Florentina Holzinger

österreichische Choreographin und Performancekünstlerin From Wikipedia, the free encyclopedia

Florentina Holzinger (* 8. Jänner 1986 in Wien) ist eine österreichische Choreografin, Regisseurin, Performancekünstlerin und Filmschauspielerin. Ihre Arbeiten verbinden zeitgenössischen Tanz, Theater, Oper, Akrobatik, Stuntarbeit und Elemente der Unterhaltungskultur. 2026 gestaltete sie den österreichischen Pavillon der 61. Biennale di Venezia.

Florentina Holzinger (2024)

Leben

Florentina Holzinger wurde 1986 in Wien geboren. Sie studierte Choreografie an der School for New Dance Development (SNDO) der Amsterdamse Hogeschool voor de Kunsten in Amsterdam. Ihre Diplomarbeit, das Solo Silk, wurde 2012 beim Wiener Tanz- und Performancefestival ImPulsTanz mit dem Prix Jardin d’Europe ausgezeichnet.[1]

Zu Beginn ihrer Laufbahn arbeitete Holzinger wiederholt mit dem niederländischen Performer Vincent Riebeek zusammen. Gemeinsam entwickelten sie unter anderem Kein Applaus für Scheiße (2011), Spirit (2012), Wellness (2013) und Schönheitsabend. Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase (2015). Die Arbeiten wurden in der europäischen Tanz- und Performanceszene gezeigt und machten Holzinger einem größeren Fachpublikum bekannt.[2]

Ein wiederkehrendes Thema ihrer Arbeiten ist die körperliche Belastbarkeit von Performerinnen sowie die theatrale Darstellung von Verletzlichkeit, Risiko und Selbstermächtigung. In ihrem Solo Recovery verarbeitete Holzinger 2015 einen schweren Bühnenunfall, den sie während einer Aufführung von Silk erlitten hatte.[3]

Werk

Florentina Holzinger auf der Eröffnung der Biennale di Venezia 2026

Holzingers Arbeiten verbinden zeitgenössischen Tanz, Performance, Theater, Akrobatik, Kampfsport, Stunts, Sideshow-Elemente und Bezüge zu Populär- und Hochkultur. Wiederkehrende Motive sind Nacktheit, körperliche Grenzerfahrungen, weibliche Selbstermächtigung, Gewaltbilder, Schmerz, religiöse und mythologische Symbolik sowie die Befragung tradierter Körper- und Geschlechterbilder. Ihre Inszenierungen greifen häufig auf Stoffe und Formen der europäischen Theater-, Opern- und Ballettgeschichte zurück, die sie mit Elementen aus Unterhaltungskultur, Zirkus, Splatter, Revue und Trash konfrontiert.

In Apollon (2017) bezog sich Holzinger auf Igor Strawinskys und George Balanchines neoklassisches Ballett Apollon musagète. Die Produktion stellte dem klassischen Ballettkörper ein Ensemble gegenüber, das artistische, akrobatische und freakshowhafte Elemente einsetzte. Mit Tanz. Eine sylphidische Träumerei in Stunts (2019) griff sie Motive des romantischen Balletts, insbesondere La Sylphide, auf und verband sie mit Stuntarbeit, Körpertheater und feministischer Relektüre des Ballettkanons. Die Inszenierung wurde 2020 zum Berliner Theatertreffen eingeladen und mehrfach ausgezeichnet.

Mit Ophelia’s Got Talent, 2022 an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz uraufgeführt, entwickelte Holzinger ein großformatiges Spektakel, das Motive aus Talentshow, Wasserballett, Popkultur und feministischer Körperpolitik verband. Die Berliner Festspiele beschrieben die Arbeit als physische Studie zur „Psychologie des Wassers im 21. Jahrhundert“.[4] Die Produktion wurde 2023 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Für ihre Darstellung in Ophelia’s Got Talent erhielt Saioa Alvarez Ruiz 2023 den Nestroy-Theaterpreis als beste Schauspielerin.

Ihre erste Opernproduktion SANCTA, nach Paul Hindemiths Einakter Sancta Susanna, wurde am 30. Mai 2024 am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin uraufgeführt. Holzinger erweiterte Hindemiths Kurzoper durch geistliche Werke und Neukompositionen zu einem abendfüllenden Musiktheaterabend. Die Berliner Festspiele beschrieben die Produktion als Interpretation einer heiligen Messe, in der Performerinnen die Grenzen körperlicher Ausdrucksformen ausloten.[5] Die Inszenierung wurde zu den Wiener Festwochen, an das Württembergische Staatstheater Stuttgart, an die Volksbühne Berlin sowie zu weiteren Festivals eingeladen. Wegen der expliziten körperlichen und religiösen Bildsprache wurde SANCTA öffentlich kontrovers diskutiert; zugleich wurde die Produktion 2025 zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

2025 wurde an der Volksbühne Berlin A Year without Summer uraufgeführt. Die Produktion behandelt Themen wie Körper, Krankheit, Alterung, medizinische Selbstoptimierung, technologische Heilsversprechen und ökologische Krisenerzählungen. Die Volksbühne beschreibt das Stück als Auseinandersetzung mit den Geschichten, die Gesellschaften über Körper, Gesundheit, Identität, Verfall und Umwelt erzählen.[6]

2026 gestaltete Holzinger gemeinsam mit der Kuratorin Nora-Swantje Almes den österreichischen Pavillon auf der 61. Biennale di Venezia. Unter dem Titel SEAWORLD VENICE entwickelte sie eine Arbeit, die Wasser als Motiv, Material und Symbol einsetzt und Tanz, Theater, Performance und Installation verbindet. Die offizielle Biennale-Seite beschreibt das Projekt als Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper in einer sich radikal verändernden Landschaft, in der Natur und Technologie aufeinandertreffen.[7] Die Ausstellung läuft vom 9. Mai bis 22. November 2026.[8]

Rezeption

Holzingers Arbeiten wurden in der Kritik wiederholt als Verbindung von zeitgenössischem Tanz, Performancekunst, feministischer Körperpolitik und Unterhaltungskultur beschrieben. Besondere Aufmerksamkeit erhielten die Verwendung von Nacktheit, Blut, Stunts, Selbstverletzungsbildern und religiösen Motiven. Während Kritikerinnen und Kritiker ihre Inszenierungen als Erweiterung des Tanz- und Theaterbegriffs würdigten, wurden einzelne Arbeiten auch wegen ihrer expliziten Bildsprache und ihres Umgangs mit religiösen Symbolen kontrovers diskutiert.

Egbert Tholl bezeichnete in der Süddeutschen Zeitung die „umfassende Emanzipation des weiblichen Körpers als Ausdrucksmittel“ als einen Wesenszug von Holzingers Performances.[9] Der Theologe Jan-Heiner Tück kritisierte SANCTA dagegen als „auftrumpfende Einfallslosigkeit“.[10] Die gegensätzlichen Reaktionen verweisen auf die öffentliche Debatte, die Holzingers Arbeiten regelmäßig auslösen.

Projekte

Auszeichnungen

Filmografie

Literatur

  • Laura Ewert: „Ich versuche, Chaos zuzulassen“. In: Monopol. Nr. 5, 2026, S. 46–51.
  • Thomas Irmer: Der nackte Wahnsinn. In: Weltkunst. Nr. 203/22, 30. August 2022, S. 20–27.
Commons: Florentina Holzinger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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