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Frau am Virginal

Gemälde von Jan Vermeer From Wikipedia, the free encyclopedia

Frau am Virginal, auch Junge Frau am Virginal oder Young Woman Seated at a Virginal, ist ein Jan Vermeer zugeschriebenes und vermutlich in den Jahren 1670 bis 1675 geschaffenes Ölgemälde. Das 25,5 Zentimeter hohe und 20,1 Zentimeter breite Bild zeigt eine junge Frau in einem Innenraum beim Spielen eines Virginals. Das Bild ist Teil einer Privatsammlung und befindet sich in der Leiden Collection, New York City. Über die Authentizität des Bildes Frau am Virginal besteht Uneinigkeit unter den Experten. Das Rijksmuseum Amsterdam präsentierte das Werk in der Vermeer-Ausstellung 2023 als möglicherweise letztes überliefertes Werk des Künstlers.

Schnelle Fakten
Frau am Virginal (Jan Vermeer)
Frau am Virginal
Jan Vermeer, 1670–1675
Öl auf Leinwand
25,5 × 20,1 cm
The Leiden Collection
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Vorlage:Infobox Gemälde/Wartung/Museum

Bildbeschreibung

Johannes Vermeer fing die stille Freude einer jungen Frau ein, die mit ihrer Musik im Einklang steht. Während die Musikerin behutsam die Tasten ihres Instruments spielt, blickt sie aus dem Bild hinaus, den Betrachter frei an. Rote Bänder und Perlenschnüre im Haar schmücken die lockigen, hoch gebundenen Zöpfe. Sie trägt ein gelbes Kleid aus glänzendem Stoff. Ein großes, gelbes Tuch bedeckt den Oberkörper der Frau und verfügt über weit geschwungene, horizontale Falten. Das kleine Format der Leinwand unterstreicht den intimen Charakter des Werks.[1]

Die junge Frau bildet das Zentrum des Bildes. Licht fällt von oben links auf eine weiß getünchte Wand hinter ihr, auf die Falten des feinen Kleides aus glänzendem Satin, den gelben Umhang und ihr Gesicht. Das Virginal liegt auf der linken Seite des Gemäldes im Schatten und ist stark verkürzt dargestellt. Auf dem Instrument liegt ein Notenbüchlein, das den Notenständer nur zum Teil bedeckt. Von dem Stuhl, auf dem die Virginalspielerin sitzt, sieht man eine mit blauem Samt bezogene Lehne.

Johannes Vermeer, Sitzende Virginalspielerin

Das Bild der Frau am Virginal und das Werk Sitzende Virginalspielerin (The National Gallery) ähneln sich stark. Die Darstellungsgröße und Haltung der Frauen am Instrument ist fast gleich, lediglich die Gesamtgröße des Bildes ist stark verschieden, so dass die Sitzende Virginalspielerin inmitten einer Zimmereinrichtung dargestellt ist, während die Frau am Virginal vor einer weißen, grob strukturierten Wand ohne Raumkontext dargestellt wurde.[2.1]

Maltechnik und Restaurierung

Detail vor den Restaurierungsarbeiten
Detail nach der Restaurierung 2024: Veränderungen am Mund, am Licht auf den Partien um das Auge und an den Schleifen im Haar

Auf der Leinwand wurde in mindestens zwei Schichten eine hellgraue Grundierung aufgetragen, gefolgt von einer dünnen, rotbraunen Imprimatur-Lasur. Der Farbauftrag erfolgte von Dunkel nach Hell. Über der helleren braunen Farbe entlang der Falten des gelben Schultertuchs wurden dunkle Lasuren aufgebracht. Dies verstärkt die Tiefenwirkung. Die perspektivischen Linien der Komposition laufen in dem gelben Tuch über der Schulter der Frau zusammen. Eine gekittete und retuschierte Fehlstelle im Schultertuch unterhalb und leicht links von den beiden weißen Perlen am Hals markiert möglicherweise den Fluchtpunkt.[3]

