außerdem bemängelten die Eltern, dass die Ferms die im Living House lebenden Schüler gegenüber den Tagesschülern bevorzugten, und kritisierten den „diktatorischen Zug“ vor allem von Elizabeth Ferm, die Schüler zum Beispiel für das Bettnässen bestrafte und in der nassen Bettwäsche schlafen ließ.[1.28] Vor allem aber entfachte sich der Konflikt an der Wertschätzung klassischer akademischer Fähigkeiten. Die häufig immigrierten Eltern erhofften sich akademische Aufstiegschancen für ihre Kinder und fürchteten, dass diese später im Leben abgehängt werden könnten. Zur Trauer vieler Schüler verließen die Ferms die Schule 1925.[1.29][5.16] Es folgte eine chaotische Zeit für die Modern School. 1926 war Jon Scott für ein Jahr Schulleiter, dann folgte der in Polen geborene Anarchist, Vegetarier und Esperantist Abe Goldman. 1927 und 1928 wurde die Schule erstmals geschlossen, bis Jim und Nellie Dick, die, die Schule der Mohegan Colony geleitet hatten, sie sanierten und wiedereröffneten. Sie kannten die Schule, weil sie vor ihrer Zeit in der Mohegan Colony für das Living House in Stelton verantwortlich gewesen waren. Ihnen gelang es, die Schule wiederzubeleben, sodass sie im im Herbst 1929 wieder etwa 60 Schüler hatte. Die Dicks begannen außerdem, wieder mehr Veranstaltungen für Erwachsene anzubieten. Das Paar hatte aber ebenfalls mit der Einmischung der Eltern zu kämpfen und verließ Stelton 1933, um eine eigene Schule zu gründen.[1.30]
Niedergang der Siedlung
Bereits 1923 zog Harry Kelly, der die Ferrer Association und die Siedlung in Stelton maßgeblich geprägt hatte, zurück nach New York und begann über eine neue Siedlungsgründung nachzudenken. Er kaufte ein Stück Land und gründete die kurzlebige Mohegan Colony, die ebenfalls über eine Modern School verfügte und die zumindest kurzfristig einige Siedler aus Stelton anlockte.[5.17] In Stelton brachen Konflikte zwischen den Siedlern über die Bewertung der jungen Sowjetunion aus, die hauptsächlich zwischen Kommunisten und Anarchisten verliefen. Diese Streitigkeiten gingen allerdings hauptsächlich von den Männern aus; die Zeit, die diese auf der Arbeit in New York verbrachten, nutzten die Frauen, um sich weiterhin untereinander auszutauschen.[5.18] Weitere Spannungen traten mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs zwischen pazifistisch gesinnten Siedlern und Unterstützern des amerikanischen Kriegseintritts aus. Zudem verschlechterte sich die Atmosphäre in der Siedlung durch die Eröffnung des Militärlagers „Camp Kilmer“ in der unmittelbaren Umgebung. Viele Siedler verließen Stelton und verkaufte die Häuser vor allem an afroamerikanische Soldaten, die auf dem Immobilienmarkt der Umgebung sonst Schwierigkeiten hatten.[5.19]
Auch die Schule erreichte nie wieder die Höhen ihrer Anfangszeit. Im Oktober 1933 kehrte das Ehepaar Ferm als Schulleiter zurück, aber die Schülerzahlen sanken stetig und die Folgen der Weltwirtschaftskrise wurden für die Siedler und die Siedlung spürbar. Das Living House wurde deshalb in den Dreißiger-Jahren verkauft.[1.31] 1936 kam die Schule der Bitte nach, staatlich vermittelte Kinder aufzunehmen, zu denen auch vermeintlich Söhne New Yorker Gangster gehörten.[10.4] Elizabeth Ferm verstarb 1944 nach mehreren Schlaganfällen in den vorangegangenen Jahren. „Uncle“ blieb bis 1948 Schulleiter. Leonard Abbott schrieb 1949 pessimistisch: „Ich bezweifle, dass die Schule eine echte Zukunft hat, nachdem Elizabeth Ferm verstorben ist und sich Alexis Ferm in den Ruhestand begeben hat. Niemand kann ihren Platz einnehmen.