Freie Bibelforscher

christliche Glaubensgemeinschaft From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Freien Bibelforscher sind eine christliche Glaubensgemeinschaft, die sich nach eigener Lehraussage ausschließlich auf die Bibel als Glaubensgrundlage und auf das Vorbild der Gemeinde des Urchristentums beruft. Die Gemeinschaft entstand aus der sogenannten Bibelforscherbewegung von Charles Taze Russell. Gemeinden gibt es heute in mehr als 45 Ländern.[1]

Verbreitung der Freien Bibelforscher in 45 Ländern

Die Freien Bibelforscher unterzogen die überkommenen Lehren einer kritischen Prüfung anhand der Bibel und kamen zu dem Schluss, dass viele der von Charles T. Russell vertretenen Glaubenssätze einer Neubewertung nicht standhielten. In einem jahrelangen, schrittweisen Prozess der theologischen Lehrbildung entfernten sie sich daher weitgehend von Russells ursprünglichem Gedankengut und verwarfen letztlich den Großteil seiner Lehren als nicht schriftgemäß. Anders als etwa die Ernsten Bibelforscher, die sich als Bewahrer von Russells Vermächtnis verstehen, orientieren sich die Freien Bibelforscher in ihrer Glaubenspraxis und Lehre primär an der Bibel und am Vorbild der urchristlichen Gemeinden.[2]

Einzelne Ortsgemeinden bezeichnen sich heute als Freie Bibelgemeinde mit dem Zusatz der Ortsbezeichnung und beanspruchen nicht für sich, die jeweilige Gemeinde (oder Versammlung) Gottes vor Ort zu sein. Die Kirche Jesu sei keine irdische Institution, sondern der aus allen Christen weltweit zusammengefügte Leib Christi abseits menschlicher Konfessionen.

Geschichte

Zeitschrift: Die Neue Schöpfung

Die Wurzeln dieser Gemeinschaft liegen in einer religiösen Erweckungsbewegung des frühen 19. Jahrhunderts in den USA. Der baptistische Prediger William Miller spielte dabei eine Schlüsselrolle, als er anhand biblischer Prophezeiungen die Wiederkunft Jesu Christi für das Jahr 1844 vorhersagte. Als dieses Ereignis ausblieb, zerfiel die Bewegung, doch einige ihrer späteren Anhänger entwickelten sich zu größeren christlichen Gemeinschaften. Dazu zählen weltweit vor allem die Siebenten-Tags-Adventisten, die Weltweite Kirche Gottes und die Zeugen Jehovas. Aus letzteren gingen durch weitere Abspaltungen auch die Freien Bibelforscher hervor.

Lehränderungen und Spaltung unter Charles Taze Russell

1907 änderte Charles Taze Russell, Gründer der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung (aus der 1931 die Zeugen Jehovas hervorgingen), grundlegende Glaubenslehren – insbesondere über den Neuen Bund, das Erlösungswerk Jesu und das Lösegeld. Diese revidierte Lehre wurde im Wachtturm veröffentlicht und löste massive Proteste aus.[3] Viele Mitglieder sahen darin eine Abkehr von der biblischen Lehre. Ein großer Proteststurm erfolgte, der schließlich zum zweitgrößten Schisma in der Bibelforscherbewegung werden sollte.

E. C. Hennings, ein leitender Mitarbeiter der australischen Wachtturm-Gesellschaft, verfasste einen offenen Brief an Russell, um diesen in seiner Lehrmeinung umzustimmen. Ihm folgten zahlreiche weitere kritische Stimmen.[4] Doch Russell nutzte seine Autorität, um die Opposition zu unterdrücken. Daraufhin verließen viele prominente Mitglieder die Gemeinschaft, darunter J. H. Giesey (Vizepräsident der Gesellschaft), M. L. McPhail (reisender Aufseher) und Russells eigene Schwester, Mae Russell Land.[5]

Die Gründung der Freien Bibelforscher

1909 schlossen sich die Ausgetretenen zusammen und wurden „Freie Bibelforscher“ genannt – im Gegensatz zu den „Ernsten Bibelforschern“, die weiterhin an Russells Lehren festhielten. In Australien entstand die Missionsgesellschaft „New Covenant Fellowship“, in den USA die „New Covenant Believers“.[6] Später entstanden weitere Missionsgesellschaften. 1928 formierte sich eine Gruppe ehemaliger Ernster Bibelforscher zur „Christian Millennial Fellowship“ (heute Christian Discipling Ministries International), die bis heute die Zeitschrift Die Neue Schöpfung herausgibt.[7]

Entwicklung im deutschsprachigen Raum

Im deutschsprachigen Raum begann eine größere Abspaltung von den Zeugen Jehovas Ende der 1920er Jahre. Im Jahr 1928 gründete Conrad C. Binkele, ein ehemaliger Zweigaufseher der Wachtturm-Gesellschaft für den zentraleuropäischen Raum, in Deutschland die „Freie Bibelforscher-Vereinigung“ (FBV).[8] Als Organ der neuen Vereinigung diente die Zeitschrift „Der Pilgrim“. Binkele, der aus theologischen Differenzen mit dem Präsidenten der Wachtturm-Gesellschaft, Joseph F. Rutherford, seine Position aufgegeben hatte, schuf damit eine neue Plattform für die Bibelforscher, welche die zunehmend autoritäre Führungsstruktur der Wachtturm-Gesellschaft ablehnten.[9]

Parallel zur Gründung dieser Vereinigung formierte sich um 1930 in Kirchlengern bei Herford eine Bibelforscher-Versammlung, die sich von den Zeugen Jehovas lossagte. Unter der Leitung von Wilhelm Trippler lehnte diese Versammlung die sich ständig wandelnden Lehren ab.[10] In der Folgezeit wuchs die lose Gemeinschaft der „Freien Bibelforscher“ im gesamten deutschsprachigen Raum, einschließlich der Schweiz, weiter an. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Freien Bibelforscher, ähnlich wie die Zeugen Jehovas, vom NS-Regime verfolgt. Die von Binkele gegründete Vereinigung wurde bereits im November 1933 verboten, Publikationen eingestellt und Mitglieder verhaftet.

Um sich auch namentlich von der immer stärker in Erscheinung tretenden Organisation der Zeugen Jehovas abzugrenzen, einigten sich die Gemeinden im Dezember 1948 auf eine neue Bezeichnung. Seitdem treten die Freien Bibelforscherversammlungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz als „Freie Bibelgemeinde“ mit Ortsbezeichnung auf.[11] Trotz der späteren Umbenennung ist der Begriff „Freie Bibelforscher“ historisch fest mit der Entstehungsgeschichte dieser christlichen Vereinigung im deutschsprachigen Raum verknüpft.

Verfolgung und Vergessenheit

Obwohl die Freien Bibelforscher – ähnlich wie die Zeugen Jehovas – im November 1933 bzw. Januar 1934 verboten und verfolgt wurden, ist ihre Geschichte heute kaum bekannt. Ihre Mitglieder wurden in Konzentrationslagern ebenfalls als „Bibelforscher“ mit dem „Lila Winkel“ gekennzeichnet. Die fehlende zentrale Organisation und die vermeintliche Staatsverweigerung führten dazu, dass ihre Verfolgung in der öffentlichen Wahrnehmung kaum Beachtung fand.[12]

Lehre

Bei den Freien Bibelforschern gibt es keine übergeordnete Kirchenorganisation oder Leitung. Jede Gemeinde ist für sich selbst verantwortlich, auch finanziell. Das schließt jedoch nicht aus, dass sie mit anderen Gemeinden örtlich oder überörtlich zusammenarbeiten.

In ihren Gemeinden gibt es keine formelle Mitgliedschaft. Nach ihrer Auffassung sind alle, die an Jesus Christus glauben und sich für ein Christsein entschieden haben, Glieder am Leib des Christus.