Auf Infrarotaufnahmen ist keine Unterzeichnung zu erkennen. Sie lassen Rückschlüsse auf die Reihenfolge beim Malen zu. Das gelbe Schultertuch wurde nach der Ausführung der vertikalen Falten des Rocks hinzugefügt. Das dunkle Pentimenti im Bereich der Hände und Handgelenke bedeutet wohl, dass die Figur erst nach dem Virginal gemalt wurde.[3]

Das generell gut erhaltene Gemälde wurde im Jahr 2024 von David Bull konserviert. Ältere Retuschen und verfärbter Firnis wurden dabei entfernt und neuer Firnis aufgetragen. Danach waren die Leuchtkraft und die feinen Tonwerte des Gemäldes wieder sichtbar. Die Restaurierung machte Spiegelungen der Arme auf dem Holzgehäuse des Virginals deutlicher, ebenso wie die Nuancen der Falten des Satinkleids und das samtige Blau des Stoffes an der Stuhllehne. Durch die Entfernung störender Übermalungen an den Lippen und Augenbrauen der Frau weist der Mund wieder die ursprüngliche, sanft geschwungene Form auf. Ein Lichtfleck erhellt das Gesicht links oberhalb der linken Augenbraue. Die junge Frau wirkt nach der Restaurierung des Bildes freundlicher und offener. Kleine Retuschen mildern weiter das Krakelee.[3][1]

Zuschreibung und Datierung

Das Gemälde Frau am Virginal ist weder signiert noch datiert. Vermeer malte seine letzten Bilder wohl in den Jahren zwischen 1669 und 1672, da er wegen dem französisch-niederländischen Krieg ab 1672 keine Bilder verkaufen konnte.[2.2]

Zuschreibung um 1900 bis Ende der 1950er Jahre

Über die Authentizität des Bildes Frau am Virginal besteht Uneinigkeit unter den Experten. Das Gemälde wurde Vermeer wohl erstmals um die Wende zum 20. Jahrhundert durch Wilhelm von Bode (1845–1929) zugeschrieben. Er fungierte damals als Kunstberater beim Verkauf 1904 an Alfred Beit. Der Vermeer-Experte Ary Bob De Vries veröffentlichte 1939 ein Werkverzeichnis der Gemälde Vermeers, in das er fünfundvierzig Werke aufnahm. Dazu gehörte auch das Gemälde Frau am Virginal, das er im Jahr 1938 im Haus von Lilian Beit in London gesehen hatte. De Vries nahm in die Monografie jedoch auch das neu entdeckte Gastmahl in Emmaus auf, das 1947 unter spektakulären Umständen als Fälschung entlarvt wurde. In seiner überarbeitete Monografie, an der er ab 1947 arbeitete, ordnete de Vries das Werk Frau am Virginal in die Liste der umstrittenen Zuschreibungen ein. Er vermutete nun, das Bild sei um 1800 im Stil eines Genregemäldes des 17. Jahrhunderts entstanden, ohne das Bild noch einmal gesehen zu haben. Weitere Kenner wie P.T.A. Swillens (1890–1963) und Ludwig Goldscheider, schlossen sich einer zweifelhaften Zuschreibung an. 1957, nach einer Reinigung und Restaurierung, änderte de Vries seine Expertise noch einmal und ging wieder von der Urheberschaft Vermeers bei der Frau am Virginal aus. Lawrence Gowing bestätigte 1959 diese Einschätzung, bevor es 1960 in den Verkauf ging.[1]

Ab 1960

1963 wurde das Werk von Arthur van Schendel (1910–1979), dem damaligen Direktor des Rijksmuseums Amsterdam, und dem Kunsthistoriker Frits Lugt mit den Werken Vermeers im Museum verglichen. Beide waren danach von der Echtheit überzeugt.[2.1] Im Jahr 1996 wurde das Gemälde in die National Gallery London gebracht, um es mit zwei späten Vermeer-Werken zu vergleichen. Arthur K. Wheelock Jr. (* 1943) sowie die Restauratoren David Bomford und Ashok Roy kamen zu dem Schluss, dass dieses Gemälde sowie die beiden Vermeer-Werke der National Gallery aus derselben Hand stammten.[1]

Technische Untersuchungen ab 2000

In den nachfolgenden Jahrzehnten schlossen sich technische Untersuchungen an. Libby Sheldon und Nicola Costaras wiesen 2004/06 Übereinstimmungen der Pigmente und Malmethoden mit den späten Werken Vermeers nach. Dies umfasste auch die Verwendung von Grüner Erde im Schattenbereich des Gesichtes.[2.1] Ihre Analysen mittels Röntgenaufnahme und Infrarotreflektografie enthüllten, dass sich unter dem gelben Schultertuch ein vollständig ausgearbeitetes gelbes Kleidungsstück befand. Die Röntgenaufnahme zeigte, dass Vermeer dieses Kleid mit ineinandergreifenden Farbflächen aufbaute, ähnlich wie bei dem Gemälde Die Gitarrenspielerin und anders als bei der etwas vereinfachten Darstellung der Falten im Schultertuch.[1] C. Richard Johnson und Don H. Johnson bestätigten 2010/11 die Vermutung von Sheldon und Costaras, dass die Leinwand der Frau am Virginal und die Leinwand der Spitzenklöpplerin von derselben Leinwandrolle stammten.[2.1]

Schultertuch

Seit langem wird hinterfragt, ob das gelbe Schultertuch ein Bestandteil der Erstfassung oder eine nachträgliche Ergänzung zum Bild ist. Es wurde in einer anderen Weise ausgeführt als das Satinkleid und das unter dem Schal liegende gelbe Mieder. Vor allem aufgrund dieser auffallend unterschiedlichen Malweise der Stoffe vertraten verschiedene Vermeer-Experten die Ansicht, dass das Schultertuch nach dem Tod des Meisters im Jahr 1675 gemalt worden sei.[1] 2013 äußerte Benjamin Binstock in seinem Buch Vermeer’s Family Secrets die Vermutung, Unstimmigkeiten in Technik und Stil einiger Arbeiten Vermeers seien auf seine Tochter Maria zurückzuführen. Sie sei von ihm ausgebildet worden und habe zu seinen Werken beigetragen. Allerdings fehlt ein Beweis für die Tätigkeit der Tochter als Malerin.[4.1]

Pigmentanalysen zeigten Unterschiede zwischen dem reinen Bleizinngelb, das für die Modellierung des übermalten Mieders verwendet wurde, und der Farbe des darüber liegenden Schals, die mit einer gewissen Menge eines organischen gelben Lackpigments vermischt war. V.G.M. Sivel entdeckte weiter Feldspatpartikel, die vermutlich von Verunreinigungen aus einer nahegelegenen Delfter Fayence-Manufaktur stammen und sich zwischen beiden gelben Farbschichten abgelagert haben. Vermutlich kam es zur Verunreinigung, während das Werk ungeschützt in Vermeers Atelier lag. Die Befunde legen nahe, dass das Mieder und das gelbe Tuch in einem zeitlichen Abstand gemalt wurden. Ob Vermeer selbst das gelbe Tuch nachträglich hinzufügte oder ob ein anderer Künstler das Werk überarbeitete, ist umstritten.[1] Laut Rijksmuseums Amsterdam handelt es sich um eine Änderung im Laufe des Malprozesses. Im ersten Entwurf des Bildes setzen sich die Falten des Satinrocks noch unter dem Tuch fort, die jüngsten Farbschichten enden jedoch am Rand des Tuches. Danach wurden Tuch und Rock gleichzeitig fertig gestellt.[2.1] Aufgrund der stilistischen und technischen Indizien geht The Leiden Collection von einer späteren Entstehungszeit des Bilddetails aus.[1]

