Friedrich Rigele
(1878 - 1937), Alpinist und Jurist
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Friedrich Rigele (* 12. August 1878 in Wolkersdorf, Niederösterreich; † 10. Oktober 1937 in Bad Reichenhall)[1] war ein österreichischer Notar, Alpinist und Funktionär des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins. Er gehörte zu den Wegbereitern des Eiskletterns, wirkte maßgeblich am Aufbau des organisierten Skilaufs in Salzburg mit und stand später in enger persönlicher Verbindung zur Führung des nationalsozialistischen Deutschlands als Schwager von Hermann Göring.
Leben
Jurist und Bergsteiger
Friedrich Rigele entstammte einer Notarsfamilie. Er wurde als Sohn des Linzer Notars Gustav Rigele und dessen Ehefrau Gabriele, geborene Edle von Kraus, geboren.[2] Seine Schulbildung erhielt er am K. k. Staats-Gymnasium in Linz.[3] Anschließend studierte er Rechtswissenschaft an der Universität Wien. Bereits in jungen Jahren widmete er sich intensiv dem Wintersport und leitete als Schüler die Skivereinigung Linz. Während seiner Studienzeit schloss er sich dem deutschnationalen Oberösterreichisch-Akademischen Verein Germania in Wien (seit 1923 Akademische Burschenschaft Oberösterreicher Germanen in Wien in der DB) an.[4]
Nach Abschluss seiner juristischen Ausbildung wurde Rigele 1909 zum Notar in Oberndorf bei Salzburg bestellt. Dort engagierte er sich unmittelbar für den Skisport. Zusammen mit Georg Bilgeri gründete er am 9. November 1910 den Skiclub Salzburg, dessen erster Obmann er wurde.
Mit der organisatorischen Entwicklung des Skisports in Salzburg blieb Rigele auch in den folgenden Jahren eng verbunden. 1912 übernahm er den Vorsitz des neu geschaffenen Salzburger Landes-Skiverbandes und gehörte außerdem dem Vorstand des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins an. Während des Ersten Weltkriegs wurde er zunächst als alpiner Fachreferent in der Ortler- und der Adamellogruppe eingesetzt. Später war er als Schulungsoffizier für Gebirgstruppen der Deutschen Reichswehr tätig.[1]
1914 wechselte Rigele als Notar nach Saalfelden, das in den folgenden Jahren den Mittelpunkt seines beruflichen und alpinistischen Wirkens bildete.[1] Von dort aus unternahm er zahlreiche Hochtouren, insbesondere im Steinernen Meer sowie in der Glocknergruppe. Seine Erfahrungen in diesen Gebieten bildeten die Grundlage für seine späteren Beiträge zur Entwicklung der Eisklettertechnik.[1]
Eispionier
Zu den wichtigsten alpinistischen Leistungen Friedrich Rigeles zählt sein Beitrag zur Entwicklung moderner Sicherungstechniken im Steileis. Mit der Einführung eigens konstruierter Eishaken erschloss er neue Möglichkeiten für Eisanstiege und trug wesentlich dazu bei, bis dahin als kaum begehbar geltende Eiswände zu überwinden.[1][5]
Den Anstoß zu dieser Entwicklung gab eine Begebenheit, die auf einem Missverständnis beruhte. Sein Tourengefährte Hermann Angerer schilderte Rigele eine Bergfahrt, bei der seine Seilschaft eine Laterne an eingeschlagenen Haken befestigt hatte, nachdem sie von der Dunkelheit überrascht worden war. Rigele ging irrtümlich davon aus, die Haken seien unmittelbar im Eis befestigt worden. Tatsächlich hatten sie sich in Felsspalten neben der Eisfläche befunden. Aus dieser Fehlinterpretation entwickelte er die Idee, eigens für Eis geeignete Haken herzustellen und ihre Einsatzmöglichkeiten praktisch zu erproben.[6]
Gemeinsam mit dem Skipionier Georg Bilgeri führte Rigele Versuche im Bereich des Krimmler Kees durch. Dabei zeigte sich, dass die in das Eis eingeschlagenen Haken festfroren und dadurch als zuverlässige Sicherungs- und Abseilpunkte verwendet werden konnten. Diese Erfahrungen bildeten die Grundlage für ihren späteren Einsatz im Hochgebirge.[6]
Eine Bewährungsprobe ergab sich 1924 an der Nordwestwand des Großen Wiesbachhorns. Der dortige, rund 500 Meter hohe Eisaufbau galt wegen seiner Steilheit und der damaligen Ausrüstung als kaum zu bewältigen. Zwölfzackige Steigeisen standen noch nicht zur Verfügung, weshalb der Anstieg lange als unbezwingbar angesehen wurde.[6]
Für die geplante Besteigung ließ Rigele beim Saalfeldner Schlossermeister Hilzensauer drei spezielle Eishaken anfertigen. Sie unterschieden sich von den bis dahin üblichen Felshaken durch ihre Bauform und besaßen einen schmalen rechteckigen Querschnitt, Widerhaken sowie einen beweglichen Ring. Ergänzend führte er herkömmliche Fels- und sogar Bilderhaken als Reserve mit.[6]
Am 15. Juli 1924 brachen Rigele und der Münchner Alpinist Wilhelm Welzenbach vom Heinrich-Schwaiger-Haus auf. Über den Kaindlgrat erreichten sie den Einstieg der Wand und durchstiegen die vereiste Flanke unter schwierigen Sichtverhältnissen. Die verwendeten Eishaken wurden nach jedem Sicherungsabschnitt wieder entfernt, mit einer Reepschnur nachgezogen und erneut eingesetzt. Auf diese Weise gelang den beiden Bergsteigern die Erstbegehung der Nordwestwand des Großen Wiesbachhorns, bei der erstmals Eishaken systematisch Verwendung fanden.[1][5]
Noch während des Abstiegs wurden sie Zeugen eines Eislawinenabgangs in jener Wand, die sie kurz zuvor durchstiegen hatten. Das Ereignis verdeutlichte die objektiven Gefahren, denen sie während ihres Aufstiegs ausgesetzt gewesen waren.[6]
Neben seinem alpinistischen Engagement übernahm Rigele auch führende Funktionen im organisierten Skisport. Von 1926 bis 1928 war er zweiter Vorsitzender des Österreichischen Skiverbandes, ehe er bis 1931 dessen Vorsitz führte.
Familie und politische Tätigkeit
1912 heiratete Friedrich Rigele Olga Göring (1889–1970), eine Schwester des späteren Reichsluftfahrtministers und Reichsmarschalls Hermann Göring. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor.[7] Zu Rigeles Verwandtschaft gehörte auch sein Neffe Franz Hueber, der in dessen Notariatskanzlei als Konzipient tätig war. Dort lernte er Paula Göring, eine Schwester Olgas, kennen, die er später heiratete.[8]
Seit 1921 war Rigele Gauführer des Heimatschutzes im Pinzgau und gehörte dessen Landesleitung an. Er vertrat antisemitische Positionen und unterstützte Eduard Pichl bei dessen Bemühungen, die jüdische Sektion Donauland aus dem Deutschen und Oesterreichischen Alpenverein auszuschließen.[6]
1925 wurde Rigele zum Notar in Linz bestellt.[1] Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme verlegte er 1933 seinen Wohnsitz in das Deutsche Reich. Dort profitierte er von seiner familiären Verbindung zu Hermann Göring, der seit 1932 das Amt des Reichstagspräsidenten bekleidete. Göring stellte ihm das Berliner Reichstagspräsidentenpalais als Wohnsitz zur Verfügung und verschaffte ihm darüber hinaus mehrere Mandate in Aufsichtsräten.[9]
Am 17. Juli 1936 wurde Rigele Vorsitzender des im nationalsozialistischen Deutschen Reich gegründeten „Reichsdeutschen Sektionentages“. Dieses Gremium vertrat die Interessen des nationalsozialistisch ausgerichteten Deutschen Bergsteigerverbandes gegenüber dem Deutschen und Österreichischen Alpenverein.[10]
Tod in den Bergen
Nachdem die deutsche Wehrmacht mit dem Aufbau einer Gebirgsbrigade begonnen hatte, stellte sich Friedrich Rigele ab dem 1. Juni 1935 für deren Ausbildung zur Verfügung.[1]
Während einer Übung des Gebirgsjägerregiments 100 der 1. Gebirgs-Division in den Berchtesgadener Alpen ereignete sich am 9. Oktober 1937 ein schwerer Unfall. Auf dem Weg zur Blaueishütte am Hochkalter wich Rigele einem Muli aus, stürzte dabei und erlitt schwere Kopfverletzungen.[6] Er wurde in das Krankenhaus von Bad Reichenhall eingeliefert, wo er am folgenden Tag seinen Verletzungen erlag.
Die Beisetzung fand auf dem Parkfriedhof Berlin-Lichterfelde statt. Zu den Trauergästen gehörten unter anderem sein Schwager Hermann Göring,[11] Angehörige der SA-Standarte „Feldherrnhalle“, mehrere Reichsminister, der stellvertretende Berliner Gauleiter und Staatsrat Artur Görlitzer, der Berliner Oberbürgermeister Julius Lippert sowie der italienische Botschafter Bernardo Attolico.[12]
Werke
- 50 Jahre Bergsteiger. Erlebnisse und Gedanken. "Sport und Spiel" Verlags- & Vertriebs- G.m.b.H., Berlin 1935.
Literatur
- Andreas Praher: „Skifahren ist für uns Deutsche in den Alpenländern mehr als nur ein Sport.“ Der österreichische Skisport als politische Kampfzone der 1930er-Jahre, in: Marschik, Matthias u. a. (Hrsg.): Images des Sports in Österreich. Innensichten und Außenwahrnehmungen. Göttingen (V&R unipress) 2018, S. 208f.
- Hanno Bayr: Berlin trifft Mauterndorf. Eine Reise mit Epenstein und Göring. Mariapfarr (Peter Klammer) 2017, S. 119 und S. 168.
- Joachim Glaser: Das bizarre Leben des ersten Skipräsidenten, in: Salzburger Nachrichten, Lokalausgabe, 22. November 2021, S. 19.
- Rigele, Friedrich (1878-1937), Alpinist und Jurist. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 9, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1988, ISBN 3-7001-1483-4, S. 161.