Die Bibelforschergemeinden sind autonom und werden als Abbild der neutestamentlichen Gemeinde verstanden. Sie glauben, dass die wirkliche Leitung Jesus Christus als Haupt der Christenversammlung (Eph 1,19 ELB) innehat und diese Leitung durch den Heiligen Geist bis heute ausübt. Die Dienstämter der örtlichen Gemeinde liegen in der Obhut von Ältesten, Diakonen, Diakoninnen und Predigern. Die Gemeindeleitung erfolgt weitgehend durch ehrenamtliche Laien.

Im Unterschied zu anderen Kirchen (katholisch, orthodox, evangelisch) verwenden die Freien Bibelforscher den Begriff Sakrament nicht. Stattdessen sprechen sie von den Geheimnissen des Glaubens. Diese werden nicht als mystische, im Vollzug wirkende Zeichen verstanden, sondern als heilige Handlungen, in denen die Gemeinschaft der Gläubigen Gottes Wirken erfährt und bezeugt.[13] Die sieben Geheimnisse sind: Kindersegnung, Bekehrung, Taufe, Herrenmahl, Ehe, Krankensalbung, Weihe. In diesen Geheimnissen zeigt sich, dass die Zusage der Gnade nicht an einem äußeren Vollzug haftet, sondern im Hören des Wortes und im vertrauenden Glauben der Gemeinde ihre Wirklichkeit empfängt.

Die Freien Bibelforscher verstehen sich als „bibeltreue“ christliche Gemeinde, wobei das gemeindliche Leben wie auch das Lehrverständnis dem anderer freikirchlicher Gemeinschaften in manchen Teilen ähnlich ist. Der Aspekt des allgemeinen Priestertums (1 Petr 2,5 ELB) wird dabei sehr betont. Die Freien Bibelforscher betonen neben der persönlichen Bekehrung auch einen Weg der geistlichen Vervollkommnung. Dieser Weg zielt im Sinne einer theosisähnlichen Vorstellung auf die Teilnahme am Leben Gottes ab. Zugleich richtet er sich in ihrem Leben nach den ethischen Maßstäben des Christentums. Die Gläubigen sollen möglichst einen geheiligten, also sündenfreien Lebenswandel führen. Jedes Gemeindemitglied soll auch persönlich mit der Bibel umgehen können.

Im Folgenden werden wesentliche Unterschiede dargestellt.

Gottheit des Vaters und des Sohnes

Freie Bibelforscher vertreten die Überzeugung, dass es einen einzigen Gott gibt, den Vater im Himmel (Mt 6,9–10 EU; 1 Kor 8,6 ELB), den Urheber und Erhalter aller Dinge (Joh 1,18 EU; Eph 3,14–15 EU).

Christologische Präexistenz und Schöpfungsmittlerschaft

Sie glauben, dass Jesus Christus, der Sohn Gottes, der einzige Sohn ist, der direkt aus Gott hervorgegangen ist (Ps 2,7 ELB); (1 Joh 4,9 ELB) und vor allem Geschaffenen seit Ewigkeiten existiert (Mi 5,1 ELB; Kol 1,15 ELB). Sie betonen, dass der Sohn nicht nur vor der Schöpfung existierte (Kol 1,15–17 ELB), sondern aktiv an der Schöpfung beteiligt war: „Alles ist durch ihn und für ihn geschaffen“ (Kol 1,16 ELB). Dies unterstreicht seine göttliche Rolle als Mittler der Schöpfung, ohne seine Unterordnung unter den Vater zu negieren.

Wesenseinheit versus Personenunterschied

Die Lehre von der homousios (Wesensgleichheit) wird mit dem biblischen Zeugnis „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30 ELB) begründet. Allerdings wird dies nicht im trinitarischen Sinn als numerische Identität, sondern als qualitative Einheit in Willen und Macht interpretiert. Nach ihrer Lehre teilt der Sohn die Natur des Vaters, sodass die Gottheit des Vaters auch auf den Sohn übergeht. Obwohl sie zwei unterschiedliche Personen sind, wird betont, dass sie in ihrer Wesensart (Natur) identisch sind: Gott und Sohn sind von gleicher Essenz, dem Geist Gottes (Joh 4,24 EU), aber zwei Personen. Der Sohn handelt stets im Auftrag des Vaters (Joh 5,19 ELB), was seine Unterordnung „Der Vater ist größer als ich“ (Joh 14,28 ELB) bei gleicher göttlicher Natur betont.

Der Heilige Geist als „Person-Kraft“

Den Heiligen Geist verstehen sie als den persönlichen Ausdruck der unsichtbaren wirkenden Kraft Gottes, der sich aber auch als Person äußert (Lk 24,49 ELB; Apg 1,8 ELB). Der Heilige Geist gilt zudem als der verheißene Beistand, den Gott allen Gläubigen sendet (Joh 14,16 ELB). In ihrer Theologie wird betont, dass der Heilige Geist vom Vater durch den Sohn ausgeht. Die Ausgießung des Geistes (Apg 2,17 ELB) wird als Akt des Vaters durch den Sohn gedeutet, analog zu (Joh 15,26 ELB) („der Geist, der vom Vater ausgeht“). Während der Geist in (Apg 5,3–4 ELB) als handelndes Subjekt erscheint („Warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den Heiligen Geist belogen hast?“), wird er nicht als eigenständige dritte Person der Gottheit, sondern als personifizierte Kraft Gottes verstanden.

Unitarisch-binitarisch

Ihre Glaubenslehre wird als unitär-binitarisch beschrieben,[14] da sie die Einheit Gottes, des Vaters und des Sohnes hervorhebt aber den Heiligen Geist nicht als eigenständige dritte Person betrachtet (Joh 16,13–14 ELB). Der Begriff „unitarisch-binitarisch“ reflektiert die Spannung zwischen monotheistischem Bekenntnis (Deut 6,4 ELB) und der Anerkennung Christi als göttlichen Sohn. Im Gegensatz zum klassischen Trinitarismus fehlt die Hypostase des Geistes. Diese Sicht ähnelt dem Subordinatianismus der frühen Kirche (zum Beispiel bei Origenes), lehnt aber die Vorstellung der ewigen Unterordnung des Sohnes ab (Phil 2,6–7 ELB).

Die Einheit von Vater und Sohn wird im Gebet sichtbar: Gebete richten sich primär an den Vater „im Namen Jesu“ (Joh 16,23 ELB), was die Mittlerrolle des Sohnes unterstreicht. Die Anbetung Christi (Hebr 1,6 ELB) wird bei den Freien Bibelforschern als legitim verstanden, da sie seine göttliche Natur bestätigt – ohne den Vorrang des Vaters zu relativieren.

Diese Position steht in Diskussion mit trinitarischen Lehren (zum Beispiel Nicänisches Glaubensbekenntnis) und unitarischen Strömungen (zum Beispiel Socinianismus). Die Freien Bibelforscher grenzen sich von beiden ab, indem sie sowohl die Göttlichkeit Christi als auch die Einheit Gottes betonen.

Tod und Auferstehung

Die Freien Bibelforscher vertreten die Auffassung des Seelenschlafs (Mk 5,39 ELB), wonach die Seele nach dem Tod in einem Zustand der Ruhe verharrt bis zur Auferstehung. Diese Sichtweise betont, dass es zwischen dem physischen Tod und dem zukünftigen Leben keinen bewussten Zustand gibt, sondern vielmehr ein vollständiges Ruhen des Menschen. Der Tod wird dabei nicht als Übergang in ein unmittelbar bewusst erlebtes Jenseits verstanden, sondern als ein Zustand, der mit einem tiefen Schlaf vergleichbar ist, in dem jegliche Wahrnehmung und Aktivität aufgehoben sind.

Der Mensch wird laut Bibel als eine untrennbare Einheit von Leib, Seele und Geist beschrieben (1 Mos 2,7 ELB). Diese Einheit besteht nur, solange der von Gott gegebene Lebensodem den Körper belebt. Wird der Geist vom Leib getrennt – der Odem, den Gott dem Menschen einhauchte –, so hört das bewusste Dasein des Menschen auf. Der Körper verwest und der Geist kehrt zu Gott, der ihn gegeben hat (Pred 12,7 EU). In diesem Zustand ruht der Geist bei Gott ohne Bewusstsein, ohne Gedanken, Empfindungen oder Handlungen, still und untätig, aber mit all den persönlichen Wesensmerkmalen und Erinnerungen bis zu dem von Gott bestimmten Zeitpunkt der Auferstehung (siehe auch Stasis).

Erst durch die Auferstehung von den Toten bei der Wiederkunft Jesu Christi empfängt der Mensch durch einen neuen Leib wieder sein Bewusstsein (1 Kor 15,20–22 ELB). Diese Hoffnung auf die Auferstehung bildet daher einen zentralen Bestandteil dieser Lehre: Nicht eine unsterbliche Seele, die unabhängig in einer jenseitigen Welt weiterlebt, steht im Mittelpunkt, sondern das erneute, von Gott geschenkte Leben des ganzen Menschen (Leib + Geist = eine lebende Seele). Dadurch wird die völlige Abhängigkeit des Menschen von Gott unterstrichen, sowohl im Leben als auch über den Tod hinaus.

Wiederkunft Jesu Christi

Im Mittelpunkt der Lehre der Freien Bibelforscher steht die Erwartung der baldigen Wiederkunft Christi (Joh 14,2–3 ELB) und der Wiederherstellung der Menschheit zur Vollkommenheit (Apg 3,21 ELB). Somit stellen die Freien Bibelforscher eine eschatologische Glaubensgemeinschaft dar.

Diese Hoffnung leiten sie aus dem Neuen Testament ab, insbesondere aus den Verheißungen Jesu und der Apostel, die in der Wiederkunft Christi die Vollendung der Erlösung sehen (Joh 14,1–3 ELB); (Mt 24,30 ELB); (Hebr 9,28 ELB). Hinsichtlich des Zeitpunkts verweisen sie auf die in den Evangelien genannten Zeichen (Mt 24,ELB EU); (Mk 13,ELB EU); (Lk 21,25–28 ELB), die ihrer Auffassung nach zeigen, dass die Menschheit seit zweitausend Jahren in der Endzeit lebt und die erwartete Wiederkunft jederzeit geschehen könne. Sie warnen vor jeder konkreten Zeitfestlegung, da dieser Zeitpunkt den Menschen verborgen bleibe (Mt 24,36 ELB). Mit dieser doppelten Betonung möchten sie sowohl eine übertriebene Naherwartung als auch eine gleichgültige Haltung vermeiden. Sie sehen sich daher zu einem Leben in ständiger Bereitschaft aufgerufen, das sich in tätigem Dienst am Nächsten und in der Verkündigung des Evangeliums äußert (Mt 24,14–44 ELB); (Mt 25,40 ELB).

Israel

Für die Freien Bibelforscher ist Israel das auserwählte Volk Gottes. Sie erkennen in der Heimkehr der Juden ins Gelobte Land seit 1948 Gottes Wirken. Ihre Lehre besagt, dass Israel nach der zukünftigen Anerkennung des Messias ein Teil von Gottes Königreich sein wird. Gott werde Israel zur Buße und zum Segen leiten, sobald es Jesus bei seiner Wiederkunft als Messias erkennt (Offb 1,7). Gegenwärtig sei dieses Volk beiseitegestellt, während Gott aus den Heiden ein Volk für seinen Namen sammelt. Doch bald werde Gott wieder an sein irdisches Volk anknüpfen (Röm 11,11–14; 28–29).

Königreich Gottes

Freie Bibelforscher glauben, dass das Reich Gottes (Königreich der Himmel) in drei Phasen realisiert wird:

Das geistliche Königreich: Damit wird die Königsherrschaft Jesu bezeichnet, die im Leben und im Herzen der gläubigen Christen regiert. Das Königreich wurde schon durch die Propheten des Alten Testaments angekündigt und während des irdischen Dienstes von Jesus Christus offenbart (Lk 17,21 ELB). Dieses geistige Paradies erlangt man, wenn man von der Sünde umkehrt und Gott im Glauben an die Erlösungstat Jesu Christi dient.

Das tausendjährige Königreich Christi: Sie glauben, dass Jesus in Macht und Herrlichkeit zurückkehren wird. Seine Königreichsherrschaft wird dann tausend Jahre andauern, in denen alle menschlichen Regierungen, Religionen und Feinde überwunden werden und auch der Teufel entmachtet sein wird. Jahweh Gott hat in seinem tausendjährigen Königreich unter der Herrschaft seines Sohnes Jesus Christus das Ziel, dass alle Menschen unter paradiesischen Zuständen Gelegenheit bekommen sollen, ewiges Leben zu erhalten (Jes 35,8–10 ELB). Unverbesserliche böse Menschen gehen aber in den zweiten Tod.

Das ewige Reich Gottes: Gottes ewiges Königreich wird beginnen, wenn Jesus Christus alle Feinde unter seine Füße gestellt hat und das Reich an den Vater übergibt (1 Kor 15,24 ELB). Gott wird mit den Erlösten in einem neuen Himmel und einer neuen Erde wohnen, in dem kein Leid, kein Schmerz oder Tod mehr sein werden und wo Gerechtigkeit und Frieden für immer regieren werden (Offb 21,1–4 ELB).

Zusammenkünfte

Eine bindende Ordnung der Gottesdienste gibt es nicht, sie können von Gemeinde zu Gemeinde etwas variieren. Kleidervorschriften gibt es keine. In den FBG tragen jedoch Frauen, wenn sie öffentlich, also in der Gemeinde laut beten, eine Kopfbedeckung in Anlehnung an 1 Kor 11,5–13 EU.

Die Gottesdienste dauern in der Regel eineinhalb bis zwei Stunden.

Erster Teil: Besprechung des „Mannatextes“ für den Tag. Die Bibeltexte sind dafür in einem Jahreszyklus eingeteilt, sodass für jeden Tag ein Abschnitt aus dem Alten und einer aus dem Neuen Testament vorgesehen ist. Ein etwa 35-minütiger Predigtvortrag schließt daraufhin den ersten Teil des Gottesdienstes ab. Die Predigten können alle männlichen Gemeindemitglieder halten, die sich dazu in der Lage fühlen, ebenso Gastprediger. Die Predigttexte sind immer frei gewählt.

Zweiter Teil: Das Abendmahl, das die Gemeinschaft der Gläubigen untereinander und mit Jesus Christus betont, wird jeden Sonntag im Gottesdienst als zentraler Bestandteil gefeiert. Die FBG sehen darin die Erfüllung des biblischen Vorbilds der Urgemeinde, die „beständig im Brotbrechen“, das Herrenmahl feierten (Apg 2,42 EU; 1. Kor 11,20 EU).[15] Im Anschluss bietet sich Raum, von den Glaubenserfahrungen der vergangenen Woche Zeugnis abzulegen und sich im gemeinsamen Austausch zu erbauen.

Regelmäßig treffen sich Freie Bibelforscher in Hauskreisen zur Bibelstunde, in der auf bestimmte biblische Themen vertieft eingegangen wird. Gelegentlich treffen sie sich in einer eigenen Gebetsversammlung zum gemeinsamen Gebet.

Gedächtnismahl

Neben dem wöchentlichen Abendmahl gibt es eine jährliche Feier zum Gedenken des Todes des Herrn, am 14. Nisan, am Tag des jüdischen Passahs, nach Sonnenuntergang (siehe dazu Quartodezimaner und Osterstreit).

Taufe

Die Freien Bibelforscher praktizieren die Gläubigentaufe durch gänzliches Untertauchen im Wasser. Die Taufe ist nicht mit der Aufnahme in eine Ortsgemeinde als sogenanntes Mitglied gleichzusetzen. Unter Berufung auf Röm 6,3.4 ELB verstehen sie die Taufe als Begräbnis des menschlichen Willens in den Tod Christi; daher lehnen sie die Kindertaufe ab. Die Taufe ist für sie kein bloßes Symbol, sondern die Antwort des Glaubens auf die Bekehrung. Sie ist das sichtbare Zeichen dafür, dass jemand in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen und zum Kind Gottes angenommen wurde. Durch sie wird der Täufling als lebendiges Glied in den Leib der Kirche aufgenommen und berufen, am Werk Christi teilzuhaben. All dies geschieht gemäß der Anordnung aus Mt 28,19 ELB auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Evangelisation

Die Verkündigung der Erlösung Jesu Christi – bewirkt durch seinen Tod und Auferstehung – für alle Menschen und die Aufrichtung des nahe bevorstehenden Königreiches Gottes auf Erden ist für die FBG nicht nur biblischer Auftrag, sondern auch moralische Verpflichtung. So bemühen sie sich in ihrem täglichen Lebensumfeld, das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen.[16]

Sie vertreten den Dispensationalismus und gehören keiner übergemeindlichen Organisation an. Untereinander pflegen sie lose Kontakte.

Zeitschriften

Die monatlich erscheinende Zeitschrift Die Neue Schöpfung (DNS) wird seit 1940[17] vom Missionsdienst Christian Discipling Ministries International veröffentlicht. Sie erscheint in Englisch, Italienisch, Spanisch und Deutsch und ist das Verbindungselement der Freien Bibelgemeinden. Die deutsche Ausgabe wurde bis Ende 2024 vom Evangeliumsdienst der Freien Bibelgemeinde Ried im Innkreis in Österreich veröffentlicht.[18] Seit 2025 wird die Zeitschrift vom Barnabas-Werk, dem Missionsdienst der Christlichen Gemeinschaft Freier Bibelforscher aus Heiden im Westmünsterland, herausgegeben.[19]

Bereits in den Jahren 1931 bis 1934 erschien unter der Feder von Conrad C. Binkele die Zeitschrift Der Pilgrim, die als Vorläuferin der späteren Veröffentlichungen im Umfeld der Freien Bibelforscher gelten kann. Sie legte den Grundstein für eine bis heute anhaltende Tradition eigener Periodika innerhalb dieser Bewegung. Von 1948 bis 2008 erschien parallel zur Neuen Schöpfung die Christliche Warte. Sie war ein dreimonatlich erscheinendes Magazin und wurde von der Freien Bibelgemeinde in Kirchlengern herausgegeben.

Die Themen der Zeitschriften umfassen Artikel für Bibelstudium, christliches Leben und Bibelauslegung. Die Neue Schöpfung und die Christliche Warte vertreten ein relativ geschlossenes Weltbild, das politisch neutral, konservativ, optimistisch und vor allem biblisch-christlich orientiert ist.

Selbstverständnis und Ökumene

Obwohl die Gemeinschaft der Freien Bibelforscher keinen Absolutheitsanspruch erhebt und sich nicht als die allein wahre und gültige Kirche versteht und anderen christlichen Gemeinschaften zugesteht, dass in diesen auch Christen zu finden sind, die eine lebendige Beziehung zu Christus haben, strebt sie nicht die Mitgliedschaft im ökumenischen Rat der Kirchen an.

Literatur

  • Oswald Eggenberger: Die Kirchen, Sondergruppen und religiösen Vereinigungen. Ein Handbuch. 6., überarbeitete und ergänzte Auflage. Theologischer Verlag, Zürich 1994, ISBN 3-290-11639-5.

Quellenangaben

Related Articles

Wikiwand AI