Datierungen nach 2020

Auf Grundlage der starken stilistischen Verwandtschaft mit Vermeers Werken aus der Zeit von 1670 bis 1672 geht das Rijksmuseum davon aus, dass Vermeer das Bild in einem ähnlichen Zeitraum begann.[2.1] The Leiden Collection vermutet den Grund für den zeitlichen Abstand zwischen der ursprünglichen Komposition und dem Hinzufügen des gelben Schals in den Auswirkungen des „Rampjaar“ von 1672, die auch den Kunstmarkt erschütterten. 1675 beklagte die Witwe des Künstlers, dass ihr Mann aufgrund des Krieges „nur sehr wenig oder so gut wie gar nichts“ habe verdienen können. Dennoch erscheint es unwahrscheinlich, dass Vermeer nach 1672 das Malen aufgab. Die breiten Falten des Schultertuchs könnten eine neue Mode widerspiegeln, die nach der französischen Invasion der Niederlande aufkam. Möglicherweise fügte Vermeer die roten Bänder im Haar der Frau zur gleichen Zeit in seinem im letzten Lebensjahr hinzu.[1] Das Rijksmuseum präsentierte das Bild in der Ausstellung 2023 als möglicherweise letztes überliefertes Werk Vermeers.[2.1]

Provenienz

Der Katalog der großen Vermeer-Ausstellung 2023 im Rijksmuseum Amsterdam führt als mögliche Besitzer zuerst Vermeers Kunden Pieter Claesz van Ruijven (1624–1674) und Maria Simonsdr de Knuijt (1623–1681) aus Delft und danach deren Tochter Magdalena van Ruijven (1655–1682) sowie ihren Witwer Jacob Dissius (1653–1695)[5], ebenfalls aus Delft, auf. Das Bild könnte demnach am 16. Mai 1696 versteigert worden sein. Alternativ wird als Besitzer der Ratsherr Nicolas van Assendelft (1630–1692) und seine 1711 verstorbene Witwe aufgeführt. Das Bild könnte dann ein Teil der anonymen Versteigerung am 11. Juli 1714 gewesen sein.[2.3]

Aus einer Versteigerung am 21. September 1814 ging es als Nr. 93 für 30 Fl. an den Händler W. Gruyter.[2.3]

Alfred Beit (1853–1906) erwarb das Gemälde 1904.[1] Von seinem Bruder Otto Beit (1865–1930) wurde es an dessen Sohn Alfred Lane Beit (1903–1994) vererbt. Über Marlborough Fine Art in London erwarb Frédéric Rolin (1919–2001) das Bild 1960. Seine Erben versteigerten es am 7. Juli 2004 bei Sotheby’s, London. Der Käufer, Steve Wynn (* 1942), veräußerte es über die Otto Naumann Ltd. in New York an Thomas Kaplan und Daphne Recanati-Kaplan. Seit 2008 ist das Gemälde Teil von The Leiden Collection, New York.[2.3]

Literatur

  • Walter Liedtke, C. Richard Johnson JR., Don H. Johnson: Canvas Matches in Vermeer: A Case Study in the Computer Analysis of Fabric Supports Digitalisat
  • Karl Schütz: Vermeer. Das vollständige Werk. Taschen Bibliotheca Universalis, Benedikt Taschen, Köln 2018, ISBN 978-3-8365-6507-3, S. 395–397.
  • Pieter Roelofs, Gregor J. M. Weber: Vermeer. Deutsche Ausgabe, Chr. Belser Gesellschaft für Verlagsgeschäfte, Stuttgart 2023, ISBN 978-3-7630-2904-4, S. 16, 36, 223, 226, 272, 291.
  • Alexander Adams: Vermeer. Prestel, München / London / New York 2024, ISBN 978-3-7913-7731-5, S. 28, 29, 30.

Einzelnachweise

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