“ Alexis' Assistentin Anna Schwartz übernahm die Schule, die aber zu diesem Zeitpunkt bereits nur noch aus einem Kindergarten bestand. Im Jahr 1953 wurde die Schule endgültig geschlossen und im Februar 1955 brannte das Gebäude ab. Die Modern School Association wurde 1961 aufgelöst.[1.31] Schon in den 1970er-Jahren lebte nur noch einer der ursprünglichen Siedler in Stelton.[10.5] Die Modern School in New York bzw. in Stelton war die langlebigste der etwa dreißig Modern Schools in Nordamerika.[6.1]
Beurteilung und Nachleben

Der Historiker Laurence Veysey zieht ein ambivalentes Fazit der Geschichte Steltons, betont aber, dass der „lange Kampf gegen die Welt außerhalb der Sieldung bis zu einer Art von Unentschieden im gesellschaftlichen Kontext Amerikas schon an sich Bewunderung verdient.“[5.19] Auch Paul Avrich zeigt sich von den Erfolgen der Ferrer-Schulen beeindruckt: „Es stimmt zwar, dass ihre libertären Ziele nicht vollständig verwirklicht wurden. Doch was die Prinzipientreue und die Entwicklung einer alternativen Bildungsmethode betrifft, die Dogmatismus und Unterdrückung ablehnte, waren sie ein bemerkenswerter Erfolg.“[1.32] Die Emma-Goldman-Biografin Kathy E. Ferguson sieht im Ferrer Center „ein Beispiel, einen Vorgeschmack der Freiheit, einen Ort, an dem sich Anarchisten bereits so miteinander verhalten konnten als lebten sie bereits in einer anarchistischen Welt.“[6.1]
Einige der mit dem Ferrer Center assoziierten Künstler wie Man Ray, Konrad Bercovici, Manuel Komroff und Lola Ridge erzielten große künstlerische und literarische Erfolge, die sie durchaus auch auf ihre Zeit in New York zurückführten.[1.31] Manche an der Modern School tätige Lehrer arbeiteten in anderen alternativen Schulen und beeinflussten diese. Der Historiker Paul Avrich schreibt daher über das Erbe der Modern School Association: „Durch die ehemaligen Lehrer und Schüler, durch Bücher, Broschüren und Zeitschriften, vor allem aber durch die Aufzeichnungen über ihre pädagogischen Projekte hinterließ die Ferrer-Bewegung weiterhin einen Eindruck in fortschrittlichen pädagogischen Kreisen.“[1.33] Ehemalige Schüler und Lehrer gründeten 1973 die „Friends of the Modern School“, die regelmäßige Treffen und Konferenzen abhielt, bis sie 2022 ihre Tätigkeit einstellte.[11] Viele Unterlagen, Fotografien und Dokumente lagern im Archiv der Rutgers University.[12]
Literatur
Zeitgenössische Texte
- Bayard Boyesen: The Modern School. The Francisco Ferrer Association, New York 1911 (englisch, Online).
- Will Durant: The Ferrer Modern School. The Francisco Ferrer Association, New York (englisch, Online).
- Carl Zigrosser: The Modern School. Ferrer Colony, Stelton 1918 (englisch). Online in der HathiTrust digital library
- Joseph Jacob Cohen, Alexis C. Ferm: The Modern School of Stelton: a sketch. Hrsg.: Modern School Association of North America. Stelton 1925 (englisch).
Geschichtswissenschaftliche Literatur
- Paul Avrich: The modern school movement: anarchism and education in the United States. Princeton University Press, Princeton 1980, ISBN 0-691-04669-7 (englisch).
- Florence Tager: Politics and Culture in Anarchist Education: The Modern School of New York and Stelton, 1911–1915. In: Curriculum Inquiry. Band 16, Nr. 4, 1986, S. 391–416, doi:10.2307/1179429 (englisch).
- Laurence R. Veysey: The communal experience: anarchist and mystical counter-cultures in America. Harper & Row, New York 1973, ISBN 0-06-014501-3 (englisch).