Fotzenrap

Genre-Begriff für eine Strömung innerhalb des deutschsprachigen Hip-Hops From Wikipedia, the free encyclopedia

Fotzenrap ist ein Genre-Begriff für eine Strömung innerhalb des deutschsprachigen Hip-Hops.[1] Die Strömung umfasst Rap-Musik von Künstlerinnen, die durch explizit sexuelle, provokante Texte und das sprachliche Reclaiming (Aneignung und Umdeutung) von historisch misogynen Vulgärbegriffen wie „Fotze“ geprägt ist.[2][3]

Hintergrund

Fotzenrap basiert auf der bewussten Provokation durch die Aneignung von Schimpfwörtern, um deren abwertende Wirkung in Ausdruck von Empowerment umzukehren. Das Genre schließt an internationale Debatten im Hip-Hop an, wie die Aneignung des Begriffes „Bitch“ durch US-Rapperinnen.[4] Die Texte nutzen hypersexualisierte Selbstinszenierung und stark explizite Sprache als bewussten Tabubruch.[2] Der Begriff Fotzenrap funktioniert selbst nach dem gleichen Prinzip.[4] Während konkrete Debatten oft über einzelne verwendete Begriffe geführt werden, stehe der Fotzenrap laut eines Kommentars in der Süddeutschen Zeitung für eine grundsätzlich freie, feministische und progressive Haltung.[1]

Musikalische Einordnung

Musikalisch ist Fotzenrap ein vielfältiges Genre, das verschiedene Strömungen vereint. Während SXTN für klassischen Deutschrap auf Trap-Beats bekannt wurde,[5] wird die Musik Ikkimels als „eine Mischung aus Hyperpop und Techno-Beats“ beschrieben.[6] Die Titel von Shirin David, die sich selbst in ihren Texten als „fotzig feminin“ bezeichnet, sei hingegen eher als eine Mischung aus Rap und Popmusik einzuordnen.[7] Nina Gessler, eine Protagonistin des Rap-Duos 6euroneunzig, beschreibt Fotzenrap als Mischung aus Rap, Techno, New Wave und elektronischer Musik.[8]

Vertreterinnen

Erste inhaltliche Wurzeln des Fotzenraps entstanden bereits in der Hip-Hop-Kultur der USA in den 1990er Jahren.[9] Als historische Vorläuferinnen im deutschsprachigen Raum gelten Künstlerinnen wie Lady Bitch Ray und das Duo SXTN in den 2010er Jahren mit Songs wie Fotzen im Club sowie Die Fotzen sind wieder da.[2][10]

Ab 2025 konsolidierte sich der Begriff in den Medien vor allem durch die Rezeption der Berliner Künstlerin Ikkimel und ihres Albums Fotze.[9][8] Zu weiteren Interpretinnen gehören Shirin David, Zsá Zsá, Vicky, Katja Krasavice oder 6euroneunzig, letztere mit einem Album namens Fotzen an die Macht.[4][1]

Rezeption

Die Rezeption in der Öffentlichkeit und im Feuilleton ist geteilt, das Genre sowie die Vertreterinnen werden kontrovers diskutiert. Ein Kommentar in der Süddeutschen Zeitung sieht das Genre als „reizenden Widerspruch“ zwischen Selbstermächtigung und Reproduktion von Männerfantasien.[1]

Die Neue Zürcher Zeitung beschreibt Fotzenrap als „krude Vaginal-Rhetorik“, verweist aber ebenfalls auf eine dadurch resultierende Aneignung der Begrifflichkeiten durch die Künstlerinnen.[4]

Stimmen aus der Kulturwissenschaft und Medien wie die tageszeitung erkennen im Fotzenrap eine emanzipatorische Aneignung des traditionell männlich und oft sexistisch geprägten Rap-Genres sowie ein Aufbrechen gesellschaftlicher Tabus.[9] Der Begriff Fotze sei nun nicht mehr als Schimpfwort, sondern als Ausdruck von Gemeinschaft und Selbstermächtigung zu verstehen.[8]

Kritische Stimmen bemängeln, dass die Aneignung patriarchaler Vulgärsprache bestehende Objektifizierung eher reproduziere als auflöse.[9][2] Zudem erhalten viele Interpretinnen für ihre Musik im Internet misogyne Hasskommentare.[8]

Sonja Eismann, Journalistin und Mitherausgeberin des Missy Magazines, bewertet Fotzenrap überwiegend positiv als Ausdruck feministischen Reclaimings. Gleichzeitig bemängelt sie die geringe Sichtbarkeit früher Interpretinnen und schreibt, dass Fotzenrap nur durch „weiße, normschöne und -schlanke Körper aktueller Beautystandards“ massentauglich gemacht werde.[11]

Auch Heidi Süß, die als Soziologin unter anderem zu Sexismus im Deutschrap forscht, kritisiert, dass Fotzenrap im aktuellen Mainstream hauptsächlich mit weißen Frauen funktioniere und bei migrantisch gelesenen Künstlerinnen wie SXTN die Rezeption anders aussah. „Die ‚Fotze‘ wurde SXTN nicht als feministischer Coup ausgelegt, sondern als Prollgehabe zweier Ghetto-Rapperinnen.“[2]